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Das Kraszewski-Museum in Dresden ist ein Ort des Dialogs zwischen Deutschen und Polen. Dort wird jetzt die Serie des polnischen Fotografen Wojciech Wilczyk über die Synagogen, die es einmal in Polen gab, gezeigt: Eine Suche nach den Spuren jüdischer Geschichte und auch, wie Stefana Sabin findet, eine Erinnerung an polnische Geschichte.

ausstellung in dresden

Eine fotografische Spurensuche

„War hier eine Synagoge?“ – Fotos von Wojciech Wilczyk

Von Stefana Sabin

Im früheren Dresdner Wohnhaus des polnischen Schriftstellers Józef Ignacy Kraszewski (1812-1887), in einem spätklassizistischen Gebäude im Schweizer Landhausstil an der Priesnitz, wurde schon 1960 das Kraszewski-Museum gegründet: Ein binationales deutsch-polnisches Museum, also ein Ort des Dialogs zwischen Deutschen und Polen.

Dort werden Fotos gezeigt, die der polnische Fotograf Wojciech Wilczyk auf seiner jahrelangen Suche nach den Spuren jüdischer Kultur in Polen gemacht hat: Architekturfotos von verfallenen oder umgewidmeten Bauten, die einmal Synagogen waren. Denn es gab einmal 10.000 Synagogen in Polen!

Die Synagoge einer Gemeinde war typischerweise von der religiösen Schule, dem Haus des Rabbiners, dem jüdischen Gericht, dem rituellen Bad, dem Krankenhaus und dem Armenhaus umgeben, und auch der Friedhof war normalerweise in der Nähe. Drumherum lagen die Wohnhäuser der Juden – das war das Schtetl, so wie es in Erzählung von Isaac Bashevis Singer oder auf Bildern von Marc Chagall beschrieben wird. Die Synagoge war das Zentrum eines jeden Schtetls.

Die meisten Synagogen in Polen – und nicht nur in Polen – wurden zwischen 1939 und 1945 von den Nationalsozialisten zerstört; fast die gesamte jüdische Bevölkerung Polens wurde ermordet, viele der wenigen Überlebenden sind ausgewandert. Heute leben nur noch etwa 8000 Juden in Polen.

Heute gibt es – so das Jüdische Historische Institut in Warschau – nur noch 321 Synagogen. Diese Gebäude haben die nationalsozialistischen Zerstörungen und die kommunistische Vernachlässigung überstanden – und wurden in den letzten Jahrzehnten nach dem Zusammenbruch des Kommunismus endgültig dem Verfall preisgegeben.

So war es eine besondere Spurensuche, die der Krakauer Fotograf Wojciech Wilczyk vor einigen Jahren unternahm: Eine Suche nach den Spuren der jüdischen Geschichte. Drei Jahre lang bereiste er Polen und machte etwa 3000 Fotos von Gebäuden, die einmal Synagogen waren und jetzt entweder verfallen oder umfunktioniert sind. Wilczyk suchte nach einer vergangenen und verloren gegangenen Kultur.

Schon in seinen anderen Projekten hatte Wilczyk eine Art ethnographische Archäologie betrieben: In der Serie „Schlesien schwarzweiß“, die zwischen 1999 und 2003 entstand, hielt er die Wandlungen der schlesischen Industrielandschaft fest, nach dem Zusammenbruch der Kohle- und Stahlindustrie, nach dem Ende des kommunistischen Regimes. In der Serie „Postindustrial“, die zwischen 2003 bis 2007 entstand, stellte Wilczyk den Niedergang des industriellen Zeitalters anhand geschlossener und verlassener Industriegebäuden in Polen und Deutschland dar. Auch in der Serie „Life After Life“, die um 2005 entstand, führte er die Postindustrialisierung vor, indem er ausrangierte Autos fotografierte und deren – manchmal einfallsreichen – neue Funktionen als Werbeträger oder Straßenmöbel zeigte.

Bei allen diesen Fotoserien benutzte Wilczyk eine nüchterne ästhetische Diktion, der inszenatorische Elemente kaum anzumerken sind, dafür aber eine starke dokumentarische Dimension hat. Nicht zufällig sieht sich Wilczyk selber in der Nachfolge solcher realistischen Fotografen wie Walker Evans – und nicht zufällig wurden seine Fotos 2006 in der Ausstellung „New Documentalists“ im „Zentrum für Zeitgenössische Kunst“ in Warschau präsentiert. Tatsächlich gilt Wilczyk als einer der renommiertesten „neuen Dokumentaristen“.

