Wie sie überraschend Farbigkeit in das barocke Sepia-Ambiente setzt oder Tessallationen, wie sie M.C.Escher durchspielte, mit dekorativer Architektur konfrontiert, – Slava Seidels überzeugend umgesetzten Bildeinfälle greifen nach dem Betrachter. In der Städtischen Galerie in Lemgo sind ihre abenteuerlich-phantastischen Arbeiten ausgestellt, und Florian Koch hat sie gesehen.

ausstellung in lemgo

Slava Seidels dART-Blätter

Von Florian Koch

Man kann sie als sinnlich-verrückte Raumexplosionen bezeichnen, als phantastische Tierfabeln oder dadaistische Querschläge auf unsere überästhetische Welt. Aufgeladene, belebte Interieurs von ungeahnter Präsenz, enigmatische Orte, wo Innenarchitektur mit phantasievollen, existentiellen Inhalten eine aufregende Liaison eingeht. Oder, um es mit der rhetorischen Figur des Oxymorons zu sagen: Figürlich-konkret und zugleich abstrakt. Das Werk von Slava Seidel überrascht stets aufs Neue, denn glaubt man, ihr auf die Schliche gekommen zu sein, schlägt uns die Künstlerin einen Haken und gelangt in neues künstlerisches Terrain, in eine andere Epoche, in ein neues illusionistisches Raumkonzept. Feststellen lässt sich, dass sich die Absolventin der renommierten Frankfurter Städelschule, wo sie von 2003 bis 2008 studierte, nicht festlegen lässt. Wie sie mit ihrer Malerei die Wirklichkeit aus den Angeln hebt, so entzieht sie sich der eindeutigen Festlegung. Ihre Kunst hat sich, seit sie vor sechs Jahren die international ausgerichtete Kunsthochschule verlassen hat, aufs Vielseitigste weiterentwickelt. Nahezu jedes Bild lässt ein neues Thema anklingen und erzählt eine andere Geschichte. Und eine Fülle an Gefühlen vermag sie mit diesen Bildern zu berühren: Freude und Lust, Zweifel und Einsamkeit, Schwindel und Spannung, um nur einige zu nennen. Vielleicht liegt es daran, dass die Künstlerin bei der Realisierung ohne Rücksicht auf sich selbst alles, was sie hat, hinein gelegt hat.
 
Slava Seidel stammt aus einem Industriegebiet in der Ukraine, dem Land der Stunde, verbrachte die Kindheit im Norden in der Republik Karelien, neben Finnland gelegen, und erhielt ihre erste Ausbildung in Sankt Petersburg: Ein Innenarchitekturstudium, das mit monatelangen Exerzitien gespickt war: Altmodische Innenarchitektur und Kopien Alter Meister aus dem 18. und 19. Jahrhundert wurden da angefertigt. Hier hat ihr Stilreichtum seine Basis. Perspektive und Licht hießen etwa die Fächer, die Erschließung des Raumes gelang also auf vielfältige Weise. An der Städelschule setzte sie darauf ein Freies Kunststudium auf, und seither ist sie mit ihrer Position ganz bei sich selbst angekommen. Dabei kommt ihr der Drill aus St. Petersburg zugute, für sie ergibt sich in ihrer Malerei eine überraschende, unerwartete Folge aus dem Innenarchitekturstudium. Diese Freiheit merkt man jedem ihrer Bilder an, das große Gefühl, neue surreale Räume zu entwerfen und Traumwelten realisieren zu können, nicht von wissenschaftlicher Obrigkeit gezähmt oder gar ausgebremst zu werden, schwingt mit, und man kann ihre Arbeiten auch als eine Befreiung von den engen Strukturen des Ostens begreifen.
 
