Der Geist, der später Punk und Garagensound prägte, lebte in Wien schon in jenen Jahren, in denen der Rock'n'Roll die Welt veränderte. Thomas Rothschild berichtet über „Schnitzelbeat“, eine CD, die verschollene Aufnahmen aus dieser Zeit kompiliert.

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Elvis und Bill Haley mit Schmäh

Von Thomas Rothschild

In Österreich lagen Trash und Avantgarde, dilettantisches Unvermögen und absichtsvoller Primitivismus stets nah bei einander. Der Geist, der später Punk und Garagensound prägte, lebte in Wien schon in jenen Jahren, in denen der Rock'n'Roll die Welt veränderte. Wenn Jugendliche sich im traditionsbewussten, stinkbürgerlichen und bigott konservativen Wien daran machten, die neue Musik, mit der sie sich von der älteren Generation absetzen wollten, zu erobern, war nicht immer klar, wo die Nachahmung endete und die Parodie begann. „Schnitzelbeat“ nennt sich in selbstironischer Bescheidenheit eine CD, die verschollene Aufnahmen aus jenen Jahren kompiliert.

Die Übergänge zum Schlager und zum Kitsch waren fließend. Udo Jürgens oder Jörg Maria Berg versuchten ja auch, in Konkurrenz zum erfolgreichen Peter Kraus jenseits der österreichisch-bayrischen Grenze, amerikanische Hits mit deutschen Texten, deren unfreiwillige Komik heute schon wieder einen Reiz entwickelt, zu covern und so einzugemeinden. Dass die Bambis mit der Schnulze „Melancholie“ dann den ersten großen Triumph der österreichischen Popmusikindustrie errangen, beweist nur, dass die härtere, aggressivere Richtung an der Donau und in den austriakischen Medien auf noch größeren Widerstand stieß als in Westdeutschland. Der Kabarettist Gerhard Bronner etwa, der paradoxerweise mit seinem „G'schupften Ferdl“ den Rock'n'Roll zugleich persifliert und verbreitet hat, führte in seiner regelmäßigen Rundfunksendung noch einen grimmigen Kampf gegen die Beatles.

Zu den Kuriositäten der CD gehört der Song „Geisterstunden Cha-Cha“ von 1960. Hinter der Olympia Band verbergen sich nämlich Bill Grah und Uzzi Förster, zwei anerkannte Repräsentanten der damaligen Wiener Jazzszene. Uzzi Förster, der Bruder des Kybernetikers und Konstruktivisten Heinz von Foerster, stand über Jahre hinweg im Zentrum dieser Szene, nicht nur als Musiker, sondern auch als Organisator von Jazzlokalen, denen man heute nur nachweinen kann. Wenn internationale Stars in Wien gastierten, kamen sie nach dem Konzert zum Jammen in diese Keller. Trash und Avantgarde: der Jazzer Uzzi Förster hatte gegenüber den Rock'n'Roll ebenso wenig Berührungsängste wie H.C. Artmann gegenüber der Trivialliteratur. Sie waren Brüder im Geiste.

Kommentare


Klaus - ( 26-02-2014 09:55:44 )
Wichtiger Hinweis:
"Schnitzelbeat" ist nicht nur auf CD (bei Konkord), sondern zeitgelich auch auf LP (bei Digatone) erschienen. Herausgeber waren dabei in beiden Fällen die Trash Rock Archives aus Wien. Liebe Grüße!

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erstellt am 14.2.2014

Schnitzelbeat Volume 1 – I Love You Baby!
Twisted Rock-N-Roll, Exotica- & Proto-Beat Unknowns from Austria 1957-1965
CD (20 Songs)
KONKORD 077

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