Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ lässt sich durchaus als Kapitalismuskritik lesen. Damit widerlegt es die gängige Vorstellung von der weltabgewandten Romantik. Nun wurde „Das kalte Herz“ von Armin Petras am Schauspiel Stuttgart inszeniert. Bei Thomas Rothschild hat die Premiere gemischte Gefühle ausgelöst.

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Eins zu null für den Holländermichel

Von Thomas Rothschild

Die Romantik gilt gemeinhin als rückwärtsgewandt, als Epoche der Weltflucht, der Gegenbewegung zur Aufklärung. Das ist nur halb richtig. In Wilhelm Hauffs Kunstmärchen „Das kalte Herz“ (aber nicht nur dort) findet sich durchaus eine Kapitalismuskritik, die über das sehr viel ältere Klischee hinaus geht, wonach Geld nicht glücklich, aber hartherzig mache – ein Stereotyp, das, ähnlich wie das Klischee, dass nichts so hässlich sei wie die Rache, dazu dient, die bestehenden Verhältnisse des Besitzes oder des Unrechts zu konservieren. Nicht ohne Grund hat Paul Verhoeven das Märchen 1950 in der DDR grandios verfilmt – für Kinder, aber für die Zielgruppe eigentlich zu furchterregend.

Der aus Berlin übersiedelte Armin Petras hat vor seiner Amtsübernahme am Schauspiel Stuttgart angekündigt, dass er sich in der Region umsehen wolle. Nun ist er im Schwarzwald gelandet, bei Wilhelm Hauff eben. In seiner Bühnenbearbeitung von „Das kalte Herz“ behält er die sozialgeschichtliche Dimension des Stoffes bei. Er übernimmt sogar ganze Erzählpassagen und bekennt damit einerseits nach bewährten Muster, dass der Text nicht für ein szenisches Medium geschrieben wurde, vermittelt aber andererseits auf diese Weise die in den frontal gesprochenen Ausschnitten enthaltenen Informationen.

Aber Petras produziert eben doch für das Theater, und da muss er sich etwas einfallen lassen, um dem visuellen Hunger Nahrung zu bieten. Er bevölkert die Bühne teils leibhaftig, teils auf die Rückwand projiziert, mit Gespenstern und Fabeltieren, fügt nicht nur Text, sondern allerlei Bewegung und Aktion hinzu. Nun sind wir es längst gewohnt, dass, was man im Theater sieht, nicht in einem traditionellen Sinn „stimmig“ sein muss, dass heterogene Elemente auf einander stoßen dürfen und für Irritation sorgen sollen. Freilich ist der Grat zwischen Plausibilität und Beliebigkeit, zwischen ästhetischer Konzeption und purer Anhäufung, zwischen Fantasie und Kitsch schmal. Bei Armin Petras ist das Glasmännlein, das dem armen Köhler Peter Munk zunächst zwei Wünsche erfüllt, eine Frau, gespielt von Berit Jentzsch. Berit Jentzsch hat eine Tanzausbildung, und sie durfte schon in Dürrenmatts „Besuch der alten Dame“ ihre eigenwilligen Choreographien exerzieren, die dem Musical „Cats“ abgeschaut schienen. Jetzt tut sie das erneut, ehe sie am Ende nackt über einen Konzertflügel gelagert wird. Aber ihre Körperrituale wirken autistisch, sie haben keinen Bezug zu den Vorgängen rund um sie herum. Sie strahlen eine Angestrengtheit aus, eine demonstrative Konzentration auf sich selbst, die sich verselbständigt. Und das ist typisch für diese Inszenierung: Sie verfügt über eine Reihe hübscher Einfälle, aber sie drohen stets, sich zu isolieren, zu Varieténummern zu werden. Die gibt es tatsächlich in Form von Revueszenen und Songeinlagen. Oder als eingebettete Geschichte von Jesus im Supermarkt, die leider nicht so faszinierend und nicht annähernd so sprachgewaltig ist wie jene von Gott in Mahagonny.