Überdimensionierte Tiere, Golfer in Kraterlandschaften, Dominospiele im öffentlichen Raum, magische Poolbillardsituationen in unüberschaubaren Sälen, ein Seiltanz auf dem Tischfußballfeld – Slava Seidel erfindet in ihrem opulenten Werk weiter Szenen und Räume, in denen surreale Phantasie und spielerische Zustände dank ihrer zeichnerischen Könnerschaft auf den magischen Punkt gebracht werden. Immer ist eine große Portion Humor dabei. Und auch in der Verzerrung meistert die Künstlerin die Darstellung der komplexesten Architekturformen. Innen und außen werden bei ihr auch in eins gezogen, was besonders eindrucksvoll gelingt, wenn offenbar eine Art Dampfer oder Segelschiff im gefluteten Theater versinkt, sie das Bild aber nur unschuldig mit „Gezeiten“ betitelt. Gigantische Regenschirme, unter der eine ganze Schar an Menschen Platz hat, ein Kartenhaus, das aus riesigen Spielkarten besteht – die Größenverhältnisse, in denen sich Slava Seidel bewegt, sind immer von großen Dimensionen. Ein Boxring und ein Labyrinth, eine Arena und ein Kolosseum, ein Trichter und ein Treppenhaus: Die Orte, die Slava Seidel in ihren Bildern beschwört, haben oft etwas in sich Geschlossenes, Dynamisches, Verdrehtes, ja manchmal sogar Abgedrehtes. Es sind Orte, vor denen man sich fürchten kann wegen der Weite oder im Gegenteil wegen der Beklemmung, die von ihnen ausgeht. Manche hat man vielleicht schon im Traum gesehen, denn die Phantasie ist der Urgrund des Malens bei Slava Seidel. Immer wieder etwa bereist sie im Traum einen großen Saal, der Theater, Kino und eigene Projektionsfläche zugleich ist. Aus diesen Traumwelten schöpft sie immer wieder für ihr Werk. Der Künstlerin ist es wichtig, dass ihre in Sepiatinte gemalten Orte nicht konkret sind und erkannt werden können. Ihre Architektur ist ortlos und ungewiss. Sepiatinte ist vielseitig, denn sie spaltet sich in verschiedene Farbtöne, so dass eine monochrome Malerei, wie sie aus der Ferne wirkt, aus der Nähe sehr facettenreich und differenziert ist.
 
Erst seit einigen Monaten hat Slava Seidel ein neues Kapitel in ihrer Malerei aufgeschlagen: Sie integriert auf der vollendeten und getrockneten Sepia-Oberfläche prägnant farbige Elemente mit Ölfarbe. Dadurch entsteht eine dynamische Spannung, sie lenkt das Interesse auf diese Farbpartie, die gut in die Bilder hinein passt. Farbige Streifen im Theater vermitteln den Eindruck, als gäbe es einen Zugang in die Welt unter dem Theater, ein farbiges Bodenmosaik suggeriert echte Tiefe und lässt den Blick hinein wandern wie in einen Strudel. Diese Sogwirkung ist typisch für die Arbeit von Slava Seidel, die vergangenes Jahr Orkan Xaver aus nächster Nähe bei einem Aufenthalt in Friesland erlebt hat und dieses Erlebnis in ihrer Malerei verarbeitet hat.

„Mein Leben ist wie eine Achterbahn, es gibt keinen Stillstand, Kunst und Leben, Traum und Werk sind unlösbar miteinander verflochten. Mit der Malerei befreie ich mich, es ist wie ein Vulkan, der sein Innerstes hinauslässt.“ Das ist bei den Arbeiten unbedingt spürbar, denn die Intensität, die Energie, dieses Malen aus einer großen, rastlosen Geste heraus, das zeichnet diese einzigartige Position von Slava Seidel aus. Für sie ist Malen wie ein Abenteuer: Es klappt, dann stehen wir in unserer Abenteuerlust begeistert davor, oder es klappt nicht, und dann findet das Bild erst gar nicht den Weg in die Öffentlichkeit. Und wenn uns das Abenteuer anspricht, weil es etwas mit uns zu tun hat, dann setzt das entsprechende Bild auch Erinnerungen an eigene Erfahrungen aus dem eigenen Leben frei, dann wird das Bild in uns als Betrachter lebendig und erhält Kraft.
 
