Unbeachtete Quellen, die Richard Wagners Aufenthalt im Rhein-Main-Gebiet nachvollziehbar machen, hat jetzt Wagner-Kenner Michael von Soden erstmals erforscht und seine Ergebnisse veröffentlicht. Unter dem Titel „Empfänger unbekannt verzogen“ beschreibt er die Lebenspuren Wagners in einer Zeit, als dieser nach zehnjährigem Exil  gerade versucht, im Jahr 1862 auf deutschem Boden Fuß zu fassen. Die Komposition seiner „Meistersinger“ steckt noch in den Anfängen, von Biebrich aus  rezitiert, komponiert, musiziert und korrespondiert Wagner, empfängt Gäste und besucht Theateraufführungen in den umliegenden Städten. Auszüge aus Michael von Sodens Buch lesen Sie hier.

Lebensspuren

Richard Wagner im Rhein-Main-Gebiet

Von Michael von Soden

Heitere Sommertage

Die Arbeit an den „Meistersingern“ war noch nicht sonderlich weit gediehen. Gewiss, das Vorspiel „stand“ einigermaßen. Mit der Komposition hatte Wagner Ende März 1862 begonnen, die Orchesterskizze war am 20. April abgeschlossen, und seit 3. Juni arbeitete er an der Instrumentierung. Auch eine erste Konzeption des Vorspiels für den dritten Akt hatte er bereits zu Papier gebracht. Mehr aber noch nicht. Mittlerweile war es jedoch Juli geworden. Und nun kam Besuch. Hans von Bülow und seine junge Frau Cosima trafen in Biebrich ein, ebenso Ludwig und Malwine Schnorr von Carolsfeld, ein Sängerehepaar, dem Wagner kurz zuvor in Karlsruhe begegnet war und das ihn tief beeindruckt hatte, außerdem August Röckel, sein Revolutionsgefährte aus Dresdner Tagen, der gerade, nach dreizehnjähriger Haft im Zuchthaus zu Waldheim (Sachsen), entlassen worden war. Letzterer brachte seine Tochter Louisabeth mit, und auch Wendelin Weißheimer war ständig zugegen. Die Gäste wurden im „Europäischen Hof“ untergebracht.

Mit Malwine und Ludwig Schnorr von Carolsfeld, in denen Wagner seine Idealvorstellungen von dramatischen Sängerdarstellern verkörpert sah, studierte er vierzehn Tage lang die Titelpartien von „Tristan und Isolde“ ein. Bülow saß am Flügel. Jetzt kam auch noch Cäsar Willich, ein von Otto Wesendonk, dem Zürcher Gönner Wagners beauftragter Maler, der ein Porträt des Künstlers für dessen Frau Mathilde anfertigen sollte. Das konnte Wagner schwerlich ablehnen und saß einige Tage lang zwischendurch auch Modell.

Schließlich unternahm Wagner mit Bülows, den Schnorrs und Weißheimer noch einen mehrtägigen Ausflug durch die Rheingegend. Man war ausgelassen, tafelte und pokulierte, nahm in Bingen das Dampfschiff, machte Station in Remagen und Rolandseck, fuhr bis nach Königswinter und bestieg dort den Drachenfels.

Alchemie der Gefühle

Wagner und Cosima v. Bülow wussten zwar viel voneinander, hatten sich vor den Wochen in Biebrich aber nur wenige Male gesehen. Zuerst in Paris, im Herbst 1853, Cosima war gerade 16 Jahre alt. Am 18. August 1857 hatte Hans v. Bülow die Tochter seines Lehrers Franz Liszts, die seine Schülerin war, geheiratet. Die Hochzeitsreise ging in die Schweiz – zu Wagner, der die junge Frau seines Bewunderers Bülow als scheu empfand, fast reserviert. Wagner trug aus seinen Werken vor, Cosima weinte vor Ergriffenheit. Das Paar blieb drei Wochen. Mitte Juli 1858 verbrachten die Bülows erneut einige Wochen bei Wagner und seiner Frau in Zürich. Cosima erwies Wagner „krampfhafte Zärtlichkeiten“, die ihn irritierten, doch alles blieb „Schweigen und Geheimnis“. Jetzt in Biebrich, vier Jahre später, war Cosima „anders“, wie Wagner vermerkte. Nicht mehr verschlossen.

