Leoš Janáčeks 1921 uraufgeführte Oper „Katja Kabanowa“ zählt zu den Höhepunkten des Musiktheaters im 20. Jahrhundert. Nun hat Andrea Breth dieses dramatische Werk an der Berliner Staatsoper im Schiller Theater inszeniert, berichtet Thomas Rothschild.

opernkritik

Der Preis für ein wenig Glück

Von Thomas Rothschild

Die Story ist schlicht: Eine Frau betrügt den ungeliebten Mann und zerbricht an ihrem schlechten Gewissen. Bedenkt man aber, dass der russische Dramatiker Alexander Ostrowski sein „Gewitter“ bereits 1860 geschrieben hat, kann man nur darüber staunen, mit welcher psychologischen Genauigkeit er die Tragik einer Frau gestaltet, die ihren wahren Empfindungen nachgibt und das Recht auf Sexualität in Anspruch nimmt – wie Arthur Schnitzler es 40 Jahre später in seiner Erzählung „Frau Berta Garlan“ tat.

Der tschechische Komponist Leoš Janáček hat Ostrowskis Stück für das Libretto seiner Oper „Katja Kabanowa“ selbst adaptiert. Das 1921 uraufgeführte Werk zählt zu den Höhepunkten des Musiktheaters im 20. Jahrhundert. Viele bedeutende Regisseure haben die Herausforderung dieser dramatischen Oper, die sich ohne Verrenkungen mit Schostakowitschs etwas jüngerer „Lady Macbeth von Mzensk“ vergleichen lässt, angenommen. So auch Andrea Breth. In ihrer Inszenierung, die jetzt aus Brüssel an die Berliner Staatsoper im Schiller Theater übernommen wurde, arbeitet sie sehr deutlich die psychologischen Voraussetzungen für Katjas Ehebruch heraus. Ihr Mann Tichon ist ein Muttersöhnchen, verklemmt und ohne Verständnis für seine Frau. Im ersten Akt wäscht die dominierende Mutter den Sohn beharrlich zwischen den Beinen: es sieht aus wie eine Masturbation. Die herrschsüchtige Mutter gibt den Ton an, sie befiehlt, wie der Sohn mit seiner Frau umzugehen habe, und er leistet kaum Widerstand.

Was wie eine Karikatur, eine monströse Überzeichnung beginnt, wird mehr und mehr zu einer subtilen Tragödie. Katjas Selbstmord in der nahen Wolga kündigt sich schon lange vor dem Ende an. In Eva Maria-Westbroek hat die Aufführung eine Sängerin für die Titelpartie, die man sich besser nicht wünschen kann. Annette Murschetz hat einen Bühnenraum gebaut, der Schäbigkeit und Tristesse atmet und aus dem es kein Entrinnen gibt.

Simon Rattle reizt die dynamischen Differenzierungen aus und holt aus der Staatskapelle Berlin die ganze Dramatik der Partitur heraus, insbesondere in den Schlüssen der sechs Bilder – jeder der drei Akte besteht aus je zwei Szenen –, die jeweils bei geschlossenem Vorhang ausklingen. Andrea Breth setzt deutliche Zäsuren, lässt keine Kurzatmigkeit zu. Für den Beginn hat sie vollständige Finsternis verordnet. Die Musik ertönt aus dem abgedunkelten Orchestergraben, auch die Notlichter an den Eingangstüren wurden verhängt. Sehr viel heller wird es auch später nicht. Es liegt an den Verhältnissen, in denen es auch nach dem Gewitter nicht zu Sonnenschein kommen konnte.

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erstellt am 09.2.2014

Szenenfoto Staatsoper im Schiller Theater Berlin: Bernd Uhlig

Katja Kabanowa

Oper von Leoš Janáček

Musikalische Leitung Simon Rattle
Inszenierung Andrea Breth
Bühnenbild Annette Murschetz
Kostüme Silke Willrett, Marc Weeger

Staatsoper im Schiller Theater Berlin

Szenenfoto Staatsoper im Schiller Theater Berlin: Bernd Uhlig

Szenenfoto Staatsoper im Schiller Theater Berlin: Bernd Uhlig