Die neu erschienene DVD-Box „Mörderische Gewalt“ besteht größtenteils aus Interviews mit Fachleuten und Autoren, aber auch aus kurzen und kürzesten Geschichten und Opernszenen. Wie alles, woran Alexander Kluge beteiligt ist, erweist sich diese DVD-Box als überaus spannend, findet Thomas Rothschild.

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Verständnis für den Mörder

Von Thomas Rothschild

2011 ist das DVD-Paket „Mensch 2.0“ erschienen, eine Koproduktion von Alexander Kluges dctp.tv und von Basil Gelpkes NZZ Format. Nach dem selben Modell gibt es jetzt eine Box mit 2 DVDs zum Thema Mord, wobei die Beiträge sich in engerer Folge abwechseln. „Mörderische Gewalt“ besteht größtenteils aus Interviews mit Fachleuten und Autoren, aber auch aus kurzen und kürzesten Geschichten, darunter zwei Spielszenen, anekdotischer, aperçuhafter, reportageähnlicher Art, aus Opernszenen, die Kluge ebenso wie die antiken Mythen als Bezugspunkte liebt, und wie alles, woran Kluge beteiligt ist, erweist es sich über mehr als sechs Stunden hinweg als überaus spannend. In der Summe ergibt sich ein Panoptikum skurriler, erschreckender, bedenkenswerter Aspekte, die die Fragen verbinden: Was macht einen Menschen zum Mörder? Wie steht es um die Opfer? Und wie arbeiten jene, die es mit Mördern und mit deren Opfern zu tun haben?

Dabei kommt heraus, dass der Mörder meist nicht ein exotisches Wesen ist. Man erkennt in ihm Vertrautes, das lediglich um eine Schraubenwindung vom „Normalen“ abweicht. Wie anders ließe es sich erklären, dass der Mord, im Kriminalroman ebenso wie in der Boulevardpresse, auf so verbreitetes Interesse stößt? Jeder Mord, heißt es in einem Beitrag, hat eine Vorgeschichte, die oft nach Jahren zur Tat des bis dahin unbescholtenen Täters führen kann.

Dass die überwiegende Mehrzahl der Täter – die Rede ist von 85 Prozent – Männer sind, ist bekannt. Weniger bekannt ist, dass der Impuls- oder Affekttat oft jahre- und jahrzehntelange Demütigungen durch das Opfer vorausgingen, weil der Mann nach Ansicht seiner Frau ein Versager, zum Beispiel im Beruf, war. Die erhöhte Gewaltbereitschaft von Männern ist nur eine Folge der patriarchalischen Gesellschaft. Der ehrgeizige Wunsch, sich durch deren Karriere, Prestige und nicht zuletzt deren Einkünfte parasitär zu realisieren, ist eine andere. Nicht nur Othello, Woyzeck und Medea gehören zum Thema, sondern auch Lady Macbeth. Die erwähnten Zusammenhänge entschuldigen keinen Mord, aber sie machen ihn verständlicher – und vor Gericht können sie tatsächlich schuldmindernd in Rechnung gestellt werden und sich auf die Strafzumessung auswirken.

So also kann Fernsehen sein. Es gedeiht nur noch in Nischen. Und beschämt, was tagaus tagein über den Bildschirm läuft. Beschämt auch die Zuschauer, die sich das Übliche im doppelten Wortsinn gefallen lassen.

Alexander Kluge neigt auch beim Thema Mord dazu, metaphorisch zu sprechen. Jede Dokumentation gerät bei ihm zu Literatur. Auch diesmal zwingt Alexander Kluge seine Gegenüber, insbesondere Ferdinand von Schirach, dessen Geschichten er offenkundig kennt, durch Zwischenfragen und Bemerkungen, ihre Aussagen zu präzisieren, zu paraphrasieren, auch mal von einem Gedankengang abzuweichen, während bei Gelpke die Fragen aus den Interviews weitgehend entfernt wurden. Der Unterschied zwischen Gelpkes und Kluges Methode wird deutlich im Vergleich zweier Gespräche mit Josef Wilfling, dem Chef der Münchner Mordkommission a.D. Obwohl in diesem Fall Kluge mit einer einzigen Einstellung auskommt, wirkt sein Beitrag bewegter, lebendiger als der von NZZ Format.

NZZ Format bleibt im Rahmen konventioneller Reportagen. Die Kamera hält wie bei „Mensch 2.0“ über lange Strecken auf die Interviewten, in Großaufnahme oder Nahaufnahme. Aber auch hier ist es ein uneingeschränktes Vergnügen, intelligenten Menschen beim Sprechen zuzuhören und zuzuschauen. Auch dieses Vergnügen wird einem im Fernsehalltag selten gewährt. Allerdings befördern gerade die Schweizer Beiträge über die Ermittler eine Erkenntnis, die man nicht unbedingt erwartet hätte: dass die US-Serie „Homicide“, bei aller Differenz zwischen dem amerikanischen und dem europäischen Justiz- und Polizeisystem, erstaunlich nah an der Wirklichkeit ist.

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erstellt am 10.1.2014

Mörderische Gewalt
2 DVD (mehr als 6 Stunden Spielzeit)
dctp.tv/NZZ Format, 2014

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