Aus dem Ensemble ragt Wolfgang Michalek als Holländermichel heraus. Er beharrt auf Schauspielkunst in einem ganz traditionellen Sinn. Das kann man für altmodisch halten – man kann es auch genießen. Michael zuckt mit jeder Körperfaser, er ist ständig in Bewegung, ständig bereit, Laute von sich zu geben, wenn ihm nicht gerade Wörter in den Mund gelegt werden. Er ist, was man in Wien einen „wilden Hund“ nennt. Und er ist in der Stuttgarter Inszenierung eher ein Clown der Beckettschen Art als diabolisch. Sein Teufelspakt mit Peter Munk erscheint zumindest ebenso komisch wie unheimlich. Auch Michalek hat seine „Nummer“. Er singt „I'm Waiting For The Man“ von Velvet Underground. Das macht er vorzüglich. Aber es ist eben nicht mehr als eine Nummer. Ein Versatzstück, an beliebiger Stelle einsetzbar.

Mit diesem Kabinettstück schauspielerischer Artistik kontrastieren eher dilettantische Übungen von Schauspielschülern, in denen man, dem Programmheft zufolge, Waldmenschen erkennen soll, und die Auftritte einer schwäbischen Volkstanzgruppe, die sich dann auch noch Leute aus dem Publikum holt, die artig mittanzen, in die Hände klatschen und einander eher verkrampft zulächeln. Ob die sehr ausgedehnten Tanzeinlagen ironisch gemeint sind oder doch der Milieuzeichnung dienen sollen, ob sie die Geschichte vom Aufsteiger, der zunächst nur dem Tanzbodenkönig die schöne Lisbeth ausspannen wollte, ergänzen sollten oder nur als Effekt hinzugefügt wurden, ist nicht erkennbar.

So bleiben am Ende gemischte Gefühle. Armin Petras hat jenen, die sich ein sinnliches Theater wünschen, ein weiteres Angebot hinzugefügt. Es gibt viel zu sehen an diesem Abend. Worauf genau es hinaus laufen soll, sei es als Botschaft, sei es theaterästhetisch, wird nicht klar. In einer Projektion sieht man die Abholzung des Schwarzwalds und Geldscheine: der Bezug von Hauffs Text zur Gegenwart wird hier überdeutlich. Die Umweltzerstörung zugunsten des Profits ist schon im „Kalten Herz“ thematisiert, wenn auch hinter der moralisierenden Geschichte vom Köhler, der nach seinen grausamen Erfahrungen in Armut glücklich wird, versteckt. Aber soll es das schon gewesen sein?

Übrigens: gerade ein Jahr nach der Veröffentlichung von Hauffs Märchen schrieb Ferdinand Raimund sein Stück „Der Alpenkönig und der Menschenfeind“. Auch darin kommt eine Köhlerfamilie vor. Auch Raimund suggeriert die Möglichkeit von Zufriedenheit in Armut. Und doch wird gerade bei ihm erkennbar, dass die biedermeierliche Illusion eben dies ist: eine Illusion. Gesiegt hat auf allen Fronten der Holländermichel.

Kommentare


Udo Riechmann - ( 27-02-2014 12:10:52 )
Welche Verhehrungen das Vordringen der Geldwirtschaft auf dem Land anrichtet hat übrigens auch Anette von Droste-Hülshoff in der "Judenbuche" ganz großartig dargestellt.

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erstellt am 23.2.2014

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart: Julian Röder

Das kalte Herz

nach der Erzählung von Wilhelm Hauff

Regie Armin Petras
Bühne Olaf Altmann
Kostüme Katja Strohschneider
Dramaturgie Jan Hein, Bernd Isele

Schauspiel Stuttgart

Szenenfoto Schauspiel Stuttgart: Julian Röder