Der vergröbernde Rückblick gaukelt einem gerne vor, dieses oder jenes Kunstwerk habe sich schließlich geschichtlich „durchgesetzt”, so als ob ein objektiver Geist nach langer Gärung eine klärende Wertung bewirkt hätte. Tatsächlich sind es immer einzelne Personen oder Gruppierungen, die sich für künstlerische Belange und die dafür unerlässliche Qualität eingesetzt haben. Dass solche Agenten heute unverzichtbar sind, zeigt Hans-Klaus Jungheinrich an zwei CDs der Ensemble Modern Akademie.

cd-kritik

Werke und ihre Geburtshelfer

Zwei CD-Editionen mit dem Ensemble Modern

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Die Misere der heute komponierten („klassischen“ oder E-)Musik besteht zum Teil darin, dass sie schlecht in bestehende institutionelle Strukturen hineinpasst. Die im Prinzip profitorientierte Tonträgerindustrie (wohl sowieso ein wirtschaftliches Auslaufmodell) interessierte sich stets nur wenig für solche an musikhörende Minderheiten gerichtete und mit geringen Stückzahlen verbundene Programme. Traditionelle Konzertinstitutionen mit ihren Abonnementssystemen gestatteten den tönenden Novitäten oft lediglich eine Randexistenz. Abhilfe schufen die Musiker selbst. Aus ihren Reihen entstanden neue, unkonventionelle Organisationsformen, die vor allem auch minoritären Musikphänomenen zugute kamen. Und sie haben Erfolge zu verzeichnen, haben den Musikbetrieb in wichtigen Ansätzen durchaus verändert. So formierte sich aus dem personalen und ideellen Fundus der Jungen Deutschen Philharmonie (einer durch die Achtundsechziger-Kulturbewegung beeinflussten Initiative) das Ensemble Modern, das sich eben nicht bloß als ein hervorragend professionelles neues Instrumentalkollektiv etablierte, sondern auch als Ausgangspunkt und Zentrum für weitere Vernetzungen, etwa mit den Schwerpunkten der Internationalen Ensemble Modern Akademie und des internationalen Ensemble Modern-Komponistenseminars. In diesem geht es um eine Zusammenarbeit zwischen Komponisten und Instrumentalisten und deren in mehreren gemeinsamen Probenphasen „reifende“ Werke; in jener werden in Kooperation mit Musikhochschulen begabte Nachwuchstalente durch einjährige Stipendien mit dem Ensemble Modern und bedeutenden Persönlichkeiten der zeitgenössischen Musik zusammengeführt. Selbstverständlich kommt es dabei zu beachtlichen klingenden Ergebnissen: in zahlreichen Konzerten; jetzt auch in zwei profunden CD-Editionen.

Komponisten waren von jeher um den Kontakt mit „ihren“ Interpreten bemüht. Allerdings war es einst auch gut möglich, im stillen Kämmerlein zu komponieren, denn die einschlägigen Genres wie Streichquartett, Klavierlied, Symphonie oder Oper hatten ihren einigermaßen sicheren gesellschaftlichen Platz und ihre „Abnehmer“, seien es interessierte hausmusikalische Laien oder Orchester und Operntruppen. In der heutigen Musik spielen fixierte Gattungen und Besetzungen keine große Rolle mehr; umso stärker haben die Komponierenden das Bedürfnis, nicht ins Leere hinein zu schreiben, sondern sich mit ganz konkreten Adressaten zu verbünden. Das (von der Allianz-Kulturstiftung unterstützte) Komponistenseminar des Ensemble Modern schafft dafür optimale Voraussetzungen. Zu den jeweiligen Arbeitsphasen werden Tonsetzer unter 35 eingeladen; stets handelt es sich um „verbindliche“ Termine mit dem Ziel eines gemeinsam zur klingenden Erscheinung gebrachten Werkes. Die beiden unter dem schlichten Titel „They are“ zusammengefassten, randvollgefüllten CDs (insgesamt 157 Minuten Musik!) zeigen überwiegend neue Namen, aber nichts Anfängerhaftes. Jedes der 13 Stücke ist auf seine Weise hörenswert. Einiges wirkt eher burschikos bis anarchisch (der Isländer Steingrimur Rohloff, der Schweizer Stefan Keller, der Württemberger Johannes Kreidler, die Engländerin Anna Meredith), anderes sparsam-luzide (der Serbe Marko Nikodijevic, der Japaner Dai Fujikura). Der Deutsche Stefan Beyer nennt sein feines, dezidiert ausgehörtes Stück „In Terms of Eigentlichkeit. Eine Rodung“ (komponiert 2011). Da wäre denn doch, angesichts der naheliegenden Referenz des Adorno-Essaytitels „Jargon der Eigentlichkeit“, eine zur Werkkonzeption hinführende Booklet-Notiz angebracht gewesen. Derlei fehlt leider vollständig, während sich eine liebevolle Betrachtung von Hans-Jürgen Linke den Modalitäten der Komponistenseminare widmet und immerhin Komponistenbiographien im Telegrammstil beigegeben sind. Mit gut einer Viertelstunde gehört „Going Forth By“ der Japanerin Seyko Itoh zu den ausgedehntesten Stücken – eine sozusagen der instrumentalen Sprachfähigkeit der Ensemble-Holzbläser voll Empathie nachspürende Arbeit. Nicht durchweg hat man den Eindruck eines vor allem auf Instrumentalqualitäten abhebenden, gar demonstrativ virtuosen Komponierens. Ebenso fehlt das in diesem Zusammenhang wohl eher fragwürdige „Markenzeichen“ eines an bestimmten tonsetzerischen Richtlinien fixierbaren Ensemble-Modern-Komponierstils. Anders gesagt: Die Subjektivität und Individualität der Komponisten wird durch die Kooperation mit dem Ensemble nicht angetastet.

Die von der Internationalen Ensemble Modern Akademie (mit Förderung des Deutschlandfunks) verantwortete CD – das ernste Coverschwarz diesmal aufgelockert durch ein gelbes Signet – nennt sich „Euclidian Abyss“ nach dem Werktitel von Hugues Dufourt, der auf eine antigeometrisch-organische Texturgestaltung (angelehnt an eine Gouache von Barnett Newman) deutet. Listig als Antipodin figuriert Unsuk Chin mit ihrer „Fantaisie mécanique“, einem sehr „gebauten“, konstruktivistischen Werk. Steingrimur Rohloff zeigt sich in seinen „Colonies“ diesmal von der brillanten, überquellenden Seite, während Friedrich Cerha sich in seinem konzertartigen Quintett für Oboe und Streicher (mit der vorzüglichen Solistin Valentine Collet) den Spaß einer gleichsam wohlgepflegten philharmonischen Schönheit ohne alle ungewöhnlichen Klangeffekte gönnt. Einfach schön spielen auf hohem Niveau – auch das können die Künstler und Stipendiaten des Ensemble Modern. Man hat ihnen erneut für vielfältige, aus dem unermesslichen Reichtum der Jetztzeit schöpfende Eindrücke zu danken.

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erstellt am 24.1.2014

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Euclidian Abyss
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