Sie mussten mit Löwen kämpfen, litten unter unbekannten Krankheiten mit ungewissem Ausgang, sahen ungeahnte Wunder, gerieten immer wieder in Lebensgefahr, erlebten Unglaubliches, hungerten, verdursteten fast und wurden Gäste großherziger Herrscher: die reisenden Entdecker zwischen dem 14. und 19. Jahrhundert.
Ihre Motive waren unterschiedlich: Geldgier, ein missionarischer Auftrag, Wirtschaftsspionage, friedliche oder feindliche Landnahme, diplomatische Aufgaben, Lebensüberdruss, Ausspähung, Handelsabsichten, Abenteuerlust und vor allem Neugier. Denn es gab vor Zeiten, in denen organisierte Pauschalreisen undenkbar waren, tatsächlich noch unerforschte Erdstriche, sogar Erdteile, die die Hoffnung auf unentdeckte Paradiese weckten, Hoffnung auf das andere, bessere Leben, wenn schon nicht das beste. Sehnsuchtsorte wie El Dorado, das als pure Legende in der Mitte des 16. Jahrhunderts entstand und mehrere Expeditionen ins Zentrum Südamerikas zog, übten eine so gewaltige Macht auf die Phantasie der Menschen aus, dass sie für den Versuch, dort hinzugelangen, ihre Existenz aufgaben. Was sie dann tatsächlich erlebten, ist in den Geschichtsbüchern kaum aufzufinden und wäre längst vergessen, wenn sie es nicht detailliert aufgeschrieben hätten.

Die Reihe mit Fundstücken aus diesen Reisebeschreibungen in Faust-Kultur versammelt, bewahrt frühe Erfahrung des Fremden und gerettete kulturelle Erkenntnisse. Das ergibt ein beträchtliches Lesevergnügen. –ach

Achtung! Die Wortwahl der Dokumente entspricht nicht in allen Fällen dem derzeitigen Stand politischer Korrektheit.

Erster Reisebericht

René Caillié »Reise nach Timbuktu«

Zwischen den geografischen Gesellschaften von London und Paris entflammte im frühen 19. Jahrhundert ein regelrechter Wettstreit um die glaubwürdigste Berichterstattung aus der sagenumwobenen Stadt Timbuktu. Deshalb versprachen die Franzosen einen Preis von 10 000 Francs dem mutigen Landsmann, der von dort berichtete. Was schon viele versucht hatten, gelang endlich René Caillié auf seiner Reise von 1824 bis 1828. Verkleidet als Araber gelangte er in die für Ungläubige „verbotene“ Stadt.

„Caillié wurde am 17. November 1799 in Mauzé in Westfrankreich geboren. Der Vater war von Beruf Bäcker, wurde aber kurz nach der Geburt seines Jungen ins Zuchthaus eingeliefert, das er nicht mehr lebend verließ. René wurde von der Mutter aufgezogen, die er aber schon mit zwölf Jahren verlor. Er lernte nach kurzem Schulbesuch Schuster, fand aber keinen Gefallen an dem Beruf und begleitete mit sechzehn Jahren einen französischen Offizier als Diener in den Senegal. Bis 1819 führte er ein unstetes Wanderleben erst in Afrika, dann in der Karibik, und kehrte schließlich mittellos und krank in die Heimat zurück. Fünf Jahre später ermöglichte ihm ein Kaufmann aus Bordeaux die Rückkehr in den Senegal. Was dann geschah, erfährt man aus der von Caillié selbst geschriebenen Einleitung zu seinem späteren großen Reisebericht. Man kann nur die Zielstrebigkeit und Zähigkeit bewundern, mit der dieser junge Mann Timbuktu, sein selbst erwähltes Ziel, zu erreichen suchte. Und wenn man das Schicksal seines Vorgängers Gordon Laing betrachtet, darf man auch von dem großen Glück sprechen, das er dabei hatte. Cailliés Gesundheit war durch die erlittenen Strapazen schwer erschüttert. Er musste darauf verzichten, wieder nach Afrika zurückzukehren, wie er gehofft hatte. Vielmehr ließ er sich mit einer kleinen staatlichen Rente in seiner engeren Heimat nieder, heiratete und hatte vier Kinder. Aber er starb schon am 17. Mai 1838, noch nicht einmal 39 Jahre alt, an den Folgen einer unbekannten Krankheit, die er sich in Afrika geholt hatte.“ (Aus dem Vorwort)

