Neuerscheinung

Fado

Von Kettly Mars

„Was ist das für eine Musik?“
„Ein Fado.“
„Ah.”

Léo hat mir schließlich die Frage gestellt, die ihn schon seit einigen Tagen umtreibt. Ich lese noch viele weitere Fragen in seinem Gesicht. Ich suche seinen Blick, er sieht perplex woanders hin. Ich verwirre ihn, denn ich scheine nicht zu leiden. Er versteht nicht, dass ihn so viele Dinge ersetzen, seit er nicht mehr mit mir zusammen lebt. Vieles, das ihn anzieht und ihm gleichzeitig auch Angst macht. Wie dieser Fado, den ich ständig höre. Die Stimme von Amália Rodrigues, die mein Zimmer intensiv wie einen Abschied macht. Das Geräusch des Meeres zwischen meinen
Laken. Der Ozean, der so nah ist und einen doch bis zum Hafen von Lissabon forttragen kann. Mein Bett wie der Tejo, mein Körper der Torre de Belém, Zeugen eines dunklen Schicksals, das Kurs auf Benin hielt. Die Gitarren, die auf meiner Haut den Duft eines unerträglichen Abschieds, eines unvermeidlichen Schmerzes hinterlassen. Und meine Dessous, diese vielen Spitzen, die mir früher zuwider waren. Das trunkenrote Gespinst meiner Schlüpfer, das schwindelnde Indigo meiner Büstenhalter. Léo weiß, dass ich immer noch auf ihn warte, dass ich mich nach seiner Begierde sehne. Und dann ist da noch diese Katze, meine neue Gefährtin, ich habe sie Dulce getauft, die Sanfte mit den goldenen Augen. Sie liebt genauso wie ich den Fado. Und dies, obwohl ich zu Léos Zeiten nie ein Tier im Haus haben wollte, nicht einmal einen Wellensittich oder einen Goldfisch. Auch trinke ich nun abends kühlen Weißwein.
Frida würde sagen, um der Nacht entgegenzutreten.
„Wer bist du, Anaïse?“
Das ist die Frage, die Léo mir eigentlich stellen will. Oder besser:
„Wer bist du geworden, Anaïse?”
„Ich bin Frida … manchmal. An manchen Tagen. Aber das würdest du nicht verstehen, Léo … Das ist eine Geschichte, aus der ich selber nicht schlau werde, der ich nicht gewachsen bin. Ich weiß lediglich, dass ich an dem Tag, an dem man mir Bony bei einer Geburtstagsfeier vorgestellt hat, begonnen habe, in Fridas Haut zu schlüpfen. Das war kurz nach unserer Scheidung.

Bony … der etwas peinliche Halbbruder der Gastgeberin. Eine Art enfant terrible, eine Mischung aus schwarzem Schaf und Zuhälter mit Engelsgesicht. Bony, der einen Fuß nachzieht. Motorradunfall.

Da seine anfängliche Zurückhaltung nach einer halben Flasche Rum verflogen war, erzählte er mit geradezu bestürzender Unbefangenheit
vom Leben im Bordell in der Rue des Fronts-Forts, das er von seiner Mutter geerbt hatte. Das kleine bürgerliche Publikum hörte ihm mit gezwungenem Lächeln zu, angeekelt und fasziniert zugleich von diesem
Unternehmer einer eher seltenen Art, dem ihre Meinung offensichtlich
schnurz war. Er erzählte ihnen aus seinem Leben, von seinen Scherereien, seinem Geschäft, das in seinen Augen ein Broterwerb wie jeder andere war. Ich hörte ihm mit Augen, Ohren, mit allen Fasern meines Körpers zu, denn Frida begann bereits in mir zu erwachen. Fasziniert folgte ich ihm durch die etwa zehn kleinen Kammern des engen und abgenutzten zweistöckigen Gebäudes, das in der Hitze der Altstadt glühte. Die schluchzende Fadostimme der Amália Rodrigues begleitete unsere Schatten, als ich hinter seinen
hinkenden Schritten die beschwerlichen Stufen des Hotels hinaufging.

Bony erzählte von Kunden, die Handtücher stahlen, so dass man sie unaufhörlich ersetzen musste, von den unerschwinglichen Preisen der Leintücher, vom Stadtviertel ohne Wasseranschluss, vom Wasser, das zur Zeit seiner Mutter noch 50 Centime und heutzutage fünf Gourde pro Eimer kostete. Er erzählte von den Mädchen, die immer verschwenderischer und fauler wurden und ihr Handwerk immer schlechter beherrschten.

Wie mein Schweiß gleitet Frida endlich aus meinen Poren, wo sie schon seit langem wachte, von wo aus sie mich bewohnte, mich verzehrte. Ich gebe ihr eine Stimme. Ich errichte ihr eine Heimstatt. Ich erkläre sie für rechtmäßig.

