Im letzten Drittel des 8. Jahrhunderts lebt die Zauberin Alcina auf einer Insel im Mittelmeer; der Stoff ist aus Ariosts ‚Orlando furioso’, Händel brachte die Oper 1735 in Covent Garden heraus, das Ballett tanzt im französischen Stil, die Kostüme sind barock und von heute. Wir sind in Zürich mit Thomas Rothschild bei Christoph Loy.

Alcina in Zürich

Die Zauberin Cecilia Bartoli

Von Thomas Rothschild

In den vergangenen Jahren ist es Mode geworden, in Operninszenierungen Figuren auftreten zu lassen, die das Libretto nicht vorgesehen hat. Sie bieten den Regisseuren Gelegenheit, jenseits der Bindung an den Text, der, komponiert, strengere Anweisungen erteilt als im Sprechtheater, ihrer Fantasie freien Lauf zu lassen. So hat sich der Engel aus Claus Guths Salzburger „Figaro“ auch in Christof Loys neue Zürcher „Alcina“ verirrt, wo er im Programmheft als Cupido aufgeführt ist. Ideal verkörpert wird er von der fragilen, traurig-grotesken Silvia Fenz, die schon in George Taboris Wiener Ensemble „Der Kreis“ auffiel und auch einem Christoph Marthaler nicht entgehen konnte. Gerechtfertigt wird solch eine Hinzuerfindung im konkreten Fall durch die Analogie zu den Balletten, die essentielle Beigabe in Barockopern à la „Alcina“ waren. Die Ergänzung des Personals kompensiert die Inszenierung durch die Elimination des Knabensoprans Oberto, der nun, auf der Suche nach seinem Vater, nicht mehr auf den Löwen zielen darf, in dem er gerade rechtzeitig noch seinen Erzeuger erkennt. Das ist irgendwie schade.

Aber wenn Loy, mehr Ästhet und Rationalist als Träumer, die Zauberhandlung auch eher stiefmütterlich bedenkt – theatergeschichtlich hat er sich mit großem Fleiß kundig gemacht. So beginnt die Aufführung mit einem manierierten französischen Ballett auf einer mit Rampenlichtern versehenen Bühne, unter der sich so etwas wie eine Mischung aus Maschinenraum und Folterkammer befindet. Schon hier irritieren Melisso und die als ihr Bruder Ricciardo verkleidete Bradamante durch dunklen Abendanzug und Krawatte. Sie stehen wiederum im Kontrast zu Ruggiero, der bald darauf in historisierender, zugleich aber übertrieben theatralischer Kleidung auftritt (Kostüme: Ursula Renzenbrink). Im zweiten Akt hat der Bühnenbildner Johannes Leiacker, der den Stilbruch zum Prinzip macht, drei schäbige Zimmer mit Tapeten, die sich von den Wänden lösen, als wären sie von Anna Viebrock, an einander gefügt. In der rechten Kammer hocken, spärlich bekleidet, Greise, Alcinas Opfer, sozusagen die männlichen Counterparts zu den ermordeten Frauen in Blaubarts verbotenem Zimmer. Im dritten Akt schließlich wird die Theatermetapher wieder aufgenommen. Die Bühne ist verstellt mit überdimensionalen Kulissen. Aber die Figuren haben sich mittlerweile allesamt zu Menschen aus unserer Zeit gewandelt. Wir haben verstanden. Auch Christof Loy will uns sagen, was andere Regisseure gleich zu Beginn suggerieren: Der Stoff ist nicht so veraltet, wie man bei oberflächlicher Lektüre meinen könnte. Es ist die Geschichte der alternden Frau, die ihre Zauberkraft verloren hat. Sympathy for the sorceress.

Dass „Alcina“ durchaus komische Seiten hat, verdeutlicht Loy vor allem in der Figur des Ruggiero, den Malena Ernman ganz großartig spielt. Seine Trottelhaftigkeit stellt seine Wankelmütigkeit in erotischen Angelegenheiten in den Schatten, und man fragt sich geradezu, was Alcina und Bradamante an ihm finden. Aber gerade das ist ja das Thema von „Alcina“: der Irrsinn der Liebe. Darin nähert sich das Libretto, das auf einer Episode aus Ariosts „Rasendem Roland“ basiert, Shakespeares „Was ihr wollt“ und „Wie es euch gefällt“, und die Hosenrolle der Bradamante gleicht ja jenen der Viola und der Rosalinde fast aufs Haar. Die Geschlechterambiguität, deren triviale Variante heute in den Travestie-Shows der Rotlichtviertel weiter lebt, ist bei Händel nicht weniger als bei Shakespeare Quelle sowohl der dramaturgischen Verwicklungen, des Eros wie der Komik.

Dabei haben die Männer schlechte Karten. Sängerisch gehört der Abend unzweifelhaft den Frauen – zumal wo auch die Kastratenrolle von einer Frau gesungen wird. In der Titelrolle lockt Cecilia Bartoli das Publikum nach Zürich, und sie hält, was man sich von ihr verspricht. Dass sie ihre Koloraturen mit einer bestechenden Perfektion artikuliert wie kaum eine andere Sängerin unserer Gegenwart, versteht sich fast von selbst. Aber die Innigkeit, mit der sie in den Arien ihren Schmerz und ihre Kränkung ausdrückt, lässt einen daran zweifeln, dass diese Frau Menschen in kalte Felsen, Wellen oder wilde Tiere verwandelt. Wenn es denn zutrifft, muss es eine Wonne sein, zur Bestie zu werden. Aber wer würde das in unserer Gegenwart schon zugeben.

Die Bartoli wäre schon eine Reise wert. Aber Varduhl Abrahamyan als Bradamante, Julie Fuchs als Alcinas Schwester Morgana und Malena Ernman, nun als Sängerin, nicht nur als Darstellerin, befinden sich mit dem Star auf Augenhöhe. Ein besseres Damenquartett wird man schwerlich an einem anderen Opernhaus finden, und das Orchester La Scintilla unter Giovanni Antonini, mit Bartoli vertraut, sorgt für einen barocken Klang, der keiner Aktualisierung bedarf, aber auch nicht nach Erfüllung eines Dogmas strebt.

Die Schweizer sind ja nicht gerade für ihre Temperamentsausbrüche bekannt. Aber der Jubel, der bereits zwischen den Akten und erst recht am Schluss aufbrauste, braucht keinen Vergleich zu scheuen. Alcinas Zauber wirkt eben doch noch.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 29.1.2014

Szenenfoto Opernhaus Zürich: Monika Rittershaus

Alcina

Oper von Georg Friedrich Händel

Musikalische Leitung Giovanni Antonini
Inszenierung Christof Loy
Bühnenbild Johannes Leiacker
Kostüme Ursula Renzenbrink

Opernhaus Zürich

Szenenfoto Opernhaus Zürich: Monika Rittershaus

Szenenfoto Opernhaus Zürich: Monika Rittershaus