Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Ihre Motive waren unterschiedlich: Geldgier, ein missionarischer Auftrag, Wirtschaftsspionage, friedliche oder feindliche Landnahme, diplomatische Aufgaben, Lebensüberdruss, Ausspähung, Handelsabsichten, Abenteuerlust und vor allem Neugier. Denn es gab vor Zeiten, in denen organisierte Pauschalreisen undenkbar waren, tatsächlich noch unerforschte Erdstriche, sogar Erdteile, die die Hoffnung auf unentdeckte Paradiese weckten, Hoffnung auf das andere, bessere Leben, wenn schon nicht das beste. Sehnsuchtsorte wie El Dorado, das als pure Legende in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstand und mehrere Expeditionen ins Zentrum Südamerikas zog, übten eine so gewaltige Macht auf die Phantasie der Menschen aus, dass sie für den Versuch, dort hinzugelangen, ihre Existenz aufgaben. Was sie dann tatsächlich erlebten, ist in den Geschichtsbüchern kaum aufzufinden und wäre längst vergessen, wenn sie es nicht detailliert aufgeschrieben hätten.

Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen. –ach

Achtung! Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit.

zweiter reisebericht

Ibn Battuta: Reisen ans Ende der Welt

Das leidenschaftliche Verlangen, die heiligen Stätten des Islam zu besuchen, begründeten die Reiselust des Ibn Battuta. Sein Geschick als Korangelehrter, Kaufmann und Diplomat brachten ihn letztlich bis nach China. Überall fand er moslemische Herrscher, die ihm schnell einen Job als Richter andienten und ihn reich mit schönen Gewändern, Sklaven und Konkubinen ausstatteten.

Ibn Battuta (1304-1368 oder 1377) wurde in Tanger geboren. Er bereiste und beschrieb im 14. Jh. Weite Teile der Welt. Bekannt wurden seine Aufzeichnungen in Europa erst im 19. Jahrhundert. Sie sind ein überzeugender Beleg für die kulturelle und wissenschaftliche Führungsrolle der Araber im Mittelalter. Nach seinen vielen Reisen lebte er noch 22 Jahre bis zu seinem Tod hochgeehrt in seiner alten Heimat Marokko.

originalauszug

China – Porzellan und ‚dritter Fuß’

China ist ein Land von großer Ausdehnung, reich an Gütern, Obst, Getreidesorten, Gold und Silber. Kein Land der Welt kann sich mit ihm vergleichen. Der Fluss Ab-i Hayat, „Lebenswasser“ (Hoang-ho), durchströmt es. Er heißt auch Saru, namensgleich dem Fluss in Indien. Seinen Ursprung hat er in den Bergen, die in der Nähe der Stadt Chan-Balik liegen und Kuh-i Buzineh, „Affenberge“, heißen. Auf einer Entfernung von sechs Reisemonaten fließt er quer durch China, bis er schließlich Sin as-Sin (Kanton) erreicht. Wie den Nil in Ägypten umgeben ihn Dörfer, Felder, Baumgärten und Märkte auf beiden Seiten, jedoch ist das Land hier weit besser angebaut und gepflegt. Am Strom gibt es in großer Anzahl hydraulische Maschinen zur Bewässerung. In China wird sehr viel Zucker erzeugt, der den ägyptischen noch übertrifft. Außerdem finden sich Weintrauben und hervorragende Pflaumen. Früher war ich überzeugt, dass die Otmani-Pflaumen von Damaskus einzigartig seien. Als ich jedoch die chinesischen kennengelernt hatte, wurde ich eines Besseren belehrt. Die dort wachsenden Kürbisse sind denen von Isfahan ähnlich und von ausgezeichneter Qualität. Kurz, alles, was bei uns an Früchten und ähnlichen Produkten vorkommt, gedeiht auch in China – vielfach sogar in weit besserer Qualität. Das Land ist überreich an Weizen; ich sah keinen besseren als den chinesischen. Dies gilt auch für Linsen und Kichererbsen.

Die berühmte chinesische Porzellanware wird nur in den Städten Zaitun und Sin Kalan hergestellt. Das Porzellan wird aus einer Erde angefertigt, die sich in den Bergen der Umgebung befindet und im Feuer wie Kohle brennt. Man fügt eine Mineralart hinzu, die dort reichlich vorkommt, und zündet darüber drei Tage lang ein Feuer an. Dann gießt man Wasser darauf, wobei das Ganze eine erdige Masse wird, die man in Gärung übergehen lässt. Als bestes Porzellan erweist sich, was man einen ganzen Monat lang in Gärung gehalten hat, allerdings auch nicht länger. Was jedoch nur rund zehn Tage gegärt hat, ergibt eine minderwertigere Sorte, die in China mit unserer Töpfereiware zu vergleichen ist, bisweilen sogar noch billiger. Über Indien wird das Porzellan ausgeführt, das schließlich auch unsere Heimat, Marokko, erreicht. Es ist die beste Art der Töpferwaren.

