Philipp Mosetters Kolumne kann als eine Art »Kritik der irrsinnigen Vernunft« verstanden werden. Der Autor gräbt tief in den Abgründen der Sprache und findet stets, was uns zu denken gibt.

kolumne

SO EIN IRRSINN von Philipp Mosetter

10.5.2015

Das Oosten am Fuß der EZB, Foto Jürgen Roth
Das Oosten am Fuß der EZB, Foto Jürgen Roth
Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten

Das Oosten

Die Sonne scheint, Sonntag, ein schöner Tag. Ein wunderschöner Tag sogar. Ein ausgesprochen schöner Tag. Meine Güte, was für ein schöner Tag. Endlich, nach dem halbgaren, aber trotzdem zu langen Quasinichtwinter, nun ein herrlicher Frühlingstag, mild, sonnendurchflutet, die Vögel zwitschern, ein Bild von einem Sonntag. Ein tatsächlicher Sonn-Tag. Fürchterlich. Ein Tag, um sich in die eigenen vier Wände zurückzuziehen und möglichst das Fenster, besser noch: die Vorhänge geschlossen zu halten. Wie die Sonne lockt und fordert, wie die Schönheit dieses Tages einen geradezu zwingt hinauszugehen, ihn und sich zu genießen. Wie leicht kann man bei einem solchen Wetter auf den Gedanken kommen, hinunter zum Fluss zu spazieren, die Promenade entlangzuflanieren, die Sonne genießend den Schwänen auf dem Wasser zuzuschauen, sich treiben zu lassen, flussaufwärts, bis zu jenem beliebten Ort, an dem man so schön bei einem passenden Getränk in der Sonne sitzen kann, mit Blick auf die Skyline. Mich packt das Grauen, das pure Entsetzen.

Allein die Vorstellung, an so einem Tag auf der Promenade … Ha! Was für ein grundfalsches Wort: Promenade! Dieser völlig überfüllte Asphaltstreifen dort unten am Ufer hat nichts von einer Promenade. Das ist ein offener Abflusskanal für die urbane Schlacke, mehr nicht. Da brodelt ein toxischer Cocktail aus Fahrradfahrern, Joggern, Skatern, Hundebesitzern, Müttern mit Kinderwägen, Pärchen in ihren Glücksuniformen, denen man immer so penetrant ansieht, dass sie GEMEINSAM gekauft wurden, neben dem Asphaltstreifen auf einem Stückchen Wiese haben sich Meditationstrommler versammelt und demonstrieren lautstark ihre Entspanntheit … Wer da reingerät, ist nach wenigen Metern bereit zu morden. Ein Sonnenstrahl – und schon kommen die ganzen Metropolenzombies mit ihren verstöpselten Ohren (wahrscheinlich, um die Vögel nicht hören zu müssen) aus ihren Löchern und treiben in einem endlosen Strom aus Aggression und Selbstgefälligkeit hinaus zu jenem schönen Ort, an dem man bei einem kleinen Getränk den Blick auf die Skyline genießen kann.

Könnte! Konnte. Heute nicht mehr. Heute ist es ein Ort des Grauens. Aber man konnte hier mal einen wunderbaren Blick genießen. Jetzt sitzen sie hier in ihren Funktionsklamotten. Ja, die Leute hier wissen genau, wie die Welt funktioniert, und sie wollen, dass man ihnen das ansieht – dass sie es sind, die wissen, wie die Welt funktioniert. Daher die Funktionsklamotten. Funktionsklamotten für jede Funktion. Schwabbelige alte HobbywochenendradlerInnen (endlich passt mal das Binnen-Iii!) in ihren hautengen Radlerdressen neben der Jungmutter in hochhackigen, knielangen Lederstiefeln (die ihre Funktion normalerweise auf einem tschechischen Straßenstrich beweisen müssen), das einjährige Kind im Kinderwagen könnte gerade einer Modezeitschrift entsprungen sein, während der dazugehörige Vater im lustig bedruckten Sweatshirt, die Hosen supercool in den Kniekehlen, daneben mit seinem iPad spielt.

Hier hat jede Funktion ihre entsprechenden Klamotten. Ja, den Leuten hier sieht man an, wie sie die Welt sehen – und sie genieren sich nicht einmal! Im Gegenteil, an dieser Kürzelsammelstelle für BOBOs, LOHAs, DINKs (neuerdings auch mit Kind), Yuppies (ja, auch die gibt es noch), gerne auch mit jedem denkbaren Migrationshintergrund, ist man auch noch stolz auf seine Dazugehörigkeits- und Vereinnahmungskonzepte. Hier sind sie alle, alle, die sich was auf sich einbilden, all die Einbildungskakerlaken, überzeugt von sich, das muss reichen, besoffen von sich selbst. Wie sie dann ihren Latte macchiato bestellen, weil sie ja wissen, wie’s geht, weil sie sich auskennen, als Ausweis ihrer Kennerschaft bestellen sie dann den Latte macchiato mit einem cool-lässigen „Einen Latte, bitte!“ Laktosefrei natürlich. Hier achtet man schließlich auf Unverträglichkeit. So funktioniert das hier. Die eigene Unverträglichkeit als Unerträglichkeit ausgespielt. Hier beansprucht der einzelne Empfindlichkeit und überbeansprucht alle anderen mit der Forderung nach Toleranz gegenüber der eigenen Empfindlichkeit.

Das Merkmal der Empfindlichen hier ist, dass sie nichts mehr empfinden. Sie müssen sich über Allergien und Intoleranzen des eigenen Körpers versichern. Deshalb lieben sie solche Orte wie diesen hier, unempfindlich gewordene Orte, die den Empfindlichkeiten huldigen. Daher das viele Glas. Das ist es, worum es geht. Das entspricht dem Lebensgefühl dieser Unverträglichen, das ist ihr Laufsteg. Die Architektur liefert den billigen Rahmen für den ordinären Geschmack. Glas ist wichtig, Glas ist für diese leeren Hüllen, für diese Abziehbildchen der Marktforschung das Wichtigste. Im Glas dieser Eventarchitektur können sie sich ständig selber spiegeln, das verölte Haar richten oder die aufgepumpten Lippen trainieren, gleichzeitig werden sie gesehen, das ist wichtig. Schaufensterarchitektur. Alle sitzen im Schaufenster, lassen sich bewundern und anglotzen, gleichzeitig stehen sie davor, glotzen den anderen zu und bewundern sich selber in der Schaufensterscheibe.

So ist das jetzt hier. Noch nicht lange her, da war das ein vergessener Ort. Es war ein wunderbar unbeachteter Ort, eine Brache war das, unzugänglich zwischen altem Industriegerümpel gelegen, die Schmuddelecke der Stadt. Da war es noch ein Ort der Entdeckungen. Dann wurde er entdeckt. Jetzt kann man hier nichts mehr entdecken. Was für ein verträumter, ein allen Berechnungen und Berechnenden entzogener Ort war das hier einmal. Hinter jedem rostigen Blech hatte sich eine kleine Geschichte vor den Monstern des Kommenden versteckt, lümmelte im verborgenen, hatte Muße, die wunderlichsten Dinge vor der Zeit zu schützen. Es hat nichts genutzt.

War der Ort bislang in der Zeit verloren, so ist er jetzt an die Zeit verloren. Direkt daneben ragt der Turm unserer Zeit empor, nimmt den ehemals schönen Ort in seinen Schatten und zeigt, wie das alles jetzt zu verstehen ist. Wie ein Menetekel thront die EZB da und liefert eine präzise Formulierung der Wirklichkeit, der inneren Wahrheit der Dinge und der Zeit. Als Institution hat sie sich vom Geschehen isoliert, hat sich weit an den Rand der Stadt zurückgezogen, will mit der Wirklichkeit und den Menschen (mit dem Leben) nichts zu tun haben, ihren Baukörper hat sie sowohl massiv schneidend als auch ständig wandelbar gestaltet, mit jedem Schritt, den der Betrachter um das Haus herum macht, ändert sich ihr Gesicht, ihr Charakter. Und wer jetzt noch an der Wahrheit der Dinge zweifelt, möge sich ihren Umgang mit der Geschichte ansehen: Mit einem Axthieb zerteilt sie jene denkmalgeschützte Halle zu ihren Füßen, die einst dem Handel mit realen Dingen diente, dabei wurden ihr die Stützen entzogen, die tragende Konstruktion wurde einfach unten abgeschnitten, die Verbindung zum Boden wurde gekappt, jetzt schwimmt die riesige Halle auf einem Glassockel, wie auf Gelatine wabert nun das Baudenkmal, unsicher, schwankend, ein Fremdkörper seiner selbst, umgeben von gestaffelten Schutzzäunen und -gräben, wie man sie aus DDR-Zeiten oder aus Nordkorea kennt.

In dieser gestaltgewordenen Geste der Abschottung sitzen nun die Bedeutungsträger und Rechnungssteller und schauen hinunter auf die Kinder ihrer Zeit. Hinter der Skyline, hinter den glitzernden Hochhäusern der Stadt geht langsam die Sonne unter, in der Tat eine berauschend schöne Aussicht. Jetzt ist es kein Ort mehr, jetzt ist es nur noch eine Location.

Der schöne Ort ist tot. Er ging grausam zugrunde. Eine hässliche Leiche liegt da jetzt vor den Toren der Stadt, zu Füßen der EZB. Todesursache: akute Geldvergiftung. Im Schatten der Bilanzen konnte nichts Unbilanzierbares überleben. Dieser Ort hier hatte ja lange überlebt, jenseits der Kalkulationen und des Kalküls, abgeschnitten von Businessplänen, die ganze Gegend war lange Zeit keinerlei Optimierung zugänglich. Dann kam der Geldbefall, der Rest ist Wirklichkeit. Schnell wurde dem Ort die Zeit, also seine Zeit entzogen, wurde ihm entzogen, was einst Geschichte hatte und erzählte, wurde aufgeräumt, aufbereitet, gestaltet, jetzt steht ein poliertes Zitat von Geschichte (ein hochglanzrenovierter Güterwagon) schön drapiert vor dem Eingang. Die Location ist gestaltet, die Vergangenheit entsorgt, jetzt hat der Ort Zukunft, keine Geschichte mehr, aber Zukunft. Man kann sagen, die Zeit wurde erfolgreich wiedereingefangen, sie hatte sich an diesem Ort nämlich in besonders attraktiver Weise der Aktualität entzogen. Jetzt gehorcht die Zeit wieder den Gesetzen aus dem Turm nebenan, eine beliebte Location.

