Während Tobias Rehberger in der Schirn Kunsthalle Frankfurt sein Werk spektakulär-spektakelhaft inszeniert, erweist auch eine Ausstellung im benachbarten Frankfurter Kunstverein der objekthaften Plastik und ihrer künstlerischen Verräumlichung Referenz. Isa Bickmann hat beide Ausstellungen besucht.

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Bildhauerei jetzt!

Von Isa Bickmann

Die dritte Dimension ist für Künstler/innen Anliegen und Herausforderung. Das ist nicht neu, verwundert aber vielleicht, wenn man bedenkt, dass der Kunstmarkt sein Heil immer noch in der klassischen Tafelmalerei zu finden sucht. Besucht man die Akademierundgänge, wie am zweiten Februarwochenende den der Frankfurter Städelschule, fällt auf, wie sehr es die jungen Künstler/innen lockt, den Raum mitspielen zu lassen, ihn plastisch zu besetzen und die Betrachter um oder durch ihre Arbeiten wandern zu lassen. Tobias Rehberger, der als Lehrer der Frankfurter Städelschule einige dieser Studierenden anleitet, gibt nun Einblicke in Teile seines Lebenswerkes in der Schirn Kunsthalle. Der Künstler, dem oft vorgeworfen wird, dass er an der Grenze zur angewandten Kunst tätig ist, hat die Ausstellungsräume inklusive Fußböden und Wände geradezu „möbliert“. Das sogenannte Dazzle-Painting (eine Tarnmusterung aus dem militärischen Bereich), an Wand und Boden schafft in dem ersten hell ausgeleuchteten Raum mitsamt eingefügter Großobjekte und Spiegel-Arbeiten eine visuelle Herausforderung, die sich nicht unbedingt an sensible Gemüter richtet. Sie ist eine Fortsetzung seiner Café-Einrichtungen in der Kunsthalle Baden-Baden oder auf der Biennale Venedig (für die er den Goldenen Löwen bekam). Der zweite Raum erschließt sich mit frühen Arbeiten aus den Neunzigern, wie den Künstlerfreunden gewidmeten Blumenvasen, zu Beginn und eher möbelartigen Elementen im Fortlauf des Raumes. Alles in allem wäre die richtige Bezeichnung für Rehberger All-over-Inszenierungen der Begriff Environment: Die Umgebung wird Teil des Kunstwerks und umgekehrt. Rehbergers Werk ist immer auch Zeugnis seiner Auseinandersetzung mit Nicht-Kunst, Popkultur und ebenso einer Aneignung (Appropriation) der Kunstgeschichte, wie Objektkunst, Licht- und Maschinenkunst, Minimal Art, Op Art bis hin zu Verweisen auf seinen Lehrer Martin Kippenberger oder zu John Armleders „Furniture Sculptures“.

Mit „Skulptur, Objekt & Bühne“ charakterisieren die Kuratoren Lilian Engelmann und Holger Kube Ventura ihre Ausstellung im Frankfurter Kunstverein und wollen diesen Untertitel als Orientierungshilfe verstanden wissen. Doch eigentlich sind nirgends Skulpturen im herkömmlichen Sinne zu finden – solche nämlich wie aus Stein oder Holz Geschlagenes. (Daher wird im Weiteren von Plastik oder Objektkunst zu sprechen sein.) Die Ausstellung bietet einen Ausschnitt aus der Welt der dreidimensionalen Kunst, die mal Objekt, Installation, als Assemblage an der Wand arrangiert oder zu raumfüllenden Installationen verbaut wird. Gleichwohl kann man angesichts der Werke dieser Ausstellung im Großen und Ganzen von Bildhauerei sprechen, denn zweifellos präsentieren sich hier den Besuchern Bilder: mehrdimensionale nämlich. Sie ergreifen Präsenz im Raum, und es ist zu Recht von „Bühne“ zu sprechen, wie es im Untertitel der Ausstellung heißt.

