Islamistische, mit AL-Kaida verbundene Gruppierungen wie der »Islamische Staat in Irak und Syrien« (ISIS) oder die »Nusra-Front« beherrschen immer größere Gebiete im Norden Syriens. Viele Aktivisten und Intellektuelle werden von ihnen entführt, etliche getötet. Andere haben Syrien verlassen. Einer von ihnen ist der international bekannte Journalist und Publizist Yassin Al Haj Saleh. Er berichtet über seinen beschwerlichen Weg ins Exil.

Aktueller Bericht

Mein Weg ins Exil

Von Yassin Al Haj Saleh

Als ich mich im Sommer 2013 auf dem Weg von der östlichen Ghouta bei Damaskus Richtung Rakka befand, habe ich nicht geglaubt, dass diese Fahrt der Anfang meiner Ausreise aus Syrien sein würde.

Bereits kurz nach Beginn der Revolution war ich in Damaskus in den Untergrund gegangen, um im Land bleiben zu können.
Doch Anfang 2013 beschloss ich, Damaskus zu verlassen. Ich wollte der erdrückenden Situation in der Hauptstadt entgehen und in die nördlichen Regionen Syriens reisen, die sich der Herrschaft des Assad-Regimes entzogen hatten. Damaskus ist von Hunderten Checkpoints der Geheimdienste übersät, und ich hätte jederzeit dort verhaftet werden können. In den »befreiten Gebieten« hingegen gab es eine Lebensperspektive und zahlreiche Möglichkeiten, zu lernen und zu helfen.

Meine Heimatstadt Rakka hatte sich damals noch nicht dem Griff des Regimes entzogen. Erst als es mir Anfang April mit Hilfe zweier Aktivisten gelang, von Damaskus in Richtung Ghouta zu flüchten, war Rakka seit etwa einem Monat befreit. Einer der beiden wurde inzwischen verhaftet, sein Schicksal ist bis heute unbekannt. Der anderer wurde gleichfalls festgenommen, nach einiger Zeit jedoch wieder auf freien Fuß gesetzt.

Die Ghouta wieder zu verlassen, wurde dann zu einem weitaus schwierigeren Unterfangen, als hineinzukommen. Geschlagene einhundert Tage verbrachte ich dort, bevor mir in Begleitung einer Gruppe von Kämpfern der »Freien Syrischen Armee«, einigen Deserteuren und einem befreundeten Fotografen die Flucht gelang.

Während meines Aufenthalts in der Ghouta erreichten uns Nachrichten über die sich verschlechternde Lage in Rakka und den zunehmenden Einfluss der Gruppierung »Islamischer Staat in Irak und Syrien« (ISIS), die die politischen Aktivisten, die auf der Seite der Revolution stehenden Intellektuellen sowie die jungen Reporter in die Zange nahmen.

Mein Bruder Ahmad, ein Mitglied im Regionalrat in Tell Abjad, einer befreiten Kleinstadt in der Provinz Rakka, wurde nur ein paar Tage vor meiner Abreise aus der Ghouta verhaftet. ISIS setzt – ganz im Stile der erprobten Methoden Assads – alles daran, jegliche unabhängigen Aktionsmöglichkeiten zu verhindern.

Ein paar Tage nach der Verhaftung Ahmads – ich befand mich noch auf dem Weg von der Ghouta nach Rakka – wurde auch mein Bruder Faris für seine politischen Aktivitäten bestraft und in Rakka von der Straße weg entführt. Zusammen mit ihm nahmen sie seinen Freund Ibrahim Ghazi fest. Bis heute befinden sich die beiden bei ISIS in Gefangenschaft, wir wissen nicht, wo sie sich befinden und wie es ihnen geht.

Am 29. Juli 2013 traf ich in Rakka ein. Einen Tag später wurde der italienischstämmige Pater Paolo Dall’Oglio, der dem Land treu verbunden ist und sich ganz auf die Seite der Revolution gestellt hat, von der gleichen radikalen Gruppierung entführt.