Oben, in den Türmen der Bilanzen, schauen sie zufrieden herunter auf das Treiben zu ihren Füßen, alles entspricht ihrem Konzept, der Ort bläht sich mehr und mehr unförmig auf, und aus allen Poren kriechen die Maden der Urbanität, atemlos und panisch, denn die Kinder der Zeit fürchten natürlich, die Zeit könnte über sie hinwegrollen, könnte sie unverdaut wieder auskotzen. Da heißt es sich sputen, man muss hellwach bleiben, darf nicht träumen, um nichts zu versäumen, es gilt, den Trends auf der Spur zu bleiben, Trend ist eine Speed-Disziplin, derzeit ist Entschleunigung angesagt, der neueste Trend, irre cool, wahnsinnig hip, jeder hat seinen Entschleunigungstrainer, alle tippen in und wischen über ihre Smartphones, koordinieren Entschleunigungstermine …

Oosten heißt die Leiche. Schicker Name. Und im Beinamen bezeichnet sie sich auch noch als Realwirtschaft. Jedenfalls, im Oosten geht sicher nicht die Sonne auf (vielleicht im Osten, aber nur, um den Niedergang zu beleuchten), im Osten geht vielmehr die Hoffnung unter (wie man im Oosten sehr gut beobachten kann), so ist das.

Dieser Beitrag ist erschienen in den „Frankfurter Wegsehenswürdigkeiten“, herausgegeben von Stefan Geyer und Jürgen Roth. Mit Beiträgen von Eckhard Henscheid, Eva Demski, Andreas Maier, Volker Breidecker, Oliver Maria Schmitt, Leo Fischer, Detlev Claussen, Klaus Hensel, Andrea Diener … u.a., Waldemar Kramer Verlag Frankfurt

Buch bestellen

7.4.2015

Eine Dame, ein beliebtes Gebäck, eine Frage: Philipp Mosetter entlockt einer scheinbar alltäglichen Begebenheit philosophisches Potenzial.

Der Schokokuchen

In der Vitrine ein Schokokuchen. Vor dem Schokokuchen ein kleines Schild, auf dem steht zu lesen: „Schokokuchen“. Vor der Vitrine mit dem Schildchen „Schokokuchen“ vor dem Schokokuchen eine Dame mittleren Alters, deren einstige Schönheit ihr wohl seinerzeit einen ziemlich wohlhabenden Mann eingetragen haben dürfte, der es ihr ermöglicht, diese weitläufigen Räumlichkeiten hier in diesem besseren Viertel der Stadt zu bewohnen, sich dann aber wahrscheinlich von der weichenden Schönheit neben sich, deren Zorn über das Weichen ihrer Schönheit ihr ins Gesicht gezeichnet ist, ab und seiner Sekretärin … aber das tut hier nichts zur Sache, diese Dame jedenfalls steht vor der Vitrine und liest das Schildchen „Schokokuchen“, das vor dem Schokokuchen steht. Dann schaut sie das junge, hübsche Ding hinter der Vitrine herausfordernd an und fragt, auf den Schokokuchen mit dem Schildchen „Schokokuchen“ davor zeigend: „Was ist da drin?“

Weil die Antwort ja auf dem Schildchen gut zu lesen ist und die Dame sicherlich lesen kann und auch der Sprache, in der die Information auf dem Schildchen verfasst ist, mächtig zu sein scheint, wie ihre in korrekter Landessprache formulierte Frage ausweist, wird sie also kaum beabsichtigt haben können, eine Antwort just auf die gestellte Frage zu bekommen, die steht ja auf dem Schildchen. Hätte sie gefragt: „Was kostet der Schokokuchen?“ (der Preis ist nämlich nicht angeschrieben) oder „Können Sie mir den einpacken?“, um zu signalisieren, dass sie ihn gedenkt mitzunehmen, dann wäre eine Antwort hilfreich gewesen. So aber ist die Frage, die die Dame hier stellt, zu Höherem berufen. Die Frage selbst will Antwort sein. Nämlich eine Antwort auf die Zumutungen des Alltags und des schnöden Seins überhaupt. Sogar so ein Schokokuchen ist, für eine Dame von ihrem (inzwischen natürlich verpufften) Potential eine Provokation. Da könnte ja jeder kommen und einfach so Schokokuchen in die Vitrine stellen. Sie ist hier diejenige, die weiß, welche Ingredienzien einen guten, einen wirklich guten, einen ihrer würdigen Schokokuchen ausmachen! Das ist es, was die Frage sagen will, die Frage ist Ausweis ihrer Kennerschaft und gleichzeitig Ausdruck des Misstrauens und der Verachtung gegenüber diesem jungen, hübschen Ding da hinter der Vitrine, als wäre das in der Lage, ihren (in jedweder Hinsicht berechtigten) Ansprüchen auch nur annähernd gerecht werden zu können.

Darüber hinaus, aber das nur am Rande, fordert die Dame mit ihrer Frage natürlich auch Respekt vor theoretisch möglichen Empfindlichkeiten, unter denen sie eventuell leiden könnte, Laktoseintoleranz, Fructoseintoleranz, Histaminintoleranz, man kennt das ja. Man ist schließlich nicht irgendwer, man ist empfindlich.

17.3.2015

Es sind nicht nur die Vertriebenen dieser Erde, denen die Heimat so wichtig wurde. Auch Menschen, die nie eine hatten, verlangen nach einer Beschreibung der Heimat, damit sie sich daran erinnern können. Philipp Mosetter gibt sie ihnen.

Vor 200 Jahren wurde das Städel eröffnet, vor 100 Jahren (vor 101 Jahren, um genau zu sein) die Goethe Universität … da stellt sich doch die Frage nach der Reihenfolge – und die Frage: Wo leben wir eigentlich?

Heimat

Die deutsche Sprache hat eine bemerkenswerte Eigenart. Sie erschließt sich von hinten. Am Ende des Satzes sitzt der Sinn desselben. Man muss immer bis zum Ende eines Satzes warten, bis klar wird, was der Satz eigentlich sagen wollte. Das hat natürlich Auswirkungen. Wer gezwungen ist, sein Leben in der deutschen Sprache zu fristen, dem ist schwerlich die Leichtigkeit des Moments gegeben, der muss bis zum Ende seines Lebens warten, bis sich ihm (oder ihr, um hier korrekt zu sein) der Sinn desselben erschließt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.
Zurück zum Wort. Was für die deutsche Sprache mit seinen deutschsprachigen Sätzen gilt, das gilt auch für das einzelne deutsche Wort. Wer dem Sinn eines Wortes (also eines deutschen Wortes) auf die Spur kommen will, der muss es von seinem Ende her lesen. Nehmen wir zum Beispiel, nur weil wir gerade so häufig „deutsch“ und „deutschsprachig“ verwendet haben, das Wörtchen „Heimat“. Das ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie unsere Wörter von hinten verstanden werden müssen. Denn erst das kleine Suffix „at“ erschließt den Sinn des Wortes „Heimat“. Der erste Teil ist profan, Heim, das heißt nichts weiter als Haus, Wohnstätte, Wohnsitz, ein Heim eben. Erst das Suffix „at“ eröffnet dem Wort „Heimat“ seinen ganzen Wirkungskreis. Denn „at“ hat sich aus dem westgermanischen ödja, bzw. dem althochdeutschen öti entwickelt, und bedeutet so viel wie Einöde oder Armut. Sowie auch Kleinod oder Zierrat.
Damit sind jene vier Eckpunkte markiert, die das beschreiben, was wir als Heimat empfinden: Armut, Einöde, das Kleinod und den Zierrat. Das sind sozusagen die vier Wände der Heimat.
Armut, also Mangel, ist in jeder Erzählung von früher Jugend, von Kindheit ein wesentlicher Bestandteil. Wenn Menschen von ihrer Kindheit erzählen, dann sind diese Rückblicke immer versetzt mit Erinnerungen des Mangels, wie die Rosinen im Kuchen geben die Metaphern der Armut den Geschichten von früher ihren Geschmack. „Wir hatten ja nichts …“, „damals gab’s ja noch kein Fernsehen …“, „ich musste die Klamotten von meinem Bruder auftragen …“, oder auch Mangel an Liebe und Zuwendung, Mangel an Bildung oder Möglichkeiten. Alle Geschichten aus der eigenen Kindheit enthalten Bausteine des sentimental gefärbten Mangels.
Die Einöde hingegen ist der erste und ursprünglichste Eindruck von Welt. Denn solange der Mensch noch ganz klein und neu ist, ist die Welt da draußen zwar überreich an Eindrücken, aber karg an Vertrautheiten – eine Einöde. Die kalte Hektik fegt alle vertrauten Gerüche hinweg, die grellen Lichter versengen jegliche Geborgenheit, und der ganze Lärm lässt all die lieblichen und bekannten Geräusche verdorren. Einsam in dieser frühen Welt ruht das Zuhause als einziger Ort der Vertrautheiten weit und breit.
Im Kleinod manifestiert sich die Heimat, wird sie gegenständlich und zum treuen Begleiter. Was auch immer der Mensch an Gütern und Schätzen im Verlauf seines Lebens anhäuft, das Wertvollste bleibt ihm stets eine Kleinigkeit, ein belangloses Ding, ein Irgendwas, das für etwas steht, das angefüllt ist mit sehnsuchtsvollen Erinnerungen, dessen Wert für alle anderen verborgen bleibt, nur dem Besitzer ein überreicher sentimentaler Schatz, ein Kleinod eben.
Und schließlich der Zierrat, jene Bordüre aus Nippes und sonstigem Schmuckwerk, die Orte ebenso wie Worte verpersönlicht. Ganz gleich, ob der Mensch seine Umgebung oder seine Rede mit Zierrat ausschmückt, es ist in jedem Fall der Versuch, den Ort oder das Wort zu seinem Ort, zu seinem Wort zu machen. Das Ausschmücken ist ja an sich eine heimatliche Geste, die verheimatlichende Handlung schlechthin.
Das wären also die vier Wände der Heimat. Ob diese vier Wände Haus oder Gefängnis sind, wage ich nicht zu beurteilen, ob die vier Wände überhaupt einen geschlossenen Raum ergeben oder einfach nur wild in der Landschaft herumstehen – sei’s drum. So wie ein deutschsprachiger Satz erst in der Rückschau, also von dem Punkt hinten aus betrachtet, seinen Sinn offenbart, so ist auch die Heimat selbst vor allem eine Rückschau, ein Blick zurück. Ja, Heimat ist eine traurige Sehnsucht, ähnlich der Liebe, aber das steht auf einem anderen Blatt.

4.2.2015

Eine Filmkritik

Johnny Depp …

… heiratet übermorgen. Genauer gesagt am Samstag wird Johnny Depp in den Stand der Ehe eintreten. Ehe ist ein hässliches Wort. Allein die Aussprache! Ehe. Man muss sich das Wort einmal auf der Zunge zerklingen lassen, um das ganze Ausmaß zu erfassen. Ehe. Wie lässt sich so etwas liebevoll aussprechen? Ehe. Die Etymologie leitet Ehe aus dem westgermanischen Wort ewa, bzw. ewi ab, was soviel heißt wie Recht, Gesetz, Vertrag, göttliches Gebot. Die Dinge sind eben, wie sie heißen. Möglicherweise ist das oben erwähnte westgermanische Substantiv auch mit dem althochdeutschen ewa identisch, das so viel bedeutet wie immerdar, ewig geltendes Recht und sich zu dem uns bekannten „ewig“ weiterentwickelt hat. Es bietet sich noch die Herleitung aus dem altindischen evah an. Das bedeutet Gang, Weg, im Plural: Gewohnheit, Sitte. (siehe Etymologisches Wörterbuch des Deutschen, Wolfgang Pfeifer) Nein, Ehe ist kein schönes Wort. Es hat nichts Sinnliches, nichts Gelassenes, Genießendes und schon gar nichts Erotisches. Hingegen ist eine phonetische Verwandtschaft unüberhörbar: Wehe! Lassen wir das.

