Wo einst die Stammburg der Schelme stand, im heute zu Frankfurt gehörenden Stadtteil Bergen, wohnte der Schriftsteller Franz Joseph Schneider, der es ohne anregende Gespräche mit Kollegen nicht mehr aushielt und deshalb zum An-Stifter des Stadtschreiber-Amtes wurde. Anlässlich des 40. Jubiläums dieser vielbeneideten Einrichtung erzählte der einstige Stadtschreiber Peter Härtling von den Anfängen und Kuriositäten einer Literaten liebenden Gemeinde.

Rede zum 40-jährigen Jubiläum

Die Berger Stadtschreiberei

Von Peter Härtling

Es könnte, sage ich mir, so begonnen haben, in Zeitsprüngen, in ausführlichen Grübeleien und Gesprächen: Franz Joseph Schneider, in der Werbung tätig, Schriftsteller dazu, ansässig mit seiner großen Familie in Bergen, Freund Hans Werner Richters und von Anfang an zur Gruppe 47 gehörend, vermisste die Anregungen der Gruppentreffen, der Gruppenmief hatte ihn süchtig gemacht, und er klagte seinem Berger Freund, dem sozialdemokratischen Ortsfürsten und späteren Bürgermeister von Hattersheim, Adi Schubert, wie sehr ihm alles das fehle, auch wenn sein Schachkumpel Siegfried Unseld, Besitzer einiger Obstbäume in Bergen, gelegentlich bei ihm auftauche, und sich das alte Spiel wiederhole, das sei aber keineswegs ein Ersatz, und seine Klage uferte aus in einer Litanei, in der die Namen seiner schreibenden Freunde aufgerufen wurden, Aichinger, Böll, Eich, Andersch, Jens und Reich-Ranicki. Ach, wenn sie nur kämen, schloss er, und Adi Schubert fiel ihm ins Wort, oder Franz Joseph Schneider sich selber: Ein Stadtschreiber, so etwas wie ein Stadtschreiber. Adi Schubert war darauf aus, seinem Freund Franz Joseph einen Traum zu erfüllen, er setzte durch, was durchzusetzen möglich war, machte im Gemeinderat – Bergen-Enkheim war damals noch nicht Ortsteil von Frankfurt – Stimmung für einen Literaturpreis, der von der Kommune vergeben werden könnte, sammelte Stimmen und gewann.

Die Vergünstigungen, die dem Stadtschreiber zugesprochen werden sollten, waren bald ausgehandelt und ausgemacht, das Haus in der Borngasse (heute: An der Oberpforte) gefunden, es könnte mittlerweile Geschichten erzählen, und der Termin wurde waghalsig festgelegt auf den Berger Markt, ein Rummel und ein Viehmarkt mit Festzelt. Noch waghalsiger entschieden Schubert und Schneider, dass das Preisfest unters Zeltdach gehöre, ins feiernde Volk.

Auf dem Berger Markt des Jahres 1974 wird der erste Stadtschreiber der erwartungsvollen, staunenden, Äppelwein und Würstchen genießenden Menge vorgestellt: Ein Großer, der Rätsel aufgibt, ein reisender Dichter, der Romane ankündigt und das Schweigen vorzieht: Wolfgang Koeppen. Der Juror, der ihn vorgeschlagen und alle Konjuroren leidenschaftlich überredet hat, hält, entgegen dem späteren Brauch, die Zeltrede: Marcel Reich-Ranicki. Zur Jury gehörten damals neben Franz Joseph Schneider und Reich-Ranicki Heinrich Böll und Walter Höllerer, der überdies noch eine kleine Wohnung in der Nähe des Stadtschreiberhauses besaß, sein Akzente-Archiv. In das Schreiber-Haus zogen nach Koeppen, der den Bergern geradezu märchenhaft in Erinnerung blieb, Karl Krolow und Peter Rühmkorf, der eine unvergessen durch die Kuchen, die Lucie, seine Frau, Hausgästen servierte, und der andere durch die mit Arzneien aufgefüllten Plastiktüten, die er mit sich schleppte, ein Hypochonder, der sich virtuos seinem Spott aussetzte. Die Berger hatten sich – fast – an den unter ihnen weilenden Stadtschreiber gewöhnt, die Person in ihr Alltagsgerede aufgenommen, wozu deren Eigenheiten Stoff abgaben oder auch deren politische Ansichten, die, naja, manchem, mancher verquer erschienen.