Wer aber Holz- oder Steinskulptur, gar Geschweißtes oder Bronze erwartet, Formen, die immer noch von Hundertschaften von Bildhauern hervorgebracht werden und damit so manches Kunst-am-Bau-Programm und manchen Skulpturenpark bestücken, wird enttäuscht werden. Das monströse Objekt von Thomas Moecker tut nur so, als sei es aus Metall. Sein Maschinencharakter beruht auf einer seltsamen Unproportioniertheit, auch hinsichtlich seiner Größe, und das ist denkbar weit weg von dem, was wir unter einer gelungenen harmonischen Skulptur im traditionellen Sinn verstehen würden. Die aus Porzellan, Holz oder Epoxydharz gemachten Plastiken von Simon Rübesamen verkünden ihre besondere Qualität durch Hinweise auf ihre Herstellung (wie das Stehenlassen der Gusskanäle) oder die an Organisches erinnernden Volumenformen. Die Arbeit „Megaconglomerates“ der Schwedin Sofia Hultén besteht aus zerkleinerten Steinen, die zu ihrer ursprünglichen Form gegossen und weiträumig auf dem Boden ausgelegt wurden. Man meint fast, dieses Werk schon einmal gesehen zu haben. Immer wieder blitzt die Kunstgeschichte, oder besser gesagt, die Geschichte der Bildhauerei durch: z.B. Brancusis „Endlose Säule“ in Hulténs Wagenheberturm oder in der liegenden, in zahllose Farbringe gefasste und wie gedrechselt anmutende Säule des Leipzigers Rübesamen.
Maria Anisimowa, die noch an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert, hat zwei Werke geschaffen, deren physisch zu empfindender Nachhall für ihre Qualität spricht: Sie widmete zwei ihr nahestehenden Menschen Assemblagen, die in minimalistischer Einfachheit die Betrachter miteinbeziehen, obwohl ihnen die Protagonisten „Tamara“ und „Valentin“ unbekannt sind. Anisimowas Präsentation ist präzise und eine der reizvollsten der Ausstellung, weil sie den Denkraum weit öffnet.
Die Frankfurterin Sandra Havlicek, die bei Heiner Blum in Offenbach und bei Tobias Rehberger an der Städelschule studiert hat, entwirft vielschichtige Werke aus verschiedensten Materialien und offenbart die ihnen unterliegende Norm. Das „Standard Orgien Haus“ lädt tatsächlich zu einer Analyse der im Raum ausgebreiteten Dinge ein, die allesamt zusammengepackt in eine Kiste passen würden. Die Spiegelfolie im „Calypso im Handtaschenformat“ reflektiert als Raum im Raum auch Werkkonzepte ihres Städellehrers Rehberger und grüßt quasi von Haus zu Haus, vom Kunstverein zum Nachbarn Schirn.
Die Einbindung von Werken des Amerikaners Michael E. Smith erschließt sich nicht, gerade weil er auf einer suggestiv-autonomen Ebene Beunruhigung durch bearbeitete Objekte, wie Löcher in Sitzkissen, mit Klebeband bandagierte Baseballkappen schafft; ähnlich auch Andrea Winkler, die im Kellerraum des Kunstvereins Absperrbänder und stehengelassene Taschen zu einem Szenario arrangiert, das nach einem Unfall oder Attentat an einem Flughafen spielen könnte. Gleichwohl bilden beide mit dem Belgier Peter Buggenhout und seinen Assemblagen aus Eisen, Papier, Holz und Kuhmägen eine Sektion, die physisch (und bei Buggenhout sinnlich über den Geruch) wirkt.
Die im Begleittext erwähnte Dingkrise der Kunst, die sich zunehmend entmaterialisiere und in „Übergangsformen […] zwischen ‚Skulptur‘, ‚Objekt‘ und ‚Bühne‘“ münde, teilt sich in der Ausstellung nur insofern mit, als dass sich die Werke in Auflösung befinden, bühnenartige Szenerien bereiten oder bewegt werden können wie die im Eingangsbereich stehende Arbeit „Ein alter Traum“ der Frankfurterin Sabine Kuehnle, eine kompakte, sehr reizvolle Plastik. Und doch behaupten sich alle Arbeiten in ihrer physischen Präsenz. Inwieweit hier Veränderungen zu konzeptuellen Ansätzen der letzten fünfzig Jahre stattgefunden haben, wird sich erst im weiteren Fortgang der dreidimensionalen Kunst und Installation erweisen. Nichtsdestotrotz ist diese Ausstellung wichtig, auch wenn sie nur einen Ausschnitt aus dem gerade Entstehenden zeigen kann: Denn in der Konzentration auf die Inszenierung von Objekten, auf die Installation, in all ihrer Deutungsvielfalt zeigt die Bildhauerei ihr neues Gesicht. Und dass hier mehr Künstlerinnen (fünf) als Künstler (vier) ausstellen, weist vielleicht auf eine erfreuliche Tendenz hin.

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erstellt am 24.2.2014

Ausstellungsansicht „Tobias Rehberger. Home and Away and Outside“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein mit Arbeiten von Thomas Moecker und Sandra Havlicek. Foto: Norbert Miguletz

ausstellungen in frankfurt

Tobias Rehberger.

Home And Away And Outside

Bis 11. Mai 2014
Schirn Kunsthalle Frankfurt

Vom Dasein & Sosein.

Skulptur, Objekt & Bühne

Bis 13. April 2014
Frankfurter Kunstverein

Ausstellungsansicht „Tobias Rehberger. Home and Away and Outside“, Schirn Kunsthalle Frankfurt. Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein mit Arbeiten von Simon Rübesamen. Foto: Norbert Miguletz

Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein mit Arbeiten von Sofia Hultén. Foto: Norbert Miguletz © VG Bild-Kunst, Bonn 2014. Courtesy Konrad Fischer Galerie und / and Private Collection, Köln

Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein mit Arbeiten von Maria Anisimowa. Foto: Norbert Miguletz