Was ich eigentlich sagen wollte: Gestern bin ich ins Kino gegangen, um mir den neuen Film von, besser gesagt, mit Johnny Depp anzusehen, „Mortdecai“. Aber ich habe den Titel wohl unverständlich ausgesprochen und bekam stattdessen eine Eintrittskarte für den Film „Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach“ von Roy Andersson. Ich kann mir im Nachhinein kaum ein glücklicheres Missgeschick denken! Ich wollte mich daher noch bei dem Mädchen an der Kasse dafür erkenntlich zeigen und sie zum Dank auf eine Tasse Melange einladen, aber sie war schon nach Hause gegangen.

Das schöne Wiener Wort „Melange“ wäre aus meiner Sicht übrigens das richtigere Wort für das, was wir als Paarbeziehung oder Ehe bezeichnen. Melange bedeutet eigentlich Mischung und ist schon von daher treffend. Eine Melange ist zwar kein Cappuccino, ist nicht so liebevoll zubereitet, hat kein Milchschaumblümchen obenauf, ist nicht mit Kakao bestreut, aber, immerhin, eine weiße Milchhaube hat sie auch, wenn auch mehr um den Inhalt zu verbergen als zu diesem (geschmacklich) beizutragen. Ansonsten wird eine Melange zumeist lau getrunken, nicht heiß. Unter der Milch (Achtung: Laktoseintoleranz!) befindet sich ein entweder bitterer oder wässriger Kaffee, aber sicherlich kein guter. Insgesamt kann man sagen, das Bittere oder Wässrige zusammen mit dem Unverträglichen lau serviert – ja, und mit weißem Häubchen. So bleibt uns nicht anderes übrig, als Johnny Depp alles Gute zu wünschen. Denn es gibt immer einen Grund, sich vor dem nächsten Film zu fürchten.

21.1.2015

Nebensache

Nun ist ja gerade dieser Januar hauptsächlich von Ereignissen geprägt, die einem einfachen Menschen buchstäblich gewaltsam in Erinnerung rufen, dass er (wobei ich sie ausdrücklich nicht ausschließen will) sich einmal Gedanken darüber machen möge, was sein Leben (und auch hier sei ihr Leben nicht nebensächlich behandelt) ausmachen soll, anders gefragt: Wie will ich leben, was will ich leben, wo will ich leben? Zusammengefasst: Was ist mir hauptsächlich? Natürlich, für diesen Januar scheint angesichts der aktuellen Hauptsächlichkeiten die Antwort naheliegend, aber wir haben ja nicht immer solche Januare. Ich will daher den Blick etwas weiter schweifen lassen, sagen wir einmal über einen Zeitraum von 50 Jahren: Januar 1965.

Am 8. Januar 1965 bekamen in der Sowjetunion (damals hieß sie noch so, und Wladimir Putin war gerade einmal 12 Jahr alt) alle Bezieher von Tischkalendern ein Austauschblatt zugeschickt, in dem das Geburtsdatum von Nikita Chruschtschow (1964 gestürzt) gestrichen war. Am 14. Januar kam der James-Bond-Film „Goldfinger“ in die Kinos, mit Gerd Fröbe als Bösewicht. Und am 24. Januar verstarb in London Sir Winston Churchill, zog sich sozusagen in die Geschichtsbücher zurück. Alles Nebensächlichkeiten, wenn man so will.

Hauptsächlich ist dabei ins Auge springend, dass es sich hier um drei dicke Männer handelt. Was noch zusätzlich durch eine Studie des Instituts für Demoskopie in Allensbach unterstrichen wurde, ebenfalls im Januar 1965 veröffentlicht, und zwar am 24., in der rund 13,5 Millionen bundesdeutsche Erwachsene, also 29 Prozent, sich für übergewichtig hielten und abnehmen wollten (dieser Wunsch war übrigens bei den bayerischen Frauen mit 40 Prozent besonders ausgeprägt).

Ich bin allerdings der Auffassung, dass man die Nebensächlichkeiten, bei aller unbestreitbaren Bedeutung von falscher Ernährung, Dickleibigkeit, nicht übersehen sollte. Denn diese drei dicken Männer haben dem Profanen ganz neue Wirkungsfelder erschlossen und damit Witz, Satire und Karikatur wertvolle Dienste erwiesen. Chruschtschow, indem er seinem eigenen Schuh das Wort erteilte und damit den 3. Weltkrieg verhinderte. Was bisher auf dem Asphalt getreten, fortwährend durch Hundekot bedroht und im Fußschweiß ertränkt wurde, war nun Wort, Argument – und wurde gehört! Gerd Fröbe, indem er die Rache in Gold und Anmut zeichnete und damit dem bluttriefenden, geifernden Rachsüchtigen einen Maßanzug verpasste. Fröbe machte aus Mord eine Stilfrage, so dass wir erkennen konnten: Schönheit und Reichtum sind das wahre Antlitz der Rache. Und natürlich Sir Winston Churchill, indem er nicht das Laster als Bedrohung versteht, sondern vielmehr die Drohung mit der Bedrohung durch das Laster. Zitat: „Ein leidenschaftlicher Raucher, der immer von der Gefahr des Rauchens für die Gesundheit liest, hört in den meisten Fällen auf – zu lesen.“

Der Januar vor 50 Jahren war vielleicht nur eine Nebensächlichkeit der Weltgeschichte, aber Januare sind eben so. Zum 50sten – Prost!

11.12.2014

Noch eine Weihnachtsgeschichte

… und als der Herr sah, dass es gut war, da versammelte er die Besten um sich, um ihnen für ihre Dienste zu danken, er erhob sie in den Stand der ewigen Gültigkeit und nannte sie fürderhin die sieben Todsünden. Dieser hohe Rat der Charaktereigenschaften sollte von nun an einmal im Jahr zusammenkommen und dafür sorgen, dass alles wieder seinen rechten Gang gehe, dass alles wieder ins Lot gerate, auf dass der Mensch wieder der werde, der er zu sein habe. Und so kam es, dass die sieben Todsünden einmal im Jahr einen großen Kongress abhielten, der in allen Ansammlungen der Menschen gleichzeitig stattfinden sollte und sie nannten diesen Kongress Weihnachtsmarkt.

Die Regeln waren streng: Mindestens jeder zweite Stand sollte mit Würsten und Zuckerzeug der Völlerei gewidmet sein und ein Duft aus Knoblauch und altem Bratfett sollte über dem gesamten Kongress liegen, dazwischen Punsch und Glühwein, damit die Wollust sich in die Gemüter schleichen konnte, unter den Standlern sollte Neid und Missgunst herrschen, und sie durften nur eitlen Tand feilbieten, diesen aber aus Habgier zu stark überhöhten Preisen. Und damit die Menschen wieder zu ihrer eigentlichen Bestimmung finden könnten, sollten sie aus der Hast des Jahres entrissen und in eine Trägheit versetzt werden, auf dass sie wie ein zäher Strudelteig sich über den Kongress wälzten. Und so sollten die Menschen in einen solchen Zorn gebracht werden, dass sie für den Rest des Jahres all ihre kleinen, menschlichen und daher strafbaren Sünden, wie Mord und Totschlag, Betrug, Diebstahl und Ehebruch begehen konnten. So ist es gewesen.

Kinder sind unsere Zukunft. Das weiß man. Die alles entscheidende Frage aber lautet: Gehört das Kindle auch dazu? Philipp Mosetter hat über die Zukunft nachgedacht.

Vortrag

Zukunft

Ein Titel

Ich hatte eigentlich gehofft, noch rechtzeitig vor dem heutigen Termin, einen geeigneten Titel für meinen kleinen Vortrag zu finden – muss allerdings zugeben, dass es mir nicht gelungen ist. Ich habe noch keinen geeigneten Titel gefunden. „Epilog“ hat mir gut gefallen. Epilog als Titel, das ist eigentlich ein schöner Einstieg. Epilog. Ist natürlich nicht so richtig geeignet für einen Vortrag. Das wäre mehr ein Stücktitel. Epilog – das klingt schon wie ein Stück für die ganz große Bühne.

Ein Stück mit dem Titel „Epilog“, das müsste gewissermaßen das Gegenstück zur Bibel sein. Vom Anspruch her. Die Bibel als Anfang unserer Kultur, also dieser Kultur, und nun der Epilog. Die Bibel als Entwurf des Abendlandes und nun, nach dem Untergang desselben, der Epilog. Ein fulminantes Theaterereignis.

Andererseits sind wir natürlich noch nicht in der distanzierten Beobachterposition jenseits des Untergangs. Das entspräche wahrscheinlich nicht ganz der allgemeinen Grundstimmung. Ich glaube eher, es herrscht ein gewisser Konsens, dass wir uns mittendrin befinden, mitten im Untergang des Abendlandes. Ist ja auch insgesamt viel dramatischer, so mittendrin. So gesehen wäre das nun wieder der bessere Stoff für ein Drama. Während der distanzierte Blick ideal für einen Vortrag wäre. Sie sehen, ich komme in der Titelfrage nicht so recht voran. Wir müssen daher für den Moment ohne Titel auskommen. Danke für Ihr Verständnis.

Anfang

Ungeachtet der Titelfrage ist mein Vortrag heute der Versuch eines, ja nennen wir es ruhig einmal provisorisch so: „Epilogs zum Abendland“. Sie erlauben mir, dass ich die zuvor erfolgten Untergangsszenarien überspringe, die darf ich als hinlänglich bekannt voraussetzen. Ich beginne daher, gewissermaßen als Einstimmung auf das Thema

- Im Hauptteil werde ich dann folgende Blickwinkel und Betrachtungsweisen durchspielen:

       - strukturell

       - soziologisch

       - kulturell

       - wirtschaftlich

       - individuell

       - politisch

       - sowie technisch

       - und natürlich: was bedeutet das alles potentiell?

- Abschließend stelle ich dann noch die Frage: Ist Zukunft ein Ergebnis (des Heute) oder ist Zukunft eine Bedingung (für das Heute)?

Das Geschenk

Bevor ich beginne, möchte ich noch kurz eine Nebensächlichkeit erwähnen, die den atmosphärischen Rahmen meines Vortrags beleuchtet. Auf meinem Schreibtisch liegt nämlich ein Kindle. Das ist ein Lesegerät. Die Leute nennen es elektronisches Buch. Aber das ist natürlich Blödsinn. Ein Buch ist ein Buch, und das Kindle ist ein Lesegerät. Trotzdem hübsch, wie sich dieses Masterpiece der Zukunft besonders eng an die alte analoge Welt auf meinem Schreibtisch ankuschelt. Ich habe es letztes Jahr zu meinem Geburtstag geschenkt bekommen – und ich habe mich sehr gefreut. Das ist die übliche Vorgehensweise bei Geburtstagsgeschenken, das macht man so, man freut sich. Allerdings, ich habe es noch nicht ausgepackt. Das nicht. Es liegt noch originalgeschenkverpackt auf meinem Schreibtisch.

