Warum ist es für eine Literaturzeitschrift bezeichnend, dass sie sich an dem Thema ‚Wahnsinn‘ abarbeitet? Dieser Frage geht Alexandru Bulucz nach und durchläuft dabei „Nicht-Orte, Nicht-Plätze wie Flughäfen, Bahnsteige und Sanatorien“ in Moritz Müller-Schwefes Literaturzeitschrift metamorphosen.

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Wahnsinn – die Literaturzeitschrift metamorphosen

Von Alexandru Bulucz

Literaturzeitschriften sind sonderbare Dinge. Jede Literaturzeitschrift ist eine Versammlung von Texten respektive Sprachen, auch dann, wenn sich die Literaturzeitschrift innerhalb einer Nationalsprache bewegt und diese nicht verlässt. Ist dies der Fall, umso ausgezeichneter der Charakter, die Stimmung, der Ton jeder einzelnen dieser Sprachen. Weil jede Versammlung eine Gleichzeitigkeit der sich Versammelnden, denselben Ort und dieselbe Zeit, voraussetzt, sind Literaturzeitschriften grundsätzlich nichts anderes als Demonstrationen, und die hellhörigen Leser, denen sie zurufen, nichts anderes als ihre Opfer. Und weil jeder, der eine Literaturzeitschrift liest, eine Gleichzeitigkeit, d. h. Stimmen hört, ist jeder, der eine Literaturzeitschrift liest, längst verrückt geworden, längst in der Interferenz dieser Stimmen versunken, längst der überwältigenden Menge zum Opfer gefallen.

Wie bezeichnend also, dass eine Literaturzeitschrift sich an dem Thema ‚Wahnsinn‘ abarbeitet! Denn sich als Literaturzeitschrift daran abzuarbeiten, heißt schlicht, sich als solche an sich selbst abzuarbeiten, sich selbst in Frage zu stellen, sich selbst ins Spiel zu bringen. Die von Moritz Müller-Schwefe herausgegebene Literaturzeitschrift metamorphosen tut anlässlich ihrer 33. Nummer genau das: Es ist ein wunderbares, ein wahnsinniges Unternehmen, welches als „Akte Wahnsinn“ glücklicherweise ein Fall für den Elfenbein-Verlag ist. Dort erscheint die Literaturzeitschrift metamorphosen seit 2013 in neuer Folge und ist für einen symbolischen Betrag von nur zwei Euro erhältlich. Und so sollte es auch sein: Geistiges Gut sollte entweder priceless oder unbezahlbar sein, man sollte es entweder nicht bezahlen müssen oder nicht bezahlen können.

Gleich im Editorial wird die Methode der metamorphosen 33 preisgegeben: Dem Wahnsinn „nicht blinden Auges folgen, sondern zuerst aus den Augen verlieren, um ihm dann langsam wieder auf die Spur zu kommen“. Man muss die darin enthaltenen Texte lesen, um zu verstehen, was es wirklich heißt, den Wahnsinn aus den Augen zu verlieren. Diese Methode wird sich nämlich nach der Lektüre der metamorphosen 33 als die Erkenntnis dieser Ausgabe selbst erweisen. Im Blick auf die Literatur und aus der Sicht des Lesers meint der Verlust des in die Texte eingeschriebenen Wahnsinns den Selbstverlust des Lesers: zwar auch aufgrund des „Verlustes der Zusammenhänge auf der Textebene“, wie Alfrun Kliems in seinem Essay über Ivan Blatný und Jiří Gruša richtig bemerkt, aber vor allem infolge der Wirkung der Literatur auf ihren Leser. Dabei kommt nicht nur die Objektivität des lesenden Beobachters abhanden, sondern selbst noch dessen Subjektivität. Der Selbstverlust ist ein Erfolg des Selbst, denn damit erreicht ist eine Kindermoral, einer der „Nicht-Orte, Nicht-Plätze“.