Die chinesischen Hühner und Hähne sind ungewöhnlich groß, weit größer als die Gänse in unserer Heimat. Auch die Hühnereier sind größer als die Gänseeier bei uns. Die chinesische Gans ist jedoch nicht groß. Wir hatten uns ein Huhn gekocht und wollten es zubereiten, aber es ging nicht in einen Kochtopf hinein, sodass wir es auf zwei Töpfe verteilen mussten. Der Hahn in China ist so mächtig wie ein Strauß. Oft fallen seine Federn aus, sodass er nur noch eine rote Fleischmasse darstellt. Den ersten chinesischen Hahn erblickte ich in der Stadt Kaulem. Da ich ihn für einen Strauß hielt und sehr darüber erstaunt war, erklärte mir sein Besitzer: „In China gibt es noch weit größere.“ Als ich nun in diesem Land angekommen war, fand ich diese unglaubliche Behauptung bestätigt.

Die Chinesen sind Heiden, die Götzenbilder verehren und ihre Toten verbrennen, wie es auch die Inder tun. Der Herrscher von China ist ein Tatar aus der Nachkommenschaft von Dschingis Khan. In jeder Stadt gibt es ein Viertel für die Muslime, wo sie allein für sich wohnen und ihre Moscheen haben, um ihre Gebete und sonstigen Handlungen zu verrichten. Sie sind hochangesehene und verehrte Leute. Die chinesischen Heiden essen nicht nur Schweine-, sondern auch Hundefleisch, das auf ihren Märkten verkauft wird. Es ist ein Volk, das ein üppiges und bequemes Leben führt, allerdings wenig Sorgfalt auf Speisen und Kleidung legt. Man kann einen Großkaufmann sehen, dessen Reichtum unschätzbar ist, der aber einen Rock aus grober Baumwolle trägt. Die Einwohner von China streben nur nach dem Besitz von goldenen und silbernen Gefäßen. Jeder von ihnen hat einen eisenbeschlagenen Stock, auf den er sich beim Gehen stützt und den man den „dritten Fuß“ nennt.

Seide gibt es in Massen; denn die Würmer, die sie her- vorbringen, halten sich an bestimmten Früchten, ernähren sich von ihnen und brauchen keine besondere Pflege. Des- halb gibt es ungewöhnlich viel Seide, mit der sich sogar die Armen und Notleidenden des Landes bekleiden. Gäbe es keine Kaufleute, so hätte die Seide nicht den geringsten Wert. So wird in China ein einziges Baumwollkleid für viele Seidenstoffe verkauft. (…)

Steckbrief und Übernachtungshinweis

(…)Von allen Völkern der Welt haben die Chinesen in der Kunst die größten und eindrucksvollsten Fortschritte gemacht und es dabei zu einer unerreichten Vollkommenheit gebracht. Dies ist eine Tatsache, die bereits überall bekannt ist und von vielen Schriftstellern ausgiebig behandelt wurde. In der Malerei kann kein Volk, nicht einmal die in dieser Kunstart berühmten Byzantiner, mit ihnen konkurrieren, da sie auf diesem Gebiet ein besonderes Talent besitzen und es auch für den praktischen Gebrauch zu nutzen wissen.

Ich machte bei ihnen immer wieder die merkwürdige und erstaunliche Feststellung, wie schnell und sicher sie in der Malerei tätig sind. Sooft ich eine ihrer Städte betreten hatte und dann nach längerer oder recht kurzer Zeit wieder in sie zurückkehrte, fand ich auf Mauern und auf Papier mein Bild und das meiner Gefährten vor. Gerade auf den Märkten waren diese Bilder besonders häufig zu finden. So kam ich beispielsweise in die Hauptstadt des Kaisers, wandelte durch den Basar der Maler und betrat anschließend den Palast des Herrschers. Wir hatten dabei die im Irak übliche Kleidung angezogen. Als ich am Abend aus dem Schloss zurückkehrte, durchquerte ich erneut jenen Basar und erblickte mein Bild und die Abbildungen meiner Begleiter bereits auf Papier gemalt und an den Mauern angeheftet. Wir waren in der Bekleidung dargestellt, die wir am Morgen getragen hatten. Jeder von uns betrachtete eingehend die Bilder von allen Seiten, und wir kamen zu dem Schluss, dass sie naturgetreu und in allen Einzelheiten gemalt worden waren. Ich ließ mir berichten, dass die Maler vom Kaiser einen entsprechenden Auftrag erhalten hatten, uns zu porträtieren. Sie waren zu diesem Zweck in den Palast geholt worden, als wir uns selbst dort aufhielten, und mussten uns genau beobachten und malen, ohne dass wir etwas davon bemerkten.