So ein elektronisches Lesegerät ist ein ganz wunderbares Gerät, das hat mir mein mich Beschenkender, mein Gönner, mit glänzenden Augen und voller Stolz über die perfekte Wahl seines Geschenkes, versichert.
Man kann damit jetzt auch in der Sonne lesen – war er ganz begeistert. Jetzt kann ich also endlich auch im Sonnenlicht lesen, nicht schlecht, dachte ich bei mir. Das hat seinen Witz. Kann man nicht leugnen. Jedenfalls auf der metaphorischen Ebene, hat es seinen Witz. Wenn früher jemand in der Sonne gelesen hat, konnte man mit etwas Geschick am Buchrücken erkennen, was er da gerade liest, das fällt jetzt natürlich weg – was in manchen Fällen auch Vorteile hat. Jetzt kann ich mich beim Lesen in der Masse verstecken, alle lesen das gleiche Gerät, wenn Sie verstehen, was ich meine.
Außerdem hat es eine Papieroptik – und es raschelt beim „umblättern“. Mit diesen begeisternden Worten hat er mir das Geschenk überreicht, seitdem liegt es auf meinem Schreibtisch – originalgeschenkverpackt. Es ist ein schönes Gerät.

Meinen Schreibtisch müssen sie sich etwa wie folgt vorstellen: Also, das wäre der Tisch, in Wirklichkeit ist er etwas größer, sie müssen sich den Tisch also größer vorstellen – oder mich kleiner, das geht natürlich auch. Ganz wie Sie wollen.
Es steht sogar noch ein Telefon auf dem Tisch, hier. Da der Computer, den lass ich jetzt mal zugeklappt, würde sonst die ganze Sicht versperren, da eine Lampe, da noch eine, die Kabel laufen hier zusammen … Sind ein bisschen staubig … und hier etwas verklebt, ahja, ich erinnere mich, mir ist da vor einiger Zeit mal ein Glas mit Pfirsich-Sirup umgekippt, hatte ich ganz vergessen … hier eine Fischdose, Ölsardinen waren da mal drin, jetzt verwende ich sie als Aschenbecher, ein bisschen Öl ist noch drin, so lassen sich die Zigaretten besser auslöschen … da Rechnungen, Quittungen, müsste ich mal sortieren, ein Döschen mit Pfefferminzbonbons, des Atems wegen … Ah, sieh da, den Stift habe ich die ganze Zeit gesucht, mein Lieblingsstift. Hier noch andere Stifte, jede Menge Stifte, ein Schnürsenkel, Büroklammern, Aspirin, eine CD, ohne Hülle, oder ist es eine DVD? Keine Ahnung, ein Kabel … drei Notizhefte, ein kleines, das gehört eigentlich in mein Sakko, hier das blaue, da das graue …
Und dazwischen liegt das originalgeschenkverpackte Lesegerät … Unter dem Tisch gibt es natürlich auch noch einen Zustand. Aber den erspare ich Ihnen für den Moment, man sieht sowieso nur die erste Reihe. So ein Schreibtisch verträgt sich natürlich nicht mit so einem Lesegerät, das ist klar. Das sieht man auf den ersten Blick.

Man kann meinen Schreibtisch in seiner bacchantischen Unordnung mit dem sehr hübsch verpackten Geschenk dazwischen wie eine Metapher lesen. Wenn man will. Der analoge Schreibtisch und die digitale Zukunft – mit Schleife sogar. Sehr hübsch.

Eines Tages wird mein Gönner Rechenschaft von mir verlangen. Was soll ich da sagen? Dass es noch originalgeschenkverpackt auf meinem Schreibtisch liegt? Das müsste ich begründen. Das wird nicht lustig. Ich geh ihm aus dem Weg.
Zumal wir inzwischen, weil es schon so lange da liegt, ein ganz ordentliches Verhältnis untereinander haben. Es liegt da – und ich mach’s nicht auf. Darauf haben wir uns geeinigt.
Es sind ja gerade die Vorteile, die an der Sache so abstoßend sind. Zugriff auf 3000 Bücher, mindestens! Die Vorteile dieses Gerätes sind, wie ich finde, sehr aggressiv. Das Ding ist dermaßen vollgestopft mit übergriffigen, maßlos übertriebenen Vorteilen, dass man eher von einer feindlichen Übernahme seiner selbst sprechen muss. Eine tolle Sache, so ein Lesegerät, das kann praktisch alles. Besser es bleibt, wie es ist.
Jedenfalls habe ich jetzt 3000 Bücher auf meinem Schreibtisch. Originalgeschenkverpackt.
Es liegen natürlich auch noch normale Bücher auf meinem Schreibtisch, Bücher halt. … ein Wörterbuch, dann ein Buch, das ich immer schon mal lesen wollte, eines, das ich unbedingt lesen sollte, das hier habe ich mir neulich ausgeliehen, solche Bücher halt …

Meine Güte, 3000 Bücher. Ich nehme an, es ist ein ausgewogenes Programm. Noch so ein Vorteil: Man kann verschiedene Pakete zu dem Lesegerät dazu erwerben, je nach persönlichem Interesse, Krimis, Science Fiction, Fantasy, Ratgeber, ein paar Bestseller darunter, sehr persönlich. Man muss sich nicht einmal mehr um seine eigenen Vorlieben und Interessen kümmern, kriegt man alles fix-fertig zusammengestellt.

Ich will auf dem Metaphorischen der Sache nicht zu sehr rumreiten, aber es fällt schon auf: Da liegt die Zukunft, original mit Schlaufe, ungeöffnet, mitten in meinem Alltag – und ich komm nicht ran. Die Zukunft bleibt verpackt, verschlossen. Sie werden sagen, dann mach’s doch auf, das Paket, reiß die Schlaufe runter. Da liegt die Zukunft, direkt vor dir, du musst nur zugreifen, werden Sie sagen. Ich bin skeptisch, was das Zugreifen anbelangt. Die Zukunft ist ein giftiges Geschenk.

Zugriff auf 3000 Bücher! Was soll ich mit 3ooo fremdverlesenen Büchern? Große, maßlose, sinnlose Zahlen, das ist das Gesicht der Zukunft. Die Schlaufe um die Zukunft verspricht mir den Zugriff, sie lockt mich in eine gigantische Textmüllhalde, und kaum ist die Schlaufe weg, hat sie den unbeschränkten Zugriff auf mich. Die Zukunft will, dass ich mich ihr ausliefere.

Die Glasscheibe

Vielleicht noch eine letzte Bemerkung zu dem Geschenk. Ich weiß natürlich, was mich erwartet, wenn ich es öffne. Es wird eine Glasscheibe sein. Einfach eine Glasscheibe. Eine Glasscheibe in einem Gehäuse. Schon wieder so eine Metapher. Man kann sagen, die Zukunft ist eine Glasscheibe.

Wir schauen ja heute alle immerzu auf Glasscheiben. Natürlich hindurch. Das ist ja das Wesentliche von Glasscheiben, dass man hindurchschauen kann. Wie hypnotisiert starren wir von morgens bis abends, von abends bis morgens auf Glasscheiben. Alles findet heute auf Glasscheiben statt. So eine Glasscheibe ist ein zerbrechliches Ding. Aber vor allem ist es transparent. Man schaut hindurch. Das macht das Auge unruhig, es hat keinen stabilen Anhaltspunkt, an dem es sich festhalten kann. So eine Glasscheibe ist da und ist gleichzeitig nicht da. Für das Auge eine hypnotisierende Absurdität.

Aber ich kann Ihnen sagen: Glas ist eine heikle Sache. Meine eigene erste Begegnung mit einer Glasscheibe war recht schmerzlich, in vielerlei Hinsicht. Ich war vielleicht zehn oder elf Jahre alt, da stand ich völlig versunken vor einem Schaufenster, dahinter gestalteten zwei junge Frauen eine sommerliche Szene mit Schaufensterpuppen, Strandszene, das war für einen Zehnjährigen, vielleicht auch schon Elfjährigen, ziemlich aufregend. Ich starrte wie gebannt auf die Szene hinter der Glasscheibe. Ich war damals auf dem Nachhauseweg von der Schule, hatte meinen Schulranzen auf und war insgesamt nicht sehr beliebt in der Schule.

Ich muss wohl eine ganze Weile sehr versunken diese entstehende Sommerszene betrachtet haben, über meine Phantasien damals kann ich keine präzise Auskunft geben, da bin ich selbst auf Vermutungen angewiesen, als plötzlich einer meiner mich nicht sehr achtenden Mitschüler vorbei kam und es sich nicht nehmen ließ, mich, der ich etwa so nah vor dem Schaufenster stand, mit einem kräftigen Stoß gegen den Hinterkopf, also meinen Hinterkopf, mit der Nase auf die Scheibe, auf die Schaufensterscheibe zu stoßen. Ich will mal vermuten, dass er nicht mit so wenig Gegenwehr meinerseits gerechnet hatte und daher seinen Stoß etwas kräftiger ansetzte als eigentlich notwendig, jedenfalls schlug ich mit dem Kopf dermaßen gegen die Glasscheibe, dass diese barst. Das Schaufenster ist einfach zerbrochen, viel direkt vor mir in sich zusammen. Meine Nase war ebenfalls gebrochen und blutete wie verrückt.

Mein hinterhältiger, aber sportlich sehr viel talentierterer Mitschüler rannte, was die Füße hergaben. Ich hatte diese Möglichkeit nicht, mit meiner blutenden Nase. Ich stand, jetzt neuerlich wie gelähmt, vor den Trümmern, und war soeben unsanft aus einem wunderschönen Traum gerissen worden – und blutete.

Innerhalb einer Sekunde zerbrach diese, jedenfalls für einen Zehnjährigen, lassen Sie mich einen Elfjährigen gewesen sein, erotische Traumsequenz, ich war damals wohl etwas früh für mein Alter, später dann um so später, wie auch immer, ein kurzer Schlag, und dieser etwas schlüpfrige Traum lag in Trümmern. Da merkte ich, dass das, was sich hinter der Glasscheibe abspielte, sich auf der Glasscheibe ereignete. Sie verstehen, ich will auf den Begriff „Projektion“ hinaus, auf der Scheibe war dieser paradiesische Traum, und als die Scheibe weg war, verwandelte er sich in ein hysterisches Kampfszenario. Frauen kreischten, die Puppen fielen um, Kunden und Kundinnen fuchtelten herum, der Geschäftsführer hatte auch nichts Hilfreiches beizutragen, Erwachsene zerrten an meinem Ärmel und wollten was von mir, das war die Wirklichkeit hinter der Scheibe. Und ich stand da und blutete aus der Nase.

Und da bin ich dann schon wieder bei der Metapher. So gesehen wäre die Zukunft, um im Bild zu bleiben, lediglich eine Projektionsfläche mit irgendwelchen verheißungsvollen Bildern – eine Glasscheibe eben. Mehr nicht, einfach eine Glasscheibe. Ich bin damals auf diese schlichte Erkenntnis im wahrsten Sinne mit der Nase darauf gestoßen worden, dann fließt eben Blut.

