Scharlatan wurde er genannt, zumindest rätselhaft erschien der Komponist und Dichter Giacinto Scelsi seinen Zeitgenossen während der letzten 70 Jahre seines letzten Lebens. Nun sind unter dem Titel „Die Magie des Klangs“ seine ‚Gesammelten Schriften’ in zwei Bänden erschienen. Bernd Leukert hat daraus einen charakteristischen Abschnitt ausgewählt und stellt den großen Klangmagier kurz vor.

Kurzporträt

Ein fürstlicher Außenseiter

Der Komponist und Dichter Giacinto Scelsi wurde zuerst im Jahr 2637 v. Chr. in Mesopotamien geboren, war Assyrer, lebte am Euphrat und wurde mit seiner Frau getötet, als er 27 Jahre alt war. Seine zweite Geburt fällt in die Zeit Alexanders des Großen, an dessen Begräbnismusik er beteiligt war. Seine dritte Menschwerdung fiel ins Jahr 1905. Da stammte der Conte Giacinto Francesco Maria Scelsi d’Ayala Valva aus süditalienischem Adel. Die Familie war weitverzweigt und in ganz Europa verstreut. Scelsi studierte Komposition und lebte ‚mondial’ die zweite Hälfte der 20er Jahre in Paris und London, ging eine Ehe mit einer englischen Adeligen aus der Verwandtschaft des britischen Königshauses ein, die sich allerdings bei Kriegsausbruch von ihm trennte. Er reiste, komponierte und besuchte Freunde oder lud sie zu sich ein: Paul Éluard, Salvador Dalí, Henri Michaux und viele andere. Früh schon hatte sich bei ihm ein rätselhaftes Leiden bemerkbar gemacht, als dessen Symptome sich schnelle Ermüdung und Erschöpfungszustände zeigten, sowie eine Überempfindlichkeit gegen Lärm und so ziemlich alle Geräusche. Seine Musik steht außerhalb jeder abendländischen Tradition. Scelsi, der von der hinduistischen Mythenwelt beeinflusst war, empfand sich als Medium, das dem Publikum den ‚sphärischen’ Klang und die tönenden Energien vermitteln wollte. Vermutlich die meisten seiner zahlreichen Werke spielte er in seiner römischen Wohnung am Forum Romanum intuitiv auf einer elektronischen Ondioline und nahm sie auf Tonband auf. Dann engagierte er Komponisten, die ihm die Aufzeichnungen verschriftlichten. Aufgeführt wurde seine Musik erst sehr spät, vor allem in Frankreich und Deutschland. In Italien pflegte man seit der Nachkriegszeit den Mythos vom linksengagierten Komponisten der Gegenwart. Ein Graf, der seine Kompositionen aufschreiben ließ, passte nicht in dieses Selbstverständnis der italienischen Musikszene. Selbst die vielen Kollegen, die er nicht selten und äußerst diskret finanziell unterstützt hatte, ignorierten seine Arbeit nachhaltig.

Nun, ein Vierteljahrhundert nach seinem Tod, hat der Kölner Komponist und Hochschulprofessor Friedrich Jaecker Scelsis ‚Gesammelte Schriften’ unter dem Titel „Die Magie des Klangs“ auf Deutsch herausgegeben. Die zwei Bände, die in der Edition MusikTexte erschienen, sind Fundgrube und Schatzkästchen zugleich, und zwar nicht nur im Sinne einer Dokumentensammlung.

Der zweite Band beginnt mit einer Auswahl von Gedichten, die Michael Freiherr Marschall von Bieberstein, der Freund Scelsis und langjährige Direktor des Goethe-Instituts in Rom, zusammen mit Maria Magnus übersetzte, – übrigens aus dem Französischen, da Scelsi die französische Sprache geschmeidiger und nuancenreicher empfand als die italienische. Schon diese kleine Auswahl weckt den Wunsch nach einer Gesamtausgabe der Gedichte. Es gibt zwei Stücke dichterischer Prosa darin, die ganz in der Weise der Surrealisten daherkommen, und ‚Ästhetische Schriften’, ‚Selbstgespräche’, ‚Maximen und Reflexionen’, ‚Werknotizen’, ‚Gespräche und Interviews’, die allesamt von der Kunst, der Ästhetik und vor allem von der Musik handeln. Und in den wenigen Briefen an die Mutter Giovanna, seinen Lehrer Walther Klein, Paul Zukofsky und Kenneth Moore, die Sängerin Geneviève Renon, Hans Zender oder Yvar Mikashoff zeigen sich die Facetten der Scelsischen Persönlichkeit: sein Interesse an anderen Biographien, seine enorme Großzügigkeit, sein Enthusiasmus und seine peinliche Genauigkeit bei der Realisation seiner Werke.

