„Im Kopf von Bruno Schulz“ heißt Maxim Billers stilistisch souveräne und dennoch verstörende Hommage auf den 1942 ermordeten Schriftsteller und Zeichner Bruno Schulz. Eugen El hat die Novelle gelesen.

buchkritik

Visionen und Täuschungen

Maxim Billers Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz”

Von Eugen El

Am Vorabend einer Katastrophe spielt Maxim Billers elegante Novelle „Im Kopf von Bruno Schulz“. Im November 1938 taucht in der polnischen Kleinstadt Drohobycz ein Doppelgänger von Thomas Mann auf, der vor allem dem jüdischen Schriftsteller und Zeichenlehrer Bruno Schulz Rätsel aufgibt. Schulz, von Ängsten und Visionen geplagt, schreibt daraufhin einen Brief an den 'echten' Thomas Mann. Darin beklagt er sich über das überhebliche und zuweilen aggressive Auftreten des Doppelgängers. Schulz legt dem Brief eine eigens auf Deutsch verfasste Erzählung bei und hofft darauf, mit Hilfe des prominenten Fürsprechers die Stadt und das Land endlich verlassen zu können.

Wenn man an die Verehrung denkt, mit der viele europäische Juden des frühen 20. Jahrhunderts die deutsche Kultur bedachten, dann erscheint der Adressat des Briefs als eine Instanz dieser für humanistisch erachteten Kultur, an die sich auch Bruno Schulz klammert. Der falsche Thomas Mann steht hingegen für den tatsächlichen Zynismus und die Kälte Vorkriegsdeutschlands. Der 'echte' Mann ist eine Fiktion, das Symbol einer tragischen Täuschung.

Dass Thomas Mann für Maxim Biller seit Jahren ein erklärtes literarisches Feindbild ist, macht diese drastische Figurenzeichnung plausibel. Mit Mann rechnet Biller eindeutig ab. Die Figur des Bruno Schulz kann man hingegen als Versuch sehen, dem 1942 ermordeten Schriftsteller gerecht zu werden, ihn aber auch behutsam ins eigene erzählerische Universum zu integrieren. Zu diesem Zweck scheint in der Novelle, wenn auch sehr dosiert, der burleske Humor aus Billers F.A.S.-Kolumne „Moralische Geschichten“ durch, deren neurotische Protagonisten durch Gegenwart und Geschichte stolpern.

Maxim Biller macht Drohobycz zu einem verstörenden und surrealen Schauplatz. Einige Bewohner setzen noch ganz auf den Rückhalt durch die französischen und britischen Alliierten. Die sich unterdessen immer deutlicher abzeichnende Gefahr für die jüdische Bevölkerung kulminiert im Kopf von Bruno Schulz in Visionen, die das katastrophale Geschehen der folgenden Jahre vorwegnehmen. Biller verwischt gekonnt die Grenzen zwischen Realität, Tagtraum und Alptraum, um dann umso schärfer auf die Vorboten der Shoah aufmerksam zu machen.

Nach dem gediegenen, in der Gegenwart angesiedelten Short-Story-Band „Liebe heute“ (2007) und der Autobiografie „Der gebrauchte Jude“ (2009) legt Maxim Biller nun ein Buch vor, das sich stilistisch gewohnt souverän eines schwierigen historischen Sujets annimmt. „Im Kopf von Bruno Schulz“ lässt sich schnell lesen. Biller gelingt es, auf nicht einmal siebzig Seiten ein Leben und Schreiben inmitten des unaufhaltsam näher rückenden Schreckens zu vergegenwärtigen. Dass das Buch zusätzlich mit Zeichnungen von Bruno Schulz versehen ist, trübt den sonst guten Eindruck. Sie stehen in keinem erzählerischen Zusammenhang mit Billers Novelle und sind in mäßiger Qualität reproduziert. Das ist dann leider zuviel der Hommage.

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erstellt am 28.1.2014

Maxim Biller. Foto: Lottermann and Fuentes
Maxim Biller. Foto: Lottermann and Fuentes

Maxim Biller
Im Kopf von Bruno Schulz
Novelle
Gebunden, 80 Seiten
ISBN: 978-3-462-04605-2
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2013

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Bruno Schulz (1892-1942)
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