Der Philosoph und Schriftsteller Johann Georg Hamann (1730-1788) war ein Mann der extremen Gefühle. Er war so lange Hypochonder, bis er schließlich krank wurde. Doch hat der ‚helle Kopf’ (Goethe) mit seinem dunklen Werk enormen Einfluss ausgeübt. Seine „Aesthetica in nuce“, die er „eine Rhapsodie in Kabbalistischer Prose“ nannte, hat Sarah Schuster wiedergelesen.

Johann Georg Hamanns »Aesthetica in nuce«

Der philologische Kreuzzug eines sonderbaren Denkers

Von Sarah Schuster

„Worin besteht der Reiz und worin liegt der Sinn, schwierige literarische Texte verstehen zu wollen?“ – so lautet die Preisfrage im Rahmen der Magus-Tage, die im Oktober 2013 in Münster stattfanden. Wer sich mit den Schriften des als „Magus im Norden“ bekannten Philosophen und Schriftstellers Johann Georg Hamann (1730-1788) beschäftigt hat, wird seine Antwort auf diese Frage vielleicht gefunden haben, sie aber auch immer wieder aufs Neue finden müssen, denn Hamann lesen ist kein Einfaches. Die Hamann-Lektüre ist ein vielschichtiges Spiel, auf das man sich erst einlassen muss, und zwar sowohl intellektuell als auch emotional, also menschlich. Es fordert Aufmerksamkeit fürs Detail, Einbildungskraft und Leidenschaft für einen Text, den man noch nicht – und wahrscheinlich niemals – ganz versteht.

Was Hamann damit seinen Lesern abverlangt, ist dabei nicht mehr (aber auch nicht weniger) als eben diese Liebe zur Literatur, die den Schreibenden zum Schreiben bewegt, und zwar als eine Liebe, die den Lesenden am Lesen hält; eine Liebe, die Autor und Leser erst zusammenführen kann. Dass diese Zusammenführung im Dialog mit Hamanns Texten trotz aller Schwierigkeiten nicht nur möglich, sondern heute noch fruchtbar ist, beweist Sven-Aage Jørgensens Aufsatzsammlung „Querdenker der Aufklärung. Studien zu Johann Georg Hamann“, die Februar 2013 im Wallstein-Verlag erschienen ist und eine Auswahl von Aufsätzen des dänischen Germanisten seit den frühen sechziger Jahren erstmals in einem Band vereint. Sven-Aage Jørgensen (geb. 1929), einer der anerkanntesten Hamann-Forscher, zeigt den unorthodoxen Lutheraner in seinen einsichtigen Beiträgen als aufgeklärten Metakritiker der Aufklärung; die Dunkelheit seines Stils als feinsinnige und kriegerische Strategie. Goethe nannte Hamann nicht ohne Grund einen der hellsten Köpfe seiner Zeit. Hamanns Schriften sind komplizierte Vernetzungen rhetorischer Kunstfertigkeit mit einem Höchstmaß an intertextuellen Bezügen, die Wissen fordern und fördern. An dieser Stelle sei auch auf die von Jørgensen herausgegebene und mit einem Kommentar versehene Ausgabe „Johann Georg Hamann. Sokratische Denkwürdigkeiten. Aesthetica in nuce.“ hingewiesen, erstmals 1968 im Reclam-Verlag erschienen. Jørgensens außerordentliche Leistung, Hamann für die heutige Leserschaft zugänglich zu machen, wird bereits beim ersten Aufschlagen des gelben Bändchens sichtbar, denn bezeichnenderweise ist jeder einzelnen Seite des Originaltextes eine eigene Seite sorgfältig zusammengetragenen Kommentars gegenübergestellt. Es wäre auch für Hamanns übrige Schriften ein großer Gewinn, sie in dieser Art und Weise kommentiert zu sehen.

Der Kern, der dem Denken Johann Georg Hamanns zugrunde liegt und in Hamanns Schriften seine Fruchtbarkeit offenbart, ist die Liebe, und zwar die Liebe zu Gottes Schöpfung. Diese Liebe ist sowohl eine Liebe zum Wort Gottes als auch eine Liebe zu Gott als Wort, denn das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort (Joh. 1,1). Sie ist als philia zum logos oder in Friedrich Schlegels Worten als logischer Affekt (Athenäums-Fragment 404) Philologie in ihrer ursprünglichsten Bedeutung. Hans-Martin Lumpp weist in seiner Studie „Philologia crucis. Zu Johann Georg Hamanns Auffassung von der Dichtkunst; mit einem Kommentar zur “Aesthetica in nuce” (1762)” auf eine Briefäußerung Hamanns vom März 1761 hin, in der es heißt, der größte Liebesdienst, den man seinem Nächsten tun könne, sei ihn zu warnen, zu bestrafen, zu erinnern, sein Schutzengel und Hüter zu sein. Dies sei ein Kreuzzug, den nicht jeder Ritter aushalte.

