Einen vierteiligen Romanzyklus hat Erasmus Schöfer bei Dittrich, Berlin, veröffentlicht. „Zeitroman“ nennt ihn der Autor. Zeit braucht das Lesen, Zeittheater, Zeitgeist, Zeitgeschichte entfaltet sich vor dem, der sich auf „Die Kinder des Sisyfos“ einlässt. Und Zeit braucht offenbar auch das 2008 vollendete und editierte Romanwerk auf seinem Weg zu einem größeren Publikum, das es verdient.
Auf insgesamt über 2000 Druckseiten ist die Historie der bundesdeutschen Linken ausgebreitet – als eine optimistisch bis ins digitale Zeitalter fortgeschriebene Traditionslinie der Entwicklungs- und Bildungsromane. Gerade knappe 25 Jahre ist es her, dass 1989-90 die letzten sozialistischen Illusionen zerstoben. Und mit dem vierten Band, überschrieben mit „Winterdämmerung“, führt Schöfer schonungslos die verwobenen Erzählstränge und verschachtelten Handlungsebenen hin zum Ende der revolutionären Träume und vermeintlichen Gewissheiten.

buchkritik

Sisyfos' Kinder schlagen das Erbe aus

Von Marianne Walz

Die von der Vision einer besseren Welt jenseits der kapitalistischen Gesellschaft Begeisterten müssen sich mit der Realität arrangieren. Hier, in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts wanken und stolpern die Heldinnen und Helden – es sind diejenigen aus den voran gegangenen Büchern Ein Frühling irrer Hoffnung, Zwielicht und Sonnenflucht, weiter von Etappensiegen zu Niederlagen im politischen Engagement, von Lichtblicken bis in schwärzeste Verzweiflung auf der Suche nach persönlichem Glück.
Da ist der streitbare Betriebsrat Manfred Anklam: Seiner Ausschaltung mittels juristischer Ränke widersetzt er sich, aber obsiegend nimmt er die korrumpierend hohe Abfindungssumme und ein Fortbildungsangebot in Anti-Gewerkschafts-Strategie an, das ihm glänzende Aussichten hoch oben in der Konzernspitze eröffnet.
Und die ehrgeizige Theaterfrau Lena Bliss: Sie qualifiziert sich von der Kostümschneiderin zur Schauspielerin und Dramaturgin, aber erkauft ihre Selbstverwirklichung mit dem Verlust, den ihr die Frauenemanzipation bejahender Mann Viktor an seiner eigenen Lebenslaufbahn erleidet.
Der Journalist Achim Kolenda ist weiter auf der Suche – intellektuell, politisch und erotisch. Er findet die Erfüllung in der Liebe zu Lisa Esper, aber er verliert seine unentfremdete Erwerbsarbeit bei der linksalternativen Zeitung, als im Verlag die Zuschüsse aus der verblichenen DDR ausbleiben.
Ins Zentrum rückt das Schicksal des Geschichtslehrers und DKP-Mitglieds Viktor Bliss: Karrierebruch, politische Rückschläge und Berufsverbot, das Entfremden seiner einzigen Tochter, die gescheiterte Ehe mit Lena haben ihn zur Verzweiflung und ins griechische Exil getrieben. Mit schwersten Brandverletzungen, versehrt und entstellt ist Viktor Bliss zurück gekehrt. Seine Kämpfe sind nunmehr Grenzkonflikte zwischen Leben und Tod. Er, der sich unter den „Kindern des Sisyfos“ am konsequentesten dem Widerstand gegen das Kapitalistensystem verpflichtete, wird zum Ausgebrannten, zum Schmerzensmann und zur Hiobsgestalt.
Die Nahtoderfahrung legt Abstand zwischen das Leben vor und nach dem Verbrennen. Neue intellektuelle Stärke erwächst aus der kritischen Distanz, Bliss erweitert seinen Denkhorizont und löst sich aus den ideologischen Fesseln und erstarrten Organisationsstrukturen der DKP.
Eine weitere Unglücksfigur kommt mit dem Gewerkschaftsfunktionär Hannes Sonnefeld in die Handlung. Ein entsetzliches Verbrechen haftet ihm an, der unerklärliche, unergründliche Mord an der 12jährigen Tochter seiner Lebensgefährtin. Als Sonnefeld der Festnahme durch Selbsttötung zuvor kommt, bleiben Geliebte und Genossen zwischen Verdacht, Verdammnis und Verteidigung zurück.
Nach ihren zahllosen durchfochtenen Kämpfen, ob gegen die Frankfurter Startbahn West, um die Arbeitsplätze im Stahlwerk Rheinhausen, für die literarische Förderung schreibbegabter Arbeiter oder gegen den skandalösen Staatsakt an Bitburger SS-Gräbern, lässt Schöfer Die Kinder des Sisyfos schließlich am Abend des 31. Dezember 1989 allein. In Silvesterfeierlaune, selbstironisch und trotzig hissen sie einen fahnenroten Stofffetzen zwischen den aufsteigenden Neujahrsraketen am Kranarm im stillgelegten Rheinhausener Stahlwerk. Symbolgeschwängert liegt der Schauplatz der Schlussszene auf dem Feld verlorener Schlachten um bessere Arbeitsbedingungen, Lebens- und Teilhabechancen. Im ausgehenden 20. Jahrhundert enden die Klassenkämpfe der alten Industriegesellschaft.

