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»Ein kleines Buch außer der Reihe« ist von der Darmstädter Jury zum Buch des Monats im April 2014 gewählt worden: »Dorfspiel« von Andrea Zanzotto, das von Urs Engeler etwas außerhalb der Werkausgabe des Dichters veröffentlicht wurde. Peter Härtling begründet die Wahl der Jury mit dem Hinweis auf die venetische Region, die Zanzotto auch mit Dialektgedichten repräsentierte, und seiner politischen Haltung, des Widerstands gegen den Faschismus. Der 25. April, für Italien das Ende des Zweiten Weltkriegs, ist in den gesammelten Gedichten dieses Bandes präsent. Bernd Leukert hat sich das »Dorfspiel« angesehen.

Der venetische Dichter Andrea Zanzotto, der im Oktober 2011 starb, gehört zu den bedeutenden Erneuerern der italienischen Lyrik. Er, der Freund Pasolinis, Montales oder Luzis, der Libretti für Fellinis Filme Casanova und das Schiff der Träume schrieb, hat die Dichtung sein Leben lang gegen ideologische Inanspruchnahme verteidigt und die Sprache über ihre Grenzen getrieben. Die heftige Auseinandersetzung mit der Tradition ermöglichte ihm das radikale Experiment (etwa in La Beltà, 1968) und zugleich den spielerischen Rückgriff auf überlieferte Literatur.

lyrik: Andrea Zanzottos »Dorfspiel«

Fremd wie zuhause

Von Bernd Leukert

Man fühlt sich in diesem Buch wie zuhause, – in einem Zuhause, in dem einem bei näherer Betrachtung so gut wie alles fremd erscheint. Das Heimische entsteht durch die wildwüchsig scheinende Mehrsprachigkeit des Buches und den Wechsel der Textsorten. Da gibt es neben den italienischen Originalen Übersetzungen ins Deutsche oder ins Englische, in einem Fall auch gar keine. Wieder andere sind in eine nicht bezeichnete, aber entzifferbare alpine Mundart und daraus wieder ins Hochdeutsche gebracht. Eine kurze Prosa Zanzottos kann man nur auf Deutsch lesen, ein ‚ostanglisches’ Übersetzergespräch und das Nachwort von Peter Waterhouse nur auf Englisch. Die Fremdheit aber entsteht beim Lesen.

Unter dem Buchtitel „Dorfspiel“ steht: „Ein kleines Buch außer der Reihe“, und das muss man ernst nehmen. Die Reihe, das ist die Edition Planet Beltà, die Werkausgabe Andrea Zanzotto, die Urs Engeler gemeinsam mit der Literatur Lana und dem Folio Verlag herausbringt. Der Band „Dorfspiel“ aber ist nun keine zweisprachige Ausgabe eines noch von Zanzotto zusammengestellten Werkes, sondern versammelt frühe Gedichte, einige aus Zanzottos letztem Buch, auch welche aus der Mitte seines Schaffens, 30 insgesamt. Darin eingeschlossen sind ein Essay von Peter Waterhouse über die Sprache des Vergessens und eine literaturwissenschaftliche Annäherung an die Dichtung Zanzottos von Donatella Capaldi. Beide Autoren und Herausgeber beschreiben die Ambivalenz der Dichterworte, ihre Tendenz zur Aporie, die dem Verständnis oder gar dem Übersetzen enge Grenzen setzen.