Aber ich will das mit den Metaphern nicht zu weit treiben, daraus lassen sich keine belastbaren Äußerungen ableiten. Außerdem bin ich nicht sehr kämpferisch veranlagt und kann einem Kampf gegen Glasscheiben daher nur wenig abgewinnen. Mir genügt meine eine, wenn auch frühe Erfahrung. Mir genügt zu wissen, dass die Zukunft erstens immer anders verläuft und zweitens nie andersherum. Das Eine geht nicht und das Andere kommt nicht. Das muss fürs Erste genügen.

Der Streit

Wie soeben betont, die Zeit läuft niemals rückwärts und vorwärts in die Irre, ins Unberechenbare. Zukunft wirkt sich immer anders aus, als man jeweils vermutet hatte. Mein Schreibtisch zum Beispiel. Was hat der nicht alles für Zukunftsvorstellungen ertragen müssen und nicht eine hat sich so ereignet wie vorgestellt, nicht eine. Und dann liegt da ein originalgeschenkverpacktes Lesegerät, ein Kindle, und darüber gerät man dann mit seinen besten Freunden in Diskussionen, in richtig substantielle Diskussionen, das sind dann Diskussionen, die einen an die Grenze führen. Die letzte ist so verlaufen, dass ich mir berechtigte Hoffnung auf ein sehr einsames Begräbnis machen darf. Solche Diskussionen sind das.

Ich weiß nicht mehr, wie es angefangen hat, aber die letzte Diskussion hat eine Dynamik entwickelt, ich kann Ihnen sagen … Ich will versuchen, sie einigermaßen präzise wiederzugeben, damit Sie sich eine Vorstellung davon machen können.

Es waren insgesamt vier Leute daran beteiligt. Um nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen, nenne ich hier jetzt keine Namen, ich bezeichne sie einfach als Freund, Freundin 1 (das wäre die Frau meines Freundes, ist natürlich auch meine Freundin) und Freundin 2, womit ich meine: meine (ist natürlich auch eine sehr gute Freundin von ihm).

(Schiebt im Folgenden das Wasserglas auf dem Tisch hin und her und bezeichnet so die Sitzposition der Beteiligten.) Hier sitzt mein Freund, hier seine Frau, da meine, ich dazwischen. Das Glas hat übrigens jetzt mal die Funktion wie so eine Art Untertitel, man will ja schließlich wissen, wer was gesagt hat.

Nachdem es schon eine ganze Weile hin und her gegangen ist, verdichteten sich gegen Ende die Meinungen: (stellt das Glas auf die entsprechende Position)

        – Der Punkt ist doch der …
        – Eben nicht!
        – Lass mich doch mal ausreden …
        – Da hat er recht.
        – Ich weiß doch, was er sagen will.
        – Herr Ober, noch eine Flasche Wein bitte.
        – Es läuft doch immer auf das Gleiche hinaus, es ist immer das Gleiche…
        – Das habe ich mit keinem Wort gesagt…
        – Ach komm, damit reden sich doch alle raus.
        – Ich finde, man kann das auch ganz anders sehen…
        – Schön wär’s!
        – Lass ihn doch mal ausreden,
        – Da hat er recht.
        – Das ist ja genau der Punkt…
        – Du hörst mir nicht zu.
        – Da hat er recht.
        – Da hat sie recht.
        – Das ist doch der größte Blödsinn, den ich je gehört habe.
        – Du drehst mir das Wort im Mund rum.
        – Feigheit ist gefährlich, das sage ich Dir.
        – Noch gefährlicher ist Blödheit.
        – Da hat er recht.

Daraufhin zerdrückte mein Freund aus Zorn das Glas in seiner Hand und die Runde löste sich grußlos auf. Das gab mir zu denken.

Epilog

Ich will Ihnen meine Erkenntnisse zur Zukunft nicht vorenthalten. Wahrscheinlich werde ich in den nächsten Tagen das originalgeschenkverpackte Kindle auf meinem Schreibtisch nehmen und ihm die Schlaufe herunterreißen. Das werde ich wahrscheinlich tun. Dann werde ich es zu den anderen Büchern im Bücherregal stellen, da fällt so eine flache Glasscheibe nicht wirklich auf, eine schmale Zukunftsvision unter all den anderen.

Eines Tages werde ich dann in der Zeitung lesen, dass der Betreiber dieses Lesegeräts, wer das dann auch immer sein wird, unvermittelt den Zugang gekappt hat, er hat es einfach abgeschaltet, das schöne Lesegerät. Die Gründe bleiben natürlich im Dunkeln, aber man munkelt, weil der Betreiber plötzlich Steuern zahlen musste; da war er beleidigt und hat das Ding abgedreht. Aber das ist natürlich eine Vermutung. Tja, das ist es, was ich die ganze Zeit vermutet habe: Zukunft findet nicht statt.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

ENDE – 

Philipp Mosetter hält den Vortrag am Mittwoch, 8. Oktober 2014 um 19 Uhr im Cantate-Saal, Großer Hirschgraben 21, Frankfurt am Main.

6.8.2014

schade

Hinweis: Dieser Artikel ist nicht für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren geeignet.

Schon ein Weilchen her. Ein Abend, eine Begegnung, eine gezögerte Sekunde – schade. Das war’s. Mehr nicht. Ein Abend, eine Begegnung, eine gezögerte Sekunde – schade. Solche Beispiele gibt es viele. Oft sind ganze Leben aus solchen Beispielen zusammengesetzt. Schade.

Ganze Leben bleiben einfach nur schade. Sie bringen es oft nicht einmal zu dem fehlenden „n“ im Schade. Das würde das Schade nämlich zu einem Schaden komplettieren, wenigstens. Schade.

Der Unterschied zwischen „schade“ und „Schaden“ beträgt übrigens gerade einmal eine Sekunde. Mehr nicht. Es ist immer nur eine Sekunde in der sich entscheidet ob das Leben sich im Schade erschöpft oder ob es das Zeug dazu hat auch einmal einen Schaden anzurichten. Nur eine Sekunde, mehr nicht.

Das hat jetzt mit der Sache vielleicht nichts zu tun, aber, weil normalerweise der Sekunde keine große Beachtung zukommt, natürlich, Einheiten, die kleiner sind als eine Sekunde, sind im Sport oder in der Wissenschaft von großer Bedeutung, alles darüber macht uns den Alltag schwierig, Zeitdruck, Verspätungen, solche Sache halt, aber die Sekunde selbst, die wird allgemein gering geschätzt. Ich hingegen bin der Auffassung, dass die Sekunde von zentraler Bedeutung ist. Vor allem im Hinblick auf das Leben im Allgemeinen und das eigene im Besondern. Alles steht und fällt immer mit einer einzigen Sekunde. Davon bin ich überzeugt. Dabei liegt es natürlich in der Natur der Sache, dass die verpasste Sekunde höher geschätzt wird als die ergriffene. Denn die verpasste Sekunde verspricht die Möglichkeit einer Alternative, in der verpassten Sekunde schlummert das bessere Andere, die Vorstellung eines jedenfalls anderen Lebens. Die ergriffene oder genutzte Sekunde bildet ja immer nur das Jammertal des Tatsächlichen ab. Daher wird sich das Leben immer an der verpassten Sekunde messen lassen müssen, nicht an der ergriffenen, genutzten, nein, der Maßstab ist jene Sekunde in der alles hätte anders werden können. Der Blick auf das eigene Leben ist der Blick auf jene Sekunde in der ein Nein auch ein Ja hätte sein können, in der ein Ja auch ein Nein hätte sein können. Aber das nur am Rande. Und dann natürlich jene gezögerte Sekunde, die zwischen einem Nein und einem Aber liegt, oder auch zwischen einem Ja und einem Aber, aber das sind Feinheiten. Worum es geht ist die Sekunde, vor allem die verpasste Sekunde, die gezögerte Sekunde, in ihr steckt das ganze Universum des Versäumten.

Um noch einmal auf den oben beschriebenen Abend zurückzukommen. Nur weil es möglicherweise von Interesse sein könnte und die Bedeutung einer Sekunde schön illustriert. Die Begegnung verlief wie folgt. Sie freute sich, ihn (nach Jahren) wiederzusehen. Er freute sich auch. Ihre erste Frage lautete sogleich: Bist du verheiratet? (Wer will kann auf Grund dieser Direktheit bereits Vermutungen über ihren Charakter, der unbedingt als der wunderbarste angesehen werden muss, und ihre Absichten anstellen.) Er antwortete (wahrheitsgemäß): Nein. Und dann zögerte er eine Sekunde! Er zögerte nur eine Sekunde um mit einem „Aber“ sich alle Möglichkeiten zu erschließen. Hätte er die Sekunde genutzt (und nicht ängstlich verstreichen lassen), seine tatsächliche Beziehungssituation hätte ihrer Direktheit respektvoll entsprochen. So aber verdichteten sich in dieser einen gezögerten Sekunde Hoffnungen, Erwartungen, Möglichkeiten und (seinerseits) Ängste, so dass sein nachgereichtes Aber nicht mehr gehört, nicht mehr wahrgenommen wurde. Hätte er nicht gezögert, dann wären die Verhältnisse klar gewesen. So aber musste sie seine Reserviertheit persönlich nehmen (was nicht den Tatsachen entsprach, nicht im mindesten) und sein Wollen sich in Ängsten und Verklemmtheiten erwürgte. Es war nur eine Sekunde, eine gezögerte Sekunde die das notwendige „n“ verhinderte und so aus einem traurigen und endlosen Schade einen mit Lust und Leidenschaft angerichteten Schaden gemacht hätte. Schade.

Man kann daher, nach allen Betrachtungen, sagen, der eigentliche Schaden ist immer das „Schade“.

25.6.2014

Foto: Alfred Jungraithmayr
Foto: Alfred Jungraithmayr

Der Kontrast

Ein Bild verschwindet. Also nicht das Bild als haptisches Etwas, das Papier, auf dem es gedruckt erscheint oder der sogenannte Abzug, das verschwindet natürlich nicht, wenn man das unter „Bild“ versteht, das liegt immer noch vor dem Betrachter. Aber das Bild, also das eigentliche Bild, das verschwindet. Wie kann ich mich in der Sache verständlich machen? Ich meine das, was das Bild abbildet, darstellt, erzählt, das verschwindet. Das Bild eben – das verschwindet. Das ist kein technischer Trick und auch keine optische Täuschung, nein, das Bild liegt vollkommen unverändert vor dem Betrachter und verschwindet einfach. So ist das. Das Bild verschwindet, einfach deshalb, weil es da ist, weil es so ist, wie es ist.