Bei den Chinesen ist es üblich, jeden, der durch ihr Land zieht, im Bild festzuhalten. Dies hat eine sehr praktische und der Sicherheit des Staates dienende Auswirkung. Hat nämlich ein Fremder eine Tat begangen, die ihn zwingt, außer Landes zu fliehen, so stellen die Chinesen sein Bild sehr schnell den verschiedenen Provinzen zu, wo man sofort nach ihm fahnden kann. Wo immer jemand entdeckt wird, der einem solchen Fahndungsbild gleicht, kann man ihn leichter verfolgen und festnehmen.

In China besteht ein Registrierungszwang. Wenn eine Dschunke auf Fahrt gehen soll, kommen der Admiral und seine Sekretäre an Bord und schreiben die Namen aller auf dem Schiff befindlichen Personen, Bogenschützen, Sklaven und Matrosen auf. Dann erst darf die Dschunke in See stechen. Wenn das Schiff nun von seiner Reise nach China wieder zurückkehrt, gehen der Admiral und seine Schreiber erneut an Bord und vergleichen ihre Liste mit den einzelnen Mitgliedern der Besatzung. Wird nun eine Person vermisst, so machen sie den Kapitän oder Schiffseigentümer dafür verantwortlich. Er hat den Nachweis zu liefern, dass der in der Liste Aufgeführte, aber nicht mehr an Bord Befindliche entweder tot oder entflohen oder sonst wie abhandengekommen ist. Kann er dafür keinen Beweis bringen, so wird er festgenommen. Ist diese Registrierung durchgeführt, so muss der Schiffsbesitzer ein genaues Verzeichnis aller Güter vorlegen, die er auf der Dschunke geladen hat, gleichgültig ob sie großen oder kleinen Wert haben. Ist auch diese Tätigkeit abgeschlossen, so dürfen die Reisenden an Land. Verlassen sie nun das Schiff, so werden sie und ihr Gepäck von Zollwächtern überprüft. Finden sie dabei einen Gegenstand, der ihnen nicht an- gegeben worden war, so wird die Dschunke mit allem, was sie enthält und geladen hat, zugunsten des Staates beschlagnahmt. Dies ist eine Ungerechtigkeit, wie ich sie noch in keinem Land, weder bei den Heiden noch bei den Muslimen, sondern eben nur hier in China vorgefunden habe. Zwar gibt es in Indien eine ähnliche Einrichtung, wo nämlich derjenige, bei dem eine Ware gefunden wurde, die er nicht verzollt hatte, zahlen muss; doch wird er dort nur mit der elffachen Zollabgabe als Strafe belegt. Von Sultan Mohammed wurde auch diese Maßnahme aufgehoben, als er die ganzen Zollabgaben abschaffte.