Ein melancholischer Grundton klingt durch die „Winterdämmerung“. Dennoch ist es keine Tragödie. Denn „In der antiken Tragödie stirbt der Held. Für ihn gibt es keine Rettung, keinen Ausweg aus seinen Verstrickungen“, erklärt Bliss seiner Tochtertochter Ann. Ihr unerwartetes Erscheinen im letzten Zehntel des Buches ist eine glückhafte Wendung. Ann beseelt ihren Großvater nicht nur mit zarter Zuwendung, sondern auch mit den unverbrauchten Ideen einer nachdenklichen Jugendgeneration. Sie ist es, die dem Ausgebrannten den Kopf öffnet für neue, kreative und konstruktive Formen der sozialen Innovation. „Ach, die Revolution (…). So wie wir sie uns vorgestellt haben, kommt sie bestimmt nicht. (…) Die Revolution unserer Tage (…) muss viele Festungen zu Fall bringen und ihre Insassen befreien: ohne Pulverdampf und Triumfgeschrei, vielmehr durch den stetigen Gegendruck der Bedrückten“, lässt sich der gewesene Kommunist vom Zukunftsforscher Robert Jungk überzeugen.

Bei der Umschau nach literarischen Parallelen und Analogien zum Romanzyklus bietet sich zuerst Peter Weiss` „Ästhetik des Widerstands“ an. Von dessen geistigem Gehalt und dichterischer Mission scheint Schöfer inspiriert. Kunstwerke, vor allem literarische, tragen ihre Botschaften und Gedankengüter ins Geschehen. Ihre Autoren sowie auch Mimen, Sängerinnen und Regisseure, Wissenschaftler und Kommunalpolitiker – sie alle mit ihren mehr oder weniger bekannten Realnamen identifizierbar, werden zu Stichwort- und Zitatgebern, Denkinitiatoren und Mitagierenden der Handlung. Da ist zuerst Peter Weiss selbst, der ideell und als Namenspatron dem Werkkreis Literatur der Arbeitswelt vorsteht. Von Bertolt Brecht und Johanna Schall, Maxi Wander und Franz Fühmann, Janis Ritsos und Georg Büchner, Maria Farandouri, Peter Stein und dem Ensemble der Münchner Kammerspiele, von Wolfgang Abendroth, Robert Jungk und Horst-Eberhard Richter leiht sich Schöfer Worte oder verleiht ihnen Sprache. Hinzu fügt er Dokumentarisches, Lyrisches, Satirisches, Atmosphärisches und Autobiografisches, verknüpft es, schiebt die Zeitebenen über-, neben- und zwischen einander und flicht die Sichten der Handelnden lose oder fest zusammen.

