Alan Mills, © Giselle Marino
Alan Mills, © Giselle Marino

»Ich glaube, wir sind eine Einheit, dazu bestimmt, unsere Einzelteile wieder zusammenzufügen.«

Der guatemaltekische Autor Alan Mills (geboren 1979) bezeichnet sich selbst als Nomaden, der es liebt, den Entwicklungspfaden ihm fremder Kulturen nachzuspüren. Derzeit promoviert er in Potsdam, zuvor hat er in Frankreich, Spanien, Brasilien und Argentinien gelebt. Seine Gedichte und Erzählungen sprechen über Identitätssuche und Andersartigkeit, die Themen reichen von der Verwandlung in einen Ninja bis zur Geschichte Guatemalas in Form einer Tortilla. Im Faust-Interview mit Corinna Santa Cruz berichtet Alan Mills von seiner Leidenschaft für Axolotl, den kulturellen Bewegungen in Mittelamerika und seinen persönlichen und literarischen Grenzgängen.

Faust-Interview mit Alan Mills

»Ich bin in keinem Korsett gefangen«

Deinen Mikroroman Síncopes hast du auch deswegen geschrieben, um deinen Eltern zu erklären, warum du nicht nach Guatemala zurückkehren möchtest. Was war der Grund für diese Entscheidung?

Ich glaube, man versucht immer nur seinen eigenen Albträumen zu entkommen, auch wenn man dafür die Metapher eines Landes bemüht (genau das ist Síncopes). Außerdem stoße ich mich an der Mischung aus Unterdrückung, Überwachung und übertriebener Moralvorstellung, die im gesellschaftlichen Leben Guatemalas vorherrscht. Doch eigentlich kann man überall in der Welt auf etwas Ähnliches stoßen, wenn man nur danach sucht, oder?

Du lebst seit einiger Zeit in Deutschland und bist auch schon zuvor viel gereist: Nimmst du dein Land aus der Entfernung anders wahr?

Als Ausländer befindet man sich immer in einer gewissen Prüfungssituation. Das führt bei mir dazu, weniger zu urteilen und mehr zu verstehen, nicht nur mein eigenes Land, sondern auch die verschiedenen Lebenswirklichkeiten, die ich im Laufe der Zeit kennengelernt habe.

Das europäische und US-amerikanische Lesepublikum erwartet oft von Autoren aus Lateinamerika, dass sie „authentisch“ schreiben und von ihrer uns fremden Lebenswirklichkeit erzählen. Das Rad der Geschichte hat sich jedoch längst weitergedreht, Autoren aus Süd- oder Mittelamerika sind ähnlich kosmopolitisch wie die Kollegen aus Nordamerika.
Spürst du eine gewisse Erwartungshaltung an dein Schreiben, den Wunsch, dass du das abbilden sollst, was man von dir als guatemaltekischem Autor lesen möchte?

Ich denke gar nicht viel darüber nach, was man von mir erwarten könnte; das wäre nur lähmend. Es ist unvermeidlich, dass manche Themen oder Herangehensweisen exotisch auf einige Menschen wirken mögen, aber beim Schreiben sollte man sich nicht zu sehr mit den eigenen Obsessionen auseinandersetzen. Ich bin in keinem Korsett gefangen: Wenn ich eines Tages über mein (imaginiertes) Leben in Japan schreiben möchte, dann tue ich das auch.

Nachrichten aus den Ländern Mittelamerikas beschränken sich häufig auf die Themen Drogenhandel, Korruption und Gewalt. Welche Kulturbewegungen gibt es in Guatemala oder auch anderen Ländern Mittelamerikas? Wie wichtig sind Literatur, Theater, Musik?

Wir haben zwar einen Literaturnobelpreisträger und einige international sehr anerkannte bildende Künstler, dennoch wird die eigene Kunst von der Elite Guatemalas mit Geringschätzung betrachtet. Es sind die kleineren Gemeinschaften, die den kreativen Geist am Leben erhalten, gegen alle Widrigkeiten. In ganz Mittelamerika ist ein Aufbruch zu spüren, literarisch interessierte Menschen schließen sich zusammen, gründen kleine Verlage, organisieren Festivals, geben Zeitschriften heraus. Auch ich habe immer wieder an einigen dieser Unternehmungen teilgenommen, bin aber gerade nicht mehr aktiv dabei.

Mexiko und die Länder Mittelamerikas werden einem Kulturkreis zugerechnet. Nimmst du die Grenzen zwischen ihnen überhaupt noch als solche wahr? Wie inspirierend ist der Austausch zwischen diesen Ländern für dich und deine Literatur?

