Bollywood? Stars und Glamour? Die rund 12 Millionen Einwohner Mumbais kennen ihre Stadt von einer anderen Seite, die Altaf Tyrewala in einem gewaltigen, zornigen Gedicht besingt: »Das Ministerium der verletzten Gefühle«. Bernd Leukert hat es gelesen.

lyrik

Mumbai im Zorngesang

Altaf Tyrewalas großes Gedicht „Das Ministerium der verletzten Gefühle“

Von Bernd Leukert

Das fängt schon gut an mit den Bergen von Dreck und altem Plastik, womit der Vorort Andheri übersät ist, und setzt sich fort in einem Reigen von Demütigung, Erniedrigung und sinnloser Aggression gegen alles Lebendige. Das Panorama der vorbeiziehenden Szenen weicht dem Entsetzlichen nicht aus, und der Dichter nimmt kein Blatt vor den Mund. Man kann von Altaf Tyrewala keine arkadischen Verse erwarten. Denn Mumbai, früher: Bombay, ist sein Thema. Tyrewala ist dort 1977 geboren, ging nach New York, um Werbung und Marketing zu studieren, und kehrte 1999 nach Mumbai zurück, arbeitete bis 2002 als Softwarespezialist. Schon in seinem Roman „Kein Gott in Sicht“ (Suhrkamp 2005/2006) ist es die Stadt, die mit ihrer Armut und Gewalt die Handlung hervorbringt (und umgekehrt). „Das Ministerium der verletzten Gefühle“, das bezeichnet eine mentale Gestimmtheit, die Bereitschaft, auf die kleinste Vermutung, auf das leiseste Gerücht hin in hellste Empörung zu geraten und die militanten Gleichgesinnten zur Tat zu schicken. Du, nämlich der Leser, wirst in Situationen versetzt, deren Brisanz nicht zu taxieren ist, Die Folge davon ist, dass Leute Deine Tür eintreten, Dich kastrieren und foltern. Ist dem Sprache, zumal poetische Sprache überhaupt gewachsen? Sprache kann nicht … versagt beim Versuch … muss stottern/ Verzweiflung dieser Größenordnung verlangt nach eigener, unerhörter Sprache/ Ihre Alphabete werden Löcher stanzen, wo immer man sie niederschreibt/ Und sprichst du sie aus, zerfetzen ihre Worte dir den Mund/ Deine Zähne sabbern dir in einem Blut- und Speichelfluss herunter/ Den Hals, die Brust entlang, vorbei an deinen Genitalien/ Zum Kreischen und Schreien brauchst du keine Zähne/Zahllose andere haben die Sprache der Marter mit ihren eigenen Eingeweiden geschmückt/ Mit ihrem Fleisch und ihren Augen/ Die zerquetscht und ausgewalkt wurden/ Wie streunende Hunde, überfahren auf achtspurigen Autobahnen/ Diese Highways überziehen das Land kreuz und quer wie schwarze Schleifen

Es ist die Sprachgewalt, die sich aus dem Rollenspiel mit der Sprache der Gewalt und des Zynismus herleitet und die Tyrewala in diesen Zorngesang auf eine unmenschlich gnadenlose Metropole gießt. Was aber unterscheidet denn Mumbai von anderen Millionenstädten, deren Elendsquartiere ebenfalls übermächtig und ohnmächtig zugleich die begüterten Stadtteile umschließen? Es ist vermutlich die exemplarische Abwesenheit von Empathie, die in der hinduistischen Gesellschaft den ‚verletzten Gefühlen’ beziehungslos gegenübersteht. Die Ausbeutung eines jeden durch jeden, der die Macht dazu hat – und das Machtgefüge ist unglaublich ausdifferenziert – hält auch vor der Vernichtung nicht inne. Da nimmt es sich geradezu harmlos aus, wenn im Rahmen eines Besichtigungsprogramms, wie es geschieht, Touristen durch die Slums von Mumbai geführt werden und das Elend der Menschen als folkloristischer Bestandteil der Landeskultur angeboten wird. Nichts wie weg hier und so schnell wie möglich, lautet eine Zeile dieses großen Gedichts kurz vor Schluss.

Mit unmerklichen Überblendungen führt uns Tyrewala durch die Schauplätze seines starken Großstadtdramas, das von Beatrice Faßbender nah am Original übersetzt wurde. Mit großer Kunstfertigkeit verwebt er die Themen Naturzerstörung, Prostitution, Trinkwassermangel, Korruption, Hunger, unbeherrschte Sexualität, Krebs durch Verseuchung der Umwelt, Raffgier und Gewalt, die Kasten und die Existenz der Unberührbaren, plündernde und mordende Polizisten, der blinde Hass zwischen Hindus und Muslimen, Shopping Malls und Fast Food zu einem poetischen Befund, wie man ihn sonst nur von kritischen US-amerikanischen Schriftstellern kennt. Dass in dieser Stadt die größte Illusionsfabrik der Welt, Bollywood, angesiedelt ist, entspringt wohl einer inneren Notwendigkeit. Das Gedicht schließt mit den Worten: In dieser Stadt/ Kommt jeder dem Tod einmal davon/ Ein lebenswertes Leben, das ist rar/ Dafür sind andere Orte da.

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erstellt am 05.3.2014

Altaf Tyrewala
Das Ministerium der verletzten Gefühle
Gedicht
Aus dem Englischen von Beatrice Faßbender
Klappenbroschur, 100 Seiten
ISBN 978-3-937834-67-2
Berenberg Verlag, Berlin 2013

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