Im Frühjahr 1977 rief mich Marcel Reich-Ranicki an, eröffnete die Mitteilung mit einem bedrohlich-freundlichen „Mein Lieber”. Ob ich Stadtschreiber werden wolle? Die Jury habe sich eben für mich entschieden. Er kam auf die Pflichten des Stadtschreibers, die gar keine seien, ich dürfe ins Haus einziehen (aber ich wohne ja in der Nähe, warf ich ein; seien Sie nicht so störrisch, wies er mich zurecht). Ohne Pflichten hätte ich die Pflicht, etwas gegenwärtig zu sein für die Berger, und außerdem könnte ich umsonst aus dem Haus telefonieren. Das Fest bleibt mir unvergesslich: Alfred Grosser hielt schon damals eine europäische Rede, ich tanzte mit Eva Rühmkorf, lernte Franz Joseph und Ammes Schneider kennen, zum Glück, denke ich, wie alle Stadtschreiber vor mir und nach mir. Die beiden werden immer für mich da sein, großzügige und geduldige Gastgeber – diese ganze Schneider-Familie, samt Haushund. Die immer offene Zuflucht in der Berger Marktstraße war notwendig, denn der Stadtschreiber-Preis hatte neben dem, was er eigentlich bot, seine Tücken. Der Preisträger wurde umgepflanzt für ein Jahr. Sicher musste er das Stadtschreiber-Häuschen nicht auf Dauer bewohnen, aber er spürt die Aufmerksamkeit der Berger, seine Gegenwart wurde gleichsam kontrolliert. Vielleicht ging es den anderen Stadtschreibern und Stadtschreiberinnen wie mir. Im Stadtschreiberhaus begann die Suche nach dem besten Arbeitsplatz, dem, an dem das Schreiben leichter fiel. Ich entschloss mich für die Stube im ersten Stock, neben dem Bett, mit dem ich gleich in der ersten Nacht zusammenkrachte. Sicher, Krolow war leicht wie ein alternder Elf, doch hatten Koeppen und Rühmkorf ihr Gewicht minimiert? Von derartigen Gedanken ans Telefon getrieben, um zu erfahren, ob ich zuhause, gleichsam um die Ecke, vermisst werde. Die Selbstgespräche, die rituelle Aufstellung der Schreibmaschine, meine kleine Hermes, unter dem Fenster, versetzten mich in eine Einsamkeit, eine Fremde, die den Flüchtlingsjungen in mir wachrief. Außerdem wusste ich nicht, wie die Heizung geht, obwohl mir gezeigt wurde, dass sie angeworfen wurde wie ein Bootsmotor. Der Gedanke, ich könnte mit der Heizung in die Luft fliegen, hielt das Zimmer kalt. Der Weg zu Schneiders war nicht weit, er führte in die Wärme, hinein ins Gespräch, wenn schon ins Streitgespräch mit Franz Joseph, vorzugsweise über seinen Lieblingsphilosophen, den Pragmatiker Popper. Er war nicht mein Fall.

Bergen-Enkheim wurde ein Stadtteil Frankfurts. Frankfurt übernahm uns doch nicht, vielmehr die Kulturgesellschaft des Ortes, die keine Schwierigkeiten erwartete, da der Stadtschreiber längst von den Bergern akzeptiert war, gewissermaßen ohne Auftrag in den Ort hineinwirkte. Monika Steinkopf eröffnete ihre Buchhandlung, sorgte dafür, dass die Bücher der Stadtschreiber vorhanden waren, und sie wurden gelesen, die Berger lernten ihre Stadtschreiber kennen, ihr Wesen buchstabieren. Die Volkshochschule Frankfurt bot einen Kurs, einen Gesprächskreis, über den Stadtschreiber an, und die Nikolaus-Kapelle, ein historisches Kleinod, wurde in den 90er Jahren renoviert und für Lesungen, Konzerte, Feste geöffnet. Die Stadtschreiber entdeckten die Qualitäten der Berger Kneipen, nicht zuletzt die der Alten Post, und so gerieten sie, ohne Komplikationen, ins Stadtgespräch.

