In einer komplexen, sich schnell wandelnden politischen Lage kann jede Berichterstattung nur eine Momentaufnahme sein. Eine solche Momentaufnahme hat jetzt auch der ukrainische Schriftsteller Juri Andruchowytsch verfasst, mitten aus dem dramatischen Geschehen in Kiew. Sein Bericht klingt wie ein Hilferuf.

Der ukrainische Schriftsteller, Dichter, Essayist und Übersetzer Juri Andruchowytsch repräsentiert die intellektuelle und künstlerische Opposition seines Landes. 1960 in Stanislaw (jetzt Iwano-Frankiwsk) geboren, hat Andruchowytsch mit drei Romanen (Rekreacij,1992, Moskoviada,1993 und Perverzija, 1999), die auch ins Russische und Polnische übersetzt wurden, Maßstäbe für die ukrainische Gegenwartsliteratur gesetzt. Nicht nur für die deutsche Öffentlichkeit ist er als Fürsprecher einer neuen und unabhängigen Ukraine bekannt.
Juri Andruchowytsch, der jetzt mit vielen anderen Oppositionellen auf der Straße agiert, berichtete der Deutschen Welle von der Rolle der Künstler in diesem Prozess: Sie demonstrieren nicht nur, sondern treten auch auf der Bühne auf und arbeiten in der unabhängigen Universität auf dem Maidan, wo die Intellektuellen, Wissenschaftler und Künstler Vorlesungen und Seminare abhalten. Und sie kritisieren die Opposition, auch wenn sie mit ihr zusammenarbeiten.
Nun schickt Juri Andruchowytsch einen Appell, den wir hier veröffentlichen.

-ert

Offener Brief

Zur aktuellen Situation in Kiew

Liebe Freunde und vor allem internationale Journalisten und Redakteure,

an diesen Tagen bekomme ich von Ihnen sehr viele Briefe mit Bitten, die aktuelle Situation in Kiew und in der Ukraine generell zu beschreiben, das, was gerade passiert, zu bewerten und meine Vision wenigstens der nächsten Zukunft zu formulieren. Da ich einfach rein physisch nicht imstande bin, für jede Ihrer Zeitschriften einen ausführlichen analytischen Aufsatz zu verfassen, habe ich mich für diese kurze Ansprache entschieden, die jeder von Ihnen je nach Bedarf verwenden kann.

Die wichtigsten Dinge, die ich Ihnen sagen muss, sind folgende:

Während der knapp vier Jahren seiner Herrschaft brachte das Regime des Herrn Janukowytsch das Land und die Gesellschaft bis zu einem Zustand äußerster Spannung. Noch schlimmer – es trieb sich selbst in eine Sackgasse, wodurch er sich auf Dauer und mit allen Mitteln an der Macht halten muss, um nicht strafrechtlich hart zur Verantwortung gezogen zu werden. Die Dimensionen des gestohlenen und rechtswidrig angeeigneten übersteigen jegliche Vorstellungen von menschlicher Habsucht.

Die einzige Antwort, die dieses Regime schon seit über zwei Monaten gegenüber den friedlichen Protesten verwendet, ist die Gewalt, und zwar eine eskalierende, eine „kombinierte“ Gewalt: Angriffe der Polizeisondertruppen auf den Maidan werden ergänzt durch individuelle Verfolgung oppositioneller Aktivisten und einfacher Teilnehmer der Protestaktionen (Beobachtung, Prügel, Verbrennung von Autos und Wohnungen, Einbrüche, Verhaftungen, Gerichtsprozesse wie vom Fließband). Das Schlüsselwort ist dabei die Einschüchterung. Da es nicht funktioniert und die Menschen um so massenhafter protestieren, greift das Regime zu immer härteren Repressalien.
Eine entsprechende „Rechtsgrundlage“ schuf es am 16. Januar, als die vom Präsidenten völlig abhängigen Abgeordneten mit allen möglichen Prozedur-, Tagesordnungs- und sogar Verfassungsverletzungen durch Handheben (!) innerhalb von wenigen Minuten (!) über eine Reihe von Gesetzesänderungen abstimmten, die tatsächlich im Land eine Diktatur und einen Ausnahmezustand einführten, ohne den explizit ausrufen zu müssen. Indem ich zum Beispiel diesen Text schreibe und verbreite, falle ich unter einige strafrechtliche Paragraphen daraus, etwa für Dinge wie wie „Verleumdung“, „Aufhetzung“ etc.