Kommt ein muslimischer Kaufmann in einer chinesischen Provinz an, so überlässt man es seiner Wahl, bei einem dort ansässigen muslimischen Kaufmann, den er sich selbst aussuchen kann, abzusteigen oder sich für seinen Aufenthalt ein Gasthaus zu nehmen. Zieht er es vor, bei dem Kaufmann zu wohnen, so wird sein Vermögen in Verwahrung genommen, und der Kaufmann, den er sich als Gastgeber gewählt hat, muss dafür haften. Von diesem Geld besorgt er in ehrlicher Weise die Auslagen für seinen Gast. Will dieser dann abreisen, so wird sein Geld kontrolliert. Entdeckt man dabei irgendeine Nachlässigkeit oder ein Defizit, so wird der Kaufmann, bei dem er gelebt hat und der für ihn geradestehen musste, zur Zahlung des Fehlbetrages und Abgleichung des Vermögens gezwungen. Will der Fremde aber in einem Gasthaus absteigen, so wird sein Geld dem Herbergsinhaber ausgehändigt, wofür dieser ebenfalls haftbar gemacht wird. Der Gastwirt kauft ein und besorgt alles, was sein Gast benötigt, und berechnet es ihm. Wünscht der Gast ein Konkubinat, so wird ihm eine Sklavin gekauft. Der Wirt gibt ihm einen Raum als Wohnung, der nur vom Inneren des Gasthauses betreten werden kann, und bestreitet die Ausgaben für beide. Sklavinnen sind in China sehr billig zu bekommen. Außerdem verkaufen die Bewohner ihre Söhne und Töchter. Dies gilt bei ihnen nicht als Schande; nur werden die Verkauften nicht gezwungen, mit ihren Käufern und Herren zu verreisen. Allerdings können sie es jederzeit tun, wenn sie es wünschen. Das Verfahren des Geldverwahrens wird auch dann angewandt, wenn sich ein fremder Kaufmann verheiraten will. Er kann sich ruhig eine Frau nehmen; sein Geld aber für einen lockeren Lebenswandel auszugeben – dazu wird ihm keine Möglichkeit eingeräumt. Die Chinesen sagen: „Wir wollen nicht, dass man in den Ländern der Muslime sagen hört, dass die Leute in unserem Reich um ihr Geld gebracht würden, weil es vielleicht ein Land der Sittenverderbnis und des flüchtigen Lebensgenusses sei.“

Für den Reisenden ist China das sicherste und angenehmste Land, das man sich denken kann. Ganz allein kann man eine Wegstrecke von sieben Monaten zurücklegen und einen großen Geldbetrag mit sich führen, ohne um ihn fürchten zu müssen. Dem Gesetz, dass sich an jeder Station des Reiches ein Gasthaus zu befinden habe, wurde entsprochen. Es wird von einem staatlichen Verwalter geleitet, dem eine Anzahl von Reitern und Fußgängern, die dort ihr Standquartier haben, zur Verfügung steht. Nach Sonnenuntergang oder bei Dunkelheit kommt der Verwalter mit seinem Schreiber in das Gasthaus, notiert die Namen aller Übernachtungsgäste, versiegelt seine Liste und verriegelt hinter den Reisenden die Türen. Nach Tagesanbruch erscheint er wieder mit seinem Schreiber, ruft alle Gäste bei ihrem Namen auf, vergleicht sie mit seiner Liste und verfasst darüber ein Protokoll. Mit den Reisenden schickt er dann einen seiner Leute, der sie bis zur nächsten Station zu begleiten und vom dortigen Verwalter eine entsprechende Benachrichtigung seinem Herrn zu überbringen hat, aus der hervorgeht, dass alle wohlbehalten eingetroffen sind. In einem anderen Fall würde er nämlich zur Verantwortung gezogen. So sind die Verhältnisse auf allen Stationen des Reiches von Sinas Sin bis Chan Balik (Peking). In diesen Gasthäusern ist alles vorhanden, was der Reisende an Verpflegung braucht, besonders Hühner und Gänse. Hammel sind jedoch in China selten zu haben.

Aus: Ibn Battuta, Reisen ans Ende der Welt. Durch Afrika und Asien 1325-1353. Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Kommentare


Dr. Jasmin Behrouzi-Rühl - ( 20-03-2014 10:34:41 )
Ihre löbliche Vorstellung des Reiseberichtes von Ibn Battuta ist überschrieben mit diesem Hinweis: "Achtung! Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit."
Wie gut, dass Ihre eigenen Wertungen demgegenüber "politisch korrekt" sind, in dem Sie schreiben: "Bekannt wurden seine Aufzeichnungen in Europa erst im 19. Jahrhundert. Sie sind ein überzeugender Beleg für die kulturelle und wissenschaftliche Führungsrolle der Araber im Mittelalter."

Es gibt in Wahrheit keinen Beleg für eine kulturelle und wissenschaftliche "Führungsrolle der Araber" - abgesehen davon, dass Kulturen auch keine Wettläufe veranstalten.

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erstellt am 05.3.2014

Kaiser Ming-huang und Yang Kuei-fei beim Ausritt (Chien Hsuan)

Ibn Battuta
Reisen ans Ende der Welt
Durch Afrika und Asien 1325-1353
Leinen mit Schutzumschlag, 320 Seiten
EAN: 978-3-86539-858-1
Edition Erdmann, Wiesbaden 2013

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Ein Gelehrter spielt das Instrument Chi’in in seiner Studierstube. (Wang Meng, 14. Jahrhundert)