Auszüge aus dem Kapitel 6

Timbuktu

Am 20. April um halb vier machten sich die Leute von Sidi-Abdallahi Chebir und ich Richtung Norden auf den Weg nach Timbuktu. Die Sklaven, die an Bord gewesen waren, kamen mit uns, so dass wir eine ansehnliche Karawane bildeten. Die jüngsten Sklaven setzten wir auf Esel, denn die Piste war sehr sandig und deshalb recht anstrengend. In der Nähe von Kabara stießen wir auf zwei kleine Teiche, an deren Ufern 5–6 Fuß hohe Mimosen wuchsen. Auch etwas weiter fanden wir zu unserer Freude eine, wenn auch nur spärliche Vegetation. Doch leider ist nur etwa die Hälfte der Strecke so beschaffen. Der restliche Weg verläuft in einer viel kärglicheren Gegend und der weichere Sand macht das Vorwärtskommen sehr beschwerlich. Auf dem Weg verfolgte uns ein räuberischer, ungefähr 50 Jahre alter Targi. Er ritt ein großartiges Pferd und wollte sich eines jungen Negersklaven bemächtigen. Sidi-Abdallahi Chebirs Leute erklärten ihm aber, dass der Sklave ihrem Herrn gehöre, der ihm bei ihrer Ankunft in Timbuktu sicherlich etwas schenken werde, wenn er ihn denn aufsuche. Die Aussicht auf ein Geschenk beruhigte den Targi, so dass er endlich seine Belästigungen einstellte. Er beobachtete mich aber genau und fragte mehrmals meine Begleiter, wer ich sei und woher ich komme. Als man ihm versicherte, dass ich sehr arm sei, gab er die Hoffnung auf, irgendetwas von mir zu erhalten. Am Abend kamen wir glücklich in Timbuktu an. So sah ich also die Hauptstadt des Sudan, die schon so lange das Ziel meiner Träume gewesen war, zum ersten Mal im Licht der untergehenden Sonne. Ein unbeschreibbares Glücksgefühl bemächtigte sich meiner, als ich diese sagenumwobene Stadt betrat, die schon so viele europäische Nationen erforschen wollten. Niemals zuvor hatte ich eine solche Zufriedenheit verspürt. Ich war außer mir vor Freude. Um meine Fassung wiederzuerlangen, richtete ich meine Gedanken auf Gott und dankte ihm inbrünstig für den Erfolg, mit dem er mein Unternehmen jetzt gekrönt hatte. Wie sollte ich ihm je für seine nie enden wollende Hilfe bei so vielen unüberwindbar scheinenden Hindernissen und Gefahren danken? Als sich aber die erste Begeisterung gelegt hatte, musste ich feststellen, dass sich mir ein ganz anderes Bild darbot, als ich es erwartet hatte: Ich hatte mir von der Ausdehnung und dem Reichtum der Stadt eine viel großartigere Vorstellung gemacht, als es der Wirklichkeit entsprach. Auf den ersten Blick sah ich nur schlecht gebaute Lehmhäuser und um die Stadt herum riesige, wüstenhafte Ebenen mit gelblich- weißem Sand, die bis zum Horizont reichten, der in ein blassrotes Licht getaucht war. Eine bleierne Stille lag über der traurigen Landschaft, nicht ein einziger Vogel war zu hören. Dennoch war es irgendwie beeindruckend, eine so große Stadt mitten in der Wüste erbaut zu sehen und die Anstrengungen ihrer Gründer ver- dienen Bewunderung. Ich vermute, dass früher der Niger nahe an Timbuktu vorbeifloss; heute nimmt er seinen Lauf 8 Meilen nördlich der Stadt.