Das liegt am Kontrast. Normalerweise dient der Kontrast ja dazu, dass sich einzelne Elemente des Bildes voneinander unterscheiden und so überhaupt erst ein Bild entstehen lassen. Ein Bild, normalerweise jedenfalls, erzählt ja eine Geschichte, übermittelt eine Information. Damit diese Information aus einem Bild entnommen werden kann, braucht es den Kontrast. Der Kontrast ermöglicht es, dass sich die Einzelteile, aus denen die eigentliche Information besteht, unterscheiden lassen. Wird der Kontrast erhöht, lassen sich die einzelnen Elemente besser voneinander unterscheiden, und die Information tritt deutlicher hervor. Normalerweise. Wenn man den Kontrast allerdings so weit erhöht, dass außer Kontrast nichts mehr übrig bleibt, dann verschwindet das Bild. Wenn das dunkle Nichts, also das lichtverschlingende Schwarz, auf das helle Nichts, nämlich das gleißend blendende Weiß, trifft, dann hat sich das Bild selbst ausgelöscht. Durch Kontrast eliminiert, gewissermaßen.

Indem das Bild verschwindet, verschwindet auch die Wirklichkeit, die Welt quasi. Weil, ohne Bild kann man sich ja keine Vorstellung von der Welt machen und man braucht doch eine Vorstellung von der Welt, damit es überhaupt eine Welt geben kann. Jedenfalls eine wahrnehmbare. Man kann hier leicht durcheinanderkommen. Was ich meine, ist, dass man sich eine Vorstellung von dem machen können muss, was da ist – damit das da ist, von dem man sich eine Vorstellung macht. Oder anders gesagt, die Welt ist genauso, wie die Vorstellung, die wir uns von ihr machen, oder allgemeiner gesprochen, die Welt ist ihr Bild davon. Entzieht man der Vorstellung ihre Grundlage, nämlich das Bild, kann sich keine Vorstellung bilden und mithin keine Welt. Das erinnert mich übrigens an ein Spiel, mit dem ich mir als Kind gerne die Zeit totgeschlagen habe. Besonders gerne bei längeren Familienausfahrten im Auto, wenn mir langweilig war und die Ausfahrt kein Ende nehmen wollte, dann habe ich mir mit einem selbsterfundenen Spiel die Zeit totgeschlagen. Ich habe dann ein Wort genommen, irgendein beliebiges Wort, wild aus dem Nichts herausgegriffen, beispielsweise das Wort „Brot“, und habe dieses Wort so lange still und für die anderen unhörbar (die hätten mich sonst gefragt, was ich denn da wieder für einen Unsinn treibe) vor mich hingesprochen, also, wie gesagt, im Geiste vor mich hin gesprochen. Ich habe immer wieder das gleiche Wort, unendlich viele Male das Wort „Brot“ wiederholt, minutenlang, immer wieder, oft stundenlang, immer das Wort „Brot“ wiederholt, bis es ganz und gar seinen Sinn verloren hat. Bis es vollkommen verschwunden war. Ich konnte auf diese Weise nahezu jedes Wort vernichten, richtiggehend auflösen, als hätte ich das Wort in eine Säure oder Lauge gelegt. Nach endlosem Wiederholen waren die Worte weg, einfach weg. Vernichtung durch Wiederholung. Das Auge und das Ohr haben da offensichtlich unterschiedliche Techniken, was die Auslöschung angeht. Bild und Wort erzählen ja jeweils Geschichten, sie enthalten Informationen. Im einen Fall lässt sich diese Information durch Kontrast und im anderen Fall durch Wiederholung auflösen.

Interessant ist nun, was passiert, wenn das Bild verschwunden ist. Dann erscheint nämlich plötzlich hinter dem verschwundenen Bild, sozusagen als Abbauprodukt des Verschwindens, ein neues Bild. Als würde man es nicht aushalten, nicht ertragen können, in einer ganz offensichtlichen Abbildung nicht auch ein Bild sehen zu können. Natürlich hält der Mensch das nicht aus, er braucht das Bild ja, um sich eine Vorstellung von der Welt machen zu können. Ohne Welt verschwindet er selbst, ohne Bild verschwindet der Betrachter ja ebenfalls. Also entsteht hinter dem verschwunden Bild ein neues Bild. Wo das konkrete verschwunden ist, da entsteht ein abstraktes, ein interpretationsbedürftiges, sozusagen ein metaphorisches Bild. Womit der Betrachter in die Einsamkeit seiner eigenen Interpretation zurückgeworfen ist. Die Interpretation einer Abstraktion ist eine einsame Sache. Wo noch ein Stuhl zu sehen ist, da sehen alle einen Stuhl (jedenfalls alle, die einen Stuhl kennen), wo nichts zu sehen ist, da bleibt jeder mit seiner Interpretation alleine zurück.
Ich kann hier also meine Interpretation des Bildes nur anbieten, sie hat angesichts der Verschwindung des Bildes keine Grundlage, keine gemeinsame Basis. Jeder wird mit seiner eigenen Interpretation auskommen müssen. Für mich ist das Bild des Kontrastes ein Bild unserer Zeit, ein Bild der Digitalisierung, nur Nullen und Einsen. Keine Grautöne nirgends, keine Differenzierungen, keine Abstufungen, keine Argumente, nur harte Positionen, keine Geschichten, nur Definitionen, nichts Gemeinsames, nur Einsames. Was nicht schwarz ist, das ist weiß, und was nicht weiß ist, das ist schwarz. Schwarz erträgt, um schwarz sein zu können, auch nicht das kleinste Bisschen Weiß, ebenso wie die Reinheit von Weiß nicht einen Tropfen Schwarz erträgt, seiner selbst willen. Überall nur das harte Aufeinanderprallen einer Ultimativität mit einer anderen Ultimativität. Nur noch Nullen und Einsen. Und als würden wir der digitalen Auflösung unserer Vorstellung – und damit unserer Welt – fast hysterisch entgegenwirken wollen, produzieren wir einen solch gigantischen Überfluss an Bildern (wohlgemerkt: alles digitalisierte Bilder), dass das Verschwinden der Bilder, so die hilflose Hoffnung, unbemerkt bleiben möge. Witzigerweise verschmelzen an dieser Stelle die beiden Techniken des Verschwindenmachens, der Kontrast und die Wiederholung. Wie auch immer, die Welt ist weg, sie ist verschwunden.

28.5.2014

Das Leben

Auch größte Anstrengung, dem Leben etwas abgewinnen, übrigens eine in sich schon verräterische Formulierung, als wäre einem das Leben etwas schuldig, als würde das Leben dem Lebenden sozusagen das Leben selbst vorenthalten, man also gezwungen sei, dem Leben etwas abringen zu müssen, obgleich man das natürlich so sehen kann, es aber selbstverständlich auch genau gegenteilig gesehen werden kann, das steht außer Zweifel, auch wenn hier sich die Lebenden noch nie einig waren, wie das zu lebende Leben gesehen werden will oder soll, wahrscheinlich eine Charakterfrage, was aber hier nicht zur Debatte stehen soll, denn worauf das Augenmerk gerichtet sein will, ist, dass auch größte Anstrengung, dem Leben einen Sinn abgewinnen zu können, von wenig Erfolg, womit eine weitere, zumindest problematische, Vokabel auf den Plan tritt, die einen keineswegs allgemeingültigen oder auch nur zu verallgemeinernden Standpunkt verrät, denn Erfolg und Leben stehen bekanntlich in keinem kausalen, man kann sogar behaupten in keinerlei, Zusammenhang, womit sich natürlich erklärt, warum die oben erwähnten größten Anstrengungen, dem Leben einen Sinn abgewinnen zu wollen, von keinerlei Erfolg gekrönt wurden. Bislang. Und eine der ganz wenigen Vermutungen, die tatsächlich beste Aussichten darauf haben, dass sie auch genau so eintreffen, wie vermutet, lautet: das wird auch so bleiben. Was bleibt, ist Erschöpfung, oder anders formuliert:

Da sieht man wieder mal: Das Leben,
schwankend zwischen hohem Streben
und dem Nagewerk des Zweifels,
trägt die Signatur des Teufels.

6.5.2014

Die Wirklichkeit

Der Anlass war geringfügig. Er war so geringfügig, dass schon nach wenigen Wortwechseln keiner mehr wusste, wie alles angefangen hatte. Dafür aber wurden die Wortwechsel immer heftiger und mündeten in unüberbrückbare Differenzen – und in folgender Erkenntnis …

Der Wirklichkeit ist nicht zu entkommen. Noch niemals ist jemand der Wirklichkeit entkommen. Die Wirklichkeit ist ein Gefängnis. Alle Wirklichkeit ist ein Gefängnis – mit einem einzigen Insassen. Keine Wärter, keine Mitgefangenen, kein Entkommen, ich allein, gefangen in meiner Wirklichkeit. Wobei sich dieses „Ich“ nicht auf mich persönlich bezieht, dieses „Ich“ ist vielmehr eine Verallgemeinerung und meint jedes Ich. Alles was ein Ich ist, ist Gefangenes seiner Wirklichkeit. Jeder und Jede in seiner Wirklichkeit – ohne Aussicht, dieser zu entkommen.
So ist die Wirklichkeit tatsächlich eine sehr einsame Angelegenheit. Jeder sitzt alleine in seiner Wirklichkeit. Kein Wunder also, dass der Mensch versucht, sich in der Einsamkeit seiner eigenen Wirklichkeit, die Wirklichkeit eines oder einer anderen vorzustellen, zu imaginieren, ja sogar zu verstehen, einfach um Gesellschaft zu haben. Alle versuchen Teil einer anderen Wirklichkeit zu sein, was aber selbstverständlich nur aus der eigenen Wirklichkeit heraus versucht werden kann und somit doch nur wieder Teil der eigenen Wirklichkeit ist, was natürlich nichts, beziehungsweise nur imaginär, etwas mit einer anderen Wirklichkeit zu tun hat. Wie gesagt, der Wirklichkeit ist nicht zu entkommen. Wie man es auch dreht und wendet. Die Wirklichkeit ist ein hermetisch abgeschlossener Raum. Und zwar ein Innenraum! Denn nicht einmal der Blick auf die eigene Wirklichkeit, also diese so zu sehen, wie man sie von außen sehen würde, wenn man das könnte, also aus der Perspektive der anderen Wirklichkeiten, gelingt. So bleibt die eigene Wirklichkeit ein hermetisch abgeschlossener Innenraum und ist somit, logischerweise, ein Irrtum. Denn es ist ein Irrtum zu glauben, dass die Wirklichkeit, so wie der Einzelne sie sieht, tatsächlich die Wirklichkeit wäre. Man kann es nicht anders sagen: Die Wirklichkeit ist ein Irrtum und sie ist hoffnungslos …
Und an der Stelle kam es dann zu der Erkenntnis, dass es anders gereiht funktionieren könnte: Die Wirklichkeit ist hoffnungslos – aber wenigstens ein Irrtum.

17.4.2014

Die Frage

zum 450sten Geburtstag von William Shakespeare

Der Mensch ist, so weit bekannt, die einzige Spezies auf diesem Planeten, die in der Lage ist, sich Fragen zu stellen. Es ist zumindest schwer vorstellbar, dass sich die Kuh auf der Weide die Frage nach der Sinnhaftigkeit ihres Kuhseins stellt. Selbst Fragen von weit geringerer Tragweite (beispielsweise: welches dieser köstlichen Kräuter fress’ ich denn heute?) scheinen ausgesprochen unwahrscheinlich. Das Fragen scheint dem Menschen vorbehalten zu sein. Die Frage ist also daher: Was ist eigentlich eine Frage? Nun, eine Frage zu stellen bedeutet, mehr oder weniger, etwas in Frage zu stellen. Zu Zweifeln. Der Charakter, mithin das Wesen der Frage ist der Zweifel. Der Charakter, das Wesen des Menschen also ist der Zweifel.

