Hinauf aus dem Depot!

Das Museion Bozen zeigt seine Sammlung

Von Stefana Sabin

Vor zwei Jahren wurde das Gebäude des Museion, des Museums für moderne und zeitgenössische Kunst in Bozen, eingeweiht. Das Berliner Architekturbüro KSV (Krüger Schuberth Vandreike) hat ein Kubus entworfen, dessen beiden Stirnseiten – zur Altstadt und zur Talfer hin – transparent sind und so eine dialogische Verbindung zwischen Stadt und Fluss und den Bergen dahinter bzw. zwischen Altstadt und Neustadt suggerieren wollen. Auf der Talfer-Seite führen zwei elegant geschwungene Brücken vom Museion-Eingang über den schmalen Fluss zur Neustadt, auf der Stadt-Seite steht man nach nur wenigen Schritten im Zentrum der Altstadt. Die Ausstellungsräume befinden sich im Erdgeschoß und im 3. und 4. Stock, dazwischen liegen die Büros und die Bibliothek, regelrecht mitten im Museum und also auch physisch eingebunden im Museumsalltag. Ein Museumsshop bietet eine erlesene Auswahl an Kunstbüchern und Designobjekten, und das Café mit freiem Blick zur Talfer und den Bergen dahinter gehört schon zu den beliebtesten Treffpunkten der Stadt – und das um so mehr, als die neu gegründete Universität dem Museion direkt gegenüber liegt.

Die gläsernen, transparenten Stirnseiten sind zugleich Projektionsflächen, auf denen Videos gezeigt werden können, was allerdings selten passiert. Denn nicht nur sind immer wieder Projektoren kaputt (jede Seite braucht etwa 16 Projektoren, die durch ein kompliziertes Computerprogramm gesteuert werden), sondern auch das helle starke Tageslicht verhindert, dass man die Videos überhaupt sehen kann. Überhaupt ist das Tageslicht ein ständiges Problem für das neue schöne Museion: vor allem in den oberen Ausstellungsräumen ist das Licht stärker, als es konservatorische Sorge und versicherungstechnische Regel erlauben, so dass die gläserne Fassade mit weißen Vorhängen abgedunkelt werden muss. Damit aber wird die Durchsichtigkeit, die das besondere Merkmal des Gebäudes sein will, zunichte gemacht.

Dennoch suggeriert der gläserne Kubus eine Offenheit, der eine großzügige Eintrittspolitik entspricht: wenn man nur durch geht, also von der Talfer-Seite zur Stadt das Museion überquert, zahlt man keinen Eintritt. Außerdem hat das Museion lange Öffnungszeiten, einmal in der Woche gibt es abends freien Eintritt, ein Ticket berechtigt zu fünf Eintritten.

Tatsächlich sind für die gerade eröffnete Ausstellung wahrscheinlich mehrere Besuche nötig, um das Konzept zu begreifen und um die Exponate wahrzunehmen. Denn mehr als 1.300 Werke aus der Sammlung sind im dritten Stock ausgestellt, darunter Werke, die noch nie gezeigt wurden. Der Ausstellungstitel wirkt kryptisch, ist jedoch ganz pragmatisch: „-2+3“. Das ist keine schräge Rechenoperation, sondern der Hinweis auf eine Fahrt im Aufzug: Vom zweiten Untergeschoß, also „-2,“ wo sich die Depots befinden, in die dritte Etage, also nach „+3,“ wo der riesige Ausstellungsraum ist. Die Ausstellung, die die Bestände des Museions vorzeigt, wurde von zwei italienischen Künstlern kuratiert: Stefano Arienti und Massimo Bartolini wurden von der Direktorin Letizia Ragaglia eingeladen, sich mit der Sammlung auseinanderzusetzen und haben schließlich beschlossen, die Depots auszustellen.

Das klingt zwar einfach und war doch eine logistische Herausforderung: Denn es wurden tatsächlich die Schiebewände, auf denen die Werke in den Depots aufbewahrt werden, in die Ausstellungsräume verlegt und dort montiert: 85 hohe, dicht behängte Gitterwände bilden in dem riesengroßen Raum ein Labyrinth, das den verbrämten Charme eines Trödelladens hat und zugleich einen unmittelbaren Eindruck von der Vielfalt der Sammlung vermittelt: Werke von Hans Weber Tyrol, Fortunato Depero, Mario Ceroli, Michelangelo Pistoletto, Raymond Pettibon, Walter Pichler, Louise Lawler, Ugo Carrega, Irma Blank, Mimmo Rotella, Jörg Hofer, Gino Severini, Jirí Kolar, William Kentridge, Laura Padgett und vielen anderen hängen zusammenhanglos und ohne jede inhaltliche oder chronologische Kontextualisierung nebeneinander. Die informelle Kunst und die Gruppe Zero ist in der Museion-Sammlung ebenso vertreten wie Pop-Art und Arte povera, die kinetische Kunst ebenso wie das Archivio di Nuova Scrittura.

Trotz aller Heterogenität lässt sich ein Schwerpunkt ausmachen: italienische Kunst im Allgemeinen und lokale Künstler im Besonderen. Dabei gehen Qualität, Umfang und Vielfalt der Sammlung nicht zuletzt auf den kompetenten Geschmack und die behutsame Einkaufspolitik des langjährigen Museion-Direktors Andreas Hapkemeyer zurück. Das aparte Vorzeigen der Bestände ist die mutige Idee der jetzigen Direktorin Letizia Ragaglia und der beiden Künstler-Kuratoren, die das Verborgene eines jeden Museums, die Depots, ins Offene, in die Ausstellungsräume also, geholt haben und statt einer herkömmlichen Sammlungspräsentation eine ungewöhnliche Museumsinstallation geschaffen haben.

Museion Bozen. Bis 16. Oktober 2011.

Museion Bozen

erstellt am 06.12.2010

Die Sammlung Museion
Blick in die Ausstellung
Fotos: Ludwig Thalheimer/Lupe

Die Sammlung Museion
Die Sammlung Museion
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