Angesichts dieser Umstände hatte ich keine andere Wahl, als sogar in meiner Heimatstadt ein Leben im Untergrund zu führen. Diesmal aber versteckte ich mich nicht vor dem Assad-Regime, sondern vor einer religiös-militärischen Gruppierung, die sich allerdings gar nicht so sehr vom Assad-Regime unterscheidet. Beide ähneln sich in der Art, wie sie über die Gesellschaft und über den Körper Macht ausüben und wie sie mit öffentlichen Ressourcen umgehen. Beide versuchen zudem, jegliche unabhängigen Aktivitäten zu verhindern und stützen ihre Herrschaft auf die Einschüchterung und Terrorisierung der Bevölkerung – auch wenn das ideologische Etikett ein anderes ist.

Meine Frau Samira Khalil hatte ich in der Ghouta zurückgelassen. Samira, zwischen 1987 und 1991 eine politische Gefangene des Assad-Regimes, war in der zweiten Hälfte des Mai 2013 zu mir in die Ghouta gestoßen, nachdem auch sie erneut vom Regime gesucht wurde. Samira war froh darüber, den Menschen in der Ghouta, die täglich von Regimetruppen beschossen wurden, helfen zu können. Sie lebte mit der Rechtsanwältin, Autorin und bekannten Revolutionärin Razan Zaitouneh zusammen, beide versuchten, die Frauen aus der Umgebung bei den Arbeiten für den Lebensunterhalt ihrer Familien zu unterstützen.

In Rakka verschlechterte sich die Lage zusehends. Insbesondere für die revolutionären Aktivisten der ersten Stunde wurde die Situation immer schwieriger. Wer sich nicht – ganz wie zu Zeiten des Assad-Regimes – in Acht nahm, lief Gefahr, von ISIS verhaftet oder getötet zu werden. Deshalb drängte Samira mich täglich, Rakka, ja, sogar Syrien zu verlassen. Ihre eigene Ausreise aus der Ghouta hielten wir indes nur für eine Frage der Zeit und nicht besonders schwierig zu bewerkstelligen.
Ich machte mir ebenfalls Sorgen, denn sollte ich diesen Mördern in die Hände fallen, würde ich sicher nicht lebend davonkommen. Von einer mysteriösen gewalttätigen Gruppierung verhaftet oder entführt zu werden, war eine schreckliche Vorstellung.

Als ich Ende Juli 2013 nach Rakka kam, wollte ich dort bleiben, bis mein Bruder Firas freigelassen würde. Ahmad war ein paar Tage nach meiner Ankunft in der Stadt entlassen worden, weshalb wir hofften, auch Firas käme bald frei. Wir hatten keine Erfahrung mit ISIS und konnten ihre Reaktionen nicht abschätzen. Zudem hatte die Gruppe damals noch keine solchen Verbrechen begangen, wie sie später von ihr bekannt wurden.

Bis zur Freilassung von Firas wollte ich durch einige Regionen Nordsyriens reisen, durch die Provinzen Rakka, Aleppo, Idlib, um mir die Situation vor Ort anzuschauen und zu verstehen, wie sich die Dinge entwickelten. Doch ohne Papiere und ohne Beziehungen zu militärischen, politischen oder religiösen Gruppierungen mit Gewicht und Einfluss und angesichts einer weit verbreiteten (verständlicherweise gegen unbewaffnete Fremde gerichteten) Paranoia in den befreiten Gebieten, wären die Konsequenzen dieses Vorhabens nicht absehbar gewesen.

Zwei Monate vergingen, und Firas war immer noch nicht frei. Die Bedingungen für eine erfolgreiche Arbeit in Rakka waren begrenzt. Ich traf einige wenige Freunde, zu deren bedeutendsten Doktor Ismail al-Hamid gehörte, den ISIS Anfang November, also drei Wochen nach meiner Ausreise aus Syrien, entführte. Doktor Hamid, ein etwa fünfzigjähriger Vater von vier Töchtern und einem elfjährigen Sohn, hatte eine gut bezahlte Stelle in Saudi-Arabien aufgegeben, um seinem Volk in der Revolution beizustehen. Kurz vor seiner Entführung bereitete er sich nun gleichfalls darauf vor, das Land in ein unbekanntes Exil zu verlassen.