So ist – um nur ein Beispiel zu nennen – der Gedichttitel „La Contrada“ mit „Dorfspiel“, das dem Buch auch den Namen gab, übersetzt. La Contrada ist die Gegend, das Stadtviertel, der Kiez, das Dorf. „Dorfspiel“ überträgt analog zum ‚Kirchspiel’ oder zum ‚Beispiel’ das ‚spiel’ (früher spil, spel, dessen Herkunft auf die Rede verweist, etwa die Predigt, mit der ein Pfarrer seinen Amtsbezirk bediente und begrenzte: also Gemeinde, Dorf) als Verdoppelung des Dorfes. Das, zeigt der weitere Text, wäre allerdings eine geradezu destruktive Vereinfachung. Denn es werden zwar Häuser erwähnt, später auch Stuben; doch schon die ersten Zeilen deuten auf anderes: Welches Dasein hat das Dorfspiel gehabt? Lässt es/ sich wirklich ansehen als ein Gegebenes -/ zumindest als Wirkung im Zusammenhang? Selbst wenn mit „Dorfspiel“ auf das Reden, mit dem der menschliche Wohnbereich evoziert sein könnte, angespielt wäre, hätte man die Zeile das Gebäude des Geistes halte ich nicht für möglich übersehen. Das Gedicht beginnt mit der Zeile Das Dorfspiel. Zauberkraft. Damit allein ist nicht viel anzufangen. Aber 16 Zeilen weiter gibt Andrea Zanzotto einen Lektürehinweis: Es braucht alle Zauberkraft/ von welcher Hegel sprach/ wie von etwas über das er was wusste. Tatsächlich findet sich in der Vorrede der ‚Phänomenologie des Geistes’ die Sentenz, dass der Geist seine Wahrheit nur gewinnt, „indem er in der absoluten Zerrissenheit sich selbst findet.“ Dann folgt: „Diese Macht ist er nicht als das Positive, welches von dem Negativen wegsieht, wie wenn wir von etwas sagen, dies ist nichts oder falsch, und nun, davon weg zu irgend etwas anderem übergehen; sondern er ist diese Macht nur, indem er dem Negativen ins Auge schaut, bei ihm verweilt. Dieses Verweilen ist die Zauberkraft, die es in das Sein umkehrt.“ Schon bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel ist dieser letzte Halbsatz nicht sehr fasslich. Vielleicht setzte Zanzotto deshalb sein mutmaßendes wie von etwas über das er was wusste? Das deutsche Wort ‚Zauberkraft’, das der Dichter auch im italienischen Original verwendete, lässt sich gewiss – und womöglich zu naheliegend – als die geistige Anstrengung verstehen, die aus dem Trivialen Poesie macht. Der Hegel-Hinweis wird von dem Satz umschlossen: Es braucht alle Zauberkraft/ …/ zu glauben, das Dorfspiel würde pausenlos/ neu gemacht in Geistesblitzen, Blinzeln/ Nächte lang und Tage um und um geformt von jenen stachlig unaussprechlichen/ Sonnen, Wissen, Finsternissen, Frieden, Schreien-Quietschen: Andrea Zanzotto macht bei jeder Erwähnung der Zauberkraft (Zauberkraft ist mein Dorfspiel) deutlich, dass es sich dabei um eine Beschwörung handelt. Doch dabei löst das Hegelsche Rätsel sich nicht.

In welche Richtung das Nachdenken über diese Verse auch läuft, es führt nicht zu gültigen Erkenntnissen, auch nicht zu irgendeiner Klarheit. Zanzottos Intention geht in eine andere Richtung. In seiner Poetik betonte er: „Aber erwünscht ist nicht das Aufnehmen einer unmittelbaren Kommunikation: sondern vielmehr, wenn überhaupt möglich, eine Ansteckung. Nicht vom Schreibenden soll diese Ansteckung, diese tiefe Gefahr, ausgehen, sondern sie soll durch ihn hindurchgehen.“

Es gibt in diesem Buch, in dem übrigens auch die Übersetzung nicht frei von Rätseln ist, eine Art Gegengedicht mit dem Titel „Rio fu“, der mit „Vergangenbach“ wiedergegeben wird. Es beginnt mit den Worten: Das Dorfspiel, einst Zauberkraft, ärmlich, das balancierte auf nichts, das schwebte:/ heute mit mancher Münze mehr/ bleiern schwer/ Einhundert Hallen Gestank/zwicken wie Zwickzange./Hier sieht man auch die Alzheimergasse,/ Behausungen leer oder mit einsamen Alten, auch/ ängstlichen Eseln./Da die Katarrhgasse, der Borderline Weg/ (inter quos ego)/mit einem Fuß am Jenseits-Rand. Da allerdings schaut der Geist dem Negativen ins Auge und verweilt bei ihm.

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erstellt am 22.2.2014

Andrea Zanzotto
Andrea Zanzotto

Andrea Zanzotto
Dorfspiel
Hrsg. und übers. von Donatella Capaldi, Maria Fehringer, Ludwig Paulmichl, Peter Waterhouse
Franz. Broschur, 160 Seiten
ISBN 978-3-85256-633-7
Engeler-Verlag, Solothurn, und Folio Verlag, Wien/Bozen

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Andrea Zanzotto
Poetik. Die Welt ist eine andere
Planet Beltà Bd. IV
Aus dem Italienischen von Karin Fleischanderl
Gebunden mit Schutzumschlag, 216 Seiten
ISBN 978-3-905591-24-8
Engeler-Verlag, Solothurn, und Folio Verlag, Wien/Bozen

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