Raul Zelik lebte bis 2013 in Medellín (Kolumbien) und lehrte an der Nationaluniversität Politische Theorie. In zahlreichen wissenschaftlichen Publikationen setzte er sich mit Mechanismen von Herrschaft, Gewalt und sozialem Wandel u.a. in Kolumbien und Venezuela auseinander. Parallel ist Raul Zelik mit literarischen Werken hervorgetreten. Zuletzt erschienen von ihm die Romane Der bewaffnete Freund (2007), Berliner Verhältnisse (2005, dbp-Longlist) und Der Eindringling (2013). Im Faust-Gespräch erläutert Zelik auf der Basis eigener Beobachtungen die aktuelle Situation in Lateinamerika.

faust-interview mit raul zelik

Verbrannte Erde in Lateinamerika

Andrea Pollmeier: Gegenwärtig schaut die mediale Welt vor allem auf die arabische Welt, wo zurzeit markante Veränderungsprozesse stattfinden. Auch arabische Literatur wird in dieser Lage stärker wahrgenommen. Autoren Lateinamerikas rücken in den Hintergrund. Welche Entwicklungen zeichnen sich politisch und kulturell zur Zeit in Mittelamerika ab?

Raul Zelik: Man könnte Mittelamerika als verbrannte Erde neoliberaler Globalisierung bezeichnen: Die Klimaveränderungen treffen die Region besonders hart, ein großer Teil der produktiven Bevölkerung ist ausgewandert, Gewalt- und/oder Drogenökonomie bestimmen das Stadtbild von Guatemala City, Tegucigalpa, San Pedro Sula, San Salvador oder Panamá City.

Meine Kenntnisse sind beschränkt, aber ich habe den Eindruck, dass das in der mittelamerikanischen Literatur kaum widergespiegelt wird. Wie in ganz Lateinamerika hat es nach dem Boom der gesellschaftlich und politisch positionierten Literatur der 1960er bis 1980er Jahre (um den diskreditierten Begriff der littérature engagée zu vermeiden) eine Abkehr von dieser Art der Intervention gegeben. Die Argumente dafür waren durchaus einleuchtend: Im politischen Kontext wurde Literatur häufig instrumentalisiert. Aber die Abkehr von der gesellschaftlichen Einmischung und von popularen Interessen – sprich den „Unterschichten“ – überzeugt eben auch nicht besonders. Konsensfähige, im schlechten Sinne unterhaltende Literatur ist ja auch politisch. Sie merkt es nur nicht.

Möglicherweise kenne ich mich zu wenig aus, aber ich habe den Eindruck, dass in der lateinamerikanischen Literatur Gesellschaftskritik heute deutlich weniger präsent ist als etwa im Film. Ich finde das bedauerlich. Meiner Ansicht nach hat gute Literatur auch immer etwas mit Gesellschaftskritik zu tun: sprachlich oder/und inhaltlich.

Deutschland ist wiedervereint, der Kalte Krieg zu Ende. Das weltpolitische Machtgefüge hat sich entscheidend verändert. Die mittelamerikanischen Staaten haben geopolitisch weniger Gewicht. Wie hat sich diese Verschiebung auf die kulturelle Entwicklung dieser Länder ausgewirkt? Wird Nordamerika (USA und Kanada) zum zentralen Leitbild? Gibt es dazu Alternativen? Gibt es eine Rückbesinnung auf eigene (z.B. indigene) kulturelle Wurzeln?

Es ist ganz bestimmt so, dass der Kalte Krieg Mittelamerika in den 1980er Jahren ins Zentrum der Welt rückte. In Nicaragua traf man damals Leute von überall her. Die politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Debatten wurden auf hohem Niveau geführt. Allerdings war der Preis für die Bevölkerung sehr hoch: Die Kriege der 1980er Jahre waren schrecklich, die US-Militärhilfe hat Hunderttausenden in der Region das Leben gekostet.

Im Vergleich zu den achtziger Jahren ist Zentralamerika heute wieder Peripherie, sprich auch Provinz. Eine Besinnung auf indigene Identitäten kann ich nicht feststellen. Aber möglicherweise weiß ich auch zu wenig darüber.

Sie haben über Jahrzehnte gesellschaftliche Transformationsprozesse in Diktaturen Lateinamerikas beobachtet. Auch nach radikalem politischem Wechsel ähnelt, so sagten Sie einmal in einem Interview über Venezuela, der neue auf erschreckende Weise dem alten Staat. Gibt es am Ende einer Diktatur strukturelle Mechanismen, die unvermeidlich scheinen?

Venezuela ist seit 1958 keine Militärdiktatur mehr. In diesem Sinne habe ich nie behauptet, Venezuela sei auf dem Weg zu undemokratischen Verhältnissen – wie das Ihre Frage nahelegt. Ich habe gesagt, dass der Staat in einer Rohstoffökonomie wie der venezolanischen immer zu Korruption, Klientelismus und zur Ausbildung von bürokratisch-privatkapitalistischen Eliten tendiert. Auch unter revolutionären Vorzeichen. Die Antwort auf den Neoliberalismus kann also nicht einfach „mehr Staat“ sein, sondern es müsste darum gehen, mehr populare, „plebejische“ Macht von unten zu schaffen. Gegen die Wirtschaftseliten, aber eben auch gegen die alten und neuen Eliten im Staat.

Der Niedergang von Diktaturen soll meist (und auf Initiative internationaler Institutionen) durch demokratische Wahlen zementiert werden. Sind solche von UN-Beobachtern begleiteten Wahlen aus Ihrer Sicht der richtige Schritt, um Transformationsprozesse zu stabilisieren? Welche Rolle hat Literatur in dieser gesellschaftlichen Phase?

Ich bin natürlich nicht gegen Wahlen, aber dass welche stattfinden, hat erst mal noch nichts mit Demokratie zu tun. Im El Salvador der 1980er Jahre wurde ordentlich gewählt und trotzdem terrorisierten Todesschwadronen der Armee die Bevölkerung. Oder Kolumbien: Das Land ist eine „Musterdemokratie“, hat eine weitaus längere demokratische Geschichte als Deutschland und zählt trotzdem mehr politische Morde als die chilenische Militärdiktatur unter General Pinochet.
Es geht also nicht in erster Linie um das formale Prozedere der Politik, sondern um die sozialen Verhältnisse dahinter. Staaten, in denen die Hälfte der Bauern Vertriebene sind und eine kleine Elite 70 %, 80 % des fruchtbaren Landes besitzt, können keine Demokratien sein. Die eigentliche Demokratisierungsfrage heißt heute Umverteilung – ich befürchte, das stimmt mittlerweile auch für viele Industriestaaten.

Welche Rolle hat Literatur darin? Ich weiß es nicht. Literatur sollte die Gesellschaft, in der sie geschrieben wird, zur Kenntnis nehmen, sprachlich und inhaltlich verarbeiten, aber eben auch nicht einfach abbilden oder bewerten. Um das voneinander abzugrenzen, könnte man vielleicht behaupten: Es geht nicht um „politische“, sondern um „radikale Literatur“. Aber das klingt auch schon wieder so nach Pamphlet. Ein konkretes, banales Beispiel: Vargas Llosas „La guerra del fin del mundo“ von 1981 war ein phantastisches Buch. Vielstimmig, perspektivenreich, gesellschaftlich und politisch hochreflektiert, ganz nah dran an der Realität und trotzdem auf Distanz zum Thema. Wie könnte so ein Buch heute aussehen? Ich weiß es nicht. Vielleicht werden wir es in 20 Jahren wissen. Manchmal ist man ja betriebsblind. Vielleicht werden solche Bücher im Moment in Lateinamerika aber auch einfach nicht geschrieben.

Welche gesellschaftspolitischen Aufgaben erfüllt zeitgenössische Literatur in den Ländern Mittelamerikas jetzt?

Ich befürchte, dass Literatur in den mittelamerikanischen Gesellschaften insgesamt keine große Rolle spielt, weil wenig gelesen wird. In Mexiko und Kuba, die man zur Region dazurechnen kann, ist das anders. Obwohl Film und Musik wahrscheinlich auch dort der Literatur den Rang als wichtigstem gesellschaftlichen Reflexionsort abgelaufen haben.

Welchen Einfluss haben Ihre Erfahrungen in Lateinamerika auf Ihr eigenes Schreiben?

Die Jahre außerhalb Deutschlands haben mich geformt. Ich lese mehr spanischsprachige als deutsche Medien; wenn ich über Gesellschaft rede, denke ich eher an Bogotá, Caracas oder Bilbao als an Stuttgart oder Hannover. Insofern hat Lateinamerika mein Schreiben geprägt; es hat mich entnationalisiert. Aber umgekehrt gibt es eben auch keine „lateinamerikanische Kultur“, der ich mich verbunden fühlen würde. Wenn mich etwas prägt, dann vielleicht die Differenzen: Ich bin das, was mich jeweils – in Lateinamerika, Deutschland oder Spanien – nicht gänzlich heimisch werden lässt. Ein gutes Gefühl.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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erstellt am 22.1.2014

Raul Zelik © Suhrkamp Verlag
Raul Zelik © Suhrkamp Verlag

Raul Zelik war zu Gast auf den Literaturtagen Mittelamerika, die am 24. und 25. Januar 2014 im Frankfurter Literaturhaus stattfanden.

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