(…..) Die größte Bevölkerungsgruppe in Timbuktu bilden Neger des kissour-Volksstammes. Darüber hinaus haben sich viele Mauren in der Stadt niedergelassen, um Handel zu treiben. Man kann sie mit den Europäern vergleichen, die in der Hoffnung reich zu werden, in die Kolonien auswandern. Auch die Mauren kehren nach einiger Zeit in ihre Heimat zurück, um dort in Ruhe zu leben. Sie üben einen großen Einfluss auf die Eingeborenen aus. Der König ist allerdings immer ein Schwarzer. Dieser bescheidene Prinz mit dem Namen Osman wird von seinen Untertanen sehr verehrt. Er unterscheidet sich in nichts von den anderen Bewohnern: Seine Kleider ähneln denen der marokkanischen Mauren, er selbst ist Kaufmann und seine Kinder betreiben Handel in Djenné. Sein Haus ist nicht luxuriöser als das der anderen Händler. Seine Vorfahren haben ihm ein ansehnliches Vermögen hinterlassen, was ihn in Verbindung mit seinem eigenen Einkommen zu einem reichen Mann macht. Dieser fromme Moslem hat vier Frauen und unzählige Sklaven. Sein Würdenamt wird jeweils auf den ältesten Sohn vererbt. Der König erhebt weder gegenüber seinem Volk noch gegenüber fremden Händlern irgendeinen Tribut. Er nimmt aber Geschenke an. Auch eine Verwaltung gibt es nicht. Er ist vielmehr wie ein Familienvater, der seine Kinder regiert: Er ist gut und gerecht und hat von seinen Untertanen nichts zu befürchten. Diese einfachen und sanften Sitten erinnern an die der ehrwürdigen Alten. Im Kriegsfall sind alle bereit zu kämpfen. Im Allgemeinen erschienen mir diese Völker sehr friedfertig: Streitigkeiten kommen selten vor, und wenn es eine Auseinandersetzung gibt, begeben sich die Parteien zum König, der den Rat der Alten einberuft. Dieser setzt sich immer aus Schwarzen zusammen, die Mauren besitzen nicht das Recht, an der Regierung teilzunehmen. Sidi-Abdallahi, mein Gastgeber und ein Freund Osmans, nahm manchmal an den Sitzungen des Rates teil. Die Mauren haben selbst einen Chef, unterliegen aber nichtsdestoweniger der Gerichtsbarkeit des Landes. Ich bat meinen Gastgeber, mich zum König zu führen. Er willigte mit seiner üblichen Freundlichkeit ein. Der König empfing uns inmitten seines Hofstaates. Er saß auf einer schönen Matte mit einem wertvollen Kissen. Wir setzten uns in einiger Entfernung von ihm und verharrten dort eine Weile. Mein Gastgeber sagte ihm, dass ich ihm meine Ehrerbietung darbringe, und erzählte ihm von meinen Abenteuern. Ich verstand ihre Unterhaltung nicht, denn sie verwendeten die Sprache der kissour. Daraufhin wandte sich der König auf Arabisch an mich und stellte mir einige Fragen über die Christen und darüber, wie sie mich behandelt hatten. Unser Besuch war nur sehr kurz, wir zogen uns bald zurück. Ich hätte mir gewünscht auch das Innere des Hauses zu sehen, aber das war mir nicht vergönnt. Dieser König schien mir sehr liebenswürdig zu sein. Er war wohl um die 55 Jahre alt. Seine krausen Haare waren weiß. Er hatte gute Gesichtszüge, einen tiefschwarzen Teint, eine Hakennase, schmale Lippen, einen grauen Bart und große Augen. Seine Kleider waren wie die der Mauren aus europäischen Stoffen gefertigt. Er trug eine rote Kappe, um die herum ein großes Stück Musselin in der Form eines Turbans geschlungen war. Seine Lederschuhe ähnelten unseren in Afrika hergestellten Hauspantoffeln. Er suchte häufig die Moschee auf. Viele Mauren haben sich, wie gesagt, in Timbuktu niedergelassen. Sie bewohnen die schönsten Häuser der Stadt. Der Handel macht sie alle sehr schnell reich. Man schickt ihnen Waren aus Adrar und dem Tafilalt, Tuat, Ardamas, Tripolis, Tunis und Algier, die in Timbuktu zwischengelagert werden. Sie bekommen viel Tabak und verschiedene andere Waren aus Europa, die sie auf kleinen Booten nach Djenné oder anderswohin weiterleiten. Timbuktu kann als der größte Stapelplatz dieses Teils von Afrika angesehen werden. Man lagert hier all das Salz, das aus den Bergwerken von Toudeyni stammt. Kamel-Karawanen bringen das Salz nach Timbuktu. Die Mauren aus Marokko und aus anderen Ländern, die den Sudan bereisen, bleiben sechs bis acht Monate in Timbuktu, um Handel zu treiben und auf eine neue Ladung für ihre Kamele zu warten. Zusammengehalten werden die Salzplatten mit schlechten Seilen, die aus einem Gras gemacht sind, das in der Umgebung von Tandaye wächst. Das Gras ist trocken, wenn man es ausrupft. Man befeuchtet es und gräbt es in die Erde ein, um es vor Sonne und Wind, also vor zu rascher Austrocknung, zu schützen. Wenn es die Feuchtigkeit aufgesogen hat, fertigt man in Handarbeit Stricke daraus, die bei den Mauren verschiedene Verwendung finden. Die Kamele befördern des Öfteren ihre Ladung zu Boden, so dass die Salzplatten teilweise zerbrochen sind, wenn sie in der Stadt ankommen. Dies würde ihren Verkauf natürlich beeinträchtigen, wenn die Händler sie nicht von Sklaven reparieren ließen. Diese fügen die Teile wieder zusammen und verpacken sie aufs Neue, diesmal allerdings mit solideren Seilen aus Rindsleder. Sie versehen die Platten mit schwarzen Zeichnungen, zum Beispiel mit Streifen oder mit Rauten. Die Sklaven lieben diese Arbeit sehr, weil sie ihnen erlaubt einen kleinen Salzvorrat für ihren Eigenbedarf zusammenzuklauben. Im Allgemeinen sind die Menschen dieser sozialen Schicht in Timbuktu weniger unglücklich als in anderen Landstrichen. Sie haben Kleider, sind gut ernährt und werden selten geschlagen. Man zwingt sie zur Teilnahme an religiösen Feiern – was sie mit großer Gewissenhaftigkeit tun. Trotz der insgesamt guten Behandlung werden sie aber nichtsdestoweniger als Ware angesehen. Man exportiert sie nach Tripolis, nach Marrakesch und an andere Küstenorte, wo sie kein so glückliches Leben wie in Timbuktu haben. So verlassen sie diese Stadt immer mit großem Bedauern, obwohl sie das Schicksal, das sie erwartet, gar nicht kennen.