Nicht zufällig findet in diesem Literaturheft auch Herbert Genzmers Kurzerzählung – eine Erstveröffentlichung – Schreiben in Museen seinen wohlverdienten Platz. Allein schon wegen dieser Erzählung lohnt es sich, die metamorphosen 33 zu kaufen: Der Erzähler lässt uns am Leben seiner Schwester, der Protagonistin, teilhaben. Die erzählte Zeit umfasst 28 Jahre und endet mit dem Tod der Schwester. Die Erzählung beginnt wie folgt: „Mit fünf verliebt sie sich in die Zukunft. Mit sieben schrieb sie täglich Horoskope. Mit neun war für meine Schwester das, was sie weissagte, Realität, und das, was wir lebten, nichts als Hirngespinste. Mit zehn […] prophezeite sie, wir würden von nun an, sie selbst uns allen voran, für alle Zeiten in Hotels leben und tagsüber die Räume der Museen durchstreifen, in denen Vater arbeitete, und in den Ausstellungsräumen aufgehen. Die Welt ist lautlos, schrieb sie mit zwölf in ihre Museums- und Hoteltagebücher, und begann die Welt so einzurichten, dass das, was sie wahrsagte, eintrat. Sie legte [mit zwölf] Feuer in unserem Haus. Es brannte bis auf die Grundmauern ab. Als letzte wurde sie aus den Flammen gerettet, verlor aber ihr Gehör und konnte nie wieder sprechen. Mutter kam in ihrem Bett in den Flammen um. Die Offenbarung meiner Schwester war eingetreten, wir zogen in ein Hotel. Vater ertrug kein Haus mehr. Vater war Restaurator. Ein delikater Mann mir zarten Händen, hatte er sich auf die Arbeiten des Surrealismus spezialisiert“. Infolge des Umzugs ins Hotel gibt es für die Protagonistin nunmehr eine einzige Pendelbewegung: „Sie verließ die jeweiligen Hotelzimmer nur, um mit Vater ins Museum zu gehen und ihm bei der Arbeit zuzusehen oder lautlos durch die Säle und Gänge zu wandeln.“ Fortan werden die Horoskope der Schwester und Textfetzen aus deren Tagebüchern in die Erzählung eingestreut. Exkurse über den Surrealismus werden gemacht, wobei sie nicht mit Sicherheit dem Vater zuzuordnen sind, beschäftigt sich die Tochter doch mittlerweile selbst mit dieser Epoche. „Mit zwanzig blieb meine Schwester allein in einem der Hotels zurück. Eine nach der anderen gingen wir weg und wendeten uns unserem Leben zu. Gingen weiter. Sie blieb. Irgendwann verließ auch sie ihre letzte – unsere letzte gemeinsame – Adresse und reiste, denn ohne die Museen konnte sie nicht mehr leben.“ Langsam wird deutlich, dass Genzmers Kurzerzählung ein poetologischer Text ist, aus dem das Editorial, das Wort der Redaktion, u. a. seinen Erkenntnisschluss zieht: Der Wahnsinn muss aus den Augen verloren werden. Die Schwester: „Ich kommuniziere mit den Augen. So vermittle ich alles, so stellt sich mir dar, was einer ist, was jemand sein will. Mir entgeht nichts. Dabei ist mir gleich, was sie sagen. Nicht das Was ist wichtig, sondern das Wie.“ Diese Augen sind kindliche Augen, Augen, die Erwachsene aus den Augen verlieren, Augen, die das Unbewusste erschließen, indem sie gegen den alltäglichen normalisierten Wahnsinn der Erwachsenen revoltieren: surrealistische Augen. Wie die gesamte Zeitschrift ist auch Genzmers Kurzerzählung literaturwissenschaftlich geprägt: Dass Genzmer nicht nur Schriftsteller und Übersetzer ist, sondern auch Professor an der Universität von Austin, überrascht nicht. „Mit Mitte zwanzig gab sie das Erstellen von Horoskopen auf.“ „Die Zukunft liege bereits hinter ihr, sagte sie in einem Brief.“ Das Erwachsensein ist wesentlich ein Vergangenes, die Kindheit ist wesentlich künftig. Wenn sie hinter einem liegt, geht ein anderer Wahnsinn verloren: der Kindheitswahnsinn, die Unschuld. Die „Welt, die jetzt in die Schräglage rutscht“, droht zu kippen. Die Welt der Protagonistin kippt jetzt in einen pathologischen Zustand: „Ihr Mann sei der Besitzer eines kleinen Hotels mit Restaurationsbetrieb.“ Man erinnere sich: Ausgerechnet die Mutter kommt in den Flammen um, und der Vater war Restaurator und konnte nach dem Tod der Mutter kein Haus mehr ertragen, weshalb er ins Hotel zog mit seinen Kindern. Genzmer operiert hier mit einer psychologischen Kategorie (der weiblichen Form des Ödipuskomplexes), die als solche nur dem seelisch erkrankten Menschen zukommt, der eines Verhältnisses zu Anderen unfähig geworden ist. Wir kennen diesen Menschen, diesen Heutigen: Wir selbst sind er. Wir selbst schlafen neben fremden Menschen, neben uns. Die Schwester über das Leben im Hotel: „Erotik des Wand-an-Wand-Schlafens mit fremden Menschen“.

