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Es ist ein Kreuz mit den Opern; die zeitgenössischen mag man dem Publikum nicht zumuten, die alten sind aus konjunkturellen Gründen in Vergessenheit geraten. Zu entdecken gibt es aber vieles: etwa »Das Unmöglichste von Allem« von Anton Urspruch oder – ohne Vorhang – die Lieder von Erich Jakob Wolff, die beide von Hans-Klaus Jungheinrich vorgestellt werden.

cd-kritik

Pionierhaftes, pikant und wilhelminisch prüde

Peter Paul Pachl erinnert an Werke Urspruchs und Wolffs aus seiner Lieblingsperiode

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Entschlossen, sich mit Peter Paul Pachl zu beschäftigen, tut man dies am besten mit höchster Begeisterung. Es geht um einen Solitär in der deutschen Musikszene, einen Pionier der Sonderklasse. Wie wohl alle gebürtigen Bayreuther, kam auch Pachl nicht an der wuchtigen Erscheinung von Richard Wagner vorbei. Immerhin – wohl auch das eine in entsprechenden Fällen häufige lokale Idiosynkrasie – wetzte er sich nicht frontal am Großmeister, sondern suchte, als Musikwissenschaftler und Theatermann, sozusagen Nebenschauplätze der Wagnerei auf, wo es weniger Publikumsgedränge gibt, ja, meistens ziemlich einsam ist. Der Gegenstand von Pachls einlässlich-ausführlicher Dissertations-Monographie, der Richard- und Cosima-Sohn Siegfried Wagner, ist mit seinem reichen, wunderlichen musikdramatischen Oeuvre selbst den heutigen Angehörigen der Wagnerfamilie eine terra incognita. Niemand kennt Siegfried Wagner so gut wie Peter Paul Pachl. Dank dessen vielfältiger und bereits mehr als ein Dritteljahrhundert unermüdlicher Initiativen wäre er aber allen, die sich für ihn interessieren, einigermaßen zugänglich – mit nahezu das Gesamtwerk (reichlich soviel Opern wie sein Vater) umfassenden CD-Veröffentlichungen sowie da und dort gestemmten Aufführungen. Nach der politischen Wende hatte Pachl als Intendant im thüringischen Rudolstadt im zierlichen dortigen Theater und über der Stadt in denkwürdigen Freiluftnächten auf der Heidecksburg Gelegenheit, seinen Opern-Steckenpferden aus der Wagnernachfolge (darunter Siegfried Wagner und Hans Pfitzner) die Sporen zu geben. Schon lange betreibt er nun von München aus das private ppp-Musiktheaterensemble, ein bescheidenes, aber absolut heroisches Unternehmen, mit dem Pachl eine ganze Truppe von Mitkünstlern (und wohl auch geneigte Sponsoren) von seinem besonderen Theatertraum zu überzeugen vermag. Schlicht gesagt: Ohne PPP wäre ein weites Feld zwischen Richard Wagner und Richard Strauss für die heutige Rezeption ein großer weißer Fleck auf der musikgeschichtlichen Landkarte.

Als rühriger Musikforscher entdeckte Pachl aus seiner Lieblingsperiode (den Jahrzehnten um 1900) nun auch ganz vergessene Namen wie den aus Frankfurt stammenden Anton Urspruch (1850-1907) und den Wiener Zemlinsky-Assistenten Erich J. Wolff (1874-1913), einen noch Früherverstorbenen. Urspruchs große komische Oper „Das Unmöglichste von Allem“ entstand 1896 und wurde ein Jahr später von dem berühmten Wagnerdirigenten Felix Mottl in Karlsruhe uraufgeführt. Es handelt sich um ein wirkliches musikalisches Meisterwerk; es gemahnt mit seinem spanischen Kolorit an profunde Musikkomödien wie Prokofjews „Verlobung im Kloster“ oder Roberto Gerhards „La Dueña“, ähnelt in seiner Eloquenz und lockeren Turbulenz aber auch an „Die schweigsame Frau“ von Richard Strauss. Natürlich muss man das Stück in die kleine Reihe der wagnernahen deutschen heiteren Opern stellen – in die Sphäre des (noch weit mehr als die einschlägigen Wagnerwerke) mit Wortwitz brillierenden „Barbier von Bagdad“ (Peter Cornelius), des das Tragische streifenden „Corregidor“ von Hugo Wolf oder der aus berechtigter feministischer Perspektive für sträflich naiv eingeschätzten Shakespeareoper „Der Widerspenstigen Zähmung“ (Hermann Goetz). Mit vielen filigranen Einzelheiten und (besonders im Mittelakt) einer überquellenden Fülle von Vokalensembles erinnert die Urspruchoper indes mehr an den nur wenige Jahre zuvor entstandenen, in Deutschland zunächst kaum bekannten „Falstaff“ von Verdi als an die „Meistersinger“.

