Was wäre, wenn der Hebräisch-Professor in Ingolstadt und Tübingen, Johannes Reuchlin, der vor 492 Jahren in Stuttgart verschied, heute am Flughafen von Tel Aviv ankäme und versuchte, nach Israel einzureisen? Der Komponist Mark Andre hat sich eine Oper dazu einfallen lassen, deren Klanglichkeit sich Thomas Rothschild nicht entziehen konnte.

opernkritik

Johannes Reuchlin in Israel

Von Thomas Rothschild

Der Realismus ist das Dogma der Denkfaulen und Fantasielosen. Sie wollen in den Künsten wiederfinden, was sie aus dem „wirklichen Leben“ bereits kennen. Sie wünschen sich Bestätigung, nicht Überraschung oder gar Provokation. Die Stärke der Künste liegt aber nicht in der Nachahmung, der Abbildung, der „Widerspiegelung“, sondern, im Gegenteil, in der Beschwörung dessen, was die Wirklichkeit vorenthält, dessen, was nicht ist, nicht mehr oder noch nicht ist. Dabei entstehen einige der faszinierendsten Resultate, wo Elemente der Erfahrungswirklichkeit mit Erdachtem, Erfundenem, Utopischem zusammenstoßen.

Es gehörte seit je zum Reiz literarischer Schöpfung, reale oder auch kanonisierte fiktive Figuren in eine Zeit oder an einen Ort zu versetzen, die ihnen in der Wirklichkeit oder im Werk, dem sie entstammen, vorenthalten blieben. Wie wären Lenin, James Joyce und Tristan Tzara, die tatsächlich an einem bestimmten Datum gleichzeitig in Zürich gelebt haben, einander aber nie begegnet sind, mit einander umgegangen, wenn es zu einem Treffen gekommen wäre? Was wäre passiert, wenn sich Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode oder Franz Kafka und Karl May über den Weg gelaufen wären? Schon Dante ließ Vergil, der zur Zeit, als die „Göttliche Komödie“ entstand, mehr als 1300 Jahre tot war, auferstehen und schickte ihn in die Hölle, wo sich sein Aufenthalt bislang nicht authentifizieren ließ.

Was nun, wenn Johannes Reuchlin heute am Flughafen von Tel Aviv ankäme und versuchte, nach Israel einzureisen? Reuchlin war ein Gelehrter, der 1455 in Pforzheim geboren wurde und 1522 in Stuttgart starb. Für den späten Israel-Besuch qualifiziert ihn die Tatsache, dass er, als Nicht-Jude, das Hebräische erlernte, um die Haltung der Juden gegenüber den Christen im Original überprüfen zu können.

Sieben Jahre soll Mark Andre, Jahrgang 1964, an der Partitur für die Oper „wunderzaichen“ gearbeitet haben. Freilich: mit solchen Imponier-Angaben muss man vorsichtig umgehen. Sie besagen nicht, wie intensiv der Komponist sein Projekt verfolgt hat, wie viel Zeit die zahlreichen Tätigkeiten und Verpflichtungen dem Arrivierten für dieses Werk ließen. Was zählt, ist nicht die Dauer der Planung und der Durchführung, sondern das Ergebnis – und das kann sich sehen oder vielmehr hören lassen. Die Musik vermag den für metaphysische Aspirationen wenig Empfänglichen mehr zu fesseln als der Stoff.

Diese Musik ist „heller“, durchsichtiger als das Libretto, das inflationär mit Rätselhaftigkeit, Andeutung, Mystifizierung arbeitet. Wer dafür nicht konditioniert ist, wird hinter mancher Formulierung vorgetäuschten Tiefsinn vermuten. „Ein einziger Ohrenzeuge ist mehr wert als zehn Augenzeugen“, verkündet Reuchlin an einer Stelle. Wenn das nicht bloß eine ziemlich banale selbstreferentielle Aussage über das Wesen der Oper sein soll, darf man sich schon fragen: wo bleibt die Plausibilität dieser Behauptung? Wo wird sie gar bewiesen? Handelt es sich um ein Originalzitat Reuchlins und aus welchem Zusammenhang wurde es gerissen? Das Libretto und mit ihm die Stuttgarter Inszenierung legen einen ausgeprägten Respekt für den Glauben, welcher Religion auch immer, an den Tag. Der Zweifel, die aufklärerische Vernunft sind nicht präsent. Johannes Reuchlin war immerhin ein Zeitgenosse von Erasmus von Rotterdam.