Johann Georg Hamanns Essay Aesthetica in nuce ist ein solcher Kreuzzug, durch den diejenigen Worte der von Gott gegebenen heiligen Sprache für den Glauben an Christus wiedergewonnen werden sollen, die dem Rationalismus in Verlust geraten sind. Aus Liebe zieht Hamann nicht nur gegen seinen Nächsten, sondern auch gegen sich selbst in den Kampf. Die Waffe des Philologen ist dabei Gottes Wort zur Verkündung der Lebendigkeit Gottes im Wort, d.h. das Wort über das Wort, die Sprache über die Sprache. (Hebräer 12-14: „Denn lebendig ist das Wort Gottes, kraftvoll und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; […] vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.“). An Friedrich Heinrich Jacobi formuliert Hamann, dass er, was in Jacobis Sprache das „Sein“ ist, lieber das „Wort“ nennen möchte.

Alles, was ist, ist Wort. Gott ist der Autor des Buches der Natur, des Buches der Geschichte, zu deren Deutung die Heilige Schrift Aufschluss gibt. In Hamanns Aesthetica in nuce heißt es dazu: „Die Meynungen der Weltweisen sind Lesarten der Natur und die Satzungen der Gottesgelehrten, Lesarten der Schrift. Der Autor ist der beste Ausleger seiner Worte […]. Das Buch der Schöpfung enthält Exempel allgemeiner Begriffe, die GOTT der Kreatur durch die Kreatur; die Bücher des Bundes enthalten Exempel geheimer Artickel, die GOTT durch Menschen dem Menschen hat offenbaren wollen.“ Im Kampf um die Sprache geht es um Leben und Tod von Allem, was ist. Der philologische Kreuzritter Hamann verpflichtet sich durch eine offensive Schreibart nicht nur der Wiedergewinnung christlichen Raums, sondern im gleichen Zuge auch dem Schutz und der Verhüllung der göttlichen Wahrheit, die durch den Glauben an die Gottgegebenheit der Sprache in der Rede des Menschen offenbar wird. Hamanns Stil zeichnet sich ebenso durch Verdichtung und Vermehrung aus als auch durch Verhüllung, Geheimniswahrung und den Widerstand, offen zu sprechen. An seinen Herausgeber schreibt Hamann bei Erscheinen von Golgatha und Scheblimini, es sei ungeachtet seiner Vorsicht von hässlichen Druckfehlern verdunkelt. Dadurch ließen sich manche Stellen gar nicht mehr erraten, was ein doppelter Nachteil für einen berüchtigten Bruder der virorum obscurorum sei. Wenn er gewusst hätte, dass der Drucker seine Beflissenheit, sich dem großen Haufen unverständlich zu machen, so leicht übertreffen würde, schreibt Hamann weiter, hätte er sich manche Sorge, sich zu verstecken, weniger gehabt.

Das Motto der Sammlung Die Kreuzzüge des Philologen, in der Hamanns Aesthetica in nuce enthalten ist, lautet: „erunt etiam altera bella“, es wird noch andere Kriege geben. Es ist einerseits als eine Kampfansage des Philologen gegen seine Gegner zu lesen und andererseits als die Einsicht, dass es solange Kriege geben wird, wie gesprochen wird, denn Sprache ist Krieg, Sprechen ist fundamental gewaltsam und der Mensch ein Mörder. Dieses Problem geht Hamann innerhalb der Kreuzzüge von verschiedenen Seiten an, um seine Gegenredner immer wieder aufs Neue zu attackieren und ihnen derart die Möglichkeit der Einsicht auf unterschiedliche Weise zu eröffnen. Seine Rede gibt Johann Georg Hamann dabei als eine vom Kriegsgott Mars inspirierte Rede zu erkennen, mit der er gleichsam auf Quirin (quiris: Speer), Romulus und Kain verweist; Exempel also, die den Menschen überhaupt als Krieger und Brudermörder offenbaren.

