Verwundert und enttäuscht beobachtet ein Schriftsteller die Reaktionen auf die ersten kleinen Demonstrationen zu Beginn der syrischen Revolution, die in der südsyrischen Provinz und gleichnamigen Stadt Suwaida stattfanden. Obwohl die Demonstranten für Freiheit und Würde auf die Straße gingen, obsiegte bei der Mehrheit der drusischen Bevölkerung die Angst vor der Ausbreitung eines radikalsunnitischen Islam.
Eindringlich schildert Mamdoh Azzam in seinem Essay die bedrückende Atmosphäre der Angst in der Stadt, die zu einer tiefen Spaltung der Gesellschaft führte.

aktueller originaltext

Sie schießen auf die Freiheit!

Von Mamdoh Azzam

Die ersten Monate der syrischen Revolution versetzten den Schriftsteller in Angst und Schrecken. Die Menschen, die die tunesische, ägyptische, libysche und jemenitische Revolution gefeiert hatten und die seiner Erwartung nach die Revolution in Syrien entfesseln würden, hielten sich nicht nur zurück, sondern verkündeten sogar ihre offene Feindschaft gegen sie! Weil es „Sunniten“ seien, von denen die Revolution ausginge.

Die Drusen fürchteten sich vor den langbärtigen Sunniten und wollten nicht wahrhaben, dass es keine Bärtigen waren, die nach Freiheit riefen. Die Blumen von Daraiya, den Streik von Douma oder die Verletzungen der Stadt Deraa wollten sie nicht sehen. Stattdessen zogen sie sich auf eine künstlich erzeugte Angst zurück und versuchten sich in ihrem Gebiet zu verschanzen.

Schließlich kam noch einer zu ihnen und sagte: „Die Revolutionäre kommen aus den Moscheen!“ In diesem Moment, als die Furchtsamen diese Warnung vor den Moscheen in Umlauf brachten und die Anhänger der Revolution beschimpften, gewann der Name „Adonis“ 1 erstmals in der Geschichte der arabischen Moderne an Popularität im syrischen Volk.

„Fürchtet euch nicht vor den Moscheen, denn die Revolutionäre haben ihre Bestimmung geändert“, versuchte der Schriftsteller die Sachlage zu erklären. „Der Ort wird nun nicht nur für Niederwerfung und Anbetung genutzt, sondern auch, um Freiheit und Würde zu fordern. Hört, was sie dort sagen, wo sie ihre Demut vor Gott bekunden: 'Lieber sterben, als erniedrigt werden!'“ Seine Beredsamkeit kam dem Schriftsteller indes nicht zu Hilfe, denn er musste erkennen, dass sie sich in Suwaida bereits lautstark entschieden hatten: „Nein zur Revolution!“.

Dies sind nur flüchtige Bilder aus den ersten Monaten der Protestbewegung. Die Mehrheit der Gesellschaft von Suwaida war nicht einverstanden mit dem, was im Land geschah. Die syrischen Massen, die das nahezu ein halbes Jahrhundert währende Schweigen gebrochen hatten, beeindruckten sie nicht, weder jene in ihrer Nachbarschaft – das heißt in Deraa, wo die Revolution ihren Auftakt genommen hatte -, noch in Homs oder in anderen syrischen Städten.

Der Schriftsteller sah sich mit verstörenden Fragen konfrontiert: „Was würden sie danach tun? Was würde mit einer Gesellschaft geschehen, die über achtzig Jahre lang ihre eigene Revolution gegen die französische Besatzung besungen hatte? 2 Was würde aus ihren Lobgesängen über diese frühere Revolution werden?“ Diese Fragen stellten sich dem Schriftsteller, als er sah, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung in der Stadt und im Umland dazu entschieden hatte, nein zu sagen, nein zur gegenwärtigen Revolution! Und dass nur eine Minderheit von ihnen die Revolution guthieß!

Doch sie beschränkten sich nicht darauf, der Revolution die Unterstützung zu versagen, nein, sie bündelten auch ihre Energien, um sie zu verurteilen. Und, um über ihre wichtigste Forderung zu lästern: Der Forderung nach Freiheit!

Ist es nicht unglaublich, dass ein neunjähriges Mädchen, nachdem es von seiner Lehrerin eine demagogische Lektion erteilt bekommen hat, ein Kind mit einem Plakat malt, auf dem der Spruch: „Nein zur Freiheit!“ geschrieben steht! Vor den Augen des Schriftstellers korrumpierte die Realität die Fantasie, und die Macht des Faktischen setzte die Möglichkeiten des Normalen außer Kraft.