(…..)Timbuktu hat wohl drei Meilen Umfang. Die Stadt bildet eine Art Dreieck. Die Häuser sind flach, aber geräumig. Bei manchen befindet sich über der Eingangstür noch ein kleines Zimmer. Runde Ziegel, die mit der Hand geformt und in der Sonne getrocknet werden, bilden das Baumaterial. Die Mauern ähneln – mit Ausnahme ihrer Höhe – denen von Djenné. Die Straßen von Timbuktu sind sauber und so breit, dass drei Reiter nebeneinander herreiten können. Innerhalb und außerhalb der Stadt sieht man zahlreiche Strohhütten wie die der Fulbe-Hirten. Es sind die Behausungen der Armen und der Sklaven, die für ihre Herren Handel treiben. Es gibt sieben Moscheen in Timbuktu. Die beiden großen überragt ein Ziegelturm, in dessen Inneren eine Treppe nach oben führt. Diese geheimnisvolle Stadt, die seit Jahrhunderten den Geist der Forscher beschäftigte und über deren Bevölkerung, Kultur und Handel mit dem Inneren des Westsudan man sich ganz falsche, übertriebene Vorstellungen machte, liegt in einer riesigen Ebene, die mit weißem Sand bedeckt ist, auf dem nur kümmerliche Sträucher wachsen, wie zum Beispiel Mimosa ferruginea, der nur drei oder vier Fuß hoch wird. Diese Ebene kennt keine Begrenzung, sie ist von allen Seiten aus zugänglich. Innerhalb und außerhalb der Stadt wachsen einige Balanites aegyptiaca, im Zentrum steht eine Delebpalme. Timbuktu kann höchstens zehn- oder zwölftausend Einwohnern – alles Händler – Platz bieten, einschließlich der Mauren, die sich dort niedergelassen haben. Die zahlreichen Araber, die mit den Karawanen in die Stadt kommen und dort eine Zeit lang bleiben, erhöhen zeitweise die Einwohnerzahl. In einiger Entfernung der Stadt wachsen in der weiten Ebene einige Grashalme und Disteln, von denen sich die Kamele ernähren. Brennholz ist in dieser Gegend äußerst selten. Man muss schon die Umgebung von Kabara aufsuchen, um welches zu finden. Es ist ein Handelsgut, die Frauen verkaufen es auf dem Markt. Nur die Reichen verwenden Brennholz, die Armen benutzen Kamelmist. Auch Wasser wird auf den Märkten verkauft. Für eine Kaurimuschel geben die Frauen ungefähr einen halben Liter. Obwohl Timbuktu eine der größten Städte ist, die ich in Afrika gesehen habe, lebt es einzig und allein vom Salzhandel, da der Boden für den Ackerbau ungeeignet ist. Versorgungsgüter bezieht die Stadt alle aus Djenné: Hirse, Reis, pflanzliche Fette, Honig, Baumwolle, Stoffe aus dem Sudan, verschiedene Alltagsgegenstände, Kerzen, Seife, Pimente, Zwiebeln, getrockneten Fisch, Pistazien usw. Würden die Boote nach Kabara unterwegs von Tuareg abgefangen, so litten die Bewohner von Timbuktu Hunger und Armut. Um dies zu vermeiden, achten sie dar- auf, dass ihre Läden stets einen üppigen Vorrat an allerlei Lebensmitteln aufweisen. So enthielten die Läden von Sidi-Abdallahi große Säcke mit Reis, der sich viel länger als Hirse hält. Die geographische Lage führt dazu, dass die Boote, die den Fluss bis Kabara hinabfahren, jede Auseinandersetzung mit den Tuareg vermeiden. Man hat mir versichert, dass, schlüge man nur einen dieser Wilden, die Tuareg sofort Krieg gegen Timbuktu führen und jede Verbindung mit dem Hafen unterbrechen würden. Die Stadt könnte also keinerlei Hilfe von außen mehr erhalten. Im Nordwestwesten der Stadt haben sich große Gruben geformt, die 35 bis 40 Fuß tief sind. Sie enthalten beachtliche Wasservorräte, die vom Regen gespeist werden. Die Sklaven schöpfen hier Wasser zum Trinken und Kochen. Das Wasser ist ziemlich klar, aber sehr warm und hat einen unangenehmen Geschmack. Alle in Timbuktu geborenen Einwohner sind strenggläubige Moslems. Sie kleiden sich wie die Mauren und sie haben wie diese vier Frauen. Sie schlagen sie aber nicht, wie es die Mandingo grausamerweise tun. Die Frauen übernehmen aber auch den gesamten Haushalt. In der Tat haben die Bewohner von Timbuktu, die dauernd in Kontakt mit den halb zivilisierten Mittelmeer-Völkern