Der Schlachtruf des philologischen Kreuzzugs Aesthetica in nuce, der als letzter Satz der abschließenden Apostille den Boden bildet, auf dem das ganze Gewicht des Essays lastet, ist trotz aller Verhüllungen durch Hamanns Schreibstil nicht zu überhören: „Fürchtet Gott und gebt Ihm die Ehre, denn die Zeit Seines Gerichts ist kommen, und betet an Den, der gemacht hat Himmel und Erden und Meer und die Wasserbrunnen!“ (Prediger 12,13: „Laßt uns die Hauptsumme aller Lehre hören: Fürchte Gott und halte seine Gebote; denn das gehört allen Menschen zu.“). Gott ist das Maß des Rechts. Er ist sowohl der Grund des Rechts als auch sein oberster Richter. Nur von Gott kann das fundamentale Verbrechen der Menschheit, der Mord an Gottessohn und Menschenbruder Jesus Christus, begnadigt werden. Wenn Hamann eindringlich für die „Hauptsumme seiner neuesten Ästhetick, welche die älteste ist“ – da sie so alt ist wie die Menschheit selbst – argumentiert, untermauert er diese mit Belegen aus der Bibel. Durch die teils versteckte und teils ausdrückliche Einbeziehung von Bibeltextstellen rückt Hamann seine Rede zudem jeweils in einen bestimmten Kontext: Das Buch der Prediger offenbart Hamanns Rede als eine Predigt, die dieser durch sein starkes Stottern nur in Schriftform halten konnte. Das Buch der Offenbarung offenbart seine Rede als eine Offenbarung der Herrlichkeit und Lebendigkeit Gottes durch die Rede selbst.

Im Besonderen zu betrachten ist dabei Hamanns Umgang mit dem Buch der Richter. Auf dem Titelblatt der Aesthetica in nuce finden wir ein auf hebräisch wiedergegebenes Teilzitat mit der hilfreichen Angabe: Buch der Richter V, 30. Die erste Fußnote im Essay verweist auf Buch der Richter V, 10. Wenige Seiten später folgt eine lange Paraphrase aus diesem Kapitel (Vgl. hierzu Carol Jacobs Studie „Hamann Is a Nomadic Writer“). Hamann schickt uns in Richtung des Hauptgegners seiner Ästhetik, nämlich Johann David Michaelis, den er schließlich mit Sisera aus dem Deborah-Lied (Richter V, 28) vergleicht, während er sich selbst als Siseras Mutter bezeichnet, die auf die Heimkunft ihres Sohnes wartet. Das Vernichtende an diesem Vergleich offenbart sich in der Lektüre des biblischen Textes: Während die Mutter wartet, ist Sisera bereits tot. Ihm wurde mit Nagel und Schmiedehammer der Schädel zertrümmert (Richter V, 26-28). Ihm wurde nicht nur vom grausamen Weib Jael der Schädel durchbohrt, wie Hamann in seinen Londoner Schriften betont, sondern sein Haupt wurde auf ihrem Grund und Boden festgeschlagen. Grausam ist die Mörderin für Hamann deshalb, weil sie Sisera mit besonderer Gastfreundschaft gelockt hat.

In der Apostille erreicht der Bezug zum Buch der Richter schließlich den Höhepunkt. Dort heißt es: „Er [der Rhapsode, Hamann] hat Satz und Satz zusammengerechnet, wie man die Pfeile auf einem Schlachtfelde zählt; und seine Figuren abgezirkelt, wie man die Nägel zu einem Gezelt abmisst. Anstatt Nägel und Pfeile hat er mit den Kleinmeistern und Schulfüchsen seiner Zeit ******** und – – – – – – – – – Obelisken und Asterisken [Fußnote Hamanns: „Asteriscus illuscere facit; obeliscus iugulat et confodit“] geschrieben.“ Hier tauchen die führenden Gelehrten und zeitgenössischen Kritiker als Kleinmeister und Schulfüchse auf, unter ihnen Michaelis, Mendelssohn und Lessing, mit denen Hamann im schriftlichen Dialog Fußnoten und Gedankenstriche ausgetauscht hat. Die Wirksamkeit der Graphik des Textes wird deutlich: Hamann gebraucht für seine Argumentation die Zeichen Stern [*] und Strich – Symbole für Randbemerkungen und Gedankenpausen. Im nächsten Augenblick setzt Hamann aber besagte Symbole schon in Analogie zu Asterisken und Obelisken und vermehrt derart im Paratext ihre Bedeutung. Sven-Aage Jørgensen übersetzt Hamanns Fußnote mit: „Sternchen macht leuchten, Spieß ersticht und niedersticht.“ Hamanns Fußnoten sind Fußnoten in dem Sinne, dass sie tatsächlich Sternchen sind, durch die der Sinn des Textes erst erleuchtet werden kann; Hamanns Gedanken und Gedankenstriche sind Spieße oder Nägel, um die Theorien seiner Kritiker zu parodieren und niederzustechen. Johann Georg Hamanns Philologie zeigt sich uns als eine Philologie der Stigmatisation. Die Rede des Kreuz-Philologen ist ein Nagel – ein Stich, ein stigma – in den Häuptern seiner Kritiker.

