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»London NW«, Zadie Smith' neuer Roman, markiert eine Rückkehr an den Ort ihrer Kindheit – den Londoner Stadtteil Willesden. Nach einer siebenjährigen Pause und gezielten Ausflügen in die Essayistik meldet sich die englische Schriftstellerin mit diesem Roman zurück. Das Warten hat sich gelohnt, findet Peter Henning.

buchkritik

»Der bittere Geschmack der Niederlage«

Nach sieben Jahren legt die englische Schriftstellerin Zadie Smith einen neuen Roman vor: „London NW“

Von Peter Henning

Nach dreizehn Jahren höchst erfolgreicher Arbeit als Schriftstellerin, Essayistin und Verfasserin makelloser Short Stories, schließt sich für die englische Schriftstellerin Zadie Smith mit ihrem neuen, nunmehr vierten Roman „London NW“ ein erster Kreis. Denn verband die 1975 in dem Londoner Stadtteil Willesden als Tochter einer Jamaicanerin und eines Engländers geborene Autorin in ihrem spektakulären Debütroman „Zähne zeigen“ von 2000 auf 656 bild-und anekdotenmächtigen Seiten die weitausholenden Geschichten dreier Einwandererfamilie mitsamt ihren Kämpfen ums Überleben und das gleichzeitige Weiterleben ihrer noch immer uneingelösten Lebensträume in einem von Londons schäbigen Hinterhöfen, dem Stadtteil Willesden, so ist sie nun mit „London NW“ genau dorthin erzählerisch zurückgekehrt. In jenen eher tristen, der Autorin aus ihrer dort verbrachten Kindheit nur allzu vertrauten Durchgangsort, an dem sich die Schicksale ganzer Armee von Einwanderern erfüllen – oder bis zuletzt gezeichnet bleiben von sozialer und emotionaler Unsicherheit und Armut. Und man merkt Zadie Smith die dreizehnjährige, sie weit hinaus führende Rundreise vor allem sprachentwicklungstechnisch an. Denn wucherte die von Beginn an mit einem feinen Gehör für die innersten Regungen und Ausdrucksformen ihrer Figuren ausgestattete Autorin in ihren Erstling noch mit einem an den Amerikaner Jonathan Franzen erinnernden sprachlichen Hyperrealismus, der selbst minimalste Regungen ihrer Figuren messerscharf registrierte und in Sprache übersetzte, so hat sie sich in ihrem neuen Erzählwerk nun kunstvoll jenem besonderen umgangssprachlichen Willesdener Idiom angepasst, das in dem von Schornsteinen, Funkmasten und in den zumeist russgrauen Londoner Himmel aufschießenden Dachantennen gekennzeichneten Quartier den alltäglichen Umgang miteinander dominiert: ein die Sätze in der Manier des Rap verknappender, hochmelodiöser Slang, in dem sie durch ihre Figuren hindurch zu uns spricht. Und wieder sind es exemplarisch aus dem steten vielstimmigen Gewimmel des Viertels herausgefischte Schicksale, die Zadie Smith vor uns ausbreitet.

Sieben Jahre hat die Engländerin sich mit ihrem neuen Buch zeitgelassen, der Erwartungen und des Produktionsdrucks ein wenig müde, den ihre zuletzt vorgelegten, allesamt hochgelobten Vorgängerromane „Der Autogrammsammler“ (2002) und „Von der Schönheit“ aus dem Jahr 2005 kontinuierlich in der Öffentlichkeit erzeugten. Von einer Schreibblockade war gar die Rede. Doch nach gezielten Ausflügen in die Essayistik meldet sich die Erzählerin Smith nun auf größtenteils überzeugende Weise wieder zurück. Anders gesagt: das Warten auf sie hat sich gelohnt. Denn erneut besticht die inzwischen 39-Jährige als lustvolle Fabuliererin, die tief mit ihren Sätzen eintaucht in das von ihr kenntnisreich beschriebene Milieu; in dieses hochspezielle, von immer neuen Kultur-und Gefühls-Clashs gekennzeichnete Willesden-Labor, in welchem mitunter winzigste Veränderungen des angerührten Lebensgemischs darüber entscheiden, ob einer sozial aufsteigt – oder aber perspektivlos auf der Stelle tritt.

