das halbe wort

Dmitrij Gawrisch

2013 war das Wort des Jahres: „GroKo“, das Jahr davor wählte die Deutsche Gesellschaft für deutsche Sprache den Begriff „Rettungsroutine“, zuvor „Stresstest“ und „Wutbürger“. Dies alles sind keine schönen Wörter. Das letzte „schöne Wort des Jahres“ wurde 2004 gesucht: Habseligkeiten, Geborgenheit, lieben, Augenblick und Rhabarbermarmelade waren die fünf Auserwählten. Liest man die open mike-Einsendung des letztjährigen Gewinners Dmitrij Gawrisch „schaukelgestühl ganse en bräune“ findet man ganz sicher weitere schöne Wörter, die die meisten Menschen viel zu selten benutzen. Leider. Der Klang der Worte scheint ihm sehr wichtig zu sein, gerne erfindet er auch neue Wörter, die sich perfekt in die Melodie des Textes einfinden. Das ist jedoch nur ein Aspekt, der andere scheint die Pflicht zur Präzision zu sein – das, was uns heutzutage in unserer medial gesteuerten, schnellen Welt häufig fehlt. Wörter werden ausgespuckt, auf nicht mehr wiedererkennbare Weise abgekürzt, sie werden bedeutungslos, ein Trend, eine Floskel, die jeder benutzt. Aus dem DaF/ DaZ-Unterricht kenne ich, dass Lehrer/innen oft „alte Wörter“ in den Mittelpunkt des Unterrichts stellen. Es gibt aber auch den gegenteiligen Trend: Wörter aus Texten auszumerzen, die eine bestimmte Bildungsschicht nicht versteht. Als würde man dadurch ihre Benachteiligung aufheben. Ich sehe eine Dringlichkeit, sowohl die alten als auch die neuen, umgangssprachlichen Wörter nebeneinander im Unterricht zu behandeln. Und ich sehe eine Dringlichkeit, in unser aller Sprach-Leben mehr Glanz, mehr Schönheit einkehren zu lassen. Das nächste Wort des Jahres sollte so etwas wie „bass“, „angelegentlich“, „kujonieren“, „Habenichts“, „dünken“, „Salbader“ oder ähnliches sein. Und wir sollten die Texte von Gawrisch lesen, denn er hat diese Wörter noch nicht vergessen …

