Antje Schrupp interviewt für das „Evangelische Frankfurt“ Mohammad Ilyas, den Vertreter der Ahmadiyya-Muslim-Gemeinde im Rat der Religionen.

Religionen im Gespräch

„Man kann Glauben nicht mit Zwang implementieren“

Was heißt Ahmadiyya?

Ahmad war der zweite Name des Propheten Mohammed. Wir verwenden diesen Namen, um uns von anderen Richtungen des Islam zu unterscheiden.

Wieviele Ahmadiyyas gibt es?

Mehrere Millionen, genaue Zahlen gibt es nicht. Die meisten leben in Pakistan, und auch die Mitglieder hier in Frankfurt sind überwiegend pakistanischer Herkunft. Meine Eltern sind aus Pakistan nach Deutschland gekommen, als ich in der zehnten Klasse war. Es gibt aber auch arabisch- oder deutschstämmige Ahmadiyyas. Unsere Gemeinden gibt es überall auf der Welt.

Von vielen Muslimen wird Ihre Glaubensgemeinschaft nicht als Teil des Islams anerkannt. Worin bestehen die Differenzen?

Das pakistanische Parlament hat die Ahmadiyya 1974 aus dem Islam ausgeschlossen. Das hatte aber politische und keine religiösen Gründe. Wir sind auch in vielen Ländern, etwa in Indonesien oder in Afrika, als Muslime anerkannt. Der Unterschied liegt in einem einzigen Punkt: Alle anderen Muslime glauben, dass ein Messias kommen wird, wir glauben aber, dass er schon gekommen ist. Wir sehen Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad, den Begründer unserer Gemeinde, als den verheißenen Messias. Bei allen anderen Aspekten, also was Gebet, die fünf Pfeiler des Islam, den Koran, den Propheten Mohammed betrifft, gibt es keinen Unterschied.

Was war die Lehre Ihres Gemeindegründers?

Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad lebte von 1835 bis 1908 in Qadian, in Indien, damals noch unter britischer Kolonialherrschaft. Er hat den Islam von verschiedenen Verkrustungen befreit, die sich über die Jahrhunderte gebildet hatten. Das sieht man ja in allen Religionen: Im Lauf der Zeit entstehen Traditionen, und es werden Dinge hinzugefügt, die es ursprünglich nicht gegeben hat.

Sind die Ahmadiyyas dann eher konservativ?

Wir sehen den Islam als eine lebendige Religion, die Antworten gibt auf die jeweilige Zeit. Das widerspricht sich aber nicht mit der Rückkehr zu den Ursprüngen. Zum Beispiel hat der Prophet immer wieder betont, dass jeder lesen und schreiben können muss, dass jeder selbst nachdenken soll, und dass der Koran für jede Regel, die er setzt, auch Argumente bietet. Das war immer gültig, aber trotzdem gibt es heute in vielen islamischen Ländern Probleme, die daher kommen, dass die Mehrheit der Bevölkerung weder lesen noch schreiben kann. Und selbst wenn die Menschen den Koran lesen können, verstehen sie den Sinn der Wörter nicht. Deshalb glauben sie einfach, was irgendein Gelehrter ihnen sagt, anstatt selbst zu denken.

Welche Differenzen gibt es noch?

Der Prophet Hadhrat Mohammed hat Gewalt nur als Verteidigung erlaubt. Trotzdem glauben manche Muslime heute, sie müssten Dschihad, einen heiligen Krieg mit dem Schwert, führen. Wir wollen zu dem zurück, was Mohammed gelehrt hat: Dass der größte Dschihad der ist, mit dem eigenen Ego zu kämpfen. Ein anderes Beispiel ist die Stellung der Frau im Islam. In manchen Ländern gibt es noch nicht einmal Schulen für Frauen. Das ist komplett gegen die Lehre von Mohammed. Der Prophet hat ja sogar gesagt, dass man die Hälfte des Glaubens von Aischa lernen kann, also von einer Frau. Ein weiterer Unterschied betrifft den Abfall vom Glauben: Wir sind der Überzeugung, dass der Islam dafür keine Strafe vorschreibt.

Gibt es bei den Ahmadiyyas auch Imaminnen?

Nein, Imaminnen gibt es nicht. Ein Imam hat ja bestimmte Verpflichtungen, die er einhalten muss, zum Beispiel vorbeten. Aber im Islam ist es so, dass Frauen, wenn sie ihre Tage haben, vom Gebet befreit sind. Eine Frau kann Vorbeterin sein, wenn Frauen unter sich sind.