Einige Tage vorher hatte die gleiche faschistische Truppe meinen Freund, den Fotografen Ziad Homsi 1) entführt, der mich auf meiner Reise von der Ghouta bis nach Rakka begleitet hatte. Er war auf dem Weg in die Türkei gewesen, und als er auf seinem Rückweg in die Ghouta wieder in Rakka vorbeikam, fiel er ISIS in die Hände. Hätte ich Syrien nicht am 11. Oktober 2013 verlassen, hätte ich nach der Entführung meiner beiden Freunde ganz sicher keine andere Wahl gehabt.

Mit der Zeit hatte sich klar herausgestellt, dass die syrische Revolution eine höchst schwierige Phase durchmacht. Abgesehen von einem faschistischen Regime, das seine Bevölkerung mordet, haben sich nun radikale Kräfte und Gruppierungen herausgebildet, denen es wichtiger ist, der Bevölkerung ihre Macht aufzuzwingen, als gegen das Regime zu kämpfen. Die abscheuliche Brutalität von ISIS wird nur vom Assad-Regime übertroffen. Allerdings unterscheiden sich islamistische Gruppen wie die »Nusra-Front«, die »Freien Syriens« und die »Armee des Islam« nicht allzusehr von ihr.

Das vollkommene Verschwinden einer Regierungsgewalt kam diesen Gruppierungen zugute und schwächte die politisch und ideologisch offeneren und den Werten der Revolution verpflichteten Gruppen und Individuen. Dieser Prozess, der das Jahr 2013 seit dem Frühjahr prägte, konveniert nur allzu gut mit dem Regime, denn die islamistischen Gruppierungen sind dem Regime sehr ähnlich. Sie denken wie das Regime in konfessionalistischen Strukturen und sind genauso grausam wie das Regime. Sie können sich allerdings nicht als Alternative zum Regime präsentieren, weil das Regime seine Existenz nach innen mit dem Schutz der Minderheiten und nach außen mit dem Krieg gegen den Terror rechtfertigt.

Es war ein schrecklicher Zufall, dass etwa zu dem Zeitpunkt, als ich Syrien verließ, die ganze östliche Ghouta eingeschlossen wurde. Beide Straßen, die die Ghouta mit Damaskus verbinden, wurden gesperrt. Dies führte in der Region zu einer sofortigen Erhöhung der Preise von Nahrungsmitteln und Brennstoff. Die Vorstellung, dass Samira und Razan den Stromgenerator nicht mehr benutzen könnten, der ihnen den Zugang zum Internet ermöglichte und mir den täglichen Kontakt zu Samira, war für mich ein Albtraum.

Ein altes syrisches Gesetz besagt, dass es immer noch schlimmer kommt als erwartet. Wie, um diese Regel zu bestätigen, wurden Samira und Razan entführt 2), und mit ihnen Wael Hamadeh, Razans Ehemann, und der Rechtsanwalt und Lyriker Nazim Hamadi. Sie wurden in der Nacht des 9. Dezember 2013 von Vermummten aus dem Büro des »Zentrums für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen« 3), das Razan im April in Douma eröffnet hatte, verschleppt, und bis heute ist nichts über ihr Schicksal bekannt.

Ich persönlich mache die religiös-militärische Gruppierung »Islamische Front« unter Führung von Zahran Alloush 4), die in der Region das Sagen hat, für dieses Verbrechen verantwortlich, denn der Mann ist ein engstirniger beschränkter Karrierist, der scheinbar eine größere Rolle in einem zukünftigen Syrien anstrebt, das seinen Vorstellungen entsprechen soll.