Der Anblick einer Barock-Kuppel kann der Anstoß zu einer Werkgruppe sein, in die sie dann von der Rosette bis zur überdimensionierten Uhr Verschiedenstes aus dem jeweiligen Kontext ins Bild fasst: Eine erstaunliche Anzahl großforma­tiger Arbeiten entsteht dann in hyperaktiven Phasen innerhalb von wenigen Tagen und Wochen. Bemerkenswert ist ihr außergewöhnliches Talent zur Bildimagination, das uns in immer wieder in unbekannte, phantastische Realitäten entführt. So ist ihre Kunst grenzenlos zu nennen, zuweilen surrealistisch anmutend, wenn ein Kopf ein Ballon wird und ganze Häuser durch die Lüfte sausen. „Bei mir fliegt alles“, sagt Slava Seidel, und man mag es der energischen jungen Frau aufs Wort glauben. Die Bilder sprudeln nur so aus ihr heraus, sie lebt den kreativen Schaffensrausch, bei dem sich nie die Frage stellt, was sie als nächstes machen wird, sondern nur, wie sie es in unserer kurzen Zeit auf Erden schaffen soll, all die existierenden Bilder vom Kopf aufs Papier oder auf die Leinwand zu bringen. Ihre Ungeduld kommt uns als Betrachter zugute.
 
Sepia ist ein braun- bis grauschwarzer Farbstoff, der aus dem Tintenbeutel von Tintenfischen (Sepien) gewonnen wird. Man kennt sie im Hausgebrauch vor allem von der gefärbten schwarzen Pasta. Die Sepiaform, wie sie Slava Seidel nutzt, ist auf Schellack-Basis. Technisch lautet die Frage bei diesen Sepia-Arbeiten, wann die Künstlerin Wasser hinzu gibt und wann sie das Wasser wieder abwischt. Beim Entstehen der Kunst liegen die Bilder immer auf dem Boden, und während die gewässerte Sepiatinte bei den Leinwänden eher blau wird, entwickelt sie sich bei den Papierarbeiten eher in eine grünliche Richtung. Ein UV-Lack fixiert nach Vollendung die zarten und zugleich kraftvollen Werke. Sepiatusche zählt zu den anspruchsvollsten Materialien, weil sie keine späteren Korrekturen zulässt. Das kommt ihrem Wunsch, Werke aus einem Guss zu erstellen, auf Vorzeichnungen zu verzichten, stark entgegen. Wichtig bei der Betrachtung ihrer Bilder ist das Licht, denn je nach Lichtverhältnissen wird eine andere Stimmung spürbar, entdeckt man andere Elemente und Schichten in diesen Bildern. Dezentes, indirektes Licht kommt ihren Arbeiten zugute, denn da wird die innere Kraft und Energie, die in den Bildern steckt, besonders spürbar und sichtbar.

„Traumhafte Irritationen“ hat der Kunsthistoriker Jörg Scheller ihre Arbeiten apostrophiert, und er attestierte der jungen Künstlerin, dass sie die „vermeintlich morbide Erhabenheit ironisiert“. Ihr Humor ist tatsächlich unverkennbar. Ihre Position ist so überraschend wie frisch, so einzig wie unkonventionell. Von dieser Malerei wird man noch einiges hören und zu sehen bekommen.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 15.2.2014

Slava Seidel: Raumspiel 2, 130x150cm, Tusche und Öl auf Leinwand, 2014
Slava Seidel: Raumspiel 2, 130x150cm, Tusche und Öl auf Leinwand, 2014
ausstellung in lemgo

Slava Seidel: dART Blätter

Bis 9. März 2014, Städtische Galerie Eichenmüllerhaus, Braker Mitte 39, 32657 Lemgo

Städtische Galerie Eichenmüllerhaus Lemgo

Slava Seidel: Zwischen Dschungel und Geisterbahn, 160x200cm, Tusche und Öl auf Leinwand, 2014
Slava Seidel: Zwischen Dschungel und Geisterbahn, 160x200cm, Tusche und Öl auf Leinwand, 2014
Slava Seidel: Raumspiel, 130x150 cm, Tusche und Acryl auf Leinwand, 2013
Slava Seidel: Raumspiel, 130x150 cm, Tusche und Acryl auf Leinwand, 2013