Was das Buch außer der sprachlichen Kraft und der Fabulierkunst zu einem bedeutenden Werk macht, ist der Neuansatz im scheinbar ausweglos Beendeten: Gescheiterte Revolutionshoffnungen, verlorene Utopie von einer besseren Gesellschaft jenseits des Kapitalismus – statt dessen erweist sich die Geschichte als offenes Projekt, offen nach dem Abgrund hin ebenso wie ins Menschenfreundlichere. Wie muss eine progressive Literatur beschaffen sein, die sich zu Beginn des 21. Jahrhunderts dieser Realität stellt? Schöfer geht auf die Essenz des Menschlichen zurück, die er in der Arbeit und in der Liebe erblickt. Die Bücher der Sisyfos-Tetralogie zeigen eine Denk-Spur hin zur Welt-Erklärung im Offenen, wenn alle Mythen und Heilslehren nur noch Kulturhistorie sind. So bildet dieses Romanwerk nicht allein eine der richtunggebenden historischen Epochen im Deutschland des vorigen Jahrhunderts ab, sondern es markiert eine neue Qualität. Erasmus Schöfer, Gründer des Werkkreises „Literatur der Arbeitswelt“ bezieht im Unterschied zu anderen Gegenwartsautoren konsequent die Sphäre der Produktion materieller Güter ein. Er besteht darauf, die Welt hinter den Werktoren zu entdecken samt den Bedingungen, unter denen die dort tätigen Menschen ihr Leben zubringen. Hier verbirgt sich eine von außerhalb des Betriebsgeländes nicht einsehbare, geschichtsbildungsmächtige soziale Wirklichkeit. Die Stahlarbeiter von Rheinhausen sind inmitten von Staub, Hitze, Unfallgefahr, Knochen- und Lungenbelastung hautnah in ihrem harten Arbeitsalltag zu erleben. Hier ist zu außerdem zu lesen, wie flüssiger Stahl zu Brammen und abstrakte ingenieurwissenschaftliche Hochtechnologie in dichterische Form gerinnt. Damit der Hochofen das Grundsubstrat bundesdeutschen Wohlstands produzieren kann, „füttern ihn (die Stahlarbeiter) mit ihren Leben.“

Beispielhaft auch die Weise, wie Schöfer Nähe herstellt. Wo die Vision vom Ziel der Geschichte verloren ging, macht er ein Orientierungsangebot aus der Innenansicht der Akteure. Er zeigt die unterste Ebene der geschichtsbildenden Kräfte, die der politisch handelnden Individuen. Wie Viktor und Lena Bliss ihre verfehlte Ehe, Armin Kolenda seinen journalistischen Arbeitsalltag, Hannes Sonnefeld sein kurzes Liebesglück, Manfred Anklam seine Auseinandersetzungen leben, wie sie alle vital in ihren Verhältnissen ein- und ausatmen, hat Schöfer plastisch-bildhaft, sinnlich spürbar, dialogisch redend und sogar typografisch verdichtet. Beweggründe und Beziehungsgeflechte tun sich auf im Mitgehen der Denk-, Sprech- und Fühlbewegungen, der Perspektivenwechsel und Zeitsprünge – so als ließe sich in solcherart Suchanstrengung ein roter Faden der Geschichte wieder auffinden.
Wieder und wieder lässt der Dichter den Leser am Liebesleben der Heldinnen und Helden teilhaben und in das Gebiet eintreten, in dem Menschen am intensivsten bei sich selbst und bei einander sind und in dem ihre stärksten Antriebe lagern und lauern. Lauern auch, denn das in Winterdämmerung erzählte entsetzliche Verbrechen ist eine Triebtat. Ein ganzer Abschnitt ist dem einfallsreichen erotischen Spiel zwischen Kolenda und seiner Intimfreundin Madeleine gewidmet, und ein weiterer zeigt ihn beredt und zart in erfüllter Zweisamkeit mit seiner in geduldiger Fürsorge errungenen Liebsten Lisa Esper.
Eindringlich gleichfalls das Ausgeliefertsein des schwer brandverletzten Viktor Bliss. In „Apokalypse der Träume“ rücken ihm die erlkönighaften Gespenster und beängstigenden Traumgesichte interpunktionslos hetzend buchstäblich auf den gequälten Leib.

So dicht als irgend möglich an die Menschenexistenz heran gehen scheint Schöfers Prinzip. Die Aufforderung zum Querdenken in die eigenen (des Lesers) Lebenszusammenhänge schreibt er quasi zwischen alle Zeilen.

Kommentare


Jörg Sämann - ( 18-03-2014 09:53:55 )
Der Besprechung ist kaum etwas hinzu zufügen und doch möchte ich die schöpferische Sprachkraft Schöfers nochmals besonders betonen. Hier schreibt einer, für den Sprache die Modelliermasse seiner Gedanken, seines Geistes ist. Sein Texte besitzen eine große poetische Strahlkraft, sie faszinieren in ihrem Spiel mit den Worten. So sind "Die Kinder des Sisyfos" eben nicht nur historisch-belletristische Erzählung sondern eindrucksvolle Dichtung eines mehr als bemerkenswerten Autoren und kritischen Geistes!

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erstellt am 25.2.2014

Erasmus Schöfer
Erasmus Schöfer

Erasmus Schöfer
Winterdämmerung. Kinder des Sisyfos
Roman
Gebunden, 632 Seiten
ISBN 978-3-937717-27-2
Dittrich Verlag, Berlin 2008

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Sisyfos. Zeichnung von Peter Bucker
Sisyfos. Zeichnung von Peter Bucker
Sisyfos. Zeichnung von Peter Bucker
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