Der Schauspieler Bruce Dern kann zwar auf eine fünfzig Jahre währende Laufbahn zurückblicken, erhielt aber bislang nur wenig Anerkennung für seine Arbeit. Mit seiner Leistung in Alexander Paynes »Nebraska« rückt Dern nun endlich ins Rampenlicht. Für Faust Kultur porträtiert Kai Mihm den 77-jährigen Schauspieler.

porträt

Lautlos in Hollywood

Der Schauspieler Bruce Dern

Von Kai Mihm

Auf einmal ist der Mann in aller Munde. Von New York bis San Diego überschlagen sich Amerikas Filmkritiker zur Zeit mit Lobeshymnen auf Bruce Dern. Der Anlass: seine Leistung in Alexander Paynes „Nebraska”, in dem er einen geistig leicht verwirrten Ex-Alkoholiker spielt, der mit seinem widerwilligen Sohn zu einer 1300 Kilometer langen Reise von Montana nach Nebraska aufbricht, um einen vermeintlichen Millionengewinn zu kassieren. Der Darstellerpreis, den Dern in Cannes für diese Rolle bekam, wirkt inzwischen fast bescheiden, angesichts der zahlreichen “Tributes” und Ehrenpreise, mit denen der 77-jährige seit Monaten auf Festivals unter anderem in Chicago, Los Angeles und Palm Springs gefeiert wird. Die Oscar-Nominierung gilt längst als gesichert.
         Der späte Triumph von Bruce Dern ist eine dieser Geschichten, wie man sie nicht nur im amerikanischen Filmgeschäft liebt: Ein alternder Charakterdarsteller bekommt unerwartet noch einmal das, was man gerne als „die Rolle seines Lebens” bezeichnet. Ähnliche Phänomene gab es in der Vergangenheit bei Peter O'Toole („Venus”), Ellen Burstyn („Requiem for a Dream”) oder Christopher Plummer („Beginners”). Bei Bruce Dern aber ist die Freude besonders groß, weil auf eine zwar 50 Jahre währende Laufbahn zurückblicken kann, bislang aber nur wenig Anerkennung für seine Arbeit erhielt. Seine Filmografie umfasst über 80 Kinofilme und weit über 100 Serienfolgen, er hat mit Regisseuren wie Hal Ashby, Claude Chabrol und Alfred Hitchcock gearbeitet. Trotzdem gehörte er die längste Zeit seiner Karriere zu jenen Schauspielern, die jedem Cinephilen ein Begriff sind, von denen man aber spontan kaum mehr als eine Handvoll Filme aufzählen kann.

Dabei begann seine Karriere äußerst vielversprechend. Nach einem abgebrochenen Studium an der renommierten University of Pennsylvania wurde Dern 1958 nach nur einem Vorsprechen ins legendäre New Yorker Actor's Studio aufgenommen. In Elia Kazan, Mitbegründer des Studios und längst eine Legende, fand er zwar einen prägenden Lehrer, doch dessen Förderung hielt sich in Grenzen: „Du wirst nie ein konventioneller 'leading man' sein, kein 'Star',” begründete Kazan seine Zurückhaltung – und vergab die Hauptrolle in „Splendor in the Grass” (1961) an Warren Beatty.
         Dern hingegen gingen nach Los Angeles, nahm jede kleine Fernsehrolle an, hatte zahllose Gastspiele in Krimi- und Westernserien. Zu dieser Zeit spielte er auch zwei seiner kürzesten, aber markantesten Kinorollen: In Hitchcocks „Marnie” war er der Seemann, dessen blutiger Tod das Trauma der jungen Marnie auslöst; in Robert Aldrichs „Wiegenlied für eine Leiche” spielte er den grausam ermordeten Bräutigam, dessen vermeintlicher Geist Bette Davis in den Wahnsinn treibt.
         Durch seine damalige Ehefrau Diane Ladd stieß Dern schließlich zur Clique um Peter Fonda, Jack Nicholson und Dennis Hopper, die in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren als eine Art Westküsten-Vorläufer von New Hollywood reihenweise Hippie- und Bikerfime drehten. Speziell aus heutiger Sicht passt Dern mit seinem wölfischen Grinsen, dem stechenden Blick und dem sturköpfigen Habitus bestens in diese filmische Gegenkulturbewegung. Meist fiel ihm die Rolle des unberechenbaren Außenseiters zu: In Roger Cormans „Die wilden Engel” wird er als Rocker mit dem bezeichnenden Spitznamen 'Loser' zum Opfer seines gedankenlosen Draufgängertums; in dem Kiffer-Kultfilm „The Trip” schickt er als drogenerfahrener Mephistopheles den liebeskranken Peter Fonda auf den LDS-Rausch seines Lebens; und in „The Cycle Savages” treibt er als psychotischer Anführer einer Rockerbande sein Unwesen. Die Getriebenheit als charakteristischste Eigenschaft zahlreicher Dern-Charaktere findet in Sidney Pollacks „Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss” (1969) einen frühen Höhepunkt: Als Marathontänzer in der Hoffnung auf einen Geldgewinn torkelt er mit seiner hochschwangeren Frau bis zum Umfallen über die Tanzfläche; in wenigen Szenen bringt er da den aussichtslosen Überlebenskampf ganzer Familien im Amerika der Depressionsära auf den Punkt. Trotzdem beschied ihm auch Pollack, kein 'leading man' zu sein – “Das trieb mir die Tränen in die Augen,” erinnerte Dern sich kürzlich in einem Interview.

