Künstlerisch anspruchsvolle Filme vermögen es, gesellschaftliche Asymmetrien und Herrschaftsverhältnisse sichtbar zu machen. Dies gilt für Georgien ebenso wie für Griechenland, für unsere Gegenwart ebenso wie für eine Vergangenheit, die nicht vergehen will. Thomas Rothschild berichtet vom Internationalen Forum der Berlinale.

berlinale 2014

Einsame Menschen

Von Thomas Rothschild

Ein Mann sitzt einer Frau, die er übers Internet kennen gelernt hat, in einem tristen Hotelzimmer auf der Bettkante gegenüber und weiß nichts mit ihr anzufangen. Es wird nicht die letzte Frau in diesem Film sein, die beim Versuch, den Schwerenöter aus seiner Einsamkeit zu befreien, versagt. Der georgische Film von Levan Koguashvili, der im Forum auf der Berlinale unter dem englischen Titel „Blind Dates“ lief, ist eine Komödie der eher melancholischen Art, und er gemahnt daran, dass Komik nicht auf das Niveau deutscher Comedy herabsinken muss. Ein wenig erinnert er an italienische Filme der fünfziger Jahre. Politisch sind Filme ja nicht unbedingt dadurch, dass sie konkrete politische Ereignisse thematisieren oder gar Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verschlüsseln, sondern auch dadurch, dass sie eine Stimmung, ein Lebensgefühl vermitteln. Was auf der ersten Ebene eine Studie über einsame Menschen zu sein scheint, liefert einen Eindruck vom heutigen Georgien. „Blind Dates“ ist ein ungemein schwermütiger und zugleich schöner Film, über den man immer wieder lachen kann. Und den Hauptdarsteller wird man so bald nicht vergessen.

Der Filmredakteur einer Tageszeitung sagte mir einmal: „Wenn an einem Wochenende ein hervorragender usbekischer Film und ein amerikanischer Blockbuster anlaufen, wird der amerikanische Film links oben als Aufmacher ausführlich und der usbekische Film rechts unten knapp besprochen.“ Nicht etwa, dass dieser Redakteur über solche Zustände begeistert wäre. Aber so ist das eben in der Kolonie, in der wir leben. Wir werden nicht nur abgehört, es wird uns auch permanent eingeflüstert, wie wir unsere angebliche Freiheit zu nutzen haben. „40 Days of Silence“ von der usbekischen Regisseurin Saodat Ismailova hat durchaus dramaturgische Schwächen, und seine spiritualistischen und antimodernistischen Tendenzen mögen nicht nach jedermanns Geschmack sein. Aber die Schönheit der Bilder, die Langsamkeit des Ablaufs, die Geduld beim Hinschauen, die an Tarkowski oder Sokurow denken lässt, heben diesen nur scheinbar exotischen Streifen aus dem täglichen Angebot der Kinos heraus oder belegen, unumwunden formuliert, dessen künstlerische Belanglosigkeit.

In unserer aufgeklärten Sklavenhaltergesellschaft wird es als normal empfunden, dass an den Pools der Ressorts von Florida oder Kalifornien fast ausschließlich Weiße und bei den Dienstleistungen fast ausschließlich Farbige zu sehen sind. Ein farbiger Präsident sollte nicht darüber hinweg täuschen: Die USA sind nach wie vor ein rassistischer Staat. Aber auch unsere Gesellschaft muss sich diese Qualifikation gefallen lassen, so lange Polinnen oder Türkinnen den Mist wegräumen, den Deutsche hinterlassen, und nicht Deutsche mit der gleichen Selbstverständlichkeit bei Polen oder Türken putzen oder Pflegedienste versehen. Aber wem fällt das auf? Wer findet diesen asymmetrischen Zustand gar unerträglich?

Selbst Griechenland, das von den reichen EU-Ländern als armer Vetter betrachtet wird, hat seine Sklaven. In dem Film „Sto spiti“ („Zu Hause“) ist es eine Georgierin, die für die Dienstleistungen zuständig ist. Das reiche griechische Paar, bei dem sie lebt und arbeitet, behandelt sie paternalistisch gut, jovial freundlich, wie die Plantagenbesitzer in den amerikanischen Filmen der dreißiger Jahre die schwarze Mammy. Aber als sie krank wird und ihre Brotgeber wirtschaftliche Probleme haben, wird sie entlassen. Der Film verzichtet auf Schematismus, auf eine drastische Gegenüberstellung von Gut und Böse. Er folgt der konventionellen Dramaturgie des Fernsehspiels. Und doch lässt er die Verlogenheit einer – unserer – Gesellschaft erkennen, in der, frei nach Joseph Roth, die einen gehorchen und die anderen befehlen.