Der erste Band aber umfasst vor allem die autobiographische Schrift „Der Traum 101“, dessen zweiter, versifizierter Teil, „Die Rückkehr“, aus wundersamen Traumsequenzen, Visionen und Reflexionen besteht. Im Prolog entwirft der Autor den Erzählrahmen: „Ich habe drei Schwätzer um mich herum: Wo ich bin, sind sie auch. Manchmal helfen sie mir, aber oft sind sie indiskret und lästig.“ Und dann erzählt er von der Musik, von seinen Lehrern, von seinen Leiden und – immer grotesker – von seinen Ärzten. Man lernt aus seinem anekdotischen Füllhorn das Leben der Reichen und Schönen, der Künstler, Schriftsteller und der Adligen Europas kennen – Scelsi war lange Jahre mitten unter ihnen – also Klatsch und Tratsch vom Besten. Zugleich korrigieren diese Erinnerungen so manch statuarisches Heiligenbild öffentlich gewordener Persönlichkeiten.

Ein kurzer Auszug charakterisiert auch einmal den Autor Giacinto Scelsi selbst:

originalauszug aus Gesammelte Schriften

Giacinto Scelsi: »Die Magie des Klangs«

1960 wurden in Paris meine Quattro pezzi su una nota sola aufgeführt.
         Auch dafür, wie für so vieles andere, muss ich Henri Michaux danken. Er war es, der mit Maurice Le Roux gesprochen hat, der dieses Werk dann auch dirigierte. Es wurde im Palais de Chaillot aufgeführt, aber wie üblich erweisen sich solche Aufführungen in neunundneunzig von hundert Fällen als nicht perfekt, sofern das überhaupt jemals möglich ist. Es reicht eigentlich zu sagen, dass die Proben in einem ziemlich kleinen holzgetäfelten Saal stattfanden, also in einem regelrechten Resonanzraum. Das Palais de Chaillot ist dagegen ein Gebäude aus Beton. Deshalb waren die Proben so gut wie umsonst, weil das Orchester und der Dirigent sich bei der Aufführung unter völlig anderen akustischen Bedingungen wiederfanden.
         Abgesehen davon beziehen diese Stücke, auch wenn sie auf einer einzigen Note beruhen, die jeweils darunter und darüber liegenden Vierteltöne mit ein: Mit diesem Aspekt waren die Orchester damals noch nicht vertraut. Ungeachtet dessen hatte die Komposition einen Riesenerfolg. Und dabei waren Stücke über eine einzige Note damals eine absolute Neuheit, nicht nur in Paris.
         Einige Kritiker sagten:
         „Was ist denn das für eine Musik? Es gibt keine Melodie, es gibt keinen Rhythmus, was bleibt dann noch?“
         Es blieb etwas anderes: Es blieb die Verbindung des statischen mit dem dynamischen Element. Eine Verbindung, die es vorher noch nie gegeben hatte. Darüber hinaus gab es die Schwingung eines einzigen ausgehaltenen Tons.
         Inzwischen, Jahre später, haben andere das kopiert und nachgeahmt, und vielleicht haben sie es sogar besser gemacht als ich. Aber damals hat man solche Musik zum ersten Mal gehört.
         Andere haben mir dagegen gesagt:
         „Sie kommen alle zehn Jahre nach Paris und haben eine Bombe im Gepäck: 1930 war es Rotativa, 1950 dann La nascita del verbo und nun 1960 diese Quattro pezzi!“
         Zu diesem Konzert kamen viele Freunde – Dichter, Maler und andere – und auch Madame Tézenas, die zusammen mit Barrault und Pierre Boulez den Domaine musical gegründet hatte. Anfangs hatten die Konzerte in einem kleinen Saal vor zweihundert Abonnenten stattgefunden; aber zu jener Zeit war die Zahl der Abonnenten schon auf zweitausend angestiegen, weshalb sie auf der Suche nach einem größeren Theater als das Odéon waren.

