Jeden Tag grüßen und begrüßen wir: Menschen und allerlei Dinge. „Aber was heißt Grüßen?” Dieser Frage geht Thomas Schestag in seiner präzisen und preziösen Kurzstudie „Zum Gruß” nach.

essay

Zum Gruß

Von Thomas Schestag

Freundlich angesprochen und gebeten, über den Gruß zu schreiben. Wir würden es begrüßen… Fühle ich mich angesprochen und aufgefordert, der Bitte als einem Höflichkeitserweis, einer Ergebenheitsadresse, einer Herausforderung nachzukommen, zu entsprechen? Die knienden Boten vom Boden aufzustehen heißen? Mich der Botschaft zu unterwerfen und Gehorsam zu leisten? Oder Widerstand –: und abzulehnen? Die Bitte, über den Gruß zu schreiben, – grußlos – passieren zu lassen? Ein Bote taucht auf, aus heiterm Himmel, ein Brief – der Brief als Gruß –, ein Vorschlag wird unterbreitet, ihn anzunehmen oder auszuschlagen bleibt dem Angesprochenen überlassen. Was voraussetzt, dass ich als Angesprochenen mich begrüßt, mich (den Grüßenden) mir (dem Begrüßten), mich (den Begrüßten) mir (dem Grüßenden), mit einem Wort mich mir – den Namen, den ich trage, wie dem Namen, den ich trage, wie im Namen, den ich trage – überliefert, unterworfen, überlassen habe; die Botschaft als Botschaft, als an mich gerichtet und mich als den Empfänger der Botschaft betrachte. Ein Kästchen aus Worten, eine Geste, ein Gast, auf der Schwelle meiner Augen. Ich kann mich bücken, den Gast willkommen heißen, der Geste willfahren, das Kästchen öffnen, die Augen. Alles hängt, scheint es, von mir ab. Und dennoch bin ich – aber bin ich es? – schon in Anspruch genommen, der Bitte unterworfen, die vor- und vorausgeht. Aber dennoch: zwischen allen Erwägungen bleibt offen, ob überhaupt und wo genau – in mir, beim Namen aufgerufen – die Bitte als Bitte, über den Gruß zu schreiben, wahrgenommen und begrüßt wird. Gleichgültig, ob der Gruß Willkomm oder Abschied entbietet, das Willkommen verabschiedet, oder den Abschied willkommen heißt.

Verwicklung: die Bitte um einen Beitrag zum Gruß ist schon als Gruß, als eine Grußadresse, jedes Wort vom Gruß tangiert, verfasst. Wir grüßen Sie, erinnern Sie sich noch? Und würden es begrüßen, wenn Sie der Bitte um einen Beitrag über den Gruß nachkämen. Mit freundlichen Grüßen… Was, wenn ich die Bitte ausschlage, nicht ohne meinerseits freundlich zu grüßen? Aber was heißt Grüßen? Es scheint, die kleine Szene – ein Brief, den ein Gruß eröffnet, dessen Mitte die Bitte, über den Gruß zu schreiben, bildet, der über Grüßen schließt – wird heimgesucht von Gesten, mehr und weniger verkapselt, die ausgehend vom Gruß, im Hinblick auf den Gruß, den Gruß in Dienst zu nehmen oder auf Distanz zu halten, aufgeboten worden sind.