Bony war nicht überrascht mich zu sehen, als ich mich vorstellte. Ich erinnere mich nicht mehr, ob es Tag oder Nacht war. Regnete es? Vielleicht. Ich weiß nur, dass er mir nicht mehr aus dem Kopf gegangen war, seit wir uns das erste Mal bei dem Abendessen im Haus meiner Freunde begegnet waren. Alles ist im Bony’s möglich. Er bemerkt ein meinem Gepäck den Boden meines Abgrundes und zog den schwindelnd machenden Duft auf meinen Wimpern ein. Es war fast, als hätte er mich erwartet. Eine gut situierte Werbegrafikerin, die sich in die überfüllten Straßen der Unterstadt wagt. Die ihrem Schicksal gegenübertritt. Seine Augen lächelten, als er mich sah. Er bat mich einzutreten. Samanta, die Katze des Hauses, strich an meinem Bein entlang und machte dabei einen Buckel. Einige Mädchen, in deren unfrisierten Haaren noch Spuren der vergangenen Nacht hingen, beobachteten mich einen Moment neugierig. Dann kehrten sie zu ihrem Geplauderzurück. Voilà. Bony kann nichts mehr überraschen, nichts mehr rühren außer dem Fado. Er hört manchmalstundenlang Amálias Leidenschaft zu. Er darf als Einziger diese Musik hören. Sobald er geht, stellen die Mädchenein Transistorgerät an und verrenken sich zu Merengue- oder Compasrhythmen die Hüften. Sie verstehen den Fado nicht, der ihnen doch so nahe ist.

Ich bin Bonys Mätresse oder besser gesagt eine seiner Mätressen geworden. Ein Weg, den man hier zu gehen hat. In unserem kleinen Milieu, wo das Fleisch käuflich ist, gibt es einen Lehrmeister und seine Frauen. Der Meister muss seine Frauenausprobieren. Um sie zu bewerten, kleine Änderungenanzubringen, sie nach dem Geschmack der Kundschaft auszurichten. Bony hat diese Arbeit mit mir gemacht. Es galt, meine Jungfräulichkeit aufs Neue zu verlieren oder, besser gesagt, sie wiederzuerlangen. Liebe ohne Ziel. Um meinen Körper zu
befreien. Ihn zu öffnen. Er hat meine Verbote übertreten. An den Kontraktionen meines Körpers begriff er mein bisheriges Leben, man brauchte ihm keinen Vortrag zu halten. Und er hat mich gezähmt. Zwei Wochen lang war ich die Einzige, die mit ihm sein Bett teilte. Damit Anaïse Frida werden konnte.

Wer bin ich heute tatsächlich? Ich weiß es nicht mehr genau. Ich weiß nur, dass Frida im Bony’s wohnt, das seit zwei Generationen
Freudenhaus in der Rue des Fronts-Forts ist. Eine dieser grauen Straßen der Unterstadt, Zentrum der Schuster, die ihr Handwerk direkt auf der Straße ausüben, wo die Ausdünstungen des Kleisters sich mit den Dämpfen der überbordenden Gullys vermischen. Frida hat geduldig gewartet, bevor sie sich mir gezeigt hat, bevor sie, genährt von meinen Fantasien, hinter dem Spiegel hervorgetreten ist. Ich hielt sie zunächst für ein Spiel, eine Sinnestäuschung, ein erdachtes Wesen wie die zahlreichen Geschöpfe, die ich in der Stille meiner geheimen Reisen ersinne.

Sie ist nicht mehr die Jüngste. Ihre Brüste sind noch straff, aber ihr Bauch erschlafft, die Haut ihres Gesäßes wird welk. Sie leidet immer öfter unter Kreuzschmerzen, Krankheit der Freudenmädchen. Ihre Regel bleibt aus, kommt nur noch alle zwei oder drei Monate. In der Rasse der Frauen, von der sie abstammt, versiegt der Monatsfluss schon mit dreißig Jahren. Wie ich hat sie Schlafstörungen. Ich kenne ihre Lust, die echte wie die gespielte. Einige Falten kreuzen dann den Weg ihrer Tränen. Ihre Füße sind mager und sehnig, von Adern durchzogen und mit langen fingerförmigen Zehen. Die Männer mögen Huren mit mageren, sehnigen Füßen. Sie sagen, dass sie intensiver, mehr für die Lust gemacht sind.
Fridas rebellische Lippen küssen niemals, auch dann nicht, wenn mansie anfleht, nicht mal für einen Aufpreis. Einmal wurden ihr von einem Säufer, der ihren Mund gewaltsam öffnen wollte, mit der Faust die Vorderzähne eingeschlagen. Sie hatte ihm mit einem einzigen Biss ihrer spitzen Schneidezähne die Zungenspitze abgerissen. Deshalb lächelt sie nicht mehr oder fast nicht mehr. Ihre seltenen Freuden wie ihr Unglück sind in ihren Augen sichtbar. Zwei große Augen wie zwei Monde aus einer unbekannten Galaxie.

Auszug aus „Fado“ von Kettly Mars

erstellt am 22.11.2010

Kettly Mars
Kettly Mars
Fado

Kettly Mars
Fado
Aus dem Französischen von Dr. Antje Tennstedt
Litradukt, Kehl 2010
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„Kettly Mars hat den Roman der Wiedergeburt
geschrieben: Man verliert sich in der Haut
einer anderen, um sich besser wiederzufinden.“
Mohammed Aïssaqui, Le Figaro Littéraire