Dokumentarisch ist auch sein jüngstes Projekt, das nun in Dresden vorgestellt wird und das ursprünglich den Titel trug: „There Is No Such Thing as an Innocent Eye“ – was soviel heißt wie: Es gibt keinen unschuldigen Blick. Dieser Titel ist Programm: Denn die Fotos zeigen nicht nur die Vernachlässigung des architektonischen Erbes, sondern auch – und vor allem – den Verfall des übrig geblieben jüdischen Erbes. Indem Wilczyk verlassene, verfallene und zweckentfremdete Synagogen fotografiert, unternimmt er eine implizite Abrechnung mit der Geschichte, sowohl mit dem Holocaust als auch mit dem Kommunismus. Deshalb ist sein Projekt nicht nur ästhetisch bedeutend, sondern es hat eine kulturpolitische und historische Bedeutung: Mit diesen Fotos betreibt Wilczyk Vergangenheitsbewältigung und Trauerarbeit zugleich.

„Ich möchte an die Synagogen von damals erinnern, und an die Menschen, die einst in diese jüdischen Gebetshäuser gegangen sind,“ erklärte Wilczyk. „Aber meine Bilder haben auch eine einfache politische Dimension. Denn mir ist es sehr wichtig zu zeigen, was später, also nach dem Krieg, mit diesen Synagogen passiert ist.”

Tatsächlich wurden viele Synagogen, die teilweise architektonische Kunstwerke waren, erst im Laufe der antisemitischen Kampagne der polnischen Kommunisten um 1968 zerstört. Oder man hat den kleinen, noch existierenden jüdischen Gemeinden die Synagogen weggenommen und den jeweiligen polnischen Kommunen übereignet. Da es keine jüdische Bevölkerung mehr und kein jüdisches Leben mehr gab, wurden die Synagogen zu Supermärkten, Lagerhallen, Wohn- und Geschäftshäusern, Kinos umgestaltet, ja verunstaltet, und vor allem die Feuerwehr wurde in vielen Kleinstädten in den Synagogen untergebracht. So wurden die Gebäude durch gedankenlose Renovierung derart entstellt, dass ihre ursprüngliche Nutzung unkenntlich geworden ist. Ornamente wurden abgeschlagen, Wände glatt verputzt, das Innere der Synagogen geplündert. Die Mischung aus Ignoranz und Geschichtsvergessenheit ist verantwortlich für die Zerstörung eines Stücks jüdischer, und also europäischer sakraler Architekturgeschichte.

„War hier eine Synagoge?“, fragten manchmal die Einwohner der Dörfer, als sie sahen, wie Wilczyk ein verfallenes Gebäude fotografierte. Aus den mitgeschnitten Gesprächen mit den Einwohnern der polnischen Städte und Dörfer, in denen er fotografiert hat, hat Wilczyk eine Audio-Aufführung zusammengestellt, die der Ausstellung den Titel gibt: „War hier eine Synagoge?“.

In der Tat ist auf vielen der Fotos keine Synagoge mehr zu erkennen.

Die ehemalige Synagoge in Kargowa wurde in den 1980er Jahren zum Wohnhaus umgebaut. Auf den ersten Blick scheint das graue Betonhaus ein sozialistischer Plattenbau, das eher an die klassische Moderne als an sakrale Architektur erinnert! Erst beim genauen Hinschauen erkennt man Elemente des Synagogenbaus wie die Gliederung der Fassade und die vorgesetzten Haussprünge – und wundert sich über die merkwürdige Mischung aus sakraler Architektur und sozialistischem Wohnungsbau.

Auch die ehemalige Synagoge in Przemysl im Südosten Polens wurde entstellt. Einst lebten in Przemysl 30.000 Juden, und die dortige Synagoge war ein prächtiges Gebäude im maurischen Stil. Die Synagoge überstand die Nazizeit und wurde nach Kriegsende wieder eröffnet, dann aber der jüdischen Gemeinde konfisziert und der Stadtbibliothek überschrieben.

Die schöne Synagoge in Wielkie Oczy, an der ukrainischen Grenze, stammte von Anfang des 20. Jahrhunderts. Sie wurde von den Nazis verwüstet und verfiel nach dem Krieg, bis die örtliche Landwirtschaftsgenossenschaft dort die Eierankaufstätte unterbrachte. Nachdem die Landwirtschaftsgenossenschaft ihrerseits aufgelöst wurde, verfällt der Bau.