So schickt sie vier Repräsentanten dieses existenziellen Auf- und Abstiegskampfs in die eng gesteckte Arena ihres Buches: Angefangen bei der trotz Festanstellung als Kommunalbeamtin, festem Partner und respektabler Bleibe ziemlich desillusionierten Leah, die auf Halbdistanz mal irritiert, mal frustriert mitansehen muss, wie es ihrer Freundin Natalie gelingt, als Anwältin den Sprung ganz nach oben zu schaffen, während sie sich weiterhin umzingelt sieht von sogenannten Verlierern. In einem entsprechenden Dialog heißt es dazu: „Wie kommt es eigentlich, dass alle von eurer Schule cracksüchtige Kriminelle geworden sind? Und wie kommt´s, dass alle von deiner im Tory-Kabinett sitzen?“ Natalie hat einen reichen Investmentbanker geheiratet, lebt in einer besseren Gegend und kann sich auf das brasilianische Kindermädchen verlassen, wenn es sie an der Seite ihres gleichwohl in seinen intellektuellen Fähigkeiten eher beschränkten Mannes auf die angesagten Partys zieht. Doch auch Natalie fühlt trotz des äußerlich sichtbar geglückten Aufstiegs nicht das, was man gemeinhin Erfüllung nennt. Und so spielt sie mit dem Erreichten, und startet eine Art Ausbruchsversuch, in dem sie sich per Internet-Chat zu privaten Swinger-Treffen verabredet.

Natalie und Leah gegenüber stehen der ebenfalls farbige, einst vielversprechende Ex-Fußballer und inzwischen als Junkie herumstromernde Nathan, der in der ihn umgebenden herzlosen Gesellschaft den eigentlichen Schuldigen an seiner Misere sieht, und Felix, der zwar noch daran glaubt, sich sein Leben selbst erfinden zu können, am Ende aber mit seinem noch jungen Leben dafür bezahlen muss, dass er es verlernt hat, zwischen Feinden und Freunden genau zu unterscheiden. Kurzum: sie rückt Wesen ins Bild, die am Ende allesamt das Gleiche registrieren: den bitteren Geschmack der Niederlage.

Man mag Zadie Smith vorwerfen können, ihre vier Protagonisten allzu repräsentativ, ja schablonenhaft angelegt zu haben, um durch sie hindurch die herrschenden Gegensätze zwischen Wohlstand und Ausweglosigkeit in einem Tollhaus wie London plastisch zu illustrieren; zudem herrschte in ihren früheren Romanen eine spürbar angenehmere Daseinstemperatur, ein weniger ausgekühltes Klima. Denn unterm Strich bilanziert sie dann doch eine ordentliche Summe an Ernüchterung was den sicherlich falschen Schluss zulässt Willesden sei eine ausgemachte Verliererhochburg. Alleine aber die Existenz der Autorin widerlegt diese Annahme zumindest partiell. Zudem steht der eher schematischen Anordnung der Charaktere ein narrativer Schwung gegenüber, der vieles wettmacht – ein rasantes, assoziatives Erzählen, schnell und Snapshot-artig. Zudem inszeniert Smith ihren neuen, raumgreifenden London-Roman diesmal in einer hochfrequenten, dem Kino entlehnten Schnitt- und Montagetechnik – verdichtet in manchmal nur einseitigen Polaroids, in denen sich mitunter ganze Lebensläufe geborgen finden. Und das macht ihr auf diesem Niveau im Moment so schnell keiner nach.

Ein wirkliches großes Buch aber ist „London NW“ trotzdem nicht geworden. Das mag an der Aussichtslosigkeit liegen, die als subkutane Botschaft im Text mitschwingt. Gleichwohl aber ist hier ein Roman anzuzeigen, der besticht durch eine Milieudichte, wie man sie in Elisabeth Bowens Großstadt-Epos „In der Hitze des Tages“, Hanif Kureishis London-Roman „Der Buddha aus der Vorstadt“ von 1990 oder zuletzt in John Lanchesters großartigem Buch „Kapital“ antraf. Und das ist eigentlich keine schlechte Gesellschaft für die Prophetin der Perspektivlosigkeit aus Willesden.

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erstellt am 10.2.2014

Zadie Smith
Zadie Smith

Zadie Smith
London NW
Roman
Aus dem Englischen von Tanja Handels
Gebunden, 432 Seiten
ISBN: 978-3-462-04557-4
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014

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