Alte Musik heißt für die österreichische Lautenistin Christina Pluhar nicht vergangene oder gar antiquierte Musik. Nun hat sie mit ihrem Ensemble L'Arpeggiata eine neue Bearbeitung von Henry Purcells „Music for a While“ aufgenommen. Die sechzehn Purcell-Stücke garantieren uneingeschränktes Vergnügen, findet Thomas Rothschild.

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Vier Jahrzehnte nach Paul Desmond

Von Thomas Rothschild

Vor 41 Jahren hat Paul Desmond, der charismatische Saxophonist und langjährige Partner von Dave Brubeck, – auf seiner LP „Skylark“ – eine betörende Bearbeitung von Henry Purcells „Music for a While“ aufgenommen. Daran mag man sich erinnert fühlen, wenn man diesem Titel auf der jüngsten CD von Christina Pluhar wiederbegegnet. Christina Pluhar, die zwar Österreicherin, aber mit der Schauspielerin Erika Pluhar nicht verwandt ist, und ihr Ensemble L'Arpeggiata gehören mittlerweile zu den meist gefragten Gästen auf den führenden Festivals für Alte Musik. Der Erfolg verdankt sich auch der unkonventionellen, intelligenten Zusammenstellung der Programme. Immer wieder zieht Pluhar für ihre Konzepte Gäste heran, und sie scheut dabei keine Grenzüberschreitung. Alte Musik heißt für sie nicht vergangene oder gar antiquierte Musik. Immer wieder gelingt es ihr, diese Überlieferung in ein heutiges Musikverständnis zu überführen, ohne ihr Gewalt anzutun oder sich gar modisch einem populären Geschmack anzubiedern. Sie „verjazzt“ Musik früherer Jahrhunderte – im aktuellen Fall Purcell – nicht, sondern entdeckt vielmehr in ihr ein swingendes Potential. Dass die Improvisation den Jazz mit der vorklassischen Musik verbindet, ist ohnedies eine Binsenweisheit.

Diesmal hat sich die Lautenistin – nicht zum ersten Mal – den italienischen Klarinettisten Gianluigi Trovesi geholt, der durch ähnliche Projekte einschlägig vorbelastet ist, sowie den österreichischen Jazzgitarristen Wolfgang Muthspiel. Hinzu kommen vier Vokalstimmen: der Sopran Raquel Andueza, Vincenzo Capezzuto, der schon öfter mit Christina Pluhar aufgetreten ist und sich als Alt bezeichnet, und die Countertenöre Dominique Visse und Philippe Jaroussky, der von vielen als der primus inter pares im gegenwärtigen Countertenor-Aufgebot betrachtet wird. Purcell (und gerade „Music for a While“, das der CD den Namen gab) bildet ja das Rückgrat des Countertenor-Repertoires, seit Alfred Deller mit seinen legendären Konzerten und Aufnahmen dafür den Anstoß gab.

Als Zugabe folgt auf Purcell Leonard Cohen. Das war keine gute Idee. Nach dem bedeutendsten englischen Komponisten des 17. Jahrhunderts klingt der musikalische Einfall des kanadischen Singer Songwriters doch – freundlich ausgedrückt – reichlich banal. Die sechzehn Purcell-Stücke davor aber garantieren uneingeschränktes Vergnügen. Man sollte es sich nicht vorenthalten. Nicht als Liebhaber Alter Musik, nicht als Jazzfan und erst recht nicht als neugieriger Zeitgenosse.

Guter Geschmack setzt sich in der Covergestaltung fort. Die bloßfüßige Dame im roten Sommerkleid, die sich mit einem weißen Sonnenschirm gegen einen heftigen Windstoß stemmt, hebt sich wohltuend von den üblichen CD-Vorderseiten ab. Was sie mit Purcell zu tun hat? Nichts. Eben drum.

Kommentare


gerald pernitsch - ( 06-05-2014 01:17:36 )
erstaunlich, atemberaubende musik. purcell lebt in vielen gestalten. eine hat erika pluhar zum leben gebracht.

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erstellt am 18.2.2014

L'Arpeggiata. Christina Pluhar
Music for a While
Erato 08256 463375 0 7

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