Jannis Plastargias

Textauszüge

Von Dmitrij Gawrisch

schaukelgestühl ganse en bräune

Seit Tagen, vielleicht Mondzyklen, sicher allerdings seit meiner Dringlichkeitsvisite im Gewölbe, steht dieses Etwas genau hier neben meiner Liege. Erst wollte mir keine rechte Nomenklatur für dieses Ding, diese Sache, dieses Objekt, diesen Gegenstand, diese Chose, dieses Teil, diese Substanz einfallen, aber schließlich wurde mir erleuchtet, und so will ich diese krumme Materie von bedeutender Sitzgelegenheit in folgenden Bekundungen, schlicht, Schaukelstuhl taufen. Ich habe mit der Substanz des Schaukelstuhls, wie ich mich eben zu sagen durchgerungen habe – ja, es ist besser, mir das Ding von jetzt an als Schaukelstuhl zu merken, vom Schaukelstuhl zum Schaukelstuhl eine Granitbrücke zu schlagen oder sparhalber wenigstens ein Seil zu spannen, auch wenn mein Großer Zeh das Ding eher trifft als der bloß handreichende Schaukelstuhl (Schaukelstuhl Schaukelstuhl Schaukelstuhl Schaukelstuhl Schaukelstuhl), aber diesen bereits überflüssig geborenen Fingerzeig entlassen wir besterwegs geradeaus in den Aschenbecher –, ich habe also mit der Substanz des Schaukelstuhls zwischen meinen Wandblumen überhaupt nicht gerechnet. Bis auf die weißbestrichene Holztür, die darüber klagt, dass ich sie schon seit ungezählten Jahreszeiten nicht gebuttert habe, sind in die Wandblumen keine Löcher gezwirbelt, die die Helle der Sterne, des Mondes oder der Glühkäfer ins Innere durchwinken würden. Meine Traumkammer ist diesgründlich jeder Helle nackt, was mich freudig rührt, denn eingekuschelt in Helligkeit fehlt mir jeglicher Ehrgeiz zu träumen. Nach der Dringlichkeitsvisite im Gewölbe also tripple ich in meine Traumkammer zurück, um auf meiner Träume noch ein paar Takte zu liegen, bevor ich mich vorschriftsmäßig zu meinen Übungen zu melden habe, als mein Großer Zeh schussplötzlich vor Schmerz losheult. Dabei bin ich noch immer fünf oder mehr Längen von meiner Träume entfernt. Ich begreife das Sein nicht mehr, liebkose den zerbreiten Zeh, humple wieder hinaus und belichte den Dochtstängel, um das dringliche Schmerzrätsel zu lösen. Und da, in der vom Dochtstängel gezimmerten Halbhelle, vor meiner noch erregten Träume, mitten auf meinem Traumpfad, genau zwischen der Essstütze und den mit Worthäufungen bestäubten Brettern, als eine Art von substantieller Visumspflicht, zeichnet es sich ab, das Ding, abgemacht, hier, als der Schaukelstuhl.
         Mit dem Dochtstängel zwischen den Fingern schwenke ich in den Umlauf des Schaukelstuhls ein und bestaune von allen Seiten seine Substanz. Seine Kurven und Kufen scheinen einem nächtlichen Baum zu entstammen, Mahagoni vielleicht oder Ebenholz, aber bestimmt bin ich mir nicht, der Schein ist ein trächtiges Ungeheuer, es kann alles gebären. Ein Schnitzler! Ein Schnitzler wäre gebrauchsnah, aber jugendlich und schneidig muss er sein, nicht so blind und dumpf vom Kohlestaub wie mein betagter Findrich, um Helle ins innere Sein des Schaukelstuhls zu fördern. Aber warum soll ich den Stuhl aufschnitzeln, nur um ein bisschen mehr nutznacktes Wissen ins Sein zu fördern? Ich würde doch auch vor Schmerz aufheulen, wenn irgendsoein Wissensdurst jetzt die Öffnung aufstieße, mit einem schneidigen Schnitzler oder sogar einem spitzen Stecher bewehrt, und Kerben in mein von jeglicher Wolle befreites Leder schneiden würde, bloß aus professorieller Neigung, mein Inneres zu bestaunen. Die Schleimlöcher würde ich dem Herrn Doktor plattfäusten, sollte er sich mit seinem Schnitzler an meinem Leder vergreifen, und würde es verstehen, wenn auch der Schaukelstuhl wehrhaft wird, wenn man sein Leder berührt, was mein zermuster Großer Zeh bereits schmerzheulend erfahren musste. Die Innenschau der Dinge ist ohnehin was für die Unausgereiften, in meiner beinah vollendeten Vergänglichkeit kann ich ihr bestens entsagen, meinen leeren Magen füllt sie sowieso nicht auf. Das können nur in Öl gebrutzelte Ausschnitte vom Schwein, bei Absenz des letzteren auch vom Handsaugrind, aber Ausschnitte jedweder Tierrasse sind Mangelware an meinem Zeitort. Vor vielen Herbsten gab es einen nachbarschaftlichen Tierklopfer, aber der hatte es an der Luftzufuhr, weil er zeit seines Wachens die Lippen von der Rauchfahne nicht lassen konnte, und so ist er in den Untergrund gegangen, der nachbarschaftliche Tierklopfer und beinahiger Freundesmensch, im Hospiz haben die Heiler ihn aufgemacht und sich bemüht, seinen verinnerlichten Wildwuchs zurückzuschneiden, aber er ist ihnen auf und davon geträumt, gleich da, im Aufschnitzsaal. Auch einen Mehlmischer gab es hier in der Nachbarstatt, aber ein Feuer hat seine Werkstatt aufgefüllt und seine Kleiste geschwärzt, woraufhin der Mehlmischer seine Koffer mit Wollen belud, die Mehlmischerin und die beiden Mehlmischerlein bei den Händen nahm und den Bus in die Direktion des Lärmlochs bestieg, ohne viele Worte. Andere befolgten sein Beispiel, die Nachbarstatt wüstete aus, so dass unter dem Sternenhimmel heute nur noch lauter Gewürz aufrecht und in Blüten steht. Aber mein Magen würde vor Schmerz aufheulen, wenn ich es, im Wasser gebraut oder in Öl gebrutzelt, mir in den Rachen stopfen würde.