Als beispielsweise Galileo Galilei vor 450 Jahren begonnen hat zu zweifeln (und zwar genau am 15. Februar 1564), änderte er damit das Weltbild der gesamten Menschheit, so dass der andere Berühmte dieses Jahrgangs, nämlich William Shakespeare (vermutlich 23. April 1564, über das genaue Datum herrschen allerdings Zweifel), nicht anders konnte, als seinen Hamlet konstatieren zu lassen: „Die Zeit ist aus den Fugen.“ Wo die Weisheit des einen mit Zweifeln alles ins Wanken brachte, blieb der Weisheit des Anderen nichts weiter übrig, als verzweifelt das Wanken aller Ordnung als Prinzip anzuerkennen. Es war also Shakespeare (wer sonst), der die Frage und das dadurch verursachte Wanken als grundlegendes Menschsein verstanden hat.

Es sind allerdings Zweifel angebracht, ob Shakespeare das wirklich so gemeint hat, wie unsere deutschen Übersetzungen (seit Schlegel) vermuten lassen. Im englischen Original sagt Shakespeare nämlich (durch Hamlets Mund natürlich) „The time is out of Joint.“ (Ich will es mal frei übersetzen mit: Zur Zeit ist das Gras ausgegangen.) Und an der Stelle will ich noch einmal auf die Kuh zu sprechen kommen. Vielleicht, so muss sich der Mensch in seinem Selbstverständnis als Mensch fragen, fragt sich die Kuh ja doch, welche Kräuter wohl die sinnvollsten wären … Möglicherweise ist die Kuh in dieser Frage dem Menschen ja sogar voraus. Denn, so lässt sich der Originaltext eben auch verstehen, wenn dem kuhblöden Menschen der Joint ausgeht, ist alles in seinem Wanken verhaftet und alles bleibt immer so, wie es ist, nichts bewegt sich. Und hier muss dann doch noch einmal Galilei zitiert werden, der folgendes trotzige Wort in den Zitatenschatz einspeiste: „Und sie bewegt sich doch.“ Ob er damit die Kuh, die Zeit oder die Menschheit meinte, wissen wir nicht. Aber was wir wissen, ist, dass alles was sich bewegt, sich auf sein eigenes Ende hin bewegt. Das steht außer Frage.

9.4.2014

Die Sonne blendet mit Frühling. Eine Blendung. Denn es ist nicht Frühling. In den Zeitungen dräut die Wirklichkeit. Es ist Herbst. Ja, es ist Herbst, deshalb ein Herbst-Gedicht.

Herbst

Jetzt, da sich der Regen weidet
am zerlaufenen Gesicht
und man sich das Jahr ankreidet
wird mir mein Gemüt so schlicht.

Jetzt, da sich der Regen brüstet
allen Trost hinweg geschwemmt zu haben,
jedwede Träne danach dürstet
sich an meinem Leid zu laben.

Jetzt, da selbst der Regen endet
hinterm Horizont der Launen
scheint das Jahr, für wahr, verschwendet,
nur dass es kurz war macht mich Staunen.

Schwermut lungert in den Wiesen,
die da nebelnd Trauer tragen,
es ist Zeit zum Hasenschießen …

T’schuldigung, so geht das nicht, so kommen wir zu keinem brauchbaren Ende. Also den letzten Reim noch mal:

Schwermut lungert in den Wiesen,
die da nebelnd Trauer tragen
blick ich zurück, will’s mich verdrießen
blick ich nach vorn, muss ich verzagen.

Ja, es ist der Herbst in diesen Frühlingstagen…

3.4.2014

Also …

… so was!

Man muss auf der Hut sein vor einer Sprache in der das Wörtchen „also“ vorkommt.

Der Erfinder (oder Entdecker, in dieser Frage bin ich unschlüssig) des „also“ war übrigens ein Franzose: René Descartes (1596 – 1650) 1. Sein berühmtes Diktum „cogito ergo sum“ (Ich denke also bin ich) darf als Geburtsstunde des „also“ gelten. Das „ergo“ (also das „also“) ist nämlich die eigentliche Aussage dieses Satzes. Denn das „also“ (lateinisch „ergo“) definiert die Fähigkeit Rückschlüsse zu ziehen – und genau darin liegt die Bedeutung und Tragweite dieses Satzes.
Das „also“ macht also den Menschen zum Menschen. Eine Fatalität in dreifacher Hinsicht:

1. Weil der Mensch Rückschlüsse ziehen kann, tut er das auch – er zieht also aus allem seine Rückschlüsse, und zwar genau so, wie er das nun mal tut, nämlich sehr persönlich. Der Mensch ist daher all so, wie er denkt. Das große und ganze Alles wird (all so) zu einem sehr spezifischen So. Im „also“ verbindet sich also auf tragische Weise das Allgemeine mit dem spezifisch Persönlichen. Und so ist dem kleinen Einzelnen dann eben sein „so“ die Bedeutung „al“l der großen Welt.

2. Zieht der Mensch daraus allerdings den Rückschluss, dass seine Rückschlüsse zu spezifisch sind um einer allgemeinen Gültigkeit gerecht zu werden, dann ist das „also“ nur ein erschöpftes sich Zurücklehnen und erkennen, dass die Welt für einen jeden all so ist, wie sie eben ist. Der Mensch macht sich damit zum Zuschauer, zu einem nicht handelnden also einfachen Lebewesen. Und genau das verbietet die Rückschlussfähigkeit des „also“. Denn die Rückschlussfähigkeit ist letztlich

3. auch ein Rückschlussgebot. Das verursacht schlechte Laune. Denn ein Rückschluss beinhaltet immer auch die Möglichkeit, dass es auch anders sein könnte. Der Gegenstand des Rückschlusses (also alles) ist im Sinne des Rückschlusses nur die Auswirkung einer Ursache, was wiederum den Rückschluss nahelegt, dass es die Möglichkeit (wenn nicht sogar die Notwendigkeit) gibt, Einfluss auf die Ursachen zu nehmen um so die Auswirkungen und damit das Alles zu verändern. So gesehen ist die Welt dann die Summe aus dem, wie jeder Einzelne sie gerne all so hätte. Das „also“ ist somit (oder also) die Keimzelle der Unzufriedenheit.

Egal, wie man es dreht und wendet, das „also“ bleibt stets sowohl größenwahnsinnig (alles umfassend) als auch kleinkariert (nämlich alles genau so definieren zu wollen, wie es all so sein soll). Eine Sprache in der es ein „also“ gibt, sollte also unbedingt vermieden werden.

1 Descartes hat dieses Diktum zwar auf lateinisch verfasst, was damals eher üblich war für Sätze solchen Ausmaßes, aber er war des Deutschen sehr wohl mächtig, hätte es also auch auf Deutsch schreiben können. Dass er es nicht auf Deutsch verfasst hat, legt die Vermutung nahe, dass er bereits ahnte, welche Wirkung dieses „also“ entfalten könnte.

26.3.2014

Tragischer Vorfall Nr. 89

Als er seinen Vater das erste Mal sah, saß der, also der Vater, hinter Gittern.

Als er seinen Vater das zweite Mal sah, saß er, also er selbst, hinter Gittern.

Nachdem er seinen Vater ein drittes Mal gesehen hatte, wurde er nicht wieder gesehen.

19.3.2014

Mutter

Anlässlich einer beinahe stattgehabten Diskussion mit einer Mutter über ihren dreijährigen, hochbegabten Sohn

Der Mensch wird in einem dermaßen halbfertigen, rudimentären Zustand von seiner Mutter in die Welt geworfen, dass diese eigentlich beim Anblick eines solch mangelhaften Produktes einen ordentlichen Schrecken bekommen und bei genauerer Betrachtung in Zorn geraten müsste. Denn bei seiner Geburt steckt der Mensch noch tief im embrionalen Entwicklungsstadium. Er ist, im Vergleich zu allen andern Neulingen, außergewöhnlich mangelhaft, kaum mehr als ein zappelnder, schreiender Klumpen, vollkommen untauglich für ein Leben außerhalb der Mutter, unfertig in jeglicher Hinsicht. Und das nicht nur für ein paar Stunden oder ein paar Tage, wie bei anderen Spezies, nein, dieser Zustand der Unfähigkeit, des tatsächlich Untauglichen, des Mangelhaften dauert über viele Jahre hinweg an und ist nichts weniger als das wesentliche Charakteristikum der Spezies Mensch. (Womit eigentlich gesagt sein soll, dass der unfertige Zustand das gesamte Leben über andauert.) Der Mensch betritt die Welt als ziemlich grobe Skizze, als fehlerhaftes Fragment und als solches, als ganz und gar Unfertiges, beginnt er daher erst nach der Geburt seine eigentliche Entwicklung – und zwar außerhalb der Mutter. Damit hat aber diese Entwicklung (also die spezifisch menschliche Entwicklung) ihren eigenen und, wie gesagt, ganz spezifisch menschlichen Charakter. Denn außerhalb der Mutter bedeutet, dass die Entwicklung dialogisch abläuft. Mutter und Kind stehen in unmittelbaren (und nicht mittelbaren, wie bei der Entwicklung in der Gebärmutter) Dialog. Die unterschiedlichsten Einflüsse auf die Entwicklung, von der Versorgung mit Nahrung über diverse Sinneseindrücke bis hin zu Umwelteinflüssen sind Bestandteil eines aktiven Dialogs zwischen Mutter und Nachwuchs. Die Entwicklung ist nicht mehr nur ein von der Natur programmierter Ablauf, sondern ein gestalteter Dialog, wodurch der unfertige und äußerst mangelhafte Mensch in seiner eigenen Entwicklung als gestaltender Teil mitwirkt.
Dieser Dialog findet allerdings nicht vor einem neutralen Hintergrund statt, nicht im luftleeren Raum stehen hier Mutter und Kind im Dialog, vielmehr ist der Dialog geprägt von seinem Anfang, vom ersten Erscheinen des Unvollkommenen. Wie bereits ausgeführt, müsste eine Mutter, angesichts etwas so absolut Unzulänglichem, Untauglichem, Halbgarem, Mangelhaftem das sie da verfertigt hat, von blankem Entsetzen erfasst werden, sie müsste sich angewidert abwenden und dieses fehlerhafte Produkt, das sie da produziert hat, gleich wieder in die Nahrungskette einspeisen und dafür sorgen, dass es wenigsten als Nahrung anderen zum Überleben dient. Das ist der Hintergrund, vor dem dieser menschliche Dialog der frühen Entwicklung geführt wird. Es ist die Mangelhaftigkeit, die von Anfang an den Dialog bestimmt und färbt. Das Entsetzen und der Zorn der Mutter über des eigene Versagen auf der einen Seite, und das schlechte Gewissen der eigenen (noch unbewusst aber sicherlich schon empfundenen) Unzulänglichkeit, Untauglichkeit auf der anderen Seite. Schuld, Vorwurf, schlechtes Gewissen, Vorwurf, Schuld … sind das Muster des Dialogs des menschlichen Seins, sozusagen das Hintergrundrauschen der Kultur.
Eine Mutter schenkt ihrem Nachwuchs also nicht nur das Leben, (ohnehin nur eine pathosschwangere Verkitschung der tatsächlichen Zustände), eine Mutter schenkt ihrem Kind vor allem die Unzulänglichkeit. Eine Mutter ist immer auch die Mutter des Unvollkommenen, des Unfertigen, sie ist die Mutter der Mangelhaftigkeit. Zwar liegt im Unfertigen eine enorme Gestaltungskraft, denn was noch nicht fertig ist, bietet Raum es zu vollenden.
Allerdings ist das Unfertige immer auch die Leerstelle, die Lücke zum Fertigen. Einerseits speist das Unfertige Phantasien, Hoffnungen
und Wünsche, ist Motivation das Unvollkommene zu vervollkommnen. Andererseits ist jeder Schritt hin zu einer Vervollkommnung immer nur ein Hinweis auf das Unvollkommene. Zwar kann der Mensch versuchen, die Lücke zwischen Unvollkommenheit und Vollkommenheit zu schließen, er wird aber mit jedem neuen Versuch immer nur das Wissen über die Unvollkommenheit spüren.
Anders als andere Spezies, die mehr oder weniger schon fertig sind und daher kaum noch Spielraum zum eigene Gestalten haben, also auf genetische Mutationen warten müssen bis sich etwas ändert, kann der Mensch ob seiner Unfertigkeit tatsächlich selbst Hand anlegen. Diese Leerstelle, die das Unvollkommene eröffnet, ist angefüllt mit dem, was wir so als typisch menschlich kennen: Verzweiflung, Enttäuschung, Versagen, Scheitern. Anders gesagt: Die Natur ist perfekt, aber die Mangehalftigkeit ist Kultur.