Urspruch wurde als jüdischer Deutscher spätestens in den Nazijahren zur Unperson. Man könnte indes spekulieren, ob nicht auch der verwegen merkwürdige Titel seinem Hauptwerk schadete. „Das Unmöglichste von Allem“ bezeichnet, als Schlusssentenz nochmals kollektiv verkündet, die niemals zu beschützende „Ehre“ einer Frau, die an der Liebe Gefallen findet. Man mag dies als banalen psychologischen Pleonasmus bezeichnen: Wer verliebt ist, möchte auch Liebe machen. Im altspanischen Milieu Lope de Vegas mit seinen Mantel-und-Degen-Situationen entfaltet der Plot aber einige Pikanterie und kann, mit personenreichem Hin und Her, mühelos drei Stunden füllen. Freilich lässt sich die hier als Startpunkt dienende „Wette“ schwerlich so zynisch-bitter interpretieren wie in „Così fan tutte“. Ein Übriges tut das recht umständliche (vom Komponisten selbst hergestellte) Libretto mit allerlei schwülstigen, unbeholfenen und (dem wilhelminischen Zeitgeist entsprechend) prüden Formulierungen.

Sei’s drum, die Musik macht alles wett. Viel kontrapunktische Feinarbeit im „symphonisch“ durchartikulierten Orchestersatz. Aber auch eine an Mozart oder den Nicolai’schen „Weibern von Windsor“ geschulte Vokalität. Mit 14 Solorollen entsteht auch ein geradezu panoramatischer Eindruck. Eine beträchtliche Organisationsleistung für eine kleine Institution wie das ppp-Theater (offiziell wären die drei Buchstaben mit „pianopianissimo“ zu übersetzen; selbstverständlich sind auch die Pachl-Initialen gemeint). Die wohl aus mehreren Aufführungen und Proben zusammengeschnittene Aufnahme wartet verständlicherweise nicht mit Perfektion auf. Das Problem solcher Raritäten: Künstler mit großen Namen sind dafür kaum zu gewinnen; den talentierten und involvierten Anfängern wachsen die anspruchsvollen Aufgaben leicht über den Kopf. Hier ist beides zu beobachten: sowohl eine zu große Vorsicht und „Neutralität“ im Vortrag, dann aber auch wieder ein allzu sorgloses Drauflosschmettern pfeilgerade an der richtigen Intonation vorbei. Immer wieder sind (Über-)Anspannung und Unsicherheiten merklich; in den modulatorisch heiklen oder enharmonisch diffizil durchflochtenen Ensembles gibt es demnach öfter mal sozusagen aleatorische Momente. In summa: Man hört diese CDs nicht zum zurückgelehnten Genießen, sondern als eine reizvolle, sonst nicht erreichbare Information – wenn man das Ohr darauf „justiert“, hat man auch etwas davon. Einen Strich befriedigender, wenn auch selten purer Klangzauber, ist die orchestrale Realisierung (mit dem Orchester des Sorbischen Nationalensembles Bautzen) unter der Leitung von Israel Yinon.

Die Sopranistin Rebecca Broberg, als Königin eine der Hauptsängerinnen der Urspruchoper, traute sich sogar zu, zwei CDs mit immerhin anderthalb Stunden Liedern von Erich J. Wolff zu bestreiten, eine durchaus einheitlichere und respektable Leistung (unterstützt am Klavier von Hans Martin Gräbner). Wolffs beträchtliches Klavierliedschaffen, hier so breit erschlossen wie zuvor noch nie, kann einen eigenen Platz beanspruchen zwischen den rhetorisch üppigeren, mit viel Faltenwurf daherkommenden Straussliedern und den sprachsensiblen, motivisch minuziös gebauten Lyrismen von Hugo Wolf; in dem Lied „Der Rekrut“ kommt Wolff auch ganz in die Nähe der grotesk-abgründigen Soldatenlieder von Mahler (und die Interpretin verschmäht hier eine sehr drastische, charakteristische Stimmgebung nicht). Hörenswert sind auch Wolffs Soloklavierstücke, deren sich Chrysanthie Emmanouillidou mit Verve und Umsicht annimmt. Der kleine Zyklus „Eine Liebesnovelle“ (er verhalf der CD-Edition auch zu ihrem Titel) wirkt wie eine sehr persönliche Paraphrase der Liszt’schen „Liebesträume“, hat aber auch viel von der Bildhaftigkeit der frühen Klavier-„Stimmungsbilder“ von Richard Strauss. Anderes (wie die 4 Klavierstücke Opus 7) nähert sich mehr dem Salonhaften. Sehr verdienstvoll auch diese von der Pachl-„Werkstatt“ ermöglichte Begegnung mit einer kompositorischen Handschrift. Stets selbstverständlich sind für Pachl-Editionen die mit viel informativem musikgeschichtlichen Material aufwartenden Booklets.

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erstellt am 18.2.2014

Anton Urspruch
Der junge Anton Urspruch

Anton Urspruch
Das Unmöglichste von Allem
Opern-Gesamtaufnahme (Broberg, Fendl, Wieben, Maier, Grätzel, Sauerbrey u.a.; ppp Music Theatre Ensemble Munich, Orchestra of the Sorbian National Ensemble, Dirigent: Israel Yinon)
Naxos 8.660.33-35 (3 CDs)

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Erich J. Wolff
Love Novels
Ausgewählte Lieder, Gesänge und Klavierwerke
Rebecca Broberg, Sopran; Crysanthie Emmanouillidou und Hans Martin Gärtner, Klavier
Thorofon CTH 2609/2 (2 CDs)

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