Der gute Geist

Obwohl er, mit Ausnahme seiner Großmutter, versteht sich, wenig mit anderen Menschen verkehrte, kein Gespräch übers Wetter anfing, wenn die Ampel einfach nicht auf Grün umschalten wollte, und auch nicht ins gemeinschaftliche Wutschnauben einstimmte, wenn der Bus sich um mehr als zehn Minuten verspätete und dann auch noch überfüllt war, legte er großen Wert darauf, was andere von ihm dachten. Er war ein höflicher junger Mann, der an der Kasse im Supermarkt stets grüßte und Danke sagte, wenn er die Spaghetti und Büchsen mit Tomatensauce in der Einkaufstüte verstaute. Er sagte Bitte, wenn er einen zufälligen Passanten nach der Straße fragte, in der er einen Termin hatte. Wenn er wieder ging, wünschte er wahlweise einen guten oder schönen Tag, auch wenn es draußen regnete und die Frau, die ihn empfangen hatte, ein starkes Pochen hinter den Schläfen verspürte.
Er hatte sein Leben so arrangiert, dass niemand ihm etwas vorwerfen konnte. Er hatte weder einen Fernseher, noch hörte er am Morgen, bevor er im Wald spazieren ging, Radio. Eigentlich besaß er keines der neuzeitlichen Unterhaltungsgeräte, weder einen Computer noch ein Mobiltelefon. Seiner Großmutter, einer Grande Dame vom Schlage Anno dazumal, die in einem Pflegeheim in den Walliser Alpen unlängst hundert Kerzen auf ihrer Geburtstagstorte ausgeblasen hatte, schrieb er jede Woche einen langen Brief, am Sonntag rief er sie vom alten Apparat, der noch eine Wählscheibe hatte und im Flur neben der Wohnungstür auf einem niedrigen Tisch stand, an und erkundigte sich nach dem Menü, das im Pflegeheim an den Sonntagen besonders üppig ausfiel. Er besaß einzig einen Plattenspieler. Um acht Uhr abends drehte er die Musik jedoch leiser, um zehn Uhr stellte er sie ganz ab. Wenn er sich dann nicht bewegte und einige Atemzüge ausließ, war die Stille im sechzehnten Stockwerk, besonders im Sommer, wenn die Familien bis in die Nacht hinein auf der Wiese grillten, so vollkommen, dass er die Vibration des Glühdrahts in der Birne und das Knarzen der Wanzen hinter der blassgelben Tapete hörte. Nach Möglichkeit vermied er es, am Wochenende die Waschmaschine laufen zu lassen, auch wenn sie im betonierten Luftschutzkeller untergebracht war und niemanden stören würde.
         Jeden dritten Samstag im Monat besuchte er seine Großmutter in Crans Montana. Die alte Dame, die erst an ihrem jüngsten Geburtstag beschlossen hatte, dass die Zeit der Mädchenblüte nun vorbei sei und sie zu ihrem Alter stehen müsse, so dass sie aufhörte, sich die schütter gewordenen Haare pechschwarz zu färben, empfing den Enkel in ihrem Liegestuhl auf der Sonnenterrasse des Pflegeheims. Wie immer brachte er ihr Pralinen mit, die sie sich eine nach der anderen trotz erhöhten Zuckers in den Mund steckte, während er ihr aus Prousts Suche nach der verlorenen Zeit vorlas. Sie gedenke erst zu sterben, wenn er am Ende des siebenbändigen Zyklus angelangt sei, hat sie ihm einmal im Vertrauen zugezwinkert. Sie waren noch immer nicht fertig mit dem ersten Band. Nach dem Abendessen in einem teuren Restaurant, in dem für Großmutter und Enkel an jedem dritten Samstag im Monat ein Zweiertisch mit Blick auf die verschneiten Gipfel reserviert war, begleitete sie ihn zur Station der Seilbahn, nicht ohne einen großen Geldschein in seine Jackentasche zu stecken, bevor er wieder nach Hause fuhr.

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erstellt am 14.1.2014

Dmitrij Gawrisch
Dmitrij Gawrisch, Foto: Alessandro Della Bella

Dmitrij Gawrisch, 1982 in Kiew geboren, wuchs seit seinem zwölften Lebensjahr in der Schweiz auf und studierte zunächst Wirtschaftswissenschaften an der Universität Bern. Er schreibt Theaterstücke und Prosa, für die er zahlreiche Preise und Stipendien, darunter einen Werkbeitrag des Kantons Bern für die Arbeit an seinem ersten Roman „Der Kranich im Schnee“, erhielt. 2009 nahm er am Autorenförderprogramm „Dramenprozessor“ am Theater Winkelwiese in Zürich teil. Dort entstand sein Stück „Brachland“, das 2011 am Stückemarkt beim Berliner Theatertreffen in der Regie von Stephan Kimmig gezeigt wurde. Sein zweites Stück, „L.“, wurde am Burgtheater Wien und am Schauspielhaus Graz szenisch gelesen. Weitere Stücke waren unter anderem am Staatstheater Karlsruhe und am Theater Basel zu sehen. 2013 war er für den Retzhofer Dramapreis nominiert und gewann mit „Mal was Afrika“ den 2. Autorenwettbewerb der Theater St. Gallen und Konstanz. Ebenfalls 2013 wurde seine Erzählung „schaukelgestühl ganse en bräune“ beim 21. open mike in Berlin mit dem Preis für Prosa ausgezeichnet. Seit 2010 lebt Dmitrij Gawrisch in Berlin.