Selbstvermarktung im Kulturbereich ist ein Thema, das bei steigenden Mitbewerberzahlen und schlechter finanzieller Ausstattung der Etats immer wichtiger wird. Ina Roß, Dozentin für Kulturmanagement und Selbst-Marketing für Künstler an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“, will mit dem Buch „Wie überlebe ich als Künstler?“ besonders Berufsanfänger motivieren, mit Kreativität Interessenten, Sponsoren, Stiftungen für Ideen und Projekte zu gewinnen. Isa Bickmann hat ihren Ratgeber gelesen.

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Das Überlebenlernen ist ein Full-Time-Job

Von Isa Bickmann

Kulturschaffende/r zu sein (und damit sind sowohl bildende Künstler, Musiker, Tänzer, Schauspieler etc. gemeint) verspricht in den wenigsten Fällen ein halbwegs geregeltes und gutes Einkommen, darauf weist der theatralisch anmutende Titel des Buches hin. Die meisten Ideen, die entwickelt werden, benötigen für ihre Umsetzung finanzielle Mittel, die zuvor akquiriert werden müssen. Aber auch dafür sind Ideen nötig. Hier setzt die Autorin Ina Roß an. Im Duktus eines Coachings gibt sie in drei Schritten Tipps zur erfolgreichen Vermarktung eines Projekts: Wie mache ich mich bekannt? Wie finanziere ich mich? Wie organisiere ich mich?

Praxisnah sind die Interviews, die sie mit Ansprechpartnern z. B. der Tagespresse oder von Stiftungen und mit einem erfolgreichen Crowdfunding-Nutzer führt. Hier tut sich so manche – mitunter bittere – Wahrheit auf, z. B. wenn der Feuilleton-Redakteur Jens Bisky auf die Frage, ob er Pressemitteilungen lese, antwortet: „Ja, aber unter hundert höchstens zwei vollständig. Die meisten enthalten zu viele ‚Dramaturgenfloskeln‘ oder Werbesprüchlein und sind definitiv zu lang, zu wenig auf rasche Information zugeschnitten.“ Der Kritiker Gerhard Stadelmaier schreibt ihr: „… auf ‚Hallo Gerhard‘ reagiere ich nicht, wie ich überhaupt ‚Hallo‘ zu allen Teufeln wünsche.“ Er ist sicher nicht der Einzige, der sich über solche locker-flockigen Anreden ärgert, daher ist es sinnvoll, dies zu erwähnen, vor allem im Hinblick auf die Zielgruppe des Ratgebers: die Berufseinsteiger.

Auch vom Versenden von Bilddateien in zweistelliger MB-Größe (unter deren Empfang auch diese Rezensentin mitunter leidet) rät sie dringend ab, oder von dem Quatsch, alles in PDF-Dateien umzuwandeln und an die E-Mails zu hängen, was dem Ansprechpartner den direkten Zugriff verwehrt, weil es ihn zu nochmaligem Klicken zwingt. Sie macht ihren Lesern Mut, Pressetexte selbst zu verfassen, wobei sie zwar eine kurze Hilfestellung gibt, aber einige grundlegende Qualitäten verschweigt, u. a. dass sich generell eine fehlerfreie Schreibweise und eine gewisse sprachliche Überzeugungskraft auszahlen. Professionelle Unterstützung befürwortet sie lediglich „ausnahmsweise“ bei der Gestaltung der Webseite. Ansonsten propagiert sie in ihren Ausführungen das Selbstmachen, konzentriert sich auf Facebook, von dem sie als Verbreitungsmedium eher überzeugt ist als von Twitter.
Viel Raum gibt die Autorin in ihrem Ratgeber einer Strategie, die sich „Guerilla-Marketing“ nennt, worunter Maßnahmen mit z. B. Kreide und Sprühflasche zu verstehen sind, die temporär, jedoch nicht illegal, den Straßenraum zum Werbeträger machen sollen: Im Interview erklärt die Marketingleiterin des Museum Kunstpalast in Düsseldorf eine erfolgreiche Aktion mit überklebten Wahlplakaten. Andere Möglichkeiten dieser Art kennen wir z. B. in Frankfurt ganz gut, wo Aktivisten des veganen Lebens per Kreidestrich auf Straßen und auf unbeklebten Werbetafeln der U-Bahn-Höfe auf ihr Anliegen hinweisen. Als künstlerische Massenstrategie eignen sich diese Maßnahmen allerdings weniger. Dennoch bietet Roß hier sogar die Bauanleitung einer Sprühschablone an und gibt Infos, welche Bekleidung man bei seiner Aktion draußen benötigen würde. Natürlich muss man nicht ergänzen, dass das Sprayen auch keine neue Idee ist – hat doch der Künstler Thomas Baumgärtel, der sogenannte „Bananensprayer“, sich mit dieser Form der Aufmerksamkeitserregung quasi etabliert.

Das große Manko solcher Ratgeber ist allerdings ihre Zielgruppe: Sie richten sich mit den Text auflockernden Zeichnungen und einer flotten Ansprache an junge, noch nicht etablierte Kulturschaffende. Ältere Leser müssen über das Geduztwerden in dem an der einen und anderen Stelle nicht sehr sorgfältig lektorierten Buch einfach hinwegsehen und sich die Rosinen herauspicken. Denn das große Plus sind die Kapitel über Crowdfunding und über die Akquise von Stiftungsgeldern: Welche Prämien gebe ich als Crowdfunder aus? Was muss ich bei Antragsstellung bei einer Stiftung beachten? Auch hier sind die Interviews sehr hilfreich, die jeweils aus der Perspektive des Geldgebers oder eines erfolgreichen Crowdfunders Nützliches ansprechen. Die von Ina Roß angegebenen Adressen sind nur in wenigen Fällen bereichsspezifisch, z. B. sind die Webseiten für die bildende Kunst kaum ergiebig.
Abschließend gibt Ina Roß Tipps zum Projektmanagement – oder besser gesagt: zum Zeitmanagement. Denn eines wird bei der Vielzahl der beworbenen Aktivitäten klar: Sie kosten Zeit. Das Überlebenlernen ist ein Full-Time-Job.

Kommentare


Hans Jürgen Diez - ( 30-01-2014 03:51:46 )
Ist es nicht wie in der Kunst selbst? Die Aufmerksamkeit wird für einen kurzen Moment mit einer neuen Taktik (z.B. sprayen) erregt. Eine handvoll Personen erreichen damit ihr Ziel. Dann hat sich das Instrument schon erschöpft. Ohne das Buch zu kennen: befürchte ich das hier abgestumpfte Instrumente aufgezählt werden. In einem inflationären Beruf hilft nur das Alleinstellungsmerkmal.

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erstellt am 24.1.2014

Ina Roß
Wie überlebe ich als Künstler?
Eine Werkzeugkiste für alle, die sich selbst vermarkten wollen
Kartoniert, 192 Seiten
ISBN 978-3-8376-2304-8
Transcript Verlag, Bielefeld 2013

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