Die neoliberalen Fürsprecher des Sozialdarwinismus, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, die inhumanen Verhältnisse schönzureden, erklären uns, die Diskriminierung von Farbigen in den USA, von Polinnen oder Türkinnen hierzulande habe nichts mit Rassismus zu tun. Es handle sich nun mal um Gruppen, deren Anteil an Geringverdienenden und schlechter Gebildeten größer sei als in der Gesamtbevölkerung. Deshalb auch sei die Kriminalitätsrate unter ihnen höher, deshalb etwa seien die Schwarzen in den US-Gefängnissen überrepräsentiert. Warum aber sind die Farbigen im Schnitt ärmer als die Weißen? Liegt es doch an der Rasse? Oder will das der liebe Gott? Die Wahrheit ist: die Schwarzen wurden bis heute ebenso wenig für die Verschleppung ihrer Vorfahren aus Afrika, für Lynchmorde und qualvolle Sklavenarbeit entschädigt wie die Angehörigen der First Nation für Landraub und Genozid. Sie hätten jedoch auf Entschädigung den gleichen berechtigten Anspruch wie die Überlebenden der Holocaust und die Angehörigen der ermordeten Opfer.

Was der Holocaust bedeutet, wie er aussah – davon vermittelt der Film „German Concentration Camps Factual Survey“ eine Ahnung. Die Alliierten – aus England, Amerika und der Sowjetunion – dokumentierten 1945 bei der Befreiung der deutschen Konzentrationslager, was sie dort vorfanden. Weil man schon bald nach Kriegsende auf Versöhnung setzte, ließen die Briten das Gedrehte im Archiv verschwinden. Man wollte die Deutschen solchen Bildern nicht aussetzen. Erst jetzt, 69 Jahre später, wurde das Material bearbeitet und in der vollständigen Fassung im Forum der Berlinale uraufgeführt. Die Bilder von verhungerten, an Typhus erkrankten Leichen, die, nur noch Haut und Knochen, in Massengräber geworfen werden, sind nur schwer auszuhalten. Wer den Holocaust leugnet, wird auch durch diese Dokumente nicht zu überzeugen sein. Er wird sie für eine Fälschung halten, und es gibt keine Möglichkeit, ihm das Gegenteil zu beweisen. Doch als Erziehungsmaßnahme taugt solch ein Film heute ohnedies nicht. Wohl aber als erschütternde Erinnerung. Im Delphi Kino herrschte tiefes Schweigen bei der Vorführung dieses Films und unmittelbar danach. Für das Leid der Schwarzen in den USA steht eine entsprechende Dokumentation noch aus. Und es wird sie in dieser Form nicht geben: Als die Sklaven aus Afrika übers Meer gebracht wurden, gab es weder Fotografie noch Film. Der Oscar-Anwärter „12 Years a Slave“ ist jedenfalls wenig geeignet, die historische Wahrheit begreifbar zu machen.

Das Internationale Forum bei der Berlinale hat anregend begonnen. Bis zum 16. Februar kann man weitere Anregungen erwarten.

Kommentare


Steff - ( 25-02-2014 03:04:46 )
Danke für diese wertvollen Impressionen und prägnanten Filmtipps!
Ja, Filme können helfen die Augen wieder aufzumachen und die Sperrkräfte hinter den gesenkten Lidern zu überwinden.
No more "push back"!

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erstellt am 10.2.2014

Filmstill: Athanasios Karanikolas, Sto spiti / At Home. Griechenland 2014

Trailer: Levan Koguashvili, Shemtkhveviti paemnebi / Blind Dates. Georgien 2013

Trailer: Saodat Ismailova, Chilla / 40 Days of Silence. Niederlande, Usbekistan, Frankreich 2013

Trailer: Athanasios Karanikolas, Sto spiti / At Home. Griechenland 2014