Möglicherweise haben unsere Urahnen sich nur dann sicher gefühlt, wenn ihre empfindlichen Ohren ihnen vertraute Klänge und Geräusche vernommen haben. Und vielleicht wollen diese Ohren deshalb bis heute möglichst nur das hören, was sie schon kennen. Tonkünstler können ein Klagelied davon singen. Hans-Klaus Jungheinrich hat zwei Beispiele aufgetan, die dagegen auf Verunsicherung setzen: Frühe lateinamerikanische Vokalmusik und Werke von Rolf Riehm.

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Verunsicherungen

Frühe lateinamerikanische Vokalmusik und Werke von Rolf Riehm

Von Hans-Klaus Jungheinrich

Wenn Sie als Musikhörer ein Gewohnheitstier sind, dann lesen Sie bitte nicht weiter. Lassen Sie sich gerne immer wieder von Klängen überraschen und schalten Sie nicht sofort ab, wenn etwas Anderes als Ihr gewohnter Sound ertönt – vielleicht gibt es so etwas für Sie ja gar nicht -, dann bekommen Sie durch das Folgende womöglich ein paar Anregungen. Zwei von mir ausgewählte CDs lassen sich gut unter dem Vorzeichen der Verunsicherung betrachten. Das appelliert an offene Hörer, die ihre Vorprägungen, Voreingenommenheiten auch einmal beiseite schieben können; die – wie Adorno, ausnahmsweise einmal schlicht, es bei Gelegenheit formulierte – Neugier auf Neues haben.

Dem Neuen in der Gestalt der allerdings auch schon leicht abgestempelten, rubrifizierten Neuen Musik scheinen die Hervorbringungen des 76jährigen Frankfurter Komponisten Rolf Riehm zuzugehören. Andererseits sind sie als „politisch“ markiert. Auch Riehms Alter lässt vermuten, dass er von den 1968ern herstammen, ein „Erbe“ ihres Ideengutes und ihrer Haltungen sein könnte. Damals hantierte politisch „engagierte“ Kulturarbeit oft mit Parolen und Geplärr. Riehm misstraute der frontalen politischen „Predigt“ schon immer. Seine Methode zielt auf diskretere, sozusagen geheime, keineswegs aufgedrängte Stellungnahmen. Ihm geht es darum, in seine sehr vielfältigen autonomen musikalischen Strukturen aktuelle Tatbestände zu „implantieren“ (wie er selbst das nennt). Die hörende Wahrnehmung oszilliert also um die Phänomene der „absoluten“ Klanglichkeit und die Bekundungen des „politischen“ kompositorischen Subjekts.

Man kann nicht glatt behaupten, dass dieses sich hinter der Fassade des gekonnten avantgardistischen Tonfalls (wie er etwa die Anfangsphasen des Klavierwerkes „Hamamuth – Stadt der Engel“ aus dem Jahre 2005 bestimmt) verstecke; die wenig auffällige Eingebundenheit in Materialstrukturen gibt den Spuren, Splittern und Verwundungen politischer Zeitgenossenschaft eher den distanzierenden (damit auch auf Beständigkeit, Nachhaltigkeit der Wirkung dringenden) Charakter mittelalterlicher Kirchenfenster wie derjenigen in Chartres. Diese konnten damals in ihrer vollen, dargestellten Inhaltlichkeit nur „von Gott“ gesehen werden; der aus dem Kathedralendämmer aufschauende Kirchenbesucher erblickte nur ein vielfarbiges Flimmern. Kaum drastischer konnte Rolf Riehm die implantierten „Botschaften“ kodifizieren als an einer Stelle seines Stückes „Wer sind diese Kinder“ für Klavier, Orchester und elektronische Zuspielungen (2009). Dort wird nämlich eine längere Textpassage nicht nur auf Arabisch, eine hierzulande nur von wenigen gekannte Sprache, „verschlüsselt“, sondern auch noch im genuinen Bagdader Dialekt. Riehm verknüpft seine Irak-Obsession (die westliche moralische Schande des neuen Jahrtausendanfangs, gleichsam sein Vietnam) mit dem altgriechischen, kindsmörderischen Mythos um die archaischen Göttermonster Uranos und Kronos.

