Medien, Netz und Öffentlichkeit heißt ein neu erschienener Band, in welchem namhafte Autoren aus Wissenschaft, Medien, Wirtschaft und Politik die gesellschaftlichen und medialen Realitäten unseres digitalen Zeitalters analysieren. Bruno Laberthier hat den Band studiert.

buchkritik

Kursbuch Neue Medien 2.013

Von Bruno Laberthier

Medien, Netz und Öffentlichkeit: Die neuesten Impulse für die digitale Gesellschaft verlängern tiefenscharf, gründlich und unvermeidlich redundant die Linie von Oskar Negt/Alexander Kluge und dem Kursbuch Neue Medien in die zweite Dekade des 21. Jahrhunderts – und geben sich dabei co-regulierungswütig.

„Mit diesem Buch verfolgen wir das Ziel“, schreiben die vier Herausgeber/innen von Medien, Netz und Öffentlichkeit im ersten Satz ihres knapp fünfhundertseitigen Aufsatzbands, „Impulse zu liefern, die die medien- und netzpolitische Debatte bereichern, und mögliche Ansätze für weiteres politisches Handeln anzubieten“ (11). Die gelieferten Impulse hätten es alleine schon wegen der in dem Band versammelten Kompetenzdichte nicht verdient, unbemerkt zu verhallen. Denn mit dem Kompendium aus sechzig Kurzbeiträgen liegt ein broschierter Dreipfünder auf dem Büchertisch, für den mehr als fünf Dutzend Edelfedern aus den Medien- und Medien-Bindestrich-Wissenschaften, aus diversen europäischen, nationalen und föderalen Institutionen wie den Landesmedienanstalten, aus der Medien- bzw. Netzpolitik und publizistischen Öffentlichkeitsarbeitsagenturen sowie zu guter Letzt aus der Kreativwirtschaft und neumedialen Anwendungspraxis verantwortlich zeichnen. Mit einer derartigen Expertise reiht sich der Band ein in die namhafte, durch ihre Namhaftigkeit renommierte und deswegen nicht eben leicht zu erobernde Phalanx ähnlich ausführlicher Inaugenscheinnahmen der komplexen und deswegen nicht eben leicht kartierbaren Kontaktzone von „Öffentlichkeit“ und ihrem enorm entwicklungsintensiven technischen Substrat, den „(neuen) Medien“, sowie dem Internet.

Positionsbestimmung: Die lange Linie leichten Linksdralls

Vollumfängliche Bestandsaufnahmen dieser Art hat es seit kritisch-theoretischen Zeiten einige gegeben. Stets war der Drall der gesellschaftspolitischen Intervention dabei ein irgendwie linksliberaler, bisweilen sogar neomarxistischer, der sich mit Zuversicht paarte und in letztlich uneingelöst bleibenden Verheißungen erging. Der Tenor: Jede medientechnische Neuerung, die sich am Markt und „in der Masse“ durchsetzt, emanzipiere mindestens schon mal das Individuum. Bisweilen helfe sie sogar denjenigen aus den unterprivilegierten Klassen, Mitsprache zu erlangen und sich zu organisieren. Die Bandbreite solcher Bestandsaufnahmen reicht – und die Linie erstreckt sich – von Oskar Negts und Alexander Kluges „Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit“ aus dem noch vollanalogen Jahr 1972 bis zum Kursbuch Neue Medien, mit dem der Verleger und Publizist Stefan Bollmann im Jahr 1995 (und danach nochmal Heide Baumann und Clemens Schweder zur Jahrtausendwende) explizit die Systembereiche Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Kultur mit in die Analyse aufnehmen ließen, um diese dann in einer voluminös-imposanten Gesamtschau zu präsentieren.

Tatsächlich weist Medien, Netz und Öffentlichkeit nicht nur wegen der tiefenscharfen Qualität der meisten seiner Beiträge jede Menge Familienähnlichkeit mit den Erkenntnissen der Negts, Kluges und diverser Kursbuchautoren auf. Auch sein Drall ist, aufs Ganze betrachtet und in der geläufigen Diktion deutschparteipolitischer Farbgebung ausgedrückt, ein rot-grüner. Denn immerhin schreiben Olaf Scholz, Kurt Beck und Cem Özdemir an dem Band mit, ebenso der sozialdemokratische Europaparlamentspräsident Martin Schulz, der NRW-Staatssekretär Jan Marc Eumann und die stellvertretende Geschäftsführende der Landtagsfraktion BÜNDNIS 90/GRÜNE im selben Bundesland, Frauke Gerlach.

