Im Februar 2013 hat der Filmregisseur Michael Haneke Mozarts „Così fan tutte“ am Madrider Teatro Real inszeniert. Auf DVD lässt sich Hanekes bühnenwirksam und musikalisch gedachte Inszenierung nun noch einmal nachvollziehen, berichtet Thomas Rothschild.

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Von Thomas Rothschild

Gerard Mortier hat Michael Haneke eingeladen, an seinem Madrider Teatro Real „Così fan tutte“ zu inszenieren, und sich damit einmal mehr als der bedeutendste Erfinder von Konzepten im Musiktheater bewährt. Was Manfred Eicher für die Jazz-Produktion, ist Mortier für die Oper. Er bringt zusammen, was im Nachhinein nur darüber staunen lässt, dass das nicht längst jemandem eingefallen ist.

Nichts an Hanekes Auffassung verrät den genialen Filmregisseur. Sie ist so bühnenwirksam, so musikalisch gedacht, dass man meinen könnte, Haneke hätte immer schon Opern inszeniert. Dabei hat er, Jahre zuvor, nur mit einem „Don Giovanni“ Erfahrungen gesammelt – in Paris, wo Mortier damals ebenfalls Intendant war. Er vermengt übergangslos und durchgängig das 18. Jahrhundert mit unserer Gegenwart, ohne damit eine plumpe Zeitlosigkeit des Stoffes zu suggerieren. Watteau drängt sich in Bilder von Edward Hopper. „Così fan tutte“ ist ja an sich schon eine Verkleidungskomödie, und Haneke führt diesen Ansatz weiter. Wenn Guglielmo und Ferrando ihren Selbstmord vortäuschen, haben sie vergessen, ihre falschen Bärte aufzukleben. Sie werden nicht benötigt. Fiordiligi und Dorabella sind so sehr von den Ereignissen in Beschlag genommen, dass sie auch so ihre Geliebten nicht erkennen. Für die Kostüme zeichnet Moidele Bickel verantwortlich, die kongeniale Partnerin von Peter Stein, aber auch für Hanekes „Weißes Band“.

Hanekes ganze Inszenierung beruht auf der Ambiguität, dass das Spiel zugleich durchschaut und mitgespielt wird. Schon Karl-Ernst und Ursel Herrmann haben in ihrer Salzburger Inszenierung Fiordiligi und Dorabella zu Mitwissern der Intrige gemacht. Bei Haneke weiß im Grunde jede und jeder, an welcher Täuschung sie und er mitwirkt. Im Zentrum steht, mehr noch als Don Alfonso, Despina, ein skeptischer und eben deshalb weltkluger Harlekin. Was prüde Interpreten von „Così fan tutte“ gemeinhin als Zynismus anprangern, ist in Wahrheit Einsicht in die ungeschönte Wirklichkeit hinter der Fassade der Ideologie, also Aufklärung. Und Despina ist ihr Prophet. Ihr, der Bediensteten, kommt die Weisheit zu, die den Herrschaften fehlt. In „Così fan tutte“ steckt mehr vom „Ulenspiegel“ eines Charles De Coster als eine verklemmte Klassengesellschaft erkennen will. Und auch zum Kontrast zwischen dem „süßen Mädel“ und der Gabriele der „Weihnachtseinkäufe“ in Arthur Schnitzlers „Anatol“ ist es von hier nur ein Schritt. Don Alfonso treibt sein bedenkliches Spiel mit Fiordiligi und Dorabella. Despina berät sie. Und nur der Spießer verdammt sie dafür.

Haneke treibt seine Protagonisten, insbesondere die Frauen und Don Alfonso, zu schauspielerischen Spitzenleistungen, wie man sie auch auf dem Sprechtheater nur selten sieht. Der großen opernhaften Geste, dem weiten Bogen des Gesangs setzt er eine minutiöse Choreographie der Blicke entgegen. Wie sich die Personen ansehen oder eben den Blickkontakt vermeiden, erzählt die zweite Ebene der Geschichte. Die Augen veräußerlichen das Unbewusste oder Verdrängte. Und das ist hier am Platze: Selten wurde „Così fan tutte“ so erotisch auf die Bühne gebracht. Mozart muss Freud gelesen haben.

Wenn die zwei falschen Freier von den schönen Schwestern einen Kuss erbitten, haben sie ihn längst bekommen, und die sich zierenden Damen scheinen nicht sehr gelitten zu haben. Ihre Abwehr ist eine Konzession an die öffentliche Meinung, nicht ihr inneres Verlangen.

Aber Haneke stülpt der Oper keine überdeutlichen Aktualisierungen über. Er implantiert sie dem Libretto, ohne ein Wort zu verändern, mit höchster Diskretion und ausschließlich mit den Mitteln der Schauspielerführung. Das einzige auffällige Möbel ist eine übermannshohe, von innen beleuchtete kühlschrankartige Bar, aus der immer wieder Drinks geholt und einander gereicht werden. Auch das Arsen für die Vergiftung ist hier aufbewahrt.

Sylvain Cambreling, der Spezialist fürs Moderne, erweist sich auch als vorzüglicher Mozart-Dirigent. Er hat sich mit Haneke darauf geeinigt, zwischen einzelnen Nummern und Szenen Pausen einzulegen. Das wirkt plausibel, zumal in einer Passage sogar von der Stille die Rede ist. Momente des Innehaltens anstelle des Szenenapplauses: eine wohltuende Alternative. Und auf einmal werden die Dialoge in ihrer ganzen Gescheitheit verständlich.

Das Spiel geht schlecht, also gut aus. Don Alfonso hat die Wette gewonnen. Finem lauda. Und wer daran Anstoß nimmt, sollte sich noch einmal anhören, was Despina zu sagen oder vielmehr zu singen hat. Sie ist, wie die meisten Stubenmädchen in der dramatischen Literatur, die Klügste von allen. Dass am Ende niemand mehr weiß, zu wem er gehört, ist seit längerem Konvention bei Aufführungen von „Così fan tutte“. Denn wir ahnen: falsch an dem Titel ist lediglich das „tutte“ oder auch ein „tutti“, die Verallgemeinerung. Falsch war die Überzeugung des 18. Jahrhunderts, dass sich menschliches Verhalten mit den Methoden der Naturwissenschaft erforschen und erklären ließe. Und doch: ohne diese Überzeugung wüssten wir vieles nicht, was wir heute wissen. Dass man die Menschen nehmen soll, wie sie sind: diese Lehre Alfonsos jedenfalls ist nichts weniger als zynisch. Sie ist die Grundlage der Toleranz. Wohl wird in „Così fan tutte“, wie in den Dramen von Marivaux, ein Menschenexperiment vollzogen, aber für zynisch kann es nur halten, wer nicht historisch denkt. Was Don Alfonso mit Fiordiligi und Dorabella treibt, hat einen anderen Stellenwert als die Versuchsanordnungen von Büchners Doktor mit Woyzeck oder von Handkes Einsagern mit Kaspar.

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erstellt am 04.1.2014

Mozart
Così fan tutte
2 DVDs
C-Major 714508

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