Gibt es denn Kritik daran, wird über die Möglichkeit, Imaminnen zu haben, diskutiert?

Nein, diese Forderung stellt niemand. Man hört ab und zu, dass es in manchen Richtungen diskutiert wird, aber bei uns nicht.

Wie viele Ahmadiyya-Muslime gibt es in Frankfurt?

In ganz Deutschland sind es ungefähr 30.000, die Mehrheit davon, über 15.000, leben im Rhein-Main-Gebiet. Hier in Nieder-Eschbach ist unsere Deutschland-Zentrale, unser Verwaltungszentrum mit einem Fernseh-Studio, Sporthallen, einer Imam-Ausbildung, den Jugend-, Senioren- und Frauenorganisationen. Für all das sind nur zehn Personen hauptberuflich tätig, das meiste wird von Ehrenamtlichen gemacht. Zu dem Gebäudekomplex gehören auch zwei Gebetshallen, eine für Männer und eine für Frauen. Es gibt in Frankfurt aber noch eine andere Moschee, die Nuur-Moschee in Sachsenhausen, die übrigens die älteste Moschee in Frankfurt ist; sie wurde 1959 eingeweiht. Ansonsten haben wir noch vier kleinere Gebetsstätten über die Stadt verteilt.

Wie viele Gläubige kommen in der Regel zum Freitagsgebet?

Hier in Nieder-Eschbach sind wir dann ungefähr 1000, knapp die Hälfte davon Frauen. Auch die Nuur-Moschee ist freitags immer voll, da passen vielleicht 100 Personen hinein.

In welcher Sprache wird das Gebet abgehalten?

Da gibt es ja bestimmte vorgeschriebene arabische Gebete, die jeder Muslim auswendig kann. Freitags gibt es noch eine Predigt, die der Imam hält. Sie wird hier bei uns erst in Deutsch, dann in Urdu gehalten.

Was ist Ihnen an der Religion besonders wichtig?

Jede Religion bietet die Möglichkeit, eine lebendige Verbindung zu ihrem Schöpfer, zu Gott, zu haben. Mir ist wichtig, dass ich diese Beziehung im Alltag spüre, dass es nicht eine bloß in Büchern festgehaltene Ethik und Moral ist. Gott ist heute noch genauso lebendig wie damals, als die Propheten die Offenbarungen empfingen. Ich muss im Alltag spüren, dass Gott da ist, mich hört, wenn ich bete, mir antwortet.

Wie ist die Ahmadiyya-Gemeinde organisiert? Als Verein?

Ja, wir sind ein Verein mit einem auf drei Jahre gewählten Vorstand. Wir haben Mitgliedsbeiträge, man kann wählen, ob man ein Sechzehntel oder ein Zehntel des monatlichen Einkommens zahlt. Daneben gibt es weitere Spenden für bestimmte Projekte, wenn wir zum Beispiel eine Moschee bauen oder Publikationen herausgeben.

Wie wird man Ahmadiyya, durch Geburt?

Ja, zunächst schon. Meine Eltern waren auch schon in der Gemeinde engagiert. Es gibt aber auch viele, die jedes Jahr neu in die Gemeinde eintreten.

Gibt es dafür ein Ritual?

Nein, das ist wie im Islam allgemein. Wenn man sagt: „Ich glaube an den einen Gott und dass Mohammed sein Prophet ist“, und wenn man auch wirklich daran glaubt, dann ist man Muslim. Dafür braucht es kein weiteres Ritual. Und ein Ahmadiyya-Muslim ist man eben, wenn man zusätzlich glaubt, dass Mirza Ghulam Ah­mad der verheißene Messias ist. Genauso ist es, wenn man wieder austritt. Der Koran sagt: Es gibt keinen Zwang im Glauben. Wenn einer aufhört, an den einen Gott und den Propheten zu glauben, dann hört er einfach auf, Muslim zu sein. Man kann den Glauben nicht mit Zwang implementieren.

Das Interview wurde erstmals veröffentlicht im „Evangelischen Frankfurt“

Dr. Antje Schrupp ist geschäftsführende Redakteurin bei „Evangelisches Frankfurt”

erstellt am 06.12.2010

Mohammad Ilyas, fotografiert von Rolf Oeser
Mohammad Ilyas, fotografiert von Rolf Oeser

Mohammad Ilyas von der Ahmadiyya-Gemeinde. Der 36 Jahre alte Informatiker ist dort für den interreligiösen Dialog zuständig.