Elisabeth Borchers, die Übersetzerin, Verlagslektorin und strenge Patin der Poesie, wäre am 27. Februar 2014 achtundachtzig Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt der Frankfurter weissbooks.w-Verlag eine Auswahl ihrer Gedichte heraus, die in kargem, lakonischem Ton und stillstem Pathos vom Abschied erzählen. Borchers ist am 25. September 2013 gestorben. Klaus Reichert erinnert an die große Dame der Literatur.

Erinnerung an Elisabeth Borchers

Zwischen den Sprachen

Von Klaus Reichert

Am liebsten stelle ich mir Elisabeth Borchers in der elsässischen Landschaft ihrer Kindheit und Jugend vor und im Haus der Großmutter in dem Örtchen Niederbronn, das sich, weil es ein paar Heilquellen hat, les-baines nennen durfte. Das Land zwischen den Ausläufern der Vogesen und dem im Sommer heißen Rheintal, ist leicht hügelig, weit und hell, mit Weinbergen und Hopfengärten, hohen Himmeln, die einmal wichtigen Städte Hagenau und Weißenburg mit ihren romanischen Kirchen sind nah. Die Landschaft, das alte Haus mit dem Garten, dieses Licht – sie leuchten in der Dichtung von Elisabeth Borchers immer wieder auf wie Splitter eines zerbrochenen Glases. „Die Beispiele bieten sich an.“, heißt es in einem Gedicht, „Wir nennen sie alle beim Namen, / wie die Wolken da oben, umflutet vom Blau / über den grünlichen Höhen / der Vogesen bis es Nacht wird. / Ja, Nacht.“ Es ist keine von der Erinnerung verklärte Idylle, die sie heraufzitiert, denn es ist Krieg, das KZ Struthof, etwas höher in den Vogesen im Wald, ist nicht weit. „Ja, Nacht.“ Das ist der Hintergrund, das sind die mitzuhörenden Hallräume dieser Dichtung, die dabei nie ausdrücklich zur Sprache kommen, denn ihre Kunst ist die Andeutung, das Aussparen, nicht im Sinne eines Verschweigens, als könnte über das Geschehene nicht gesprochen werden, sondern – ein Wort von Paul Celan sagt es – als ein Erschweigen. „Ja, Nacht.“ Splitter. Auch die von der Schneekönigin Andersens, die früh ins Herz treffen.

Die Sprache, heißt es, ist das Haus der Dichter. Die Sprache ist transportable Heimat. Aber welches ist ihre Sprache? Elisabeth Borchers wuchs – ich weiß nicht wie lange – zwischen den Sprachen auf. Deutsch, französisch und dazwischen das mal innige, mal karg-herbe Elsässisch, ein alemannischer Dialekt. In ihrer ersten Poetik-Vorlesung erzählt sie das alemannisch geschriebene, schaurig-ergreifende Gedicht von Johann Peter Hebel, in dem der Großvater dem Enkel die Vergänglichkeit erklärt, auf hochdeutsch nach. Wer zwischen den Sprachen aufwächst, weiß, die Dinge können auch anders heißen, die Fügungen anders verlaufen, der emotionale Mehrwert ein anderer sein. Was heißt dann Heimat? Ist nicht die Heimat in einer Sprache zugleich der Verlust der anderen geliebten? So sind Einssein und Anderssein in der Sprache, Nähe und Distanz, Voraussetzung jedes Dichtens, ihr als frühe Erfahrung bereits mitgegeben.

Als der Krieg zu Ende ist, findet sie sich – ich weiß nicht, auf welchen Wegen, durch welche Trümmer, nach welchem Abschied, welcher Verlorenheit – in Oberschwaben wieder, in der französischen Zone, in Weingarten, in der Nähe des Bodensees mit seinem
„heilig-nüchternen Wasser“. Hier arbeitet sie als Übersetzerin und Dolmetscherin, hier lernt sie den blutjungen, genialischen Lyriker Peter Hamm kennen, der dem Zauber der jungen Frau sofort verfällt. Sie lesen, sie entdecken zusammen Gedichte – Paul Celan, Günter Eich, Ilse Aichinger, Peter Huchel – schwedische und tschechische Dichter in Gott weiß welchen Übersetzungen, denn gedruckt konnte es sie noch nicht geben, – die dem Surrealismus nahestehenden Franzosen – Paul Eluard, René Char, Henri Michaux, die die junge Dolmetscherin vermutlich aus dem Stegreif übersetzte, und – so will es die Legende – Peter Hamm ermutigte sie, selbst Gedichte zu schreiben.

Der erste Gedichtband erschien dann erst 1961, nach für den Außenstehenden eher unbekannten, vermutlich turbulenten Jahren des Werdens einer Schriftstellerin. Sie verbrachte damals ein Jahr in Amerika, in dem sie auf das Werk des für sie so wichtigen Dichters William Carlos Williams stieß, dieses, wie es scheint, so ur-amerikanischen Poeten, von Beruf Kinder- und Armenarzt, der aber von sich sagte, er habe sein Englisch aus dem Mund polnischer Mütter gelernt. Auch bei ihm also Einssein und Anderssein, Nähe und Distanz. Das wird sie angezogen haben, auch das Spröde, Lakonische, und daß er die einfachsten Dinge – den berühmten „Roten Schubkarren“ – beim Namen nannte, sie zum Sprechen brachte. Die Gedichte, die sie 1961 herausgab, sind alles andere als Gedichte einer Anfängerin; es sind leichte, schwebende Gebilde, manche von der Selbstverständlichkeit eines Volkslieds, traum-, märchen- und zauberhaft, als hätte es sie immer schon gegeben, wir wüßten nur nicht mehr, woher wir sie kennen könnten, aber wenn wir genauer lesen, hören wir fern den Nachhall des Kanonendonners der noch kaum vergangenen Jahre, die anscheinend doch nicht vergehen, damals nicht, heute nicht.