Andererseits hatte früher die Mehrheit der Stadtbevölkerung von Suwaida über Isolation und Benachteiligung in ihrer syrischen Heimat geklagt. Die Menschen hatten sich beschwert über Unrecht und Unterdrückung und die der Not geschuldete erzwungene Emigration in die Erdölstaaten. Jetzt, nach Beginn der Revolution, schienen sie sich nach Festungsmauern zu sehnen, hinter denen sie sich verschanzen konnten. Die Mehrheit wollte nicht, dass der Aufruhr des syrischen Volkes zu ihnen gelangt. Die Mauer, die sie errichteten, sollte die Sprüche, Schreie und Rufe von ihnen abhalten.

In welchen seelischen Tiefen war diese plötzlich aufgekommene Geisteshaltung vergraben gewesen, fragte sich der Schriftsteller. Wie konnte das sein? Das hatte er sich nicht erhofft. Er hatte zwar geahnt, dass sich die Menschen vielleicht selbst demütigen und dass sie schweigen würden, doch hatte er fest daran geglaubt, dass dieses Schweigen die Ruhe von Vulkanen sei, die Stille vor dem Sturm.

Aber was er nun sah, konnte er nicht glauben. Nachdem die Massen auch nur die Möglichkeit einer Revolution in der Stadt geleugnet hatten, musste er mit ansehen, wie manche sich freiwillig dazu hergaben, jenen die Hände zu brechen, die die Revolution unterstützten. Ganz konkret, und nicht im übertragenen Sinne. Hunderte, die sich schon bald die tödliche Bezeichnung „Schabbiha“ 3 zulegten, schickten sich an, die Demonstrationen in der Stadt zu zermalmen.

Also gab es auch hier Unterstützer der Revolution? Ja. Eine Minderheit von Frauen und Männern, jungen und alten, die losgestürmt waren, um die Sphäre des Verbotenen zu durchbrechen, und die sich im Zangengriff befanden zwischen Bevölkerung und Obrigkeit.

Nun ist die Gesellschaft gespalten. Doch eigentlich war sie niemals vereint, auch wenn sie in den höchsten Tönen den Zusammenhalt der Stammesgesellschaft beschworen hatte.

Es ist eine befremdliche Spaltung, und eine schmerzliche dazu. Denn nicht Dialog ist heute das Mittel, um den jähen politischen Streit zu schlichten, sondern Barrikaden beherrschen die Szene. Schlimmer noch! Nun konnte der Schriftsteller beobachten, wie der Bruder den Stock auf dem Kopf seines leiblichen Bruders zerschlug und wie verwandtschaftliche Bindungen ihren Zusammenhalt verloren.

Der Schriftsteller könnte etliche Szenen mit gewalttägigen Vorkommnissen beschreiben, in denen die Loyalen gegen ihre Verwandtschaft vorgingen. Männliche Tapferkeit, Anständigkeit, Hilfsbereitschaft gegenüber dem Gast und das Verbot, Frauen auf offener Straße zu schlagen, all diese Werte, derer sich diese Gesellschaft lange rühmte, sind dahin.

Ketten, Elektrostöcke sowie Knüppel aus Holz und Plastik setzten der Sehnsucht des Schriftstellers und dem Eifer der Demonstranten ein Ende. Über wen würde er morgen schreiben? War es tatsächlich möglich, dass junge Waisenknaben ein Café der Opposition in Suwaida zerstörten und auf dem Bürgersteig die im Café ausgestellten Bücher aufhäuften und verbrannten? Hatte es Ähnliches irgendwo auf der Welt schon einmal gegeben? Hatten sie wirklich die Waisenkinder zu genau diesem Zweck herangekarrt?

Doch die Knüppel stillten den Rachedurst der Hasserfüllten nicht. Als sie merkten, dass sie seinen revolutionären Bruder mit Schlägen nicht zurückhalten und seinem Freiheitsdrang nicht Einhalt gebieten konnten, gingen sie dazu über, ihn zu denunzieren. Der in Panik geratene Bürger war tatsächlich freiwillig und ohne Gegenleistung dazu bereit, sein Gegenüber bei den Sicherheitsapparaten des Regimes zu verleumden! Und dies, obwohl er nur allzu gut wusste, was es für den Verdächtigen bedeutete, in deren Zellen zu landen!