Nun ja, wenn man diese Gesetze akzeptiert, muss man davon ausgehen, dass in der Ukraine alles verboten ist, was von den Machthabern nicht erlaubt wird. Und erlaubt ist nur eines – zu gehorchen.

Die ukrainische Gesellschaft akzeptierte diese „Gesetze“ nicht, und am 19. Januar trat sie wieder zahlreich auf – um ihre Zukunft zu verteidigen.

In den Fernsehnachrichten aus Kiew können Sie heute Protestierende in aller Art Helmen und Masken sehen, manche haben Holzstöcke in der Hand. Glauben Sie nicht, dass das irgendwelche „Extremisten“ „Provokateure“ oder „Rechtsradikale“ sind. Auch meine Freunde und ich gehen zu unseren Kundgebungen jetzt in solcher oder ähnlicher Ausstattung. In diesem Sinne wären heute auch ich, meine Frau, meine Tochter und unsere Freunde „Extremisten“. Es bleibt uns nichts übrig: wir schützen das Leben und die Gesundheit – von uns und von unseren Angehörigen. Auf uns schießen Soldaten der Sicherungsstreitkräfte, unsere Freunde werden von ihren Scharfschützen umgebracht. Die Zahl der getöteten Aktivisten betrug nur im Regierungsviertel und nur an den zwei letzten Tagen nach verschiedenen Angaben 5 oder 7 Personen. Dutzende Menschen in Kiew sind verschollen.

Wir können die Proteste nicht stoppen, denn das würde bedeuten, dass wir mit einem Land in der Form eines lebenslangen Gefängnisses einverstanden sind. Die junge Generation der Ukrainer, die in der postsowjetischen Zeit aufgewachsen sind, akzeptiert grundsätzlich keine Diktatur. Wenn die Diktatur siegt, wird Europa mit der Aussicht eines Nordkoreas an seiner Ostgrenze rechnen müssen und – nach unterschiedlichen Einschätzungen – mit zwischen 5 und 10 Millionen Flüchtlingen. Ich will Ihnen keine Angst machen.

Wir haben hier die Revolution der Jungen. Der unerklärte Krieg der Macht ist vor allem gegen sie gerichtet. Abends, wenn es dunkel wird, bewegen sich unbekannte Gruppen von „Menschen in Zivilkleidung“ durch Kiew, die hauptsächlich junge Menschen angreifen, vor allem diejenigen, die die Maidan-Symbole – sprich EU-Symbole – tragen. Diese Menschen werden entführt, in den Wald gebracht, dort entkleidet und in der bitteren Kälte gefoltert. Seltsamerweise sind Opfer von solchen Festnahmen am häufigsten junge Künstler – Schauspieler, Maler, Dichter. Man hat den Eindruck, als ob irgendwelche „Todesschwadrone“ ins Land eingelassen worden wären, deren Aufgabe es ist, das Beste, das es hat, zu vernichten.

Noch ein markantes Detail: Die Polizisten nutzen Kiewer Kliniken als Fallen für verletzte Protestierende, nehmen sie dort fest und (ich wiederhole – Verletze!) verschleppen sie zum Verhör in unbekannte Richtung. Es ist extrem gefährlich geworden, auch für einfache Passanten, die zufällig mit einem Splitter einer Polizei-Kunststoffgranate verwundet worden sind, sich ins Krankenhaus zu wenden. Ärzte sind ratlos und überlassen ihre Patienten den sogenannten „Rechtsschützern“.

Zusammenfassend: In der Ukraine sind Verbrechen gegen Menschlichkeit im vollen Gange, für die die heutige Macht verantwortlich ist. Wenn es in dieser Situation auch wirklich Extremisten gibt, so ist das die Spitze des Staates.

Und nun zu den beiden Ihren Fragen, die für mich traditionell am schwierigsten sind: Ich weiß nicht, was weiter kommt, und ich weiß nicht, was Sie für uns tun können. Sie können jedoch diese meine Ansprache je nach Ihren Möglichkeiten und Kontakten verbreiten. Und noch – leiden Sie mit uns mit. Denken Sie an uns. Wir werden trotzdem gewinnen, trotz aller Ausschreitungen. Das ukrainische Volk erkämpft die europäischen Werte einer freien und gerechten Gesellschaft schon jetzt ohne Übertreibung mit eigenem Blut. Ich hoffe sehr, dass Sie das schätzen werden.

Juri Andruchowytsch

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erstellt am 27.1.2014

Juri Andruchowytsch
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