1961, als die Gedichte erschienen, war sie schon seit einem Jahr beim Luchterhand-Verlag, und es begann ihre große Karriere als Lektorin, die maßstabsetzend für die Literatur in Deutschland werden sollte. Sie brachte ihre geliebten Franzosen in großen Ausgaben heraus, Apollinaire, Eluard, Yvan Goll, entdeckte Claude Simon und Raymond Roussell, überredete den Dichter und Freund Max Hölzer, George Bataille zu übersetzen, machte eine Gesamtausgabe des von Verlag zu Verlag gescheuchten Lyrikers Ernst Meister, erwarb Lizenzausgaben von der DDR, darunter die große Werkausgabe von Pablo Neruda.

1971 holte Siegfried Unseld sie nach Frankfurt, und sie blieb Suhrkamp und Insel bis zu ihrem Ausscheiden 1998 treu. Es waren die glanzvollsten, erfolgreichsten Jahre dieser Verlage, deren literarisches Programm Siegfried Unseld vor allem mit Elisabeth Borchers gestaltete. Von den vielen Autorinnen und Autoren nenne ich nur einige wenige in der Chronologie ihrer Zusammenarbeit, von Anfang an Nelly Sachs, die langjährige Freundin, und Paul Nizon, dann Martin Walser, Enzensberger, Jurek Becker, Peter Weiss, Friederike Mayröcker, Ernst Augustin, Jürgen Becker, Volker Braun, Wolfgang Koeppen, Hermann Lenz. Sie hat sie betreut, wie es so töricht-charitativ heißt, nein, sie hat mit ihnen gearbeitet, manchmal hart und gnadenlos, denn sie konnte sehr streng sein, auch etablierten, großen Autoren gegenüber, und man weiß, wie empfindlich Autoren sind. Manche haben sie gefürchtet, denn sie war, ja, mächtig, viele haben sie freundschaftlich geliebt, alle haben sie respektiert, die große Dame der Literatur, die nie kumpelhaft war, zwar herzlich, aber dabei leicht distanziert, immer elegant, Zigarillos rauchend, zur Sache redend mit leiser Stimme, die manchmal spitz sein konnte, spöttisch oder boshaft. So habe ich sie in der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt erlebt, wo wir über Jahre gemeinsam im Präsidium saßen und über die zu vergebenden Preise uns die Köpfe heiß redeten. Sie blieb gelassen, aber glasklar in ihren Urteilen für oder wider.

Die Arbeit in den Verlagen hätte gereicht für ein ganzes Leben. Dazu die Kinderbücher, die sie schrieb oder anregte, die vielen Anthologien, die sie herausgab. Aber daneben entstand – diskret und wie beiseite gesprochen – das Zentralste in ihrem Leben: ihre Dichtung. Acht schmale Bände. Immer schlichtere, kargere Zeilen. „Ich lernte Abschied, eine Wissenschaft“, beginnt ein Gedicht Mandelstamms. Diese Wissenschaft hat Elisabeth Borchers von Grund auf gelernt, studiert bis in die feinen Verästelungen und Noten der Gedichte, Fußnoten zum Lebenstext, hinein. Ein Gedicht mit dem Titel ,Übung‘ beginnt so: „Trauer, mein Text, ich habe dich gelernt. / Ich zelebriere dich durch die Zeitalter, / die uns mit Maßen / gegeben sind.“ In einem späteren Gedicht heißt es: „ich banne den Schmerz / verbanne ihn nicht, / Er kennt mich zu gut / wie Dunkel das Licht.“ Die Dichterin b a n n t den Schmerz. Sie gibt ihm einen Ort und einen Namen, wie Shakespeare das Amt des Dichters nannte, aber sie gibt ihn nicht preis, gibt uns nur seine abgerissenen, fernen, fragilen Echos. Splitter. Aber eben dies ist die Stärke dieser Verse, ihre kristalline Härte, es ist „das die Schallmauer zerbrechende / Gedicht.“

Aber immer noch – auch in den späten und spätesten Gedichten, in Trauer und Abschied – spricht sie von der Liebe und von dem groß zu schreibenden Wort Sehnsucht. Nelly Sachs hatte ihr einen Gedichtband mit den Worten gewidmet: „Elisabeth, der lieben Freundin – landsflüchtig mit dem schweren Gepäck der Liebe.“ Das war 1962. Dieses Gepäck schleppte sie bis fast zuletzt von Gedicht zu Gedicht, aber nicht klagend, sondern aufrecht und stark. „Trauer des Verschwindens / Sieh mich an“, heißt es im letzten Gedichtband ,Zeit Zeit‘. In diesem Band steht noch, 2 Zeilen später, als habe sie die allerletzten Jahre schon vorsorglich ins Gedicht gebannt: „Der Schatten tritt verspätet ein / Er triumphiert“. „Ja, Nacht.“

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erstellt am 28.1.2014

Elisabeth Borchers (1926-2013), Foto: Alexander Englert
Elisabeth Borchers (1926-2013), Foto: Alexander Englert

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Alles kehrt wieder
und ist schon zu Ende.

Alle Gedichte aus dem Band »Elisabeth Borchers, Achtundachzig, weissbooks.w, Frankfurt am Main 2014 (s.o.)
© weissbooks.w, 2014