Wahrscheinlich wurde immer über die Vergangenheit geschrieben, um mit ihr die Gegenwart zu kommentieren. Selten aber geschah dies mit Hilfe der Sinnlichkeit. Gerhard Falkner hat auf diese Weise 21 Gedichte zu den Reliefs im Fries des Berliner Pergamonaltars geschrieben. Und Jan Wilm preist die große, geheimnisvolle Kunst der „Pergamon Poems“.

Pergamonaltar
Gerhard Falkners »Pergamon Poems«

Telefriesion: Von Giganten und Gedichten

Von Jan Wilm

„So läuft die Vorstellungserschwerung darauf hinaus, den Leser von habituellen Dispositionen abzulösen, damit er sich das vorzustellen vermag, was durch die Entschiedenheit seiner habituellen Orientierung vielleicht unvorstellbar schien.“
Wolfgang Iser

„Jeder versucht heute, wenn ihn das Mißgeschick mit einem Gedicht konfrontiert, dieses mit dem Intellekt zu knacken. Er könnte zur Abwechslung auch versuchen, einen Apfel mit den Ohren zu essen.“
Gerhard Falkner

Die Wahrheit liege irgendwo dazwischen, floskelt der Volksmund gelegentlich. Aber, wir wissen es, gelegentlich beißt selbst ein blinder Volksmund auf ein wahres Korn. Dazwischen also, aber zwischen was, zwischen welch disparaten Entitäten oder Phänomenen liegt sie denn nun, diese Wahrheit? Gerhard Falkners großartige „Pergamon Poems“ zeigen uns Wahrheiten durch den Blick auf die Lücken und Leerstellen eines der wohl vollkommendsten Fragmente der Menschheitsgeschichte. Ausgehend vom Kampf zwischen Göttern und Giganten, eingefroren im Fries, der sich im Pergamonmuseum zu Berlin den Besucheraugen stellt, betrachtet Falkner in 21 Gedichten einige der großen ästhetischen Fragen, denen wir, weder Götter noch Giganten, uns manchmal stellen sollten.

Das vielleicht Schönste an diesen Gedichten ist, dass diese Fragen nicht so sehr im inhaltlichen Repertoire der Texte verhandelt werden, als dass sie durch ihre Technik aufscheinen und in uns Leser hineinwirken. Falkners Sprecher in den Gedichten sind Betrachter, Beobachtende, die vor den Pergamonaltar treten und gelassen die Schwingungen aufnehmen, die seit über zweitausend Jahren in diesem Marmor rauschen.

Die Hand ist ergänzt. Dem Arm fehlt eine Schulter
Das Knie rast reglos in sich selbst. Alles ist
Impuls. Die Brüche sind geglückt

„Asteria“, das erste Gedicht des Bandes, der für ein Projekt der Filmemacher Felix von Boehm und Constantin Lieb im Auftrag des Pergamonmuseums entwickelt wurde, beginnt in ruhigem, anmutigem Ton, doch sofort ist die Rede von Brüchen, vom Fehlen, von Impulsen der Bewegung. Falkners Gedichte feiern die Brüche dieser großen Bibliothek von Fragmenten, die der Pergamonaltar ist, nachgerade. Mit dem leicht überlesbaren Wörtchen rast umfasst das Gedicht die zwei paradoxischen Kernpole dieses enormen Projekts: rast, als zweite und dritte Person Singular des Verbes rasen, benennt naturgemäß die dargestellte Bewegung der Gigantenschlacht; es klingt hier aber auch das Substantiv der Rast an, der Ruhe und der Pause, die das Betrachten, das ruhige Ansehen eines in Stein gemachten Bildes teilt mit dem Akt des Lesens eines Gedichts. Dieses Changieren durch die Aggregatszustände von Ruhe und Bewegung glückt Falkners Gedichten auf eine Weise, wie es sie in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur wohl nicht gibt. Stück für Stück beschreiben die Zeilen dieser ganz und gar außergewöhnlichen Lyrik die festgefrorene Bewegung des Gigantenkampfes „in einem Meer vom Marmor“: „Nur Bewegung pur“, heißt es hier – reine rasende Rast.

Wie sich die Fragmente
in den Pausen, die der Marmor macht
zu Impulsen verdichten, zu Rhythmen
Wie die zerbrochenen Glieder ihre Lücken
überbrücken und das Ganze
in ein olympisches Orchester mündet

Falkners Gedichte sind voller Klang und Bewegung und spielen mit dem Pathos des Schönen, obschon diese Schreibe ums Schöne stets die prekäre Situation vor Augen führt, in der sich das Schöne dieser Tage befindet.