Aus dem althochdeutschen grouzen wie aus dem mittelhochdeutschen gruëzen und Gruoz tauchen, „ohne jeden freundlichen beisinn“, wie es im Deutschen Wörterbuch [1935] heißt, Gruß und Grüßen „meist als feindliches entgegenkommen, angriff, anfechtung, anklage“ auf. Der grüßende Anruf ist eine Aufforderung zum Kampf, Gruß auf Leben und Tod. Die andere Bedeutung des Grüßens, fast spiegelverkehrt dem feindlichen Gruß entboten, verzeichnet das Deutsche Wörterbuch so: „grusz als freundliches entgegenkommen ohne den feindlichen beisinn“. Die zweimal ohne jeden Beisinn, einsinnig, abgesetzt voneinander, eindeutig ausgerichtet eingeführten, einander – genau aus diesem Grund – zum Verwechseln ähnlichen Bedeutungen des Grüßens, die feindliche und freundliche zu scheiden, und Freund und Feind im Gruß erkennen, wiedererkennen und anerkennen zu können, den Feind als Feind, den Freund als Freund, gehen für den Beiträger des Artikels Grusz im Deutschen Wörterbuch so ineinander über, dass der Entscheid über die Ausrichtung des Grüßens überhaupt verloren geht. Im Anschluss an den zunächst eingeführten, älteren, feindlichen Gruß, der die einander Begegnenden als Gegner wahrzunehmen sucht, in Freundschaft mit dem Feindbild zu leben, heißt es: „bei den jüngeren belegen ist es unsicher, ob die alte bedeutung erhalten, literarisch wieder aufgenommen oder ironisch aus der positiv-freundlichen bedeutung gewonnen ist“. Im Gruß überwiegt nicht einmal der feindliche, ein andermal der freundliche Sinn, und spielen nicht einfach der freundliche und feindliche Beisinn ineinander; der Gruß zögert nicht nur zwischen Unterwerfung (unter die Erwartung des andern) und Unterwerfung (des andern), sondern im Gruß setzen beide Grußadressen, sich – den Grüßenden – wie den andern – den Begrüßten – als Freund oder Feind zu erkennen zu geben und erkannt zu haben, aus. Unkenntlichkeit des Grußes… Aus dem Gruß, in dem beide Deutungsansätze, die Freundlichkeit oder Feindlichkeit des Grüßenden wie des Begrüßten stützen sollen, aussetzen, kehrt die verschollene Erinnerung an die Unausrichtbarkeit des Rufs als Anruf wieder. Erinnerung an eine Trost- und Sorglosigkeit, die im Ruf – auf der Schwelle zu verstummen, auf der Schwelle zum Gesang – spielt, und die im semantischen Grundriss des Grüßens, den die Wörterbücher verzeichnen, die Bedeutung des Klagens und Weinens annimmt: „grüszen, germ. *grotjan ist causativbildung zu got. Gretan, an. gráta […] ags. grætan weinen. […] afr. greta grüszen, klagen […]“. Der Gruß ist Abschiedsgruß. Was in ihm Abschied nimmt, ist nicht der Gruß und nicht der Grüßende, sondern im Abschiednehmen – ein Nehmen, das im Horchen auf den Ruf anbricht – wird der Gruß vom Gruß, der zustandekommende von sich, der Grüßende vom Grüßenden geschieden. Das grüßende – klagende, weinende – Sagen des Rufs horcht im Ruf – vom Willen zum zustandekommenden bewegt – auf das passagere Ineinander vom Willkomm und Abschied. Deshalb die Schwierigkeit, den Gruß „als allgemeine höflichkeitsbezeugung“ zu verorten, zu verantworten und im Wort dingfest zu machen. Das Deutsche Wörterbuch sieht den Gruß „beim zusammenkommen, vorübergehen, abschied“, also allenthalben (und also nirgendwo ganz) vorkommen. Dass der Gruß sowohl am und als Anfang wie am und als Ende einer (flüchtigen oder vereinbarten) Begegnung, wie im Vorübergehen vorkommen kann, deutet an, dass der Gruß weder Anfang noch Ende, kein Woher und Wohin, sein Wo nicht kennt. Der Gruß ist weder da noch fort, sondern öffnet im Hören auf den Ruf als Gruß die Pforte der Unterbrechung des Willens, fort oder da zu sein, aufzubrechen oder anzukommen.