sind, eine gewisse Ahnung von dem, was wir Menschenwürde nennen. Ich habe auf meinen Reisen immer festgestellt, dass die Frauen umso mehr unterjocht werden, je unzivilisierter ein Volk ist. Deshalb sollte sich das schöne Geschlecht Afrikas wünschen, dass sich die Zivilisation weiter verbreitet. In Timbuktu sind die Frauen nicht verschleiert, so wie es im Reich Marokko der Fall ist. Sie verlassen das Haus, wann immer sie wollen, und treffen sich, mit wem immer sie wollen. Die Bewohner sind gegenüber Fremden freundlich und zuvorkommend. Sie sind fleißig und kluge Händler. Die meisten Geschäftsleute sind reich und haben viele Sklaven. Die Männer sind von mittlerer Statur, recht gut aussehend, sie haben einen aufrechten und selbstbewussten Gang und eine schöne, tiefschwarze Haut. Wie die Mandingo haben sie schmale Lippen und schöne Augen, ihre Nase ist jedoch ein wenig hakenförmiger. Ich habe wirklich recht hübsche Frauen gesehen. Alle sind gut genährt, essen Reis und getrockneten Fisch. Pro Tag gibt es zwei Mahlzeiten. Die wohlhabenden Neger und die Mauren essen früh Weizenbrot und Butter aus Kuhmilch und trinken Tee. Nur die Neger einer tieferen sozialen Klasse essen pflanzliche Butter. Im Allgemeinen wohnen die Neger nicht so komfortabel wie die Mauren, die sich im Übrigen für weit überlegen halten und auf die Neger einen großen Einfluss ausüben. Die Bewohner von Timbuktu legen größten Wert auf saubere Kleidung und eine saubere Wohnung. Ihre Haushaltsausstattung besteht aus einigen Kalabassen und Holztellern. Sie kennen weder Löffel noch Gabel und glauben, dass so wie sie alle Völker der Erde mit den Fingern essen. Außer einigen Matten, auf denen sie sitzen, haben sie keine Möbel. Ihr Bett besteht aus vier in die Erde gerammten Pfosten in einer Zimmerecke, über die eine Matte oder eine Kuhhaut gespannt ist. Die Reichen haben eine Baumwollmatratze und eine Decke, die Mauren aus der Umgebung aus Kamelhaar und Schafwolle herstellen. Ich habe eine Frau aus Kabara gesehen, die damit beschäftigt war, solche Decken zu weben. Sie haben, wie gesagt, mehrere Frauen, zu denen viele noch ihre Sklavinnen gesellen. Sie beschäftigen sie damit, die Waren durch die Straßen zu tragen, so zum Beispiel Kolanüsse, Nelkenpfeffer usw. Sie begeben sich auch auf den Markt, um dort einen kleinen Stand aufzuschlagen, während die Lieblingsfrau zu Hause bleibt, um die zu überwachen, die für alle das Essen zubereiten müssen. Sie selbst bereitet alleine die Mahlzeit für ihren Mann. Die Frauen tragen sehr saubere Kleider: coussabes gleich denen der Männer, nur dass sie keine weiten Ärmel haben. Sie tragen ebenfalls Lederpantoffeln. Es gibt unterschiedliche Moden, was die Kopfbedeckung betrifft; sie besteht hauptsächlich aus einem fatara aus schönem Musselin oder einem anderen Baumwollstoff aus Europa. Ihre Haare sind kunstvoll geflochten. Der etwa fingerdicke Hauptzopf beginnt am Hinterkopf und wird dann nach vorne gewunden. An seinem Ende wird ein rundes Stück Karneol, das in der Mitte eine Vertiefung hat, befestigt. Um den Zopf zu stützen, bringen die Frauen darunter ein kleines Kissen an und versehen das Ganze mit Flitterkram wie falschem Bernstein, falscher Koralle und kleinen Karneolstückchen. Sie reiben Kopf und Körper mit Fett ein, allerdings mit einer geringeren Menge als die Bambara und die Mandingo. Die hohen Temperaturen, die noch durch den heißen Ostwind verstärkt werden, machen dieses Vorgehen notwendig. Die reichen Frauen tragen dicke Glasperlenketten und -ohrringe und, wie in Djenné, Nasenringe. Diejenigen, die dafür nicht reich genug sind, ersetzen den Ring durch ein Stück roter Seide. Ihre Armreifen sind aus Silber, um die Knöchel tragen sie versilberte Eisenringe, die im Land selbst hergestellt werden. Sie sind nicht abgerundet wie die der Arme, sondern flach und etwa vier Finger breit und mit einigen schönen Gravuren versehen.