Der Pergamonaltar, so beobachten die Gedichte, stellt eigentlich gar keinen Kampf dar: „Du siehst hier nirgends Blut / es geht um mehr, es geht um alles plus das / Kolossale“. Es geht um die Schönheit an sich, um die Schönheit dieses „gigantische[n] Archiv[s]“, das der Fries umfasst: „[W]ie viel Gigabyte hat dieser Fries“, fragt Falkners „Asteria“ und beginnt das Dichterspiel zwischen Oppositionen, zwischen dem Pathos des Schönen im anmutigen Pergamontableau auf der einen Seite und auf der anderen einer in Turnschuhe und Windjacken gehüllten Museumstouristik, die sich angedeutet findet in den immer wiederkehrenden Anspielungen auf Populär- und Museumskultur und auf die Stadt Berlin, in die der Fries aus Telephos’ Pergamon vor einem Jahrhundert verpflanzt wurde. Der durchs Museum hechelnde Kulturtourist wird von der Schönheit dieses Marmors nur wenig heimtragen können.

Es geht um den Olymp, das Schöne
(das wir kaum noch kennen)
denn uns erreichen vom Himmel allenfalls
heruntergeladene Klingeltöne

Aber genauso wenig wird die Art und Weise „wie Schönheit so und Schock sich hier versöhnen“ jener erleben, der nur mit dem Verstand auf diesen Marmor starrt. Es scheint, man müsse dahinter blicken und Blicke nach sich selber richten, sich selbst mit diesem Stein durchmischen und das Ereignis, das ein Kunstwerk ist, durchleben, statt einzig es zu denken.

Das gilt für einen Fries wie für ein Gedicht. Der gigantische Marmor, in dessen hartem Stein gleichsam die Jahrtausende alten Künstlerhände wie die Betrachterblicke gespeichert sind, wird immer wieder mit Weiche assoziiert, mit „Wachs“, mit „Leichtigkeit“, mit ständiger Bewegung in dieser „Marmoroper“: „Nur Bewegung pur, Aktion, Getümmel / Alles einzig und allein ein Tanz der Tat“. Die Härte und die Reglosigkeit des Steins, so scheint es, sind seine Bewegung selbst, angehalten inmitten der reinsten Schwingung.

      Doch sind im Petrefakt der Falten
Noch der Schwung, des Honigs Fließen
und der Taumel festgehalten

Es geht Falkners Gedichten nicht darum, verstanden zu werden, wie es dem Friesensemble nicht darum gehen kann, entschlüsselt zu werden. Es geht um etwas Höheres. Falkner, der zweifellos zu den größten Dichtern seiner Generation, vielleicht zu den größten überhaupt aller Generationen gehört, geht es zunächst um die Schönheit – und noch keine Schönheit ist bereichert worden dadurch, dass sie verstanden worden ist. In seinem großen Buch „Über den Unwert des Gedichts“ schrieb Falkner: „Es ist ein Humbug, daß (besonders beim schwierigen Gedicht) immer das Verstehen und Begreifen so in den Vordergrund gerückt wird, als ob es mit ihnen ein Bewenden hätte.“ Es geht dem Fries wie den „Pergamon Poems“ zunächst einmal darum, gesehen zu werden, erlebt zu werden, denn keine Schönheit ist erkennbar, ja keine Schönheit gibt es überhaupt, die nicht erlebt wird.
Die Gedichte Falkners versichern sich dieses Gesehenwerdens, dieses Wahrgenommenwerdens durch das Insistieren auf dem Fragment, auf der Lücke, auf eben dem, was der große Literaturphilosoph Wolfgang Iser die Leerstelle getauft hat, jene „Unbestimmtheitsbeträge“ eines Textes, die von den Lesern nicht gefüllt, sondern in neue Kombinationen gebracht werden können. Noch einmal Falkners „Unwert“: „Realität bricht erst durch, wo sie lückenhaft bleibt.“ Das gleiche, möchte ich beigeben, gilt für die Schönheit. Die Leerstelle im Text ruft nach uns, greift in unsere Vorstellung hinein und rührt unsere Gedanken an. Die Lücken im Kunstwerk brauchen uns, die Lücken laden uns ein. Es sind gerade die Brüche, die Unstimmigkeiten, das Fehlen einer Hand und einer Schulter, das Ausbleiben einer Texterklärung, die Verweigerung von Weichkochen und Vorkauen der richtigen Bedeutung, der richtigen Lesart – es ist die Fundamentalfragmenthaftigkeit jedes Kunstwerks, ob Fries, ob Text, die das Kunstwerk überhaupt erst möglich macht. Und erst durch die Möglichkeit der Lücke, durch welche die Vorstellung des Rezipienten erschwert wird, wo die Wahrnehmung des Rezipienten verzögert wird, finden Wahrnehmung und Verzögerung so statt, dass das Kunstwerk entsteht. Erst die Lücke erlaubt dem Rezipienten die Mitarbeit am Schönen.