1979 wurde die erste Stadtschreiberin gewählt, Helga Novak. Sie änderte mit Schwung die Stimmung im Festzelt, trat mit rauchender Zigarette zwischen den Lippen hinters Mikrophon, herausfordernd – jetzt war sie da, jetzt würde sie ins Haus ziehen, neben sich den anarchistischen Poeten und Liebsten mit dem Tartarenköpfchen, Horst Karasek. Ihr Jahr in Bergen war für das Amt ein Segen. Sie schaffte es, dass Gerüchte brodelten, sich unter ihrem wunderbaren Lachen auflösten, sie führte vor, wie im Stadtschreiberhaus gefeiert werden konnte, dass die Wände wackelten und Legenden entstanden.

Inzwischen häufen sich, höchst willkürlich, Legenden, und sie wurden zum unterhaltsamen Nachweis für die Dauerhaftigkeit und den Hintersinn dieses Preises. Am liebsten nennte ich sie alle, rühmte ihre Stadtschreiber-Eigenheiten, wie Peter Bichsels Schwäche für Wasserhäuschen und die Lebensgeschichten ihrer Dauerkunden, Nikolaus Borns letzten Besuch mit dem verbundenen Schädel, seinen Mut, dabei sein zu wollen, und Friederike Roths geradezu geisterhafte Abwesenheit. Eva Demski kam aus Frankfurt auf den Berg und schaffte es, den Frankfurtern das Stadtschreiberwesen vertraut zu machen. Die Schilder an der Fassade des Schreiberhäuschens häuften sich, Namen über Namen, Stichworte zu einer Literaturgeschichte der letzten Jahrzehnte. Manche leben nicht mehr, sind in das Gedächtnis der Berger eingegangen – und das vor allem ist das Geschenk dieses Literaturpreises, dass die Stadtschreiber weiter gelesen werden von jenen, die sie als Person in Erinnerung haben, beim Lesen die Stimme der Autorin, des Autors hören. Unverwechselbar geworden für die beteiligten Bürger in einem Jahr: Jurek Becker, Wolfgang Hilbig, Heinz Czechowski, Robert Gernhardt, Jörg Steiner, Peter Kurzeck. Sie werden gelesen, sind gegenwärtig in Gesprächen, in Anekdoten, in Zitaten.

Von 1979 an durfte ich mich zu den Juroren zählen, allemal, wenn es noch kalt ist, und die Straße nach Bergen hinauf glatt, trifft sich die Jury, Bürgerjuroren und Fachjuroren, wie es offiziell heißt, und Ammes, die Seele des Hauses in der Marktstraße, hat eine fabelhafte Suppe gekocht, die bevor gerangelt und gerungen wird, die Runde stärkt, vorher hatte bereits Marcel Reich-Ranicki alle telefonisch auf seinen Kandidaten eingeschworen: Hören Sie, mein Lieber! Und es gab eben die Widersätzlichen mit anderen Vorschlägen, es gab Zunder, oft bis in die Nacht. Mittlerweile saßen unsere Damen, Ammes, meine Frau und Toshia Reich-Ranicki nebenan, bekamen gelegentlich das Jury-Getöse mit und warteten auf den Boten, der, kaum war es ruhig, bei ihnen auftauchte und verriet, wer erstritten worden war.

Mittlerweile nimmt Adrienne Schneider den Platz ihres Vaters in der Jury ein. Sie hat alle Stadtschreiberinnen und Stadtschreiber erlebt, deren Bücher stapelten sich in der elterlichen Wohnung. Vieles ist inzwischen Geschichte. Helga Novak starb unlängst und in die Trauer, in der ich ihre wunderbaren Gedichte aufsagte, mischte sich ihr widerständisches Lachen. Das alles ist geworden aus dem Traum eines Mannes, der sich seine schreibenden Kumpel ins Dorf holen wollte, dem ein kundiger Freund half, den Traum Wirklichkeit werden zu lassen.

Rede, gehalten am 30. Januar 2014 im Frankfurter Römer zum 40-jährigen Jubiläum des Berger Stadtschreiber-Preises

Peter Härtling

Sieha auch:

Grußwort von Roland Kaehlbrandt

siehe auch:

Martin Lüdke: Peter Härtling zum 80.

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erstellt am 03.2.2014

Peter Härtling
Peter Härtling
Stadtschreiber in Bergen
Franz Joseph Schneider

Franz Joseph Schneider, der Gründer des Literaturpreises »Stadtschreiber von Bergen« für deutschsprachige Autoren und Autorinnen.

Das Stadtschreiberhaus in Bergen

Die Schilder der Stadtschreiber

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Die Reden der Stadtschreiber:

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