Durchaus komplementär zu Riehms kompositorischer Welthaltigkeit zeigt das Stockholmer Ensemble Villancico einen anderen Aspekt von „Weltmusik“. Eines seiner Spezialgebiete ist die Erschließung früher lateinamerikanischer Vokalkunst. Auch hier wird das Ohr in Wechselbäder geschickt: In einigen dieser zum Teil anonymen Fundstücke aus Peru, Bolivien, Brasilien, Guatemala oder Cuba glaubt man, alte europäische Musik zu erkennen; dann wieder gibt es Piècen, die sich, auch mit ihren instrumentalen Ingredienzien, kaum von dem abheben, was man von südamerikanischen Straßenmusikanten vernimmt. Wunderlich und wunderbar, dass es gerade skandinavische Musiker sind (Peter Pontvic, der dirigierende spiritus rector der Gruppe, studierte in Montevideo), die diese Musikart adaptieren und dabei so etwas wie eine atemberaubend „mestizische“ Authentizität vermitteln.

Die beiden Werke von Rolf Riehm haben (das zeigen schon ihre Titel) ihren Ausgangspunkt in der politischen Realität ihrer Entstehungszeit. Die politische Inhaltsdimension erschließt sich nicht auf Anhieb. Man muss zu ihr vordringen. (Muss man? Natürlich nicht unbedingt. Man kann erst einmal einfach zuhören und die verschiedenen Arten von „Verklumpung“ im Klaviersolostück „Hamamuth“ registrieren oder dem Wachsen, Wuchern und Verschwinden der finsteren Akkordtürme in „Wer sind diese Kinder“ folgen). Das erfordert Arbeit. Gedankenarbeit. Erleichtert und vertieft wird sie durch Lektüre des ingeniös empathischen, dabei ungemein multiperspektivischen Booklettextes von Jörn Peter Hiekel. Der zeigt exemplarisch, wie man sich einer komplexen Sache von verschiedenen Seiten nähern kann und sie dann erkennend abtastet wie eine Skulptur. Große „hermeneutisch“-schriftstellerische Kunst statt verstiegener Fachterminologie. So entsteht ein Netz von umfassender interpretatorischer Erkenntnisvermittlung.

Der Titel der Lateinamerika-CD, „Tambalagumbá!“ (übersetzen wir ihn mal sehr frei mit: „Jetzt geht’s aber los!“), klingt wie ein aktivierender Trommelschlag. Die Sammlung enthält nicht nur Marien- und andere geistliche Lieder der „bekehrten“ indianischen oder indo-hispanischen Bevölkerung, sondern auch Zeugnisse der Unterdrückung und conquistadorischen Unterwerfung, in denen zum Beispiel dokumentiert wird, wie die Eroberer die Religion der kolonisierten Völker verhöhnen. Das Politische dringt auch hier immer wieder durch. Es durchsäuert ein scheinbar harmloses, sich vermeintlich leicht den weltmusikalischen Konsumgewohnheiten erschließendes Material. Rolf Riehms schwierige, sperrige forminhaltliche Zusammenballungen zeigen einen anderen Grad von Verunsicherung. In beiden Fällen wird Unruhe erzeugt, kritisches Nachdenken befördert: über die Musik, über die Welt.

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erstellt am 04.1.2014

Rolf Riehm, Foto: Hans Kumpf

Rolf Riehm
Wer sind diese Kinder / Hamamuth – Stadt der Engel
Nicolas Hodges, Klavier, SWR Sinfonieorchester Baden-Baden und Freiburg, Leitung: Beat Furrer
Wergo Wer 6755 2

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Tambalagumbá – Early World Music in Latin America
Ensemble Villancico, Leitung: Peter Pontvic
cpo 777 811-2

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