Falkners Technik in den „Pergamon Poems“ ermöglicht durchgängig diese Zusammenarbeit zwischen Leser und Text, durch Verfremdung. „Immer dort, wo Textsegmente unvermittelt aneinander stoßen, sitzen Leerstellen, die die erwartbare Geordnetheit des Textes unterbrechen,“ meint Iser, und durch diese Fraktur der Geordnetheit entsteht das erlebbar Neue. Falkners Gedichte bringen das Pathos des hellenistischen Frieses ständig in Kollision mit der unterbelichteten Gegenwartskultur, und durch diese Konfrontation mit dem Bruch wird der Leser befähigt, den Text selbst zu denken. Durch den Bruch, durch die Kollisionen wird das Wahre Schöne Gute, das zugekleistert ist mit viel zu viel Sentimentalität und Kitsch und Vergessenheit, neu und erneuert zu Tage gebracht. Das Wahre liegt irgendwo in der Lücke, in der leeren Stelle, die jedes Zerklüft, sei es aus Stein oder aus Worten, durchwächst.

Der Berliner Pergamonaltar ist eine beispiellose Sammlung von Lücken, ein zerstückeltes Archiv, und darin liegt seine Schönheit, ein von Löchern und Leerstellen durchwachsenes Kunstwerk, und jede Lücke eine Tür, die zum Erleben Einlass gewährt. In dem großen Gedicht „White Noise“ lesen wir bei Falkner:

Die Körper geköpft, die Arme unterbrochen
die gellende Leere der Hüfte, der sich
das Ziel versagt
dennoch, das Auge baut Prothesen […]

Das Auge baut Prothesen. Das Auge ist ein Handwerker, ein Künstler selbst, die Lücke animiert den Geist, aus der Lücke tanzt die Imagination: „Die Lücke ist verdichtet. Das Fragment / ringt um sich selbst.“ Verdichtet ist die Lücke, die Lücke das Gedicht.

Das Gedicht braucht uns, es braucht den Leser. Nicht nur will das Gedicht gelesen werden, es will gemacht werden, und gemacht wird es erst im Zusammenspiel des Textes und des Menschen, der die Buchseiten blättert. Die Lücke, die Leerstelle lädt ein zum Fallsturz ins Kunstwerk, zum vollkommenen Sich-Aufgeben in ein Bild, eine Skulptur oder einen Text. Gedichte können gelebt werden, wie der Gigantenkampf des Pergamonaltars belebt wird durch den genauen Blick.

Der schmale Gedichtband Gerhard Falkners ist bei den fantastischen Kookbooks erschienen, dem Verlag um die Lyrikerin Daniela Seel, dem die deutsche Sprache einige der großartigsten und wichtigsten Gedichtbände des letzten Jahrzehnts verdanken darf. Falkners Band, wie alle Bände des Verlags, kommt in herrlicher Aufmachung daher, und darüber hinaus sind die 21 Gedichte von Mark Anderson ins Englische übertragen worden und um eine DVD ergänzt, die die Kurzfilme von Felix von Boehm und Constantin Lieb versammelt, in denen fünf Schauspieler der Schaubühne die ersten fünf Gedichte nicht nur lesen – sie verkörpern sie buchstäblich.

Wie der Fries selbst bergen Falkners „Pergamon Poems“ ebenfalls ein „gigantisches Archiv“, ein Spiel durch verschiedene Register und Sprachen und Medien. Ein Spiel des Erneuerns und des Umformens. Lücken werden aufgerissen, Lücken werden geschlossen und brechen weiter, von Seite zu Seite und im Kopfe des Lesers weiter und wieder. Dieses Spiel aus immer wieder Neuem, das durch die Lücke, durchs Fragment, durch die Pause und den Bruch entsteht, dieses Spiel, bei dem es um etwas Größeres geht, als das, was greifbar scheint, das ist es, was der Volksmund landläufig Kunst heißt. Die „Pergamon Poems“ sind nicht weniger als das: große, geheimnisvolle Kunst. Und: „Das Geheimnis liegt immer in den größeren / Zusammenhängen.“

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erstellt am 03.1.2014

Gerhard Falkner, Foto: Alexander Paul Englert
Gerhard Falkner, Foto: Alexander Paul Englert

Gerhard Falkner
Pergamon Poems
Broschiert, 64 Seiten mit DVD
ISBN: 9783937445519
Kookbooks, Berlin 2012

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Gerhard Falkner im Gespräch mit Dennis Scheck in DRUCHFRISCH

Gerhard Falkner ist 1951 in Schwabach geboren und veröffentlicht seit Mitte der 70er Jahre Prosa und Gedichte in Künstlerzeitschriften, in „Bateria” oder „Lettre International”. 1981 erscheint bei Luchterhand der Gedichtband „so beginnen am körper die tage“. Nach vierzehn Jahren Schreibpause, Übersetzungsarbeiten, Dramen, einer Kammeroper, Essays und dreizehn weiteren Büchern veröffentlicht er 2012 die „Pergamon Poems”. Falkner lebt im oberpfälzischen Weigendorf und in Berlin.