Und es war noch eine weitere Entwicklung zu beobachten. Frauen, deren Aufenthaltsort gewöhnlich die Küchen waren und die über keinerlei Erfahrung in Sachen Revolution verfügten, hatten doppelt soviel Angst wie die Männer. Sie, denen es nicht an Ketten und Fesseln mangelte, fürchteten, dass die angebliche Radikalität der Sunniten ihnen noch mehr Fesseln anlegen würde, und so erklärten auch sie der Revolution den Krieg. Einen Krieg der Worte, voller Hass und Zorn – und manche zauderten nicht, ihn gar mit Händen und Füßen zu führen. Sie unterstützten den Krieg mit einer von Angst inspirierten Fantasie, die schier unglaubliche Geschichten voller Verbrechen und Blut, voller Schandtaten und Sündhaftigkeiten hervorbrachte. Solch eine angstbesessene Fantasie unterwirft sich weder den Regeln des Verstandes noch der Logik, sie ist nur offen für Berichte über Gräueltaten, um den Hass auf den Feind zu rechtfertigen – oder, um einen Feind zu finden, den man hassen kann.

Aber nicht nur ihre Stimmen erhoben sich, auch die Decke des Verbotenen wurde durch die Revolution aufgehoben, so hoch, bis ihre Fantasie keine Grenzen mehr kannte und sie sogar begannen, die blauen Augen des Führers in aller Öffentlichkeit zu preisen, ihre Bewunderung über seine traumhafte Eleganz zum Ausdruck zu bringen und sein Foto an den Rand des Spiegels zu stecken, um ihn stets wie einen Vater, Geliebten und begehrten Ehemann zugleich bewundern zu können.

Irgendwann konnte der Schriftsteller seinen Lieblingssport nicht mehr ausüben: den Spaziergang durch die Straßen der Stadt. Knaben und pubertierende Jungen missbrauchten die Straßen mit ihren Motorrädern und verpesteten die Luft mit Abgasen aus offenen Auspuffrohren. Die Karren der „Schabbiha“, die Zigaretten, Kleidung, Spielzeug, Elektroartikel und den letzten Schrei an Fernbedienungen aus chinesischer Produktion verkaufen, hatten die Gehsteige und Straßen in Besitz genommen, während die Stimmen der Verkäufer den Himmel eroberten.

Er wollte einen Polizisten um Hilfe bitten und musste feststellen, dass dieser die Verstöße und Übertretungen überwachte, indem er die Augen verschloss und sein Gesicht von dem Gestank und dem lauten Geknatter der Motorräder abwandte. Der Hüter des Gesetzes wollte die Karren der Verkäufer nicht sehen, die sogar ihn daran hinderten, den Fuß auf den Gehsteig zu setzen. Auch sein Kollege von der Verkehrspolizei übersah absichtlich die Kolonnen von Autos, die die rote Ampel ignorierten.

Versuchen die Loyalen neue Regeln zu schaffen, die das Verbotene für legal erklären, weil es ihnen als den neuen Verfechtern des Patriotismus Fesseln anlegen würde? War das der Grund, warum die Kekse und Kaugummi verkaufenden Hüter der Straßen ein Spektakel veranstalteten und auf offener Straße eine Frau verprügelten, die demonstrierend vor dem Rathaus stand, um die Freilassung ihres verhafteten Sohnes zu fordern? Sogar das Kopftuch rissen sie ihr in Anwesenheit von Ladeninhabern, Passanten und untätig dastehenden Polizisten herunter, um ihr Haar zu entblößen! Wie abscheulich!

Sie haben ein Tabu gebrochen! Aber wofür? War es die Gier nach Macht? Oder die Neigung zu Untertänigkeit? Sind wir nun, nachdem die Regeln der Gesellschaft verletzt wurden, in die Zeit vor der Herausbildung der Stämme zurückgekehrt? Wie soll man über eine Gesellschaft schreiben, in der Motorradfahrer und Vorbestrafte den Menschen das Recht zugestehen, zu ihrem Land zu gehören und patriotische Gefühle zu empfinden!

Am Ende waren es die Waffen, mit denen die Schabbiha, die Loyalen und die einstigen Banditen den Bewohnern der Stadt den rechten Weg zeigten.

Doch nachdem die friedliche Protestbewegung geendet hatte, legte sich der Lärm in der Stadt. Es ist nicht zu glauben, was friedlicher Protest bewirken kann. Die Angst vor den Blumen, den Flugblättern und den Menschen, die in kleinen Grüppchen Freiheit und Würde forderten, war weitaus größer, als die Angst vor dem Umschlagen der friedlichen Revolution in einen bewaffneten Aufstand.