Über zweieinhalb Jahre lang haben Samira und ich alles getan, um Exil und Haft zu vermeiden. Über dreißig Monate nach Beginn der Revolution bin ich nun im Exil und Samira in Haft. Aber nicht nur unser ursprünglicher Plan ist gescheitert, wir wurden noch dazu von Kräften bedroht, die von der Revolution gegen das faschistische Assad-Regime profitierten, die Revolution verrieten und sich noch vor dem Sturz des Regimes gegen die Revolution stellten.

Ich habe in einem Artikel diese Gruppierungen einmal als »Asslamisten« bezeichnet, weil sie nach dem Abzug der Regierungstruppen aus der Ghouta im Herbst 2012 die Leitsprüche des Assad-Regimes auf den Mauern nicht strichen, sondern »Assad« durch »der Islam« ersetzten. Statt »Assad für immer!« stand nun dort: »Der Islam für immer!«. Statt »Assad oder wir verbrennen das Land!« »Der Islam oder wir verbrennen das Land!«. Der Islam ist nichts anderes als ein politisches Programm für eine Herrschaft von Leuten vom Schlage Zahran Alloush. Es sind islamistische Assadisten.

Unsere Zerrissenheit zwischen Exil und Gefängnis, unter der die früheren politischen Gefangene wie Samira und ich sowie Aktivisten der ersten Stunde der Revolution leiden, ist nicht nur ein persönliches oder familiäres Unglück. Es ist geradezu exemplarisch für ganz Syrien und betrifft Tausende von Aktivisten und Intellektuellen, die nun auf den Friedhöfen, in den Gefängnissen der Assadisten und Islamisten sowie im Exil verstreut sind.

Und weil unser syrisches Unglück heute ein persönliches ist, und das persönliche ein allgemeines, sehe ich keine andere Möglichkeit, als die persönliche Zerrissenheit mit unserem allgemeinen Anliegen zu verknüpfen: Befreiung und Gerechtigkeit. Auf persönlicher Ebene befinde ich mich im Vergleich mit Samira und Faris in der am wenigsten schlimmen Lage, denn ich kann mich um ihre Fälle kümmern und sie dem allgemeinen Anliegen unterordnen. Dafür möchte ich mich auch in Zukunft weiterhin einsetzen: der Befreiung Syriens, die nur durch die Konfrontation mit den Assadisten und den Islamisten zu erreichen ist.

1) Link hier
Ziad Homsi wurde am 25. November 2013 wieder freigelassen.

2) Zum Verschwinden von Razan Zeitouneh

3) Website des »Zentrums für die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen«

4) Über Zahran Alloush

Aus dem Arabischen von Larissa Bender

Siehe auch:

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erstellt am 05.2.2014

Yassin Al Haj Saleh
Yassin Al Haj Saleh
Porträt

Yassin Al Haj Saleh

Yassin Al Haj Saleh, geboren 1961, ist ein oppositioneller syrischer Journalist und Autor. Er studierte Medizin in Damaskus, saß jedoch von 1980 bis 1996 als politischer Gefangener in Haft. Er schreibt für arabische Zeitungen und Magazine. Publikationen: »Syrien im Schatten. Einblicke in die Black Box« (Arabisch 2010). »Die Mythen der Anderen. Eine Kritik des zeitgenössischen Islam und eine Kritik an der Kritik« (Arabisch 2011). »Gehen mit einem Fuß« (Arabisch 2012).
Für den Band »Syrien – Der schwierige Weg in die Freiheit« (Hg. Larissa Bender) verfasste er eine Analyse über den Umgang mit bewaffneten Gruppierung in Syrien.
Im Jahr 2012 erhielt Yassin Al-Haj Saleh den Prinz Claus Award.

Weitere Links zu Yassin Al Haj Saleh

Syrischer Schriftsteller al-Haj Saleh: „Man lebt im Schoß des Todes” (Spiegel-Interview)

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Yassin Al Haj Saleh erhält den Prinz Claus Award

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