Faszinierend ist, wie Mark Andre, der fast durchgängig im Piano-Bereich verharrt, disparate Techniken zu einer Einheit verwebt, konventionelle Orchesterklänge mit live erstellter und vorproduzierter Elektronik, Geräusche, gesprochenes Wort mit solistischem und chorischem Gesang. Er huldigt keinem Technik-Fetischismus, nützt aber die modernen technischen Möglichkeiten der Klangerzeugung und -manipulation. Die Integration von Sprechrollen in eine Oper ist uns ja seit dem Bassa Selim aus der „Entführung aus dem Serail“ vertraut. Aber die Sprechpartie des Johannes, verkörpert von Jossi Wielers favorisiertem Schauspieler André Jung, ist tatsächlich „komponiert“. Sie fügt sich in die Musik wie Perkussionsinstrumente in den Streicher– und Bläserklang eines Orchesters. So gewinnt die Musik einerseits durch die Worte an Semantik, andererseits durch die Sprechstimme an Klangmöglichkeiten. Das bleibt bei Mark Andre nicht Theorie, sondern wird bestechend durchgeführt.

Vier unübersehbar engagierte Sängerinnen und Sänger, Claudia Barainsky, Matthias Klink, Kora Pavelić und Maria Theresa Ullrich meistern die schwierige Herausforderung mit Bravour. Die Weigerung, sich den technischen und auch durch unkonventionelle Notation bedingten Anstrengungen auszusetzen, scheint, jedenfalls bei jüngeren Künstlern, der Vergangenheit anzugehören. Und dass Jossi Wieler in dieser Spielzeit gleich zwei Uraufführungen ins Programm genommen hat, ist ihm hoch anzurechnen. Die Stuttgarter Oper kann nicht jedes Jahr zur Oper des Jahres gewählt werden. Die lebendigste dürfte sie allemal sein.

Mit dem GMD Sylvain Cambreling steht ein Dirigent am Pult, der sich nicht erst mit Andres Werk bekannt machen musste. Auch dies zählt zu den Aktivposten der Stuttgarter Oper: Projekte wie jetzt „wunderzaichen“ sind mehr als auch sonst im Theaterbereich Teamwork, in dem Anregungen nicht nur in eine Richtung zielen.

Jossi Wieler ist mit Sergio Morabito auch der Regisseur dieses Abends. Leider bleibt die Inszenierung diesmal hinter der Komposition zurück. Das Libretto, das der Komponist zusammen mit dem Dramaturgen Patrick Hahn verfasst hat, liefert einfach zu wenig szenische Angebote. So statisch, so sehr auf einzelne Tableaus vertrauend war noch keine Regiearbeit von Jossi Wieler und Sergio Morabito. Bleibt der Bühnenraum von Anna Viebrock, der Wartesaal eines Flughafens, vor den Schaltern der Passkontrolle. Die Irritation von Viebrocks Hyperrealismus funktioniert immer noch, aber er zeigt auch erste Spuren der Abnutzung. Wenn man am Ende die Schwanzflosse eines Flugzeugs am hinteren Panoramafenster vorbei ziehen sieht, freut man sich über diesen simplen Bühnentrick, weil er das Bild, das die Bühne zwei pausenlose Stunden lang beherrschte, von der drückenden Last befreit.

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erstellt am 05.3.2014

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Wunderzaichen

Oper in vier Situationen (2008-2014)
Von Mark Andre

Musikalische Leitung Sylvain Cambreling
Regie Jossi Wieler, Sergio Morabito
Bühne und Kostüme Anna Viebrock

Oper Stuttgart

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer

Szenenfoto Oper Stuttgart: A.T. Schaefer