Was im Augenblick des Grüßens dem Gruß unterworfen werden soll, ist der Gruß: weniger um das feindliche oder freundliche Entgegenkommen des Grüßenden zu signalisieren, und nicht, um im Begrüßten Freund- oder Feindlichkeit zu provozieren, sondern um den Gruß begrüßt und festgestellt, als freundlichen oder feindlichen Gruß ausgewiesen, eingemeindet, das Grüßen selbst entdeckt zu haben. Der Ruf aber entgeht beiden, trennt beider Umriss – des Freundes, des Feindes, von Leben und Tod – im Augenblick ihres Zustandekommens auf. Der feindselige Gruß, „ohne jeden freundlichen beisinn“, sucht, als Gruß auf Leben und Tod, im Begrüßten den Widerwillen gegen die Unausrichtbarkeit und Uneindeutbarkeit des grüßenden Rufs verkörpert zu sehen – und zu unterwerfen, abzuschlachten, auszumerzen. Aus dem Gruß „als allgemeine höflichkeitsbezeugung“ kehrt die aus Verzweiflung stammende Todeslust – Tötungslust – des Grüßenden, kehrt die Todesangst des Begrüßten, zur Unkenntlichkeit verharmlost, wieder.

Das Ausufernde im Hören, im zerstreuten streunenden Hören auf den grüßenden Ruf. Die Waage im Gruß, im Lauschen auf den grüßenden Ruf.

Eine Radierung Paul Klees, 1903, hält diese eigentümliche Balance, das Wagnis des Horchens (auf den Ruf) im Augenblick des Grüßens fest. Zwei Männer in gebückter Haltung, nackt, Hunden ähnlich, bevor sie einander beschnuppern, in einer Steinlandschaft, im Karst. Die Körper der Gebückten gleichen der Landschaft, als gingen die belebten in Versteinerungen über, und die versteinerten in Grus. Die Rücken bilden Hügelketten, die zur Bildmitte (wo die Gesichter begegnen) einen Schacht, eine Schlucht, einen Abgrund öffnen. Das Spiel der Arme und Hände, fast spiegelsymmetrisch, Aug in Auge, als betrachteten sie einander im Spiegel (Zweifel nährend, ob nicht das andere Gesicht ein Spiegelbild nur spielt), im Gesicht des andern Auskunft über sich, die eigene Stellung, den eigenen Stand und Standort zu erhalten, sich selbst zu begegnen.

Paul Klee (1903): Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich. Zentrum Paul Klee, Bern

Witterndes Äugen. Die rechte Hand des linken Mannes gegen sich gekehrt: bist Du (wie) ich? Die linke des rechten gegen sich: bin ich (wie) Du? Der gewinkelte linke Arm des linken Mannes, der gewinkelte rechte des rechten: zwei Klang-, Waagschalen, das Horchen in die Stille, aus der Stille, zu ermessen. Beide Männer, dort, wo sie einander zunächst, nur durch einen Abgrund getrennt, sind, scheinen nicht nur im Zweifel über gespieltes Bild und Spiegelbild, zwischen Betrachtetem und Betrachtendem zu verhoffen, sondern in die Betrachtung des andern, wie in eine Radierung, auf Zink geätzt, versunken.

Rissiges Begegnen: als steckten beide unter einer Decke, einem Dritten, dem Betrachter der Radierung, gegenüber, nah, über das Blatt gebeugt. Wie grüßt der Dritte die Radierung? Wie begegnet er den einander Begegnenden? Wie sich, im Anblick der zwei Männer? Sind seine Augen dem Anblick des Bildes unterworfen oder will der Betrachter, in Kants Worten, „das Objekt seinen eignen Augen unterwerfen“?

Paul Klee hat der Radierung eine Legende eingeritzt, deren Schriftzüge am rechten Blattrand vertikal, von unten nach oben verlaufen: „Zwei Männer, einander in höherer Stellung vermutend, begegnen sich“. Das Objekt vor Augen: die Darstellung zweier in Ungewissheit über den Rang des anderen wie über das, was die eignen Augen sehn und zu erkennen geben, wie im Begriff, den andern, sich dem anderen zu unterwerfen, gebückt Innehaltenden. Ironie der Reflexion: begegnen die zwei Männer, indem sie einander begegnen, im Zweifel über die Freundschaft zum Feindseligkeitsrecht gekrümmt, sich? Auf der Schwelle zur Reflexion über Unterwerfung, mit einem andern Wort: Subjektivierung. Ich unterwerfe mich Dir (um Dich einst zu überwinden)? Ich unterwerfe Dich mir (ein für alle Male)?