Am Freitag, 29. August 1862, wollten Hans von Bülow und seine Frau Cosima wieder zurück nach Berlin fahren, wo sie lebten, Schönebergerstraße 12. Tags zuvor begleiteten Wagner und Weißheimer das Ehepaar nach Frankfurt. Man wollte sich noch gemeinsam Goethes „Tasso“ ansehen, jenes Drama, von dem sein Dichter (brieflich an Caroline Herder am 20. 3. 1798) geschrieben hatte, es behandle die „Disproportion des Talents mit dem Leben“. Im Frankfurter Intelligenz-Blatt Nr. 203 war angekündigt worden, die Aufführung werde bei „festlich erleuchtetem Hause“ stattfinden, als Einleitung gebe es die symphonische Dichtung gleichen Namens von Franz Liszts. Das passte. Der Komponist war schließlich Cosimas Vater, Bülows Schwiegervater, Weißheimers Lehrer und Wagners Freund. Die vin Wagner umschwärmte Actrice Friederike Mayer spielte die Leonore von Este, Schwester des Herzogs von Ferrara. Und überhaupt. Goethes Künstlerdrama stand Wagner zeitlebens nahe. Zu dem Protagonisten hatte er allerdings eine eher abweisende Haltung. Er fand, dass diesem leider kein Humor zu Gebote stehe, im Gegensatz zu ihm.

Man reiste mittags an und speiste im Restaurationsbetrieb des „Zoologischen Gartens“ (heute Palmengarten) und amüsierte sich über ein eifersüchtiges Gezänk am Nachbartisch. Dort saßen Friederike Meyer und Franz Georg Carl v. Guaita, der Direktor des Frankfurter Theaters. Der Streit musste nichts mit Wagner zu tun haben. Guaita wusste von dem Interesse seiner Geliebten an dem verrufenen Musiker und schien sich nichts daraus zu machen. Denn sonst wäre sein joviales Angebot kaum zu erklären, Wagner solle doch bald seinen „Lohengrin“ in Frankfurt aufführen.

Der „Tasso“ begann um sechs Uhr abends. Wagner, Weißheimer und die Bülows nahmen in einer Parterreloge rechts von der Mitte Platz.

Als das Stück gegen halb zehn zu Ende war, ging Wagner mit Cosima v. Bülow voraus. Er mochte von dem Eindruck erfüllt gewesen sein, den Friederike erneut auf ihn gemacht hatte, mehr aber war er wohl mit Cosima v. Bülow beschäftigt. Denn es „nahm mich der Glaube an ihre Zugehörigkeit zu mir mit solcher Sicherheit ein, daß ich bei exzentrischer Erregung es damit selbst bis zu ausgelassenem Übermute trieb“, wie er später in „Mein Leben“ notierte. Und das meinte er so: „Als ich jetzt in Frankfurt Cosima über einen offenen Platz nach dem Gasthofe geleitete, fiel es mir ein, sie aufzufordern, sich in eine leer dastehende einräderige Handkarre zu setzen, damit ich sie so in das Hotel („Zum Schwan“, nur gut hundert Meter vom Theater entfernt – d. Verf.) fahren könne: augenblicklich war sie hierzu bereit, während ich, vor Erstaunen wiederum hierüber, den Mut zur Ausführung meines tollen Vorhabens verlor. Bülow hatte, uns nachkommend, den Vorgang angesehen; Cosima erklärte ihm sehr unbefangen, was er zu bedeuten gehabt hätte, und leider durfte ich nicht annehmen, daß seine Laune auf der Höhe der unsrigen stände, da er sich seiner Frau mit Bedenken darüber äußerte.“

Am nächsten Tag: Auf dem Bahnhof wurde herzzerreißend Abschied genommen. Dabei vergaß Cosima ihre Mantille. Wohl ein stummes Zeichen dafür, dass sie lieber geblieben wäre.

Wenig später, am 2. September, schrieb Bülow seinem Wiesbadener Freund, dem Komponisten Joachim Raff, von Berlin aus: „Die vortreffliche Aufführung des Goetheschen Tasso in Frankfurt wurde uns durch die schandbare Exekution der Lisztschen Sinfonie unter Herrn Ignaz Lachner stark verbittert. Das Publikum nahm dieselbe mit überraschend maßvollem Gezische auf; allerdings applaudierte kaum Einer.“ Und in den „Frankfurter Nachrichten“ Nr. 103 (Sonntag, 31. August 1862), S. 323, hieß es knapp und sarkastisch: „Zu Göthe’s Geburtstagsfeier kam eine höchst barocke, sogenannte ‚symphonische Dichtung’ von Franz Liszt zur Aufführung, die aber weder Melodie noch vernünftige Instrumentation enthielt und einfach – ausgelacht wurde. Hierauf folgte ‚Tasso’ von Göthe in guter Aufführung; zwar sprach, wie auch früher schon auf unserer Bühne, das herrliche Dichterwerk, das sich mehr zur Lektüre im Boudoir als für die Bühne eignet, nicht so recht an (…).“