(….) Der Handel von Timbuktu leidet spürbar unter der Nachbarschaft der kriegerischen Tuareg, die von den Bewohnern der Stadt Tribut verlangen. Um überhaupt freien Handel treiben zu können, geben ihnen Letztere fast alles, was sie verlangen, unabhängig von den Zöllen, die die Schiffe bei ihrer Ankunft in Kabara bezahlen. Würden sie sich weigern, so hätte dies böse Folgen, denn die Tuareg sind sehr zahlreich und stark genug, um jegliche Verbindung zwischen Timbuktu und Kabara zu unterbrechen. Timbuktu, das selbst über keinerlei landwirtschaftliche Ressourcen verfügt, würde also ebenso wie die benachbarten Landstriche unter großer Armut und Hungersnot leiden.
Die Mauren empfinden für die Tuareg tiefe Verachtung. Wenn sie mir gegenüber den ganzen Hass, den sie für dieses Volk empfinden, ausdrücken wollten, verglichen sie sie mit den Christen, die sie für ebenso große Landstreicher halten. Ich bemühte mich natürlich, diesen Irrglauben, der bei ihnen weit verbreitet ist, auszuräumen: Ich sagte ihnen, dass man die Europäer mit diesen Plünderern wirklich nicht vergleichen könne, dass Diebstahl unbekannt und jeder stets bereit sei, dem anderen zu helfen – worauf mir die Mauren entgegenhielten: »Warum bist du dann nicht bei diesen guten Menschen geblieben?« Diese Frage brachte mich etwas in Verlegenheit, aber ich antwortete, dass Gott es anders gewollt hatte, da er mir den Gedanken eingegeben hatte, in meine Heimat zurückzukehren, um dort die Religion meiner Väter auszuüben.

Aus: René Caillié, Reise nach Timbuktu 1824-1828. Mit freundlicher Genehmigung © Edition Erdmann, Wiesbaden

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 04.2.2014

René Caillié
René Caillié. Gemälde von 1830 (Ausschnitt)

René Caillié
Reise nach Timbuktu 1824-1828
Herausgegeben von Heinrich Pleticha. Aus dem Französischen übersetzt von Susanne Zanker
322 Seiten
ISBN: 3 86503 037 7
Edition Erdmann, Wiesbaden

Buch bestellen

Zur Person

René Caillié

Obwohl René Caillié Denkwürdiges vollbracht hat, deckt sich sein Bild nicht unmittelbar mit den träumerisch-verklärten Vorstellungen, die wir uns gewöhnlich von bedeutenden Forschungsreisenden machen. Entgegen der Mehrzahl der wegweisenden Entdecker stammte Caillié aus der französischen Unterschicht und verfügte über keinerlei geographische oder militärische Ausbildung. Dennoch gelingt dem jungen Franzosen durch Zähigkeit und Willensstärke die Umsetzung jenes Vorhabens, an dem die großen geographischen Gesellschaften aus Paris und London kläglich scheiterten: Als Araber verkleidet, erreicht er beinahe mittellos und vollkommen auf sich allein gestellt am 20. April 1828 die sagenumwobene Oasenstadt Timbuktu.