Der Christ Hamann ist philologischer Kreuzritter, weil er an das Kreuz und Christus glaubt. Er lässt sich aber weniger als ein christlicher als vielmehr als ein sonderbarer Denker beschreiben, denn Hamanns Sprachphilosophie ist eine klare Absage an die Erfahrung von jeglichen Bündnissen, also auch des Kollektivs der Aufklärer oder einer christlichen Gemeinschaft. Hamann geht es um das Problem, Mensch zu sein, und darum, dasjenige zur Sprache zur bringen, was nicht durch Freundschaften gesichert werden kann, nämlich die Erfahrung der Vereinzelung, der Glaube des Einzelnen und die Selbst-Erkenntnis: credo ergo sum – ich glaube, also bin ich. Diese Erkenntnis ist Glaubensbekenntnis, das zu einer fundamentalen Erschütterung führt, aber schließlich auch zur Gnade Gottes. Hamanns Philologie der Stigmatisation zeigt sich als eine Philologie der Antwort. Zum einen ist sie Antwort auf die Anrede Gottes, durch die der Philologe die Liebe Gottes zum Menschen erfährt, aufgrund derer der Kern eines jeden Denkens erst gedeihen kann. Zum anderen ist sie Philologie der Antwort auf die Schriften seiner Zeitgenossen und Kritiker, die Hamann provokativ als Schulfüchse und Kleinmeister bezeichnet und an zahlreichen anderen Stellen scharf attackiert. Hamanns aggressiver Stil lässt aber keineswegs auf eine durch Hass motivierte Rede schließen, sondern ist im Gegenteil Zeichen seiner Liebe zu Gott, zur göttlichen Sprache und zum von Gott geschaffenen Menschen, also auch Zeichen der Liebe zu seinen Gesprächspartnern und Kritikern, deren Freundschaft er sehr wertschätzte.

Wenn Hamann im Titel des Essays Aesthetica in nuce, der den Kern der Sammlung Die Kreuzzüge des Philologen bildet, von der Wendung „in nuce“ Gebrauch macht, tut man gut daran, diese nicht voreilig als Ankündigung einer einfachen Zusammenfassung zu lesen, sondern sie als „in einer Nuss“ wörtlich zu nehmen. Denn Hamann zeigt bereits im Titel seines Essays an, dass dasjenige, was er im Folgenden zu sagen hat, als unsichtbarer Kern hinter einer sichtbaren Nussschale verborgen liegt. Um zum Kern der Schriften Hamanns vorzudringen, muss man bereit sein, harte Nüsse zu knacken, was heißt: schwere Rätsel zu lösen. Den hierfür notwendigen Schlüssel gibt Hamann an, nämlich die Bibel. Was wir unter dem Titel Aesthetica in nuce zu lesen bekommen, ist keine Zusammenfassung dessen, was Baumgarten einerseits als Theorie der Schönen Künste und anderseits als Wissenschaft der sinnlichen Erkenntnis unterscheidet, sondern das Zeigen Hamanns auf den verborgenen Kern, der jeder Theorie der Wahrnehmung zugrunde liegt und Grund der Wahrnehmung des Menschen überhaupt ist: Gott und Gottes Gnade aus Liebe zu seiner Schöpfung. Anstatt sich in die christliche Trauergemeinde, die gemeinsam den Tod Gottes am Kreuz betrauert, einzugliedern, kämpft Hamann in seinem philologischen Kreuzzug für die Verlebendigung Gottes in der Sprache und offenbart im gleichen Zuge die Lebendigkeit Gottes durch sein Sprechen. Was sich in der Verborgenheit Hamanns ästhetischer Nuss als Kern offenbart, ist die Bereitschaft, den unermesslichen Liebesdienst für seinen Nächsten zu leisten, nämlich gegen diesen in den Krieg zu ziehen. Im Gegensatz zum grausamen Weib Jael, die um der Grausamkeit willen freundlich ist, spricht Johann Georg Hamann um der Freundschaft willen eine mörderische Sprache.

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erstellt am 13.1.2014

Johann Georg Hamann (1730-1788)
Johann Georg Hamann (1730-1788)

Johann Georg Hamann
Sokratische Denkwürdigkeiten. Aesthetica in nuce
Hrsg.: Sven-Aage Jorgensen
Broschiert, 192 Seiten
ISBN: 978-3-15-000926-0
Philipp Reclam jun. Verlag, Ditzingen 1986

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