Wagner dirigiert

Am 8. September 1862 kam Wagner erneut nach Frankfurt. Diesmal, um die Proben für die von Guaita angebotene Aufführung des „Lohengrin“ zu leiten. Das Werk war seit 1848 fertig, wurde 1852 von Liszt in Weimar uraufgeführt und zählte längst zu den beliebtesten Repertoirestücken. Wagner hatte sein Werk im Mai des Vorjahres zum ersten Mal gehört. Das war in Wien. Nun bot sich die Gelegenheit, es zum ersten Mal zu dirigieren. Wagner logierte wieder im „Schwan“. Das Hotel lag dort, wo heute die Buchhandlung Hugendubel ist, am Goetheplatz, zwischen Steinweg und Bibergasse.

Dem Theaterzettel war zu entnehmen, dass das Werk „neu einstudirt“ und der dritte Akt „in 2 Abtheilungen“ gegeben werde.

Zwei Tage später berichteten die Frankfurter Nachrichten (Nr. 109, S. 870) über dieses Ereignis: „Am 12. d. ward Richard Wagner’s „Lohengrin“ unter persönlicher Leitung des Componisten gegeben. Die schöne, poetische Oper, die seiner Zeit hier zuerst mit Herrn Auerbach, der bekanntlich ein vortrefflicher Repräsentant des ‚Lohengrin’ war und mit Frau Anschütz als ‚Elsa’ in Scene ging, blieb seitdem ein Lieblingsstück des Frankfurter Publikums. Die heutige im Ganzen sehr gute Darstellung hatte ein sehr zahlreiches Publikum versammelt, und der Componist, auf dessen Tactierpult ein Lorbeerkranz lag, wurde mit rauschendem Beifall empfangen und mehrfach stürmisch gerufen. Die Mitwirkenden, sowie unser wackeres Orchester, das heute lauter Feuer und Leben war, thaten Alles, um das Möglichste zu leisten und theilten die Ehren des Abends mit dem gefeierten Componisten.“

Es gab auch eine Wiederholung, und in den Frankfurter Nachrichten (Nr. 111, S. 887) stand: „Die Reprise des „Lohengrin“ unter Richard Wagner’s persönlicher Leitung fand kein so volles Haus als das erste Mal, auch war das Publikum bei der zu langen Vorstellung viel weniger warm, obgleich die Aufführung besser war als das erstemal. Begeisterung und Wärme lassen sich nicht zum zweitenmale commandieren, wie die Blumen- und Lorbeerkränze, die heute ebenfalls wieder auf dem Tactierpult lagen, obgleich sie schon etwas verwelkt schienen. So lange halten sich eben die Blumen des Herbstes nicht.“

Auszug aus „Empfänger unbekannt verzogen. Richard Wagner im Rhein-Main-Gebiet”
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erstellt am 21.11.2010

Tasso

Die gemeinsam mit Hans und Cosima v. Bülow besuchte Aufführung von Goethes „Tasso“ in Frankfurt hatte weitreichende Folgen.

Die Aquarelle von Carl Theodor Reiffenstein (1820 -1893) vermitteln einen authentischen Eindruck von Frankfurt, wie Wagner die Stadt erlebte.

Liebfrauenberg 1856
Liebfrauenberg 1856
Neue Kräme 1852
Neue Kräme 1852
Eschenheimer Turm 1859
Eschenheimer Turm 1859
Theater

Das Frankfurter Theater, ein Mehrspartenhaus, lag damals an der Biebergasse. Hier lernte Wagner die Schauspielerin Friederike Meyer kennen und besuchte wiederholt Aufführungen, an denen sie mitwirkte, darunter Goethes „Tasso“ (28. August 1862). In diesem Haus dirigierte er am 12. Februar 1862 zum ersten Mal seinen „Lohengrin“.

Hotel Schwan

Das „Hotel Schwan“ in Frankfurt: Hier logierte Wagner Anfang September 1862 während der Zeit, als er erstmals selber seinen „Lohengrin“ einstudierte und zwei Aufführungen leitete. Eine Gedenktafel erinnert daran, dass in diesem renommierten, 1944 zerstörten Haus der Deutsch-Französische Krieg formell beendet wurde. Auf dem Grundstück befinden sich heute die Geschäftsräume von Hugendubel.

Frankfurt
Auszug aus einem alten Stadtplan von Frankfurt