Ein Beispiel für den rücksichtlosen Umgang mit dem architektonischen und kulturellen Erbe ist die schöne Synagoge in Opoczno, die aus dem 18. Jahrhundert stammt. Sie wurde in den 50er Jahren zum Kino (Tęcza Kino) umgebaut. Die wie durch ein Wunder erhaltene bimah, der erhöhte Platz in der Mitte der Synagoge, von dem aus die Tora gelesen wird, wurde zerstört, in den Wänden wurden Löcher für die Projektoren gebrochen, und der Eingang ausgebreitet.

Die Synagoge in Skarzysko-Kamienna wurde erst vor wenigen Jahren, also im demokratischen und zur EU gehörenden Polen zerstört: buchstäblich demontiert!

Wilczyk führt vor, was aus der jüdischen Welt in Polen übrig geblieben ist – und das sind fast nur noch Ruinen: Es sind Gebäude, die scheinbar mit der Landschaft verwachsen sind und dennoch wie Fremdkonstruktionen wirken. Die Fotos sind nüchtern und sie sind auch deshalb leidenschaftslos, weil sie menschenleer sind; nur selten weisen Mülltonen oder Autos auf einen Alltag hin. Auf bemerkenswerte Weise mischt Wilczyk Architekturfotografie und Landschaftsfotografie zu einer Dokumentation über die Vergangenheit. So werden seine Fotos zu einer Art Zeitmaschine, die den Betrachter in eine vergangene Epoche vor der Shoah, also vor der Zerstörung des polnischen Judentums, versetzen. Der Warschauer Kurator Adam Mazur beschreibt Wilczyks Fotos als die verbildlichte Gegenwart des Vergangenen.

“Ich befasse mich schon sehr lange mit dokumentarischer Fotografie. Und wichtig ist mir bei diesem Projekt der Aspekt des Dialoges,“ hat Wilczyk einmal erklärt. „Es sollen Dinge angesprochen werden, über die man in Polen immer noch nicht laut redet, und die man gerne verschweigen würde. Aber spannend ist auch, wie im Ausland diese Bilder aufgenommen, und wie sie dort gesehen werden.”

Wilczyks Fotos sind ästhetisch traditionell: quadratisches Format, frontale Ansicht, zentrierte Bildkomposition. Zugleich greift Wilczyk auf die Tradition der topografischen Dokumentation zurück und stellt polnische Gedächtnisorte ins Bild. Natürlich stehen die verfallenen Synagogen für die vergangene jüdische Geschichte in Polen, aber damit sind sie eben auch eine Erinnerung an die polnische Geschichte. Das Judentum, das immer zerstreut und gefährdet war, kennt traditionell keine Gedächtnistorte – das jüdische Gedächtnis wird durch die Tora und durch das Studium der Tora wach gehalten. Diese architektonischen Ruinen, die einmal Synagogen waren, sind Orte des polnischen Gedächtnisses, weil sie an eine Vergangenheit erinnern, als die Kultur einer Minderheit im Alltag der Mehrheit zugelassen und akzeptiert war.

Dennoch sind die Fotos von Wojciech Wilczyk nicht trivial sozialkritisch. Sondern sie sind – wie jede Kunst – subversiv, insofern als sie eine konflikthafte Wirklichkeit zeigen. Diese Fotos dokumentieren Vergangenheit und führen dadurch die Gegenwart vor. Und sie leisten so nicht nur Kulturarbeit, sondern auch Erinnerungsarbeit.

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erstellt am 21.2.2014

Wojciech Wilczyk: Łaszczów, Beit ha-Midrasch. © Wojciech Wilczyk

Ausstellung in Dresden

War hier eine Synagoge?

Synagogenbauten in Polen

Bis 11. Mai 2014

Kraszewski-Museum , Dresden

Wojciech Wilczyk: Dabrowa Tarnowska, Synagoge © Wojciech Wilczyk

Wojciech Wilczyk: Radoszyce, Beit ha-Midrasch © Wojciech Wilczyk

Wojciech Wilczyk: Lubań, Synagoge © Wojciech Wilczyk

Wojciech Wilczyk: Nowy Korczyn, Synagoge © Wojciech Wilczyk

Wojciech Wilczyk: Kargowa, Synagoge © Wojciech Wilczyk

Wojciech Wilczyk: Starogard Gdański, Synagoge © Wojciech Wilczyk