Nach Zeitgeist, schnellem Trost oder Erbauung sucht man in seinen Werken vergebens. Dieter Wellershoffs Bücher bescheren ihren Lesern einen exquisiten Erkenntnisgewinn und Abenteuer von elektrisierender Wucht und Intensität. Peter Henning stellt den großen Kölner Schrifsteller vor.

porträt

„Das Herz der Dinge“

Eine nachdrückliche Empfehlung, die Bücher des Kölner Schriftstellers Dieter Wellershoff zu lesen

Von Peter Henning

Im hohen Alter ist Dieter Wellershoff schmaler und kantiger geworden als auf den berühmten Aufnahmen von ihm aus den Achtzigerjahren. Fragiler. Und wenn er sich aus seinem Sessel erhebt und hinüber in die angrenzenden Küche geht, um den pfeifenden Wasserkessel vom Herd zu nehmen, verrät sein schwankender Gang die erlittenen Schläge des Alters. Trotzdem ist ihm – gepaart mit der gelassenen Heiterkeit dessen, der seine selbstgesteckten schriftstellerischen Ziele erreicht hat – eine Altersanmut zu eigen die ihn unverändert charismatisch erscheinen lässt. Von geistiger Müdigkeit keine Spur – im Gegenteil: denn empfängt er einen zum Nachmittagstee in seiner weitläufigen Wohnung in der Kölner Südstadt, oder man durchstreift an seiner Seite die nahegelegenen Parks, so wirkt er vom ersten Moment an vollkommen präsent. Und nimmt er einen mit auf seine geistigen Ausflüge durch die Weiten seines hochkomplexen, philosophisch-psychologisch geschulten Denkens, so geht man Ende ebenso beglückt wie gedanklich bereichert daraus hervor.

Wellershoff, 1925 in Neuss geboren, schreibt Existenzromane; Bücher, deren Protagonisten jeweils nach Glück und Zugehörigkeit suchen, und dabei nicht selten auf der lange Zeit erfolgreich verdrängten Schattenseite ihrer Existenz stranden. Denn ob die vier Protagonisten seines großen Erfolgsromans „Der Liebeswunsch“ von 2000, die am Ende allesamt von Grund auf verändert aus den Geschehnissen hervorgehen – oder in den Suizid flüchten wie eine von ihnen; oder der junge Landpfarrer, der in Wellershoffs letztem Roman „Der Himmel ist kein Ort“ von 2009 auf schmerzhafte Weise an die Grenzen seines Denkens und Glaubens geführt wird: Sie alle erleben – in bester existenzialistischer Tradition – ihr menschliches Geworfensein als krisenhaften Zustand, aus dem am Ende nur die Erkenntnis herausführt, dass ein anderes Leben nicht zu haben ist.

Wenn er redet, tut er dies oft begleitet von dem Lächeln eines Menschen, der mit sich im Reinen zu sein scheint. Die großen Bewährungsproben seines mittlerweile 88 Jahre währenden Lebens liegen hinter ihm – und er hat sie allesamt erfolgreich bestanden: Krieg, Gefangenschaft, Heimkehr in eine kahlgeschlagene Heimat, Ehe, Elternschaft und die steten Anfechtungen einer freien Schriftstellerexistenz. Gleichwohl wird all das inzwischen überstrahlt von seinem großen, seit einiger Zeit in neun schweren Folianten einer Gesamtausgabe geborgenen schriftstellerischen Werk, das sich bei genauer Betrachtung als das in sich wunderbar geschlossene Oeuvre eines bedeutenden literarischen Existenzialisten erweist, der sein Schreiben zeitlebens als „Seins-Erschließung“ verstand. Ein Abenteurer des Geistes, dessen Arbeiten unverwitterlich aufragen aus der weitgesteckten Literaturlandschaft dieser Jahre.

