Der Film „Nanook of the North“ („Nanuk der Eskimo“) von 1922 zeigt am Beispiel des Eskimos Nanuk und seiner Familie das mühsame Leben in der Arktis. Die vollständige Fassung des Films ist nun auf DVD erschienen. Thomas Rothschild hat sie sich angesehen.

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Im Norden Kanadas

Von Thomas Rothschild

„Nanook of the North“ („Nanuk der Eskimo“) von 1922 gilt als Meilenstein der Dokumentarfilmgeschichte. (Dass es sich um den ersten Dokumentarfilm überhaupt handle, wie gelegentlich behauptet wird, ist Nonsens.) Robert Flaherty steht für den narrativen Dokumentarfilm, der in seiner Struktur dem Modell des Spielfilms folgt. Wenn sich ein einschlägiges Festival in Perm „Flahertyana“ nennt, so bezieht es sich ausdrücklich auf diese Variante und grenzt sich zugleich gegen die Alternative ab, die – jedenfalls in Russland – vor allem durch Dziga Vertov repräsentiert ist. Flaherty kann auch als Vater des ethnographischen Films gelten, der später in Regisseuren wie Jean Rouch oder Chris Marker seine prominentesten Vertreter fand. Seine Methode ist die der teilnehmenden Beobachtung. Empirie, nicht Theorie bestimmt sein Interesse.

„Nanook of the North“ zeigt am Beispiel des Eskimos Nanuk und seiner Familie das mühsame Leben in der Arktis. Die Gewinnung von Nahrung, der Bau von Unterkünften, der Umgang mit den Kindern und mit Tieren – sie werden dem Zuschauer im wahrsten Sinne des Wortes nahe gebracht. Die Gesichter der Menschen prägen sich ein, und man meint am Schluss, man habe mit ihnen gesprochen, obwohl es im Stummfilm, wie der Name sagt, keinen Ton gab. Flaherty war von jenem menschenfreundlichen Ethos getragen, das viele Dokumentarfilmer von Joris Ivens bis Hans-Dieter Grabe leitet. Flaherty glaubte noch daran, dass Toleranz und Frieden unter den Menschen gewährleistet würden, wenn man einander nur besser kenne, wie der jüngst verstorbene Pete Seeger mit einer sympathischen Naivität bis an sein Lebensende die Welt retten wollte, indem er die Lieder der Völker interpretierte und verbreitete.

Die Filmwissenschaft hat nachgewiesen, dass Flaherty für seinen Film einzelne Szenen nachgestellt, also inszeniert hat. So wurde zu der Zeit, als der Film entstand, nicht mehr mit Harpunen gejagt. Das verärgert einige Puristen des Dokumentarischen. In Wahrheit belegt es nur, was man eigentlich wissen müsste: dass es den „authentischen“ Film, der die Wirklichkeit eins zu eins abbildet, nicht geben kann. Die Auswahl der Motive, der Schnitt, die Kameraposition, die Einstellungsgröße, das Licht, die Musik, die auch dem Stummfilm schon hinzugefügt wurde, bedeuten immer schon einen Eingriff in die Wirklichkeit. Worauf es ankommt, ist die Wahrhaftigkeit, und die mag man dem Dokumentarfilm in anderer Weise abverlangen als der Fiktion. Dafür freilich bleibt Robert Flahertys „Nanook of the North“ ein überzeugendes Exempel. Wovon man sich jetzt an Hand der vollständigen Fassung auf einer DVD überzeugen kann.

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erstellt am 14.2.2014

Nanuk, der Eskimo
Stummfilm von Robert Flaherty
USA 1922
Schwarz/Weiß, 143 Minuten
ARTE EDITION/absolut Medien

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