Selbstredend wird zu den rot-grünen Bedingungen von heute argumentiert – und damit in deutlich prinzipienabgespeckter Weise, vergleicht man es mit den Angry Young Medientheorie-Men von 1968 passim. Was fehlt ist mit anderen Worten das ganz große programmatische und auch ohne das revolutionsheischende Moment; unterdrückt wird auch – durchaus begrüßenswert – der nervensägerisch die totale Demokratie verheißende, technolatrische Gestus, mit dem die Digitalisierung der Medien- und Lebenswelt vor anderthalb Jahrzehnten oft und gerne gefeiert wurde.

Fünf Themenblöcke, jede Menge Unterthemen und genauso viele Tandems

Sinnvoll, weil durchblickverschaffend bei einem solch hohen Aufkommen an Beiträger/innen und Expertise, ist die Unterteilung des Bandes in fünf Themenblöcke mit jeweils zwischen drei und sieben Unterthemen sowie die Tandemstruktur, die bei der Behandlung der Unterthemen zwei Beiträger/innen und deren Thesen zusammenführt und zu teils kontroversen, teils nur in Nuancen unterschiedlichen Ergebnissen gelangen lässt.

Los geht es mit einer wohltuend globalen Annäherung an den „Kommunikationsraum Internet“, bei dem verschiedene Register gezogen werden – wobei sich das Register der Systemtheorie nach Luhmann besonders zur Beschreibung (auch) neumedial-gesellschaftlicher Wechselwirkungen eignet, wie die Beiträge von Dirk Baecker und Harald Gapski zu den Partizipationsmöglichkeiten im und Transparenzanforderungen an das Internet zeigen. Es ist schlicht elegant und vom Befund her bei aller Globalität dennoch exakt, erläutert zu bekommen, wie sich die Gesellschaft zu den Bedingungen des Internets neu und weiter funktional ausdifferenziert, wie Netze und Netzwerke sich koppeln, lösen, neu koppeln und die „Wirklichkeit des Internets“ neben seiner „Unsichtbarkeit“ die “überraschende Resonanzfähigkeit eines operational geschlossenen und strukturell offenen Netzes“ (17) aufweist. Gleiches gilt für die Verzögerungen und Latenzen des (medien)politischen Systems bei der Anpassung an die Rasanz und Realität der „digitalen Medialität“, die Gapski treffend in der luhmannschen Terminologie („blinde Fleck“, 63f.) ausbuchstabiert.

Andere Unterthemen greifen ein- und heranführend Schlagworte, Desiderate und zu gesellschaftskonstitutiven Selbstverständlichkeiten geronnene Theoreme auf, die im weiteren Verlauf erneut – dann aus Praxis- oder Expertenwarte – beleuchtet werden. Das (An)Erkennen des Internets als erweiterter Lebensraum, als der es längst fungiert, und die Forderung nach Zugangsoffenheit spielen eine wesentliche Rolle bei den Skizzen einer sozialen Netzpolitik von Caja Thimm und Helga Trüpel; thematisch in der Nachbarschaft dazu liegen die Ausführung Harald Gapskis und von Christoph Bieber zu Partizipation und Transparenz. Dass Netzbeteiligung inzwischen auch bedeutet, Projekte durch eigene finanzielle Beteiligung zu ermöglichen (Crowd Funding) zeigt Alexander Vogt auf; Claudia Pelzer spricht in diesem Zusammenhang von einer neuen „Co-Economy“ (75). Schließlich kommt mit der seit Habermas, Negt und Kluge klassischen Dichotomie von Privatheit/Öffentlichkeit der angedeutete Klassiker auf den Tisch. Abgebildet wird die Dichotomie hier u.a. auf Social Media; ergänzt wird sie außerdem um die Frage nach informationeller Selbstbestimmung, die in Themenblock III wiederaufgegriffen und mehrfach variiert wird: dort unter den Schlagworten „Datenschutz“, „Urheberschutz“ (183-210) oder der Problematik der anbieterseitigen Priorisierung von Inhalten, die dem Ideal von „Netzneutralität“ nicht immer entspricht (211-242).

Stichwort Klassiker: zwischen drei der fünf Themenblöcke schieben die Herausgeber „Zwischenrufe“ ein. