Alain Badiou

Der viel diskutierte französische Philosoph Alain Badiou hat es gewagt, Platons ›Staat‹ neu zu schreiben, weil die Tatsache, dass sich in den letzten 2383 Jahren manches geändert hat, eine Aktualisierung des idealen Staates an die Gegenwart nahelegt. Bernd Leukert notiert, was ihm daran auffiel.

philosophie

Auf hoher See

Alain Badiou »Platons ›Staat‹«

Von Bernd Leukert

Er saß schon mit Jean-Paul Sartre in den Redaktionskonferenzen der Zeitschrift „Les Temps Modernes“, war Maoist und Schüler des Psychoanalytikers Jacques Lacan. Er lobte Stalin, und man hat ihm Antisemitismus vorgeworfen. Alain Badiou ist Philosoph, Mathematiker, Dramatiker, Romancier, Professor und Direktor des Institutes für Philosophie an der École normale supérieure in Paris. Er ist der streitbarste unter den angesagten Franzosen und enorm produktiv: Über 30 Bücher sind von ihm ins Deutsche übersetzt. Sein Buch über Paulus, den „Begründer des Universalismus“, verschaffte ihm auch bei uns einiges Ansehen. „Das Sein und das Ereignis“ (in der Tradition des „Sein und Zeit“ und „Das Sein und das Nichts“) mit seinem zweiten Teil, den „Logiken der Welten“ (beide bei diaphanes 2005 und 2010), fasste die Grundzüge seiner Philosophie zusammen. Sein Buch „Das Endliche und das Unendliche“ (Passagenverlag 2012) war als Begriffsklärung noch sehr pädagogisch angelegt, „Platons ›Staat‹“ ist nun, ähnlich wie Platons „Staat“ und damit die philosophische Figur des Sokrates, andragogisch verfasst. Alain Badiou will uns nicht nur bilden – wobei „Bildung“ nicht die Akkumulation von Wissen meint, sondern die Ausrichtung an ein ideales Menschenbild – sondern erziehen. Damit setzt er die Arbeit Platons fort, wenn auch mit einem abweichenden Ziel.

Badiou hat zu Platons ‚Politeia’ nicht, wie man erwarten könnte, etwa in der Absicht kritischer philosophischer Befragung oder ideologischer Analyse gegriffen (und zu diesem perfiden dialogischen Prozess, der aus Gründen der Gerechtigkeit einen totalitären Staat evoziert, wäre ja einiges zu sagen), sondern, um sie uns neu-erklärend zu erzählen. Dabei hat er – was die Kenner des antiken Textes irritieren mag – signifikante Änderungen vorgenommen. So verwandelte er den jungen Adeimantos in eine junge Frau: Amantha. Nun hatte Platon zwar erstaunlicherweise den Anspruch der Frau auf Erziehung und Bildung betont (und, nach Diogenes Laertius, hatte er auch zwei Schülerinnen); aber als Teilnehmerin im sokratischen Diskurs kam sie bisher nicht vor. Sie jetzt in die Gruppe der Gesprächsteilnehmer zu implantieren, ist sicher nicht zwingend erforderlich, erlaubt Badiou vielmehr, glaubhaft spontan wirkende, scharfsinnige und gar unakademische Interventionen unterzubringen. Er bekennt auch, nicht mit allen Sentenzen des Urtextes zurechtgekommen zu sein: „Die schwerwiegendste dieser Kapitulationen findet sich im Kapitel 8: Ein ganzer Passus wird ganz einfach durch eine Improvisation des Sokrates, die auf meine Rechnung geht, ersetzt.“

Sein Ziel war es auch gar nicht, wie er im Vorwort schreibt, den Text „zu restituieren, sondern ihn neu zu konfigurieren.“ Das heißt, er hat ihn, um ihn verständlich zu machen, modifiziert, also manche Passagen ausführlicher gestaltet und mit Beispielen ausgestattet, andere wiederum ganz übersprungen, also getilgt, was „uns nicht mehr interessiert“. Was aber, wenn uns das Getilgte erst so recht neugierig gemacht hätte? Der Ehrgeiz, den Text so direkt wie möglich, und deshalb ohne die Vermittlung eines antikisierenden Bildes zu präsentieren, erspart dem Leser eben auch die Transferleistung und den argumentativen Anschluss an die jüngste Bewegung der zeitgenössischen Philosophie, die hier das letzte Glied der sokratischen Beweiskette bildet. Denn, um „die Qualität der platonischen Thesen“ zu verstärken, macht Badiou einen „methodischen Gebrauch dieser scheinbaren Anachronismen“: Sokrates zitiert Freud, Marx, Mao; aus dem Höhlengleichnis wird ein Kinogleichnis, selbstverständlich kennt man im antiken Athen die Pariser Commune, den Ersten Weltkrieg und Stalin. Folgerichtig spricht Amantha, wenn es um Tyrannei geht, von Faschismus. So führt die Überschreibung der „Politeia“ zu Kategorien neuzeitlicher Gewichtung, in deren Kontext die Gespräche befremdlich kraftlos wirken. Für das Wort ‚Politeia’ selbst gebraucht Badiou, je nach seiner Interpretation, Land, Staat, Gesellschaft, Stadt, Politik.
Problematischer allerdings ist die Umdeutung der „Idee des Guten“ in den Begriff der „Wahrheit“. Platon hatte explizit das eine vom anderen geschieden: „Was ich am wenigsten sehe“, heißt es in der Deutung des Höhlengleichnisses, „das sehe ich so, dass zuletzt unter allem Erkennbaren und nur mit Mühe die Idee des Guten erblickt wird, wenn man sie aber erblickt hat, sie auch gleich dafür anerkannt wird, dass sie für alle die Ursache alles Richtigen und Schönen ist, im Sichtbaren das Licht und die Sonne, von der dieses abhängt, erzeugend, im Erkennbaren aber sie allein als Herrscherin Wahrheit und Vernunft hervorbringend, und dass also diese sehen muss, wer vernünftig handeln will, sei es nun in eigenen oder in öffentlichen Angelegenheiten.“ Da bringt also die Idee des Guten erst Wahrheit und Vernunft hervor. Nun war der Begriff der Wahrheit über die Jahrhunderte hinweg Gegenstand intensiver philosophischer Befragung, was zur Folge hatte, dass er als Instrument menschlicher Erkenntnis immer weniger tauglich befunden und deshalb relativ selten – und wenn, dann mit deutlichen Skrupeln – verwendet wurde. Alain Badiou hat die Wahrheit (vor allem in seinem Buch „Logiken der Welten“, diaphanes, Zürich-Berlin 2010) nicht nur im erkenntnistheoretischen Sinne neu etabliert – allerdings im Plural, den Descartes, aber auch Schelling verwendeten –, etwas anders definiert und im Individuum verortet, sondern auch im theologischen. Schon im Vorwort des vorliegenden Buches begründet er seine Beschäftigung mit Platon, dass auf diesen die Überzeugung zurückgehe, „dass, uns in der Welt zu regieren, einen gewissen Zugang zum Absoluten voraussetzt, … weil das Sinnliche, aus dem wir gewebt sind, jenseits der individuellen Körperlichkeit und der kollektiven Rhetorik an der Konstruktion der ewigen Wahrheiten teilhat.“ Nun meinen die „ewigen Wahrheiten“, deren Erfindung Schelling den Scotisten zuschreibt und die über die rätselhafte (Badiou) „Teilhabe“, die man als „Erleuchtung“ (eklampsis) deuten kann, die mystische Gottesschau, die, über die Transzendenz durch Gott, auch seine Werke miteinschließt, also auch unsere eigene Welt sub specie æternitatis. Andererseits ist Badious Übersetzung von „Gott“ als „der große Andere“ eine bewusste Trivialisierung einer auch in der Antike hochwichtigen, heiligen Glaubenssache. So etwas erinnert uns im deutschsprachigen Raum fatal an die Satire „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ von Heinrich Böll, in der das Wort Gott in einer Rundfunkansprache durch das distanzierte „jenes höhere Wesen, das wir verehren“ ersetzt werden musste. Zur Vergegenwärtigung des antiken Gesprächs gehört auch, Witz, Ironie, Übermut und Sarkasmus als solche zu benennen, beziehungsweise über die belustigten Reaktionen der Zuhörenden zu kennzeichnen, was eine ähnliche Wirkung hervorruft, wie das Konservengelächter nach Pointen in einer amerikanischen Seriencomedy. Wird dieser Umweg nicht gewählt, wirkt das aktualisierende historische Präsens altphilologisch betulich.
Alain Badiou ist ein bedeutender Philosoph, der sich angreifbar macht. Wer seine Bücher kauft, muss denn auch einiges in Kauf nehmen. Dass die Unabhängigkeit und Eigenständigkeit eines Philosophen gewöhnlich konfessionelle oder politische Parteilichkeiten ausschließen, ist ihm wohl nicht immer gleichermaßen wichtig. Die Frage, wieviel an platonischer Ambivalenz oder gar an unwillkommener Eindeutigkeit der Badiouschen Vergegenwärtigung zum Opfer gefallen ist, wäre einer genaueren Untersuchung wert. Offensichtlich ist, dass Platons „Staat“ mit der „fünften Politik“ gleichgesetzt wird, nämlich mit dem Kommunismus. Aber welcher Kommunismus? Was soll man davon halten, wenn im Wortgefecht Sokrates äußert: „ – Sei vorsichtig: ‚Wenn der Feind vorrückt, gehe ich zurück. Aber wenn er haltmacht, greife ich an. Und wenn er zurückweicht, setze ich nach und vernichte ihn.’ – Wer hat das gesagt? – Mao.“ Sollte das vielleicht ein Scherz sein? Aber nein! Badiou kann noch tiefere Schubladen öffnen: „ – Wie sagten die roten Garden während der Kulturrevolution in China, wobei sie offensichtlich an Mao dachten: ‚Um auf hoher See zu navigieren, braucht man einen Steuermann’“.

Wer all das wahrnimmt und großmütig wegstecken kann, dem eröffnet sich die Möglichkeit, eine allumfassende philosophische Vernetzung von Platon bis Lacan nachzuvollziehen. Sechs Jahre lang, schreibt Alain Badiou, habe er an diesem Buch gearbeitet. In dieser Zeit hat er sich assoziativ zu einer Ideengeschichte anregen lassen, die über viele Verästelungen und Klassenkämpfe unorthodox einem letztlich orthodoxen Ziel folgt. Am Ende des 12. Kapitels heißt es: „ – Jedenfalls glaube ich, schließt Sokrates, dass wir fürs Erste genug über die Erziehung gesagt haben, die zu unserer fünften Politik passt, und über den ihr entsprechenden menschlichen Typus. Wie wär’s mit einer kleinen Pause?
Alle sind einverstanden, und man geht einen heben.“

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erstellt am 21.1.2014

Alain Badiou
Platons ›Staat‹
Dialog in einem Prolog, sechzehn Kapiteln und einem Epilog
Aus dem Französischen von Heinz Jatho
Klappenbroschur, 400 Seiten
ISBN 978-3-03734-318-0
diaphanes, Zürich / Berlin 2013

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