„Wenn Du der fünfte Cowboy von rechts bist,” hatte Kazan einst zu ihm gesagt, „musst Du eben der verdammt nochmal unvergesslichste fünfte Cowboy von rechts sein, den die Leute je erlebt haben”. Vielleicht dachte er an diesen Ratschlag, als er in dem Western „Die Cowboys” (1972) die Rolle eines gedemütigten Pistoleros übernahm, der John Waynes Heldenfigur hinterrücks erschießt – nachhaltiger konnte man sich damals kaum ins Gedächtnis der Nation brennen. „Amerika wird dich dafür hassen,” prophezeite ihm der 'Duke'. „Ja, aber in Berkeley,” antwortete Dern mit Blick auf die damaligen Studentenrevolten, „werden sie mich lieben”. Tatsächlich nahm seine Karriere im gleichen Jahr eine entscheidenden Wende. In Bob Rafelsons „Der König von Marvin Gardens” erntete er als extrovertierter Betrüger, der seinen depressiven Bruder (Jack Nicholson) zu einem folgenschweren krummen Geschäft verführt, jede Menge Kritikerlob. Und in Douglas Trumbulls Öko-Sci-Fi-Klassiker „Lautlos im Weltraum” spielte er als Astronaut, der gemeinsam mit zwei Robotern in einem gewaltigen, intergalaktischen Gewächshaus die letzten Wälder der Menschheit hütet, seine erste Hauptrolle. Bis heute gehört diese Figur eines futuristischen Robinson Crusoe zu Derns schönsten Rollen: Ein kauziger Idealist, der sich von den Menschen abwendet und unermüdlich seinen Traum zu leben versucht.

Sehr persönlich mutet aus heutiger Perspektive seine Rolle des verbitterten Society-Mitglieds Tom Buchanan in „Der große Gatsby” (1973) an: Dern stammt selbst aus einer bestens situierten Chicagoer WASP-Familie; Eleanore Roosevelt war seine Patentante, Größen aus Politik und Wirtschaft gingen auf dem elterlichen Anwesen ein und aus. Glücklich war „Brucies” Kindheit allerdings nicht. Noch heute, mit beinahe 80 Jahren, spricht er in Interviews häufig von den traumatischen Prägungen seiner Jugend: „Beim Essen musste ich weiße Handschuhe tragen und wenn ich etwas sagen wollte, musste ich die Hand heben. Alle anderen sprachen, wann immer sie wollten,” erzählte er kürzlich der New York Times, „Das führt über die Jahre zu einer gewissen Schweigsamkeit.” Im Kontrast dazu ist Dern heute als begnadeter und unermüdlicher Anekdotenerzähler bekannt; seine 2007 erschienenen Memoiren tragen den vieldeutigen Titel „Things I've Said, But Probably Shouldn't Have”.
         Die Anerkennung seiner Eltern versuchte er als Marathonläufer zu erlangen – ohne Erfolg. Für seinen Abbruch des Jurastudiums und die Berufswahl als Schauspieler wurde er von seiner Mutter verstoßen. Mit Blick auf Derns oftmals verbissen kämpfende, vom Leben enttäuschte Figuren ist diese Familiengeschichte für Verfechter einer schauspielerischen Autorentheorie ein gefundenes Fressen.
         In eine solche Theorie passt auch der schelmenhaft-antiautoritäre Habitus seiner Hauptrollen nach „Gatsby”. In dem Western „Männer des Gesetzes” (1975) etwa führt er als anarchischer Bankräuber einen autoritären Sherrif (Kirk Douglas) an der Nase herum, in Michael Richies Satire „Lauter nette Mädchen” organisiert er als halbseidener Autohändler in einer kalifornischen Provinzmetropole einen Schönheitswettbewerb. Unvergesslich auch seine Rolle in Hitchcocks „Familiengrab”. Darin spielt er einen bauernschlauen, leicht linkischen Gauner, der zum Detektiv wider Willen wird. „Bei Dir weiß man nie, was Du als nächstes tun wirst,” erklärte ihm Hitchcock als Grund für seine Besetzung. Und wenn Dern in diesem Film schlaksig über einen Friedhof stolpert oder volltrunken versucht, sein Auto zu erreichen, zeigt er ein an Cary Grant erinnerndes Talent für Körperkomik.