Madame Tézenas schätzte meine Musik sehr und nahm an fast allen Konzerten, in denen diese gespielt wurde, teil. Aber obwohl sie sich mir gegenüber ausgesprochen freundlich verhielt, glaubte sie, dass meine Musik die Köpfe eines Publikums verwirren könne, das davon überzeugt war, die einzige Musik sei die von … Pierre Boulez.
         Und so sagte sie zu mir:
         „Je ferai tout pour vous à Paris, mais je ne peux rien pour le Domaine.“
         Und sie lud mich zu Konzerten in ihre Loge ein, doch wagte sie nicht, Pierre zu fragen, ob er nicht meine Musik neben die seine auf die Programme setzen könne.
         Ein paar Tage später traf ich Messiaen, der nicht in meinem Konzert gewesen war und zu mir sagte: „Mon cher, vous avez dérangé toute ma classe.“ (Man muss wissen, dass er ja Komposition unterrichtete.) „On ne parle que de votre œuvre!“
         Er sagte es ziemlich freundlich, ohne bösen Unterton. Und Messiaen ist ein höchst ernsthafter und tiefgründiger Komponist. Ich traf ihn mehrmals in Paris und Rom. Er heiratete Yvonne Loriod, die eine Zeit lang eine perfekte Interpretin der Musik von Pierre Boulez und auch eines Klavierstücks von mir gewesen war, sich dann aber ausschließlich der Aufführung der Musik ihres Gatten widmete: eine wahrhaft große Pianistin. [ … ]
         Wo wir von Kritikern sprechen: Einmal sagte ein Kritiker, der sich für geistreich hielt:
         „Monsieur Scelsi fait ses expériences jusqu’au bout: non seulement il propose une seule note, mais il dort dans une armoire.“
         Die zwei Dinge hatten nichts miteinander zu tun, aber er glaubte, „sehr witzig“ zu sein. Dieser Satz trug mir die Bekanntschaft einiger neugierig gewordener Menschen ein.
         Da ich in Paris keine Wohnung mehr hatte, wohnte ich seit einigen Jahren im „Hotel Raphaël“. Ich hatte eine Freundin gebeten, mir ein möglichst ruhiges Zimmer zu reservieren, was gar nicht leicht zu finden war, denn wenn man Geräusche von draußen vermeiden will und ein Zimmer mit Blick nach innen wählt, hört man darin andere, interne Geräusche, die von den Ölheizungen, den Heizungsrohren oder auch aus den Küchen und von tausend anderen Dingen herrühren. Und ich kann solche Geräusche nicht ertragen.
         Im Raphaël, einem leicht antiquierten Luxushotel mit großen Räumen, hatte ich nun also ein sehr schönes Zimmer, mit dem ich bei der Ankunft sehr zufrieden war, weil es mir sehr bequem, vor allem weit weg von jeglichem Lärm erschien, weil es mit Blick nach innen und einem großen Badezimmer ausgestattet war.
         So ging ich am ersten Abend schlafen … aber kurz darauf hörte ich ein seltsames Geräusch, es machte: tock … tock … tock … tock …
         „Ach“, sagte ich, „was ist das für eine Teufelei? Woher mag dieses Geräusch kommen? Aus den Heizkörpern? …“ Ich hielt ein Ohr an die Heizkörper, aber von dort kam dieses Geräusch nicht. Draußen im Flur war nichts, auch nicht im Badezimmer. Also öffnete ich das Fenster und fand heraus, was es war: Da gab es ganz in der Nähe ein Rohr, das nach oben führte.
         Also sagte ich zu mir: „Was mache ich nun? … Ich kann dieses Tock-Tock nicht die ganze Nacht ertragen, das ist unmöglich!“ Als ich hereingekommen bin, war es noch nicht da, und offenbar haben sie die Heizung oder irgendetwas anderes angestellt, und das verursacht nun dieses Geräusch!
         Ich war verzweifelt und wusste wirklich nicht, was ich tun sollte. Ich sagte zu mir: „Was mache ich jetzt nur? Ich kann dieses Geräusch nicht ertragen! Morgen früh, von wegen Proben: Ich werde erledigt sein …!“
         Da bemerkte ich, dass im Zimmer ein großer Schrank stand, einer von denen, wie man sie zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts für die langen und großen Kleider brauchte, die von den Damen getragen wurden. Ich öffnete ihn und sah, dass er im Prinzip groß genug war … es gab genügend Platz … Und so nahm ich das Federbett, die Kissen und eine Decke … ich brachte alles in den Schrank und legte mich zum Schlafen hinein!
         Aber nach kurzer Zeit fühlte ich, dass mir langsam die Luft ausging, sodass ich die Schranktür geöffnet halten und dann wieder schließen musste, um mich vor dem Geräusch zu schützen. Es war also eine oftmals gestörte Nachtruhe, obwohl es mir doch gelang, ein paar Stunden zu schlafen. Und so machte ich es dann jeden Tag, vielleicht zehn Tage lang, solange ich in diesem Hotel blieb.
         Jeden Tag sah ich dann, dass die Kissen und Decken zurück zum Bett gebracht und dort in Ordnung gebracht worden waren; und jeden Abend trug ich die Decken und Kissen wieder in den Schrank und legte mich hinein. Wenn ich dann die Zimmermädchen dieses Stockwerks traf (manchmal im Zimmer oder auf dem Flur), bemerkte ich, dass sie mich sehr merkwürdig anschauten, und ich glaube, dass diese Zimmermädchen – und die Zimmermädchen in Paris sind so einiges gewöhnt! – sich nicht vorstellen konnten, was einen Mann dazu bringen mochte, ein wunderschönes, luxuriöses und sehr bequemes Doppelbett zu verlassen und sich jeden Abend in einen Schrank zu legen. Was für ein Laster mochte er haben?! Sie waren also irritiert und hatten vielleicht auch Angst, dass sie es mit einem Verrückten zu tun hätten! So etwas hatten sie sicher noch nie gesehen!

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erstellt am 24.1.2014

Giacinto Scelsi

Giacinto Scelsi
Die Magie des Klangs
Gesammelte Schriften in zwei Bänden
Herausgegeben von Friedrich Jaecker
Deutsch/französisch/italienische Ausgabe
868 Seiten
Edition MusikTexte 013, Köln 2013

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Giacinto Scelsi
Die Magie des Klangs – Band 2

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