Die Oppositionellen sind still geworden, sie haben nichts mehr zu tun, denn die „revolutionäre Bewegung“ in Suwaida hat sich als eine Inkarnation 4 der Revolution und nicht als eine wirkliche Unterstützung der revolutionären Bewegung erwiesen. Die humanitäre Hilfe wurde zu ihrem Rettungsring. Indem sie sich in diesem Sektor engagieren, büßen sie für ihre unzulänglichen revolutionären Aktivitäten. Die „Schabbiha“ aber hat sich zu einer Armee entwickelt, die das Nichts bekämpft und erlogene Geschichten über das mögliche Eindringen von Fremden nach Suwaida in Umlauf setzt.

Das einzige Viertel, das sich aufblähte und von den Entwicklungen profitierte, ist das Marktviertel. Was für ein Paradox, dass die gewaltsame Vertreibung, die andernorts stattgefunden hat und zu einer Fluchtbewegung in diese Stadt führte, ein belebender Faktor für den Markt geworden ist! Während sich die Angst der hiesigen Bevölkerung vor der Zukunft in einen Dämon verwandelt hat, laufen die Geschäfte gut.

Nun betrachten alle die Ereignisse so, als ob sie sich in einem Märchen ereignet hätten. Und wären nicht die Toten aus den militärischen Einheiten und aus den Gefängnissen und Inhaftierungslagern angekommen, hätte man meinen können, die ganze Region befände sich im Winterschlaf, als warte sie einfach ab und hoffe.

Was ist das für eine Veränderung? Wie wird der Schriftsteller in Zukunft über Menschen schreiben können, die die gesamte regionale Geografie verändern wollten, um die Geschichte daran zu hindern, bis zu ihr vorzudringen? Vielleicht werden wir sagen, sie haben all das nicht gesehen. Oder wir werden möglicherweise sagen, sie haben es nicht gewusst. Oder wir werden sagen, dass die Revolutionäre nicht wussten, wie sie auf die Menschen hier zugehen und sie ansprechen sollten. Auf jeden Fall aber wird sich dieses eine Bild unvergesslich einprägen: Ein Mann, der sein Gewehr zückt, um auf die Freiheit zu schießen!

1 Adonis ist ein international bekannter syrischer Lyriker, der in Paris und Beirut lebt. Seit Beginn der Revolution hat er mehrmals betont, eine Revolution abzulehnen, die von Moscheen ausgehe.

2 Gemeint ist der Aufstand zwischen 1925 und 1927 gegen die Mandatsmacht Frankreich, auch als „Syrische Revolution“ bezeichnet, die von dem Drusenführer Sultan Al-Atrasch angeführt wurde.

3 „Schabbiha“ werden seit Beginn der Revolution in Syrien die Anhänger des Regimes genannt, die gewaltsam gegen ihre Gegner vorgehen. Über die Herkunft des Wortes wurde viel spekuliert. (siehe u.a. Yassin Al Haj Saleh: „The Syrian Shabiha and Their State“ – www.lb.boell.org)

4 Eine Anspielung auf die drusische Religion, die die Inkarnation kennt.

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

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erstellt am 26.2.2014

Mamdoh Azzam
Mamdoh Azzam
porträt

Mamdoh Azzam

Mamdoh Azzam hat einen Band mit Kurzgeschichten sowie fünf Romane veröffentlicht. Der Roman „Der Regenpalast“ (1998) wurde vom syrischen Kulturministerium verboten. „Himmelfahrt des Todes“ (1989) diente als Vorlage für das Drehbuch zum Spielfilm „Al-Lajat“

Mamdoh Azzam wurde 1950 in dem Dorf Taara in der Provinz Suwaida in Syrien geboren. In Damaskus absolvierte er zunächst eine Lehrerausbildung und studierte dann Arabische Literatur und Sprachwissenschaften an der Universität Damaskus.
Nach einer fünfundzwanzigjährigen Laufbahn als Lehrer widmet er sich seit 1995 ausschließlich dem Schreiben. Der Kosmos, aus dem er in seinen Erzählungen schöpft, ist das Milieu der Drusen, eine religiöse Minderheit, deren Siedlungsgebiet im Süden Syriens, in der Provinz Suwaida, sowie im Libanon und in Israel liegt.

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