Arnold, der Protagonist in Jochen Rauschs zweitem Roman, ist im Krieg. Mit seinen nie schweigenden Dämonen, mit seinem nicht nachlassenden Schmerz. Rauschs Roman, der die Geschichte eines scheinbar total gewordenen Verlusts erzählt, ist ein literarisches Ereignis, findet Peter Henning.

buchkritik

„Krieg“

Jochen Rauschs furioser Roman über einen Mann, der im Krieg ist mit sich selbst

Von Peter Henning

Es ist die erschütternde Geschichte eines scheinbar total gewordenen Verlusts, welche der in Wuppertal lebende Schriftsteller Jochen Rausch in seinem zweiten, atemberaubenden Roman „Krieg“ erzählt.

Langsam und wie in Zeitlupe rollen die Ereignisse um den Zivilisationsflüchtling Arnold Steins an,- verdichtet zu Sequenzen und tiefenscharfen Nahaufnahmen eines Menschen, der sich – von den erlittenen Verlusten getroffen wie ein lebensbedrohlich verwundetes Tier – in eine trutzige österreichische Bergregion zurückgezogen hat, um das Wenige zusammenzufegen, was nach dem Tod seines Sohnes Chris und dem seiner Frau Karen noch von seinem alten Leben übrig geblieben ist. Seinen Sohn hat der Krieg im fernen Afghanistan geschluckt, seine Frau hat im winterlichen Eis ihr Leben gelassen, ist eingebrochen und darin ertrunken. Und so fällt Arnolds Bilanz ernüchternd aus: er, der einst als Lehrer arbeitete, hat sich in die Hütte eines Malers zurückgezogen, um, begleitet von seinem Hund namens „Hund“ vom Berg herab Krieg zu führen gegen eine Welt, die er bloß noch als feindlich und zerstörenswert erlebt. Wie es Rausch, der sich bereits in früheren Büchern wie „Restlicht“ (2008) und seiner furiosen Geschichtensammlung „Trieb“ von 2011 als ebenso unerschrockener wie sprachmächtiger Beschwörer unserer Defekte und Traumata erwies, versteht, das in Flammen stehende Innenleben seines waidwunden Protagonisten zum Schauplatz seiner 220 Seiten langen Romanerzählung zu machen, das ist stark. Denn Zug und Zug werden wir Zeuge der inneren Vereisung eines Menschen, der aufgehört hat, an einen fortdauernden Sinn seines Daseins zu glauben. Rausch setzt einen Menschen ins Bild, in dem sich scheinbar sämtliche, bis dato in bestimmenden Werte in ihr Gegenteil verkehrt zu haben scheinen: wo Zärtlichkeit war, wütet Fühllosigkeit; an die Stelle von Hoffnung ist beinharte Leere getreten. Und so beäugt der vom Schicksal Geschlagene seine Umwelt aus den Perspektive eines zum Einzelkämpfer gewordenen Moribunden, der sich umstellt sieht von feinden und Bedrohung. Und als man seinen Hund mit einem Bolzenschussgerät schwer verletzt, gerät Arnold scheinbar endgültig aus der Spur: er wird zum hinterhältigen Brandleger einer Jausenstation – und zuletzt sogar zum Mörder, der sein Opfer fühllos in einer dunklen Feldspalte der Ewigkeit übergibt. Arnold ist im Krieg. Mit der Welt, und mit sich selbst. Denn wie heißt es in einer Stelle des Romans gewissermaßen programmatisch dazu: „Der Stärkere besiegt den Schwächeren. So geht es im Krieg:“ Und Arnold ist im Krieg. Mit seinen nie schweigenden Dämonen, mit seinem nicht nachlassenden Schmerz.

Und trotzdem geschieht am Rand dieses Schlachtfelds das kleine, nicht mehr für möglich gehaltene Wunder: Arnold lässt sich auf die furchtlose Anne ein, die eines Tages vor seiner Hütte steht, denn „Karen ist zur Seite gerückt, um ein wenig Platz zu machen in Arnolds Herz.“ Gemeinsam fahren sie ans Meer, dorthin, wo der Horizont weit ist und scheinbar allem offen steht.

Jochen Rausch ist mit seinem neuen Roman „Krieg“ etwas Unerhörtes geglückt, nämlich die zutiefst menschliche Geschichte eines Mannes, der aus einer scheinbar undurchdringlich gewordenen Schwärze am Ende doch wieder – und gegen alle Vorstellungskraft – ins Licht zurückfindet. Durch alle Feuer und Fegefeuer hindurch – und über alle inneren und äußeren Abgründe hinweg. Entstanden ist das Buch eines Seelenwanderers, in dessen wunderbar kargen Sätzen mehr Seele steckt als in sämtlichen Büchern über die Seele.

„Krieg“ ist ein literarisches Ereignis! Kühn in seiner Haltung, beeindruckend in seiner literarischen Kraft!

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erstellt am 26.2.2014

Jochen Rausch
Krieg
Roman
Gebunden, 224 Seiten
ISBN: 978-3-8270-1169-5
Berlin Verlag, Berlin 2013

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