Erhält der Betrachter, indem er das Blatt wendet, um 90° nach rechts dreht, und die Legende zu lesen anfängt, Aufschluss über die höhere Stellung (des linken Mannes)? Rückt der Betrachter des Blattes dergestalt in den Rang dessen, der die höchste Stellung bekleidet, auf? Zwei Nackte vor Augen? Von Gnaden des Zeichners? Und geht die Stellung des oberen (wie des unteren), so gesehen, nicht in einen Sturz über? Oder gibt, in Wahrheit, die Gravur am linken oberen Bild, wenn das Blatt weiterhin wie eine Karte im Spiel gehalten wird, Aufschluss über die Herrschaftsverhältnisse auf dem ganzen Blatt? P.K. Zwei Lettern, kapital, einander denkbar nah, die den Namen des Zeichners, Paul Klee, verkapseln. Doch auch das Letternpaar wird durch Intervention eines Dritten auf dem Sprung, den verbindlichen Zusammenschluss mit sich, des Zeichners in seinen beiden Namen, Paul und Klee, zu vollziehen, seinen Namen aufzurufen und zu grüßen, sich im aufgerufenen begrüßten wiederzuerkennen, aufgehalten: zwischen P. und K. sprießt Klee, ein dreiblättriges Kleeblatt. Oder täuschen die Augen des Betrachters, den Betrachter? Ist das Blatt gezinkt? Gibt das Kleeblatt am linken oberen Rand des Blatts, immer noch wie eine Spielkarte gehalten, Auskunft über die wahre Bedeutung des Blattes? Präzisiert die Dazwischenkunft der Blume die verwinkelten Kapitälchen P und K zu Anfang und Ende des Wortes Pik? P♣k? Begegnen in den beiden Männern Paul und Klee – links der Sohn, dem Vater des Zeichners, rechterhand –? Oder im Erscheinungsbild beider Männer, kaum entstellt, zwei Lettern, P und K, einander? Ist die freundliche Blume – Klee zwischen Steinen – feindliche Waffe? Sind die zwei Nackten, am Rand eines Kriegsschauplatzes, wüst, aller Kleider und Insignien, aller Namen ledig, ohne Sprache, gewesene Landsknechte? Haben die beiden, von der Pike auf im Dienst des Namens, den Namen als eigenen oder eigentlich fremden, als freundlichen oder feindlichen Namen zu grüßen, den begrüßten sich zu unterwerfen, dem begrüßten sich zu unterwerfen, den Namen zum Eigennamen auszuzeichnen, den eigenen in Dienst zu nehmen oder in den Dienst des eigenen zu treten, ihn zu tragen –; haben beide, im Horchen auf den Klang und Nachklang, den Glauben an die Möglichkeit, den Namen – Klee –, unheimgesucht von Worten – Klee, Pik, Pike, Pique, Schippe, Lanze, Stichel, Griffel … – anzunehmen oder abzulehnen, abgelegt? Krümmen ihre Rücken sich unter der Last der Verantwortung, unter der Unmöglichkeit, den Namen von seiner Auslegung als Wort freizuhalten? Den untragbaren, die Untragbarkeit des Namens, zu tragen? Begegnen hier zwei Buben, Damen (gleicht nicht der rechte Mann, der bärtige – perückte –, in Haltung und Gebärden einer Frau, verdeckt sie nicht mit ihrem linken Arm die linke Brust), Könige, zwei Kaiser – in neuen Kleidern –, sich? Einander? Oder anders?

Zeichnet die Lanzenspitze den Träger des Namens Klee als einen Kupferstecher aus? Die Geburt des Zeichners aus dem Verlust des Glaubens an die Gegebenheit des Eigennamens und an die Möglichkeit, im Namen dieses Namens ungezinkt zu grüßen? Ungezinkt zu unterzeichnen?

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erstellt am 09.2.2014