Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck haben zu einem Zeitpunkt, als sich in den Medien eine voruteilsschwere Debatte über das EU-Land Bulgarien ausbreitete, einen einfühlsamen Blick hinter die Grenzen des Landes ermöglicht.

Wo Orpheus begraben liegt

Realität zeigen

Von Andrea Pollmeier

Aktuelle Berichte über ein Land öffnen selten den Blick für neue Wahrnehmungen. Meist werden nur routiniert „die typischen“ Themen abgefragt. Auf diese Art ist die Ukraine – aus aktuellem Anlass – das Land  d e r  Revolution, Ägypten das Land
n a c h  d e r   Revolution und Bulgarien – durch Armutsskalen dauerhaft markiert – das Land sozialer Not. Jenseits dieser grobgefassten Raster sind Informationsfluss und Interesse eher schmal. Dieses Schicksal erfasst auch literarische Werke, die aus diesen Ländern kommen oder über diese Welten geschrieben werden.

Ein solches Beispiel ist Ilija Trojanows und Christian Muhrbecks 2013 im Hanser Verlag erschienenes Buch: „Wo Orpheus begraben liegt“. In einem an der sozialen Realität orientierten Stil zeichnet es in 120 Fotos und neun Geschichten unterschiedliche Lebensschicksale in Bulgarien nach und verweist auf deren politische Hintergründe. Der mit festem Karton wie ein Bilderbuch kompakt eingefasste Band zählt zu den wichtigsten Neuerscheinungen der letzten Monate. Er erschien in einer Phase, in der sich in der deutschen Öffentlichkeit eine „verlogene Debatte“ über einen „schändlichen Antiromanismus“ (Dirk Schümer in der F.A.Z. vom 13.1.2014) entwickelte. Auslöser für diese Diskussion war die bevorstehende Freizügigkeit, die für das EU-Land Bulgarien ab 1.1.2014 gelten sollte.

Trojanows und Muhrbecks Buch wurde als willkommener Aufhänger genutzt, um die Klischees über das ärmste Land der EU in den Besprechungen wach zu halten: Das Buch zeige, so der Teaser zu einer Besprechung in der „Welt“ (23.10.2013), warum Bulgaren in Deutschland ein besseres Leben suchen. Wer sich in das Buch genauer vertieft, wird schnell erkennen, wie irreführend diese Einführung ist. Hier geht es nicht um d i e Bulgaren. Ein fiktiver Ich-Erzähler gibt vielmehr aus nächster Nähe Einblick in den Lebensalltag seiner Sippe. „Die Grenzen meiner Sippe sind die Grenzen meiner Welt.“, heißt ein eingangs zitiertes Vermächtnis des Ururgroßvaters.“ Eine nach festen Regeln gefügte, bäuerliche Lebenswelt, die über Generationen hinweg mit Haus und Hof verwoben ist, wird hier von Zeile zu Zeile immer deutlicher sichtbar.

Beide Verfasser des Buches sind persönlich eng mit Bulgarien verbunden. Trojanow wurde 1956 in Sofia geboren, Muhrbeck ist als Fotograf vielfach aus der damaligen DDR nach Bulgarien gereist, auch seine Ehefrau ist bulgarischer Herkunft. Seine Bildserien legten den Grundstein für das Buch. Erst später hat Illja Trojanow auf Wunsch von Christian Muhrbeck die Fotografien mit seinen eigenen Texten verbunden und so ein ausdrucksstarkes Gesamtwerk geschaffen. Ganz allmählich schält sich aus den Bildern und karg gesetzten Worten eine Welt so schlicht und menschlich hervor, wie sie im durchorganisierten Teil Europas längst in tiefe Vergessenheit gesunken ist.

Autor und Fotograf haben ihren je eigenen Blick auf Menschen, Traditionen und Besonderheiten sichtbar gemacht. Sie zeigen eine Realität in ihrem So-Sein, ohne Ideologie, die verzerrt oder beschönigt. Ohne Idyllen. Zu sehen sind natürliche Gesten, gelöstes Lachen, Gespräche beim Essen und immer wieder Menschen inmitten einer lebhaften, vitalen Gemeinschaft. Die Nähe des Photographen zu seinen Motiven ist unverkennbar. Der Blick auf bulgarische Lebensart erfolgt so nicht aus einer distanziert-dokumentarischen Perspektive, sondern aus einer subjektiven Nähe, die auch Gefühlen Raum lässt. Das Familienporträt am Rande von Kohlehalden macht jedoch nicht nur innere Verbundenheit, sondern auch den Arbeitsschweiß sichtbar, der auf dem Gesicht des Vaters glänzt. Armut wird weder wegretuschiert noch dramatisiert. Anhaltende Gesundheitsschäden, versteinerte Denkmäler, Kollaboration und Menschenhandel sind ebenso Thema wie die Freude über die Geburt eines Kindes oder eine Hochzeit.

„Haben Sie nicht Sorge, mit Ihrem Buch die Negativvorstellung von Bulgarien zu verstärken“ – wird Ilija Trojanow in einem Interview gefragt? Diesen Gedanken wehrt er entschieden ab. Seine Aufgabe sei es, Realität zu zeigen, antwortet er. Diese Aufgabe ist ihm zusammen mit Christian Muhrbeck zu einem historisch sensiblen Zeitpunkt eindrucksvoll gelungen.

Im Haus des Buches in Frankfurt stellten Ilija Trojanow und Christian Muhrbeck am 10. Oktober 2013 ihr im Carl Hanser Verlag erschienenes Buch „Wo Orpheus begraben liegt“ vor. Ergänzt wird die Lesung durch das Einspielen von Kompositionen des bulgarischen Musikers und Komponisten Ventzislav Drenikov, der die beiden alten Volkslieder „maistor manol“ und „bjala maria“ neu arrangiert hat.

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erstellt am 03.3.2014

Ilija Trojanow, Christian Muhrbeck
Wo Orpheus begraben liegt
Fester Einband, 224 Seiten
Mit zahlreichen Abbildungen
ISBN 978-3-446-24341-5
Hanser Verlag, München 2013

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zur person

Ilija Trojanow

1965 in Sofia geboren, lebte in Nairobi, München, Mumbai und Kapstadt. Heute wohnt Trojanow in Wien. Bei Hanser erschienen u.a. An den inneren Ufern Indiens (Eine Reise entlang des Ganges, 2003), Der Weltensammler(Roman, 2006), Der entfesselte Globus (Reportagen, 2008) und EisTau (Roman, 2011). Er wurde vielfach ausgezeichnet, u.a. 2007 mit dem Berliner Literaturpreis.

Christian Muhrbeck

1969 in Berlin geboren, studierte Muhrbeck Grafikdesign mit Schwerpunkt Fotografie an der Hochschule für Künste in Bremen. Seit 1999 lebt und arbeitet er als freiberuflicher Fotograf in Berlin. Für seine Fotoprojekte war er in Afrika und über viele Jahre auf dem Balkan unterwegs.