Die „Nicht-Orte, Nicht-Plätze wie Flughäfen, Bahnsteige, Hotels und Sanatorien“ sind, für gewöhnlich, Orte antizipierenden Wartens. So möchte man sich am Bahnhof z. B. nicht lange aufhalten. Man wartet dort auf den Zug, mit dem ein Freund fährt, der einen besucht. Man wartet dort auf einen Zug, der einen an sein Reiseziel transportiert, wo man vielleicht zehn Tage, aber nicht länger, im Hotel übernachtet. Offensichtlich sind diese Orte, für gewöhnlich, Übergangsorte, an denen das Verlassen dieser Orte bzw. die Zukunft als Fortschritt antizipiert wird. So suggerieren sie, dass das Leben in einer Kontinuität bestehe…

Doch die „Nicht-Orte, Nicht-Plätze wie Flughäfen, Bahnsteige, Hotels und Sanatorien“ sind in metamorphosen 33 Orte antizipierten Wartens, was beileibe nicht dasselbe meint wie die Orte antizipierenden Wartens. Hier sind sie Orte des Stillstehens, an denen das Warten selbst, Erkenntnis, antizipiert wird. Die Orte antizipierten Wartens sind Lücken zwischen Vergangenheit und Zukunft, in denen der Literat, der Denkende, wohnhaft ist und in denen eine Wiederholung variiert, die mit dem Leben eines an Demenz Erkrankten vergleichbar ist, der denselben Satz wiederholt, ihn aber stets anders moduliert: Erkenntnis kennt keine Kontinuität und ist immer Erkenntniskolorit. Das ist große Kunst, was Moritz Müller-Schwefe durch die Texte gelingt, die er in metamorphosen 33 versammelt.

Unbedingt zu erwähnen sind auch Ron Winklers drei Gedichte, die er hier erstmals veröffentlicht: Ersttraum aus dem Nullraum; Orakel an Faun, die Landschaft; wie sie immer war und die spielerisch und wortreich daherkommen und wie Genzmers Kurzerzählung einen nichtbewussten unberührten Ort erschließen, der vielleicht nur Kindern vorbehalten ist. Insbesondere Ersttraum aus dem Nullraum exponiert eine Lust des Fabulierens, die nur diesen unscheinbaren Geschöpfen, die Du sagen, ehe sie Ich sagen, eigen ist. Zuweilen sind seine Bilder derart haptisch, dass man das Gefühl hat, sie grade in den Händen zu halten. Die Frage dieses Gedichts: Was ist dieser wunderbare Nullraum, den das Ich nie erlebt hat, über den es aber sprechen kann? Seine Existenz, seine Nullexixtenz, eine Möglichkeit(?): „lange schon die Gangart schmal der Nacht, du schliefst, was wusstest du/ vom Maul der Träume?“

Ja, die Frage nach dem Wahnsinn ist in dieser Literaturzeitschrift eine Frage nach Identität und Gedächtnis: So sind auch jene Texte aus metamorphosen 33, die feuilletonistisch anmuten, keinesfalls feuilletonistisch, denn sie sind stets um die Erinnerung vergessener Literaten (Ivan Blatný, Oskar Panizza, Wolfgang Welt) und Institutionen (März-Verlag) bemüht, die die Identität ihrer Generation mitgestaltet haben und daher zum Kanon unseres Alltags geworden sind. Aus denselben Gründen ist auch die Unterteilung der Zeitschrift (Literatur/ Kunst/ Kultur) nicht als feuilletonistisch und journalistisch einzustufen. Alles, was hier geschieht, geht über das Gedächtnis eines Tages hinaus. Was hier geschieht, ist keine Ansammlung von Willkür, interessiert sich nicht für Modeerscheinungen und warnt vor Vergessenheit.

Mit Beiträgen von: Ivan Blatný, Herbert Genzmer, Mark Greif, Tobias Herold, Hillary Jordan, Ron Winkler u. a.

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erstellt am 28.1.2014

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