Vor allem in Mexiko habe ich den intensivsten literarischen Austausch erlebt, dort werde ich am meisten gelesen und beachtet. Außerdem begeistern mich die mexikanische Kultur und Literatur: von den Axolotl von Xochimilco über die Lyrik von Luis Felipe Fabre bis zur Autofiktion von Julian Herbert. Die Lyrik aus Nicaragua hat meinen Werdegang sehr beeinflusst ebenso wie der Salvadorianer Roque Dalton, dessen Humor ich bewundere. In letzter Zeit habe ich ein Auge auf die zeitgenössische Literatur der Karibik geworfen, mich begeistern die Gedichte von Mayra Santos Febres aus Puerto Rico. Ich glaube, wir sind eine Einheit, dazu bestimmt, unsere Einzelteile wieder zusammenzufügen.

Was bedeutet Grenzüberschreitung für dich – im tatsächlichen und im literarischen Sinne?

Hier in Deutschland fühle ich mich sehr wohl. Deswegen versuche ich mir vorzustellen, wie es für meinen Großvater gewesen sein muss, in Jamaica die Segel zu hissen und sich in Guatemala niederzulassen. Ich habe ihn nie kennengelernt, ich konnte ihn nicht fragen, warum er beschlossen hat auszuwandern, also setze ich mich nur mit einem virtuellen Vorfahren auseinander. Genauso ist es, wenn ich an meine Ahnen denke, die von der Iberischen Halbinsel nach Mittelamerika kamen; ich male mir ihre Geschichte aus, die niemand mir erzählt hat. Ich stelle mir auch gern vor, dass einer meiner Vorfahren vor tausenden von Jahren die Beringstraße durchquert hat. Wie jemand, der durch einen überdeutlichen Traum reist, überschreite ich die Grenzen zwischen der Lyrik, der Fiktion, dem Essay, der Autobiografie, Twitter. Ich werfe mich voller Leidenschaft in diese Art Experimente, selbst wenn ich manchmal von den Einwanderungsbehörden festgenommen werde …

Was bedeutet Schreiben für dich ganz persönlich?

Ich schreibe, um einige der Paralleluniversen sichtbar zu machen (auch wenn sie dem gegenwärtigen Universum ähneln mögen), die Hugh Everett in seiner Metatheorie vorhergesagt hat. Ich schreibe, um mit der Wirklichkeit zu verhandeln; ich mag das Gefühl, ihr eine Hintertür zu öffnen, ihr eine Herausforderung oder ein poetisches Innehalten vorzuschlagen. Ich schreibe, um den vergessenen Teil des Traums zu zeichnen.

Das Interview führte Corinna Santa Cruz , die auch aus dem Spanischen übersetzte.

Siehe auch:
Gespräch mit Raul Zelik

gedicht

Von Alan Mills

Der Indio ist nicht der, den Sie
im Reisemagazin sehen
Bündel schleppend
oder Essen an den Tisch bringend.
Es ist auch nicht der, den Sie durch das Fenster beobachten,
der Kunststückchen macht und um ein paar Münzen bettelt,
es ist nicht der, der eine völlig andere Sprache spricht
und der nächtlichen Kälte trotzt.
Nein, der Indio ist im Inneren
und manchmal bricht er aus Ihnen heraus, akzeptieren Sie es,
auch wenn Sie ihn unter Namen begraben,
auch wenn Sie ihn gut verdrängen
und den Schandfleck seiner Kindheit leugnen,
ist er da, akzeptieren Sie es.
Und wenn dieses abgestandene Wasser aufkommt
gefräßig, der brennende Schnaps,
werden Sie schon sehen, wie er aus Ihnen herausbricht,
der Indio drängt mit jahrhundertealter Kraft empor,
feurig glühend taucht er auf und bricht aus Ihnen heraus,
mit dem bewahrten
all dem, was schmerzend währt.
Nein, es ist kein anderer,
der Indio, das bin ich,
also, sprechen Sie mir nach.

Deutsch von Edina Sabanovic

El indio no es el que mira usted

El indio no es el que mira usted
en el catálogo de turismo,
cargando bultos
o llevándole comida a la mesa.
Tampoco el que ve desde la ventanilla
y pide monedas haciendo malabares,
ni el que habla una lengua muy otra
y resiste fríos nocturnos.
No, el indio está adentro,
y a veces se le sale, acéptelo,
aunque lo entierre en apellidos,
aunque lo socave bien
y niegue su manchita de infancia,
ahí está, acéptelo.
Y si aparece esa agua rancia,
voraz, el aguardiente que inflama,
ya verá que se le sale,
el indio empuja con su fuerza de siglos,
emerge ardoroso y se le sale,
con lo guardado,
con lo que dura doliendo.
No, no es otro,
el indio soy yo,
a ver, repita conmigo.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 18.1.2014

Alan Mills war zu Gast auf den Literaturtagen Mittelamerika, die am 24. und 25. Januar 2014 im Frankfurter Literaturhaus stattfanden.

El indio (Alan Mills, Guatemala)