An dem Rattenrennen, zu welchem das Literaturbetriebstreiben aus seiner Sicht geworden ist, nimmt er schon länger nicht mehr teil. Warum sollte er auch? Denn das, was all die immer neu antretenden und angeblich so vielversprechenden Newcomer in ihren Romanen zumeist mehr schlecht als recht anzureißen versuchen, nämlich die Beschreibung des Einzelnen, der sich sein Glück und einen Platz in einer sich rasant verändernden Gesellschaft zu sichern versucht, das findet sich in seinen Arbeiten längst wiederholt in meisterlicher Manier beschrieben. Angefangen bei seinem monolithischen Erzählband „Das normale Leben“ von 2005, in welchem wir in zehn Anläufen Zeuge menschlicher Metamorphosen werden, bei deren Ausgestaltung Wellershoff wiederkehrend seine ganze Meisterschaft demonstriert: denn wie er es vermag, etwa in der Titelgeschichte das Porträt eines in die Jahre gekommenen Mannes zu zeichnen, der glaubt, das Rad der Geschichte noch einmal zurückdrehen zu können, und darüber geradezu schockartig auf die eigene altersbedingte Begrenztheit stößt, das ist famos. Und wenn er in dem zutiefst berührenden Stück „Wann kommt Walter?“ die Episode einer verzweifelt Wartenden entspinnt, deren stete Sehnsucht nach dem gleichnamigen Abwesenden sich unversehens als schmerzhaftes Mitfühlen auf uns Leser überträgt, dann illustriert dies eindrucksvoll Wellershoffs hohe Kunst, Bilder und Sätze in Gefühle zu übersetzen.

Sicher: seit Erscheinen seines letzten großen Romans „Der Himmel ist kein Ort“ von 2009 ist es ein wenig stiller geworden um Kölns bedeutendsten lebenden Schriftsteller. Doch macht man sich lesend auf den Weg durch sein Werk, so begegnen einem darin all jene Themen, die immer schon der Gegenstand wirklich bedeutender Literatur waren: Liebe und Tod, Schuld und Sühne, die Schrecken des Alters und die Sehnsucht nach der Rückkehr in jenes für immer verlorene Paradies, das wir Jugend nennen. Und blickt man auf die Probleme, Wünsche und Sehnsüchte des heutigen Menschen so erscheinen seine Bücher aktueller denn je: er zeigt darin ihre Verwirrung, zeigt ihren Hunger nach Glaube als Orientierungshilfe, nach Glück und was es heißt, auch ohne ein solches über die Runden kommen zu müssen.

Mehr als 40 Titel umfasst die Liste seiner Veröffentlichungen. Darunter wuchtige Romane wie „Die Schönheit des Schimpansen“ (1977), „Der Sieger nimmt alles“ (1983) und „Der Liebeswunsch“ (2000) oder Meisternovellen wie „Die Sirene“ (1980), oder „Zikadengeschrei“ (1995). Kunstvoll ineinander verwoben, liegen sie als großer Existenz- und Lebensroman vor uns, fügen sich Buch und Buch zu einem Spiegel unseres Lebens und des Daseins an sich, in welchem wir uns immer wieder auf geradezu irritierend scharfumrissene Weise gespiegelt sehen.

Nein, weder das Internet noch Chatrooms oder Kontaktbörsen, an denen einsame Herzen ihre Ergänzungspartner suchen, finden sich in seinen Büchern. Auch fahndet man nach Zeitgeistern, schnellem Trost oder den Versprechen unverzüglicher Erbauung bei fortgesetzter Lektüre vergebens in seinen Werken. Wer indes aus ist auf jenen exquisiten Erkenntnisgewinn, wie ihn uns nur eine kostspielig dem Leben abgelauschte Literatur beschert, der sollte unverzüglich nach den Büchern des großen, furchtlosen Kölner Existenzialisten greifen. Denn sie machen uns klüger, reicher und schöner und bescheren ihren Lesern Abenteuer von elektrisierender Wucht und Intensität. Bringen Licht ins Dunkel unserer Existenz, ordnen unser Chaos – geleiten uns ans Herz der Dinge. Wir sollten sie lesen!

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- ( 04-04-2014 03:05:18 )
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- ( 26-03-2014 08:51:29 )
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erstellt am 18.2.2014

Dieter Wellershoff
Dieter Wellershoff

Dieter Wellershoff
Der Himmel ist kein Ort
Roman
Gebunden, 304 Seiten
ISBN: 978-3-462-04134-7
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2009

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