Trotzdem blieb er letztlich der ewige Nebendarsteller, der nie die Chance auf den glamourösen Part und schon gar nicht das hübsche Mädchen bekam. In Walter Hills „The Driver” brilliert er zwar als besessener „Detective”, hat aber gegen den lässigen Frauenschwarm Ryan O'Neal in keiner Hinsicht eine Chance. Möglicherweise liegt in Derns Stärke bei der Verkörperung obsessiver Charaktere gerade auch sein Handicap: Nur selten machen seine Figuren wirklich eine Entwicklung durch oder zeigen charakterliche Bandbreite. Über seine allseits hoch gelobte Verkörperung eines traumatisierten Vietnamveteranen in Hal Ashbys „Coming Home” ('78) etwa schrieb Pauline Kael im „New Yorker”: “Derns Captain Hyde sieht schon geistig verwirrt aus, bevor er überhaupt nach Vietnam geht. Wenn der Krieg ihn wahnsinnig gemacht hat, wer soll den Unterschied erkennen?”
         Nach der Oscar-Nominierung für diese Nebenrolle war sein Aufstieg denn auch vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. 1981 wurde er für seine Rolle in „Tattoo” für den “Razzie Award” als schlechtester Darsteller nominiert – zu Unrecht, denn seine Verkörperung eines introvertierten Tätowierers, der sein weibliches Objekt der Begierde entführt und unter Narkose am ganzen Körper tätowiert, gehört zu Derns berührendsten Darstellungen. Auf eigentümliche Weise war er in dieser Mischung aus „Taxi Driver” und „Der Fänger” zum ersten Mal der „romantische Held”. Auf der Berlinale 1982 bekam er noch den Darstellerpreis für das Gesellschaftsdrama „Champions”, das heute keiner mehr kennt. Danach beschränkte sich Derns Leinwandpräsenz auf Nebenrollen als alternder Kauz und gescheiterter Gauner in Filmen wie Joe Dantes Satire „Meine teuflischen Nachbarn” und James Foleys Neo-Noir „After Dark, My Sweet”. Seine Cameo-Auftritte in „Mulholland Falls”, „Last Man Standing” und „The Haunting” zeigten ihn als verwittertes Fossil der Kinogeschichte, Francis Ford Coppolas trashig-nostalgischer Gruselfilm „Twixt” spielte immerhin mit Derns Anfängen als Roger-Corman-Schauspieler.
         In der Serie „Big Love” begeisterte er als hundsgemeiner Polygamist zwar das Fernsehpublikum, aber wirklich gerechnet hat mit Bruce Dern niemand mehr. Umso schöner also, dass ihm nach wechselhaften Jahrzehnten der Traum von der großen Anerkennung nun doch noch erfüllt wird. Und schön auch, dass die lange Reise des schweigsamen alten Mannes in „Nebraska” bis hin zur letzten, berührenden Szene auf so feine Weise Derns Karriereweg widerspiegelt. „Erst in Deinen Sechzigern werden die Leute realisieren, wie Besonders Du bist,” hatte Kazan einst gesagt. Nun hat es zwar noch ein paar Jahre mehr gedauert. Aber das Warten hat sich gelohnt.

Trailer zu „Nebraska” (In englischer Sprache)

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erstellt am 18.1.2014

Bruce Dern

Bruce Dern in „Nebraska” (2013)

Bruce Dern in „Der große Gatsby” („The Great Gatsby”) (1973)

Bruce Dern in „Lautlos im Weltraum” („Silent Running”) (1972)