12.3.2014

Das Missverständnis …

… ist ohne Zweifel ein ganz besonderes Wort – und, nebenbei bemerkt, eines meiner Lieblingsworte.

Es ist nicht bekannt aus welchen Vokabeln der erste zusammenhängende Satz der Menschheit bestanden hat. Die Vermutung liegt aber nahe, dass es so einen ersten Satz niemals gegeben hat, sondern dass sich das alles langsam und mehr oder weniger kontinuierlich entwickelt hat. So wie wir es auch heute noch von dem einzelnen Menschen kennen, der ja auch nicht gleich mit ganzen Sätzen beginnt, sondern zumeist mit einem zu Beginn kaum verständlichen „Mama“. Und da haben wir schon das erste Missverständnis. Denn nur die in Liebe und stolzer Begeisterung ob der Genialität ihres eigenen Kindes verzückte Mutter kann diesen einfachen, ja sogar primitiven „aaa-“ Laut, der lediglich durch banales Öffnen und Schließen des Mundes rhythmisch unterbrochen ist, als Wort erkennen. Und obendrein auch noch als ein Wort, mit dem sich die, wie gesagt verzückte, Mutter persönlich angesprochen fühlt. Aus purer Einbildung und hormoneller Verzückung „versteht“ die Mutter, sie versteht aber nur das, was sie hören will, vollkommen unabhängig von dem, was gemeint sein könnte, wenn überhaupt etwas gemeint sein könnte. Das ist aber nicht nur ein Missverständnis, das ist darüber hinaus auch das Geheimnis der Sprache selbst, ja sogar überhaupt der menschlichen Kommunikation. Unsere Kommunikation funktioniert so und nur so, nicht trotz der Missverständnisse, sondern eben weil es eine Abfolge von Missverständnissen und missverständlichen Verständnissen ist.

In dem Wort „Missverständnis“ vereinen sich quasi Wesen, Funktion und Entwicklungsgeschichte der menschlichen Sprache. Denn durch die anatomische Konstruktion des menschlichen Rachens und damit die physiologische Fähigkeit, Laute in Sprache umzubilden, wird der Raum für Missverständnisse überhaupt erst eröffnet. Jedes Wort ist ein potentielles Missverständnis, das durch weitere Worte, also weitere potentielle Missverständnisse, ausgeräumt werden muss. So bildet und entwickelt sich die Sprache entlang der von ihr selbst produzierten Missverständnisse zu einem komplexen Gebilde von eben solchen. Sprache und Missverständnis sind genau betrachtet also Synonyme.

Natürlich ist auch das Wörtchen „Missverständnis“ selbst nichts weiter als ein Missverständnis. (Das können nicht viele Vokabeln von sich sagen, dass sie selbst auch das sind, was sie bezeichnen. Nehmen Sie beispielsweise nur das Wort „Brot“. Aus dem Wort „Brot“ wird nie und nimmer tatsächlich ein Brot, es bleibt immer nur ein Wort, eine Bezeichnung.) Das Missverständnis bezeichnet also nicht nur etwas, es ist auch selbst das, was es bezeichnet, es ist also sowohl das Bezeichnende (Signifikant) als auch das Bezeichnete (Signifikat). Das Missverständnis am Missverständnis ist, dass es suggeriert, es gäbe auch ein Verständnis. Aber bei allem Verständnis dem Willen zum Verstehen gegenüber, jeglicher Versuch des Verstehens, des Verständnisses bleibt doch immer nur ein Versuch. Das Missverständnis hingegen ist nicht nur der ständige Nachweis, dass der Versuch des Verstehens, des Verständnisses scheitert und scheitern muss, das Missverständnis hält das System von Versuch und Scheitern routiniert am Laufen. Anders gesagt: Ich spreche, weil ich nicht verstanden werde. Oder auch: Ich spreche, um nicht verstanden zu werden.

In unserer Welt der Sprache ist das Missverständnis überlebenswichtig. Gerade bei den Sprachführern, die wir auch als Meinungsführer kennen (beispielsweise Politiker), ist zu beobachten, dass immer dann, wenn sie einmal tatsächlich in ihrer Absicht verstanden werden, sofort darauf hinweisen, dass das eben Gesagte ein Missverständnis sei.

27.2.2014

So ein Irrsinn

Im Norden von London, nahe der Bahnstation New Southgate, nördlich des Muswell Hill Golf Course, gibt es ein bei Prominenten, Stars und anderen Reichen sehr beliebtes neues Wohn-Areal, im Victorianischen Stil erbaut, von hohen Mauern umgeben, sehr exklusiv und mit eigenem Fitness-Club unter der zentralen Kuppel der Anlage. Diese Anlage ist eine ehemalige Irrenanstalt. !851 wurde sie von Königin Victoria eröffnet, gedacht als soziales Vorzeigeprojekt war sie schon bald nur noch eine Verwahranstalt für alles, was man glaubte in der Gesellschaft nicht brauchen zu können, Landstreicher, Alkoholabhängige, Alte, Frauen die unverheiratet schwanger wurden, der „Abfalleimer der Gesellschaft“, wie ein Artikel im „British Journal of Psychiatry“ (gegründet 1853) die Anstalt seinerzeit lobte. Damals wie heute stehen die Insassen unter Bewachung. Daraus leitet sich der notwendige Schluss ab, dass der Irrsinn ein schützenswertes Gut ist.

Nun, die Betrachtung der Wirklichkeit lässt zwar Überlegungen zu, die den Irrsinn (oder auch das Irresein) im Wandel der Zeit beleuchten, es ergibt aber noch keine schlüssige Erklärung, was denn der Irrsinn recht eigentlich sei. Mehr Aufschluss gibt da schon die Besonderheit der deutschen Sprache, nämlich die Möglichkeit Wortzusammenstellungen, sogenannte Komposita zu bilden. Irrsinn ist ein solches Kompositum: Irr-Sinn. In dieser Komposition liegt bereits ein Teil der Erklärung. Denn einerseits weißt es darauf hin, dass die Sinne den Menschen zuweilen und gerne in die Irre führen, andererseits betont es, dass der Sinn selbst, also die Sinnhaftigkeit an sich ein Irrtum ist. Genauer: Der Sinn des Lebens ist – irr! Leben heißt irren. Die Aufgabe (und damit der Sinn) des Lebens ist – sich zu irren. Das ist der Irrsinn.

So weit die eine Seite des Irrsinns. Vollständig wird der Irrsinn jedoch erst, wenn wir zur Betrachtung noch seinen sprachlichen Zwilling hinzuziehen, den Wahnsinn. Wobei, wie nicht anders zu erwarten, es natürlich ein Irrtum ist zu glauben, Irrsinn und Wahnsinn wären Geschwister, auch wenn sie sich in der Sprache so verhalten. Aber nicht die Ähnlichkeit ist von Bedeutung, sondern der Unterschied. Irrsinn und Wahnsinn sind keineswegs, wie der allgemeine Sprachgebrauch vermuten lässt, mehr oder weniger das Gleiche. Im Gegenteil. Das eine ist das Gegenteil des anderen. Denn was den Irrsinn ausmacht ist die Verwirrung, die Irrung, das hilflos einem Irgendetwas ausgeliefert sein, also die Ziel- und Ratlosigkeit, die Abwesenheit von Richtung, Klarheit und Vernunft. Umherirren, verwirrt und irritiert sein, das ist der Irrsinn. Der Wahnsinn hingegen definiert sich von der klaren Vorstellung her, also genau dem Gegenteil der Irre. Der Wahn hat seinen Sinn in der Überzeugung, also darin genau zu wissen, wo es lang geht und was passieren wird. Der Wahnsinnige irrt nicht, der Wahnsinnige kennt keinerlei Verwirrung. Der Wahn hat eine klare Richtung, lässt sich durch nichts und niemanden beirren, bleibt trotz aller Umstände und immer unbeirrt. Wahn bedeutet, eben diesem (Wahn nämlich) unbeirrt zu folgen.

Draußen herrscht der Wahnsinn, wir kennen das alle, das ist unsere Kultur, unser Alltag, wir alle, solange wir draußen bestehen, haben Ziele, Vorsätze, Überzeugungen, wir kennen die Richtung und uns aus, laufen unermüdlich in unseren Hamsterrädern, wir funktionieren – was für ein Wahnsinn! Drinnen hingegen sollte der Irrsinn gepflegt werden, er widerspricht unserer Kultur, er stellt alles in Frage, ist selbst nichts als Frage und jede Antwort wird nicht als Lösung sondern nur als neue Irritation wahrgenommen. Wo der Mensch denkt, also tatsächlich denkt, nämlich in sich drinnen denkt, (und eben nicht das denkt, was von draußen schon vorgedacht, also ausgerichtet ist), da hat der Mensch so seine Erkenntnisse – der reine Irrsinn! Anders gesagt, Wahnsinn ist die blinde Gefolgschaft, Irrsinn hingegen die pure Erkenntnis. Es ist daher klar, dass der Irrsinn ein schützenswertes Gut ist. Wahrscheinlich gibt es deshalb auch nur Irrenhäuser und keine Wahnhäuser.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 27.2.2014