Im besten Fall dienen die Worte der Verständigung. Wir finden aber auch unbedachte Konvention, Sprach- also Denkschlamperei, modebewusste Verblödungsstrategie und anderen Missbrauch des Wortes. Roland Kaehlbrandt hat sich ein weitverbreitetes Wort genauer angesehen: das Grußwort.

Sprachglosse

Das Grußwort

Von Roland Kaehlbrandt

Ein Grußwort wäre ja genau genommen ein Wort des Grußes, und das wäre zum Beispiel das heute so beliebte „Hallo“ gewesen – und damit hätte ich es gut sein lassen können. Warum auch nicht? Das „Hallo“ löst ja derzeit den „guten Tag“ ab, auch den „guten Morgen“ und den „guten Abend“. Es ist die globalisierte Grußform für alle Tages- und Nachtzeiten – wobei Sie das „Hallo“ übrigens auch anders aussprechen können, nämlich so, wie man es zum Beispiel im Supermarkt an der Kasse hört: „Haalo.“ Sie erinnern sich bestimmt, dass man vor einigen Jahren nur am Telefon „Hallo“ sagte, und ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um den Transfer des Wortes zu einer globalen Grußformel für alle Lebenslagen zu verinnerlichen, ein Transfer, der übrigens sicherlich daher kommt, dass das Telefon in seiner modernen handlichen Form ohnehin jedes Gespräch irgendwie begleitet. – Inzwischen hat sich der Gebrauch des Wortes übrigens weiterentwickelt. Sie können es nämlich auch zum Ausdruck des Erstaunens, der Empörung und des Protestes verwenden, dann müssen Sie Ihre Stirn in Falten legen und am Ende die Stimme heben, also so: „Hallóo?“ Beliebt ist auch, das „Hallo“ zur Bezeichnung einer Herausforderung zu verwenden, dann allerdings ergänzt um eine adversative Konjunktion: „Aber hallo!“ Und so kann man sich einen ganzen modernen globaldeutschen Dialog einzig und allein mit dem Wort „Hallo“ vorstellen. Mehr braucht man eigentlich nicht.

Man nennt das Sprachökonomie. Sprachökonomie ist ein Entwicklungsprinzip unseres Sprachgebrauchs. Die These der Sprachökonomie besagt, dass unser Sprachgebrauch etwa wie ein Trampelpfad funktioniert. Sie kennen das: Wir suchen immer den kürzesten und bequemsten Weg von A nach B. Einer findet ihn, und alle trampeln hinterher. So entsteht der Trampelpfad. Und so entsteht das moderne „Hallo“ in seiner allgegenwärtigen Verwendung. Und so schleifen sich komplizierte Sprachstrukturen ab, wie etwa Guten Morgen, Guten Tag, Guten Abend oder gar Grüß Gott! für eine Sache, die man einfach nur Hallo nennen kann. Für die These der Sprachökonomie gibt es viele Belege. Das liegt nicht nur an unserer Bequemlichkeit, sonder auch daran, dass wir ja insgesamt derzeit eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche erleben, und das trifft natürlich auch besonders die Sprache.

Aber es gibt auch Belege, die gegen die Herrschaft der Sprachökonomie sprechen.
Unsere Sprache wandelt sich. Das stimmt. Aber sie wandelt sich nicht nach Naturgesetzen. Wir wandeln sie. Denn wir sind es, die sie benutzen und verändern. Denn sie gehört uns allen. Sie ist Eigentum derer, die sie sprechen. Wir können damit tun, was wir wollen. Unser Wille hat also auch einen Einfluss auf den Zustand unserer Sprache.

Und viele wollen noch etwas anderes als nur Sprachökonomie. Es geht ihnen um mehr als um den kürzestmöglichen Ausdruck. Sie fürchten, dass wichtige Unterscheidungen dabei verloren gingen. Sie wollen nicht nur das Allernötigste mitteilen können. Sie wollen die Dinge genau sagen können. Sie wollen dem Sinn der Worte nachspüren. Sie wollen die Wirkung ihrer Wortwahl prüfen. Ja, ihre Sprache ist ihnen sogar noch mehr als nur ein Ausdrucksmittel. Sie verstehen es auch als ein Denkmittel. Zu recht: denn wenn ich z.B. das Wort anschmiegsam nicht kenne, weiß ich dann, was anschmiegen als Geste ist? Wenn ich das Wort unantastbar nicht kenne, weiß ich dann, was es mit der Menschenwürde auf sich hat?

Diejenigen, denen die Sprachökonomie zu wenig ist, interessieren sich auch für die Sprache als ein Mittel des künstlerischen Schaffens, das alle Register der Sprache zieht.

Das ist nicht Sprachökonomie, sondern … man könnte es Sprachkultur nennen.
Sprachkultur heißt, die Sprache zu seinem Anliegen zu machen. Es reicht nicht, dass der Einzelne es tut. Sprachkultur heißt, dass sich schon mehrere darum kümmern.

Das Wunderbare, wenn man zu Ihnen ins Festzelt kommt und an den Bierbänken Platz nimmt, ist das: Dass das Zelt immer voller Menschen ist. Dass es so viele Bürger sind, kein feiner intellektueller Literaturbetrieb, sondern ein Volksfest der Sprache, auch nicht weihevoll und übersteigert, sondern ein Zusammenkommen, um denjenigen zuzuhören, die Meister unserer Sprache sind, um sich von ihnen inspirieren zu lassen, um von ihnen neue Strömungen aufzunehmen, um mit ihnen den Puls der Sprache zu nehmen.
Dass Sie in Bergen-Enkheim aus einer Idee vor 40 Jahren ein Fest der Sprache gemacht haben, zu dem über die Jahre Tausende von Menschen gekommen sind, um ihre Sprache aus dem Munde unserer Schriftsteller zu hören – um ihre Sprache endlich einmal wieder zu erkennen in ihrem Reichtum, in ihrer Ausdrucksvielfalt, auch in ihrer gesellschaftlichen Brisanz – das möchte ich Sprachkultur nennen.

Dass die Sprache uns allen gehört, dass wir aber ihre Ausdrucksstärke immer wieder spüren müssen und wollen, um nicht sprachlich zu erstarren – das macht das Sprachfest und den Literaturpreis des Stadtschreibers aus. Deshalb diese besondere Atmosphäre – einer Gemeinsamkeit in unserer Sprache, die, obgleich sie uns gehört, doch immer größer ist als wir selbst, wie Thomas Steinfeld einmal formuliert hat.

Wir Polytechniker unterstützen dieses Fest der Sprache gern. Die Polytechnische Gesellschaft kommt selbst aus der Zeit der Aufklärung (1816), die an eines glaubte: An die Emanzipation durch Bildung und Sprache. Wenn man bedenkt, wie sehr damals die Bürger ihre Sprache in die Hand nahmen: Gegen das Latein der Katheder-Wissenschaften und gegen das Französisch der Fürstenhöfe entwickelten sie ihre eigene Sprache weiter, sie erfanden Wörter wie Leidenschaft, Wehmut, Augenblick, später aber auch Anschrift und krankenversichert. Es waren Sprachschöpfer. Sie wollten, dass die Bürger alles verstehen konnten, was der Geist hervorbringt. Das war ihr Antrieb. Es war ein aufklärerischer Antrieb. Die Sprache sollte verständlich sein, allgemeinverständlich.

Auch heute können wir einen solchen Antrieb gebrauchen. Denn auch heute sind Bereiche unseres gesellschaftlichen Lebens wieder unverständlich geworden, sei es durch Imponierwörter wie Struktur, Vision, Strategie und Implementation, die eine Art semantisches Drahtverhau vor unserem Verstand aufbauen, sei es, dass manche Wissenschaften, und zwar vor allem jene, die sich als Leitwissenschaften verstehen, komplett in eine fremde Sprache auswandern und es gar nicht mehr für nötig halten, uns ihre Erkenntnisse in unserer Sprache zugänglich machen.

Auch heute ist es also wichtig, dass wir unsere Sprache selbst in die Hand nehmen. Dass wir sie nicht im Geiste der Sprachökonomie auf ein Minimum zusammenschrumpfen lassen, oder dass wir sie gar in den Wissenschaften ganz aufgeben. Und dass wir nicht nur auf die Sprachökonomisierer hören, sondern uns von denjenigen inspirieren lassen, die in unserer Sprache wirklich zuhause sind und sie weiterentwickeln.

Wir als Polytechnische Stiftung sind deshalb mit mehreren großen Sprachprojekten in Frankfurt aktiv. Und wir sind deshalb auch an der Seite der Stadtschreiber – denn sie zeigen, noch dazu auf höchstem sprachlichem Niveau, was Sprachkultur aus unserer Mitte und an unserer Spitze sein kann.

Das begrüße ich! Und das soll mein Grußwort sein. Nicht hallo, nicht haalo und auch nicht aber hallo!

Aus dem Grußwort zum Jubiläum »40 Jahre Berger Stadtschreiber«, gehalten am 30.1.2014 im Kaisersaal, Frankfurt am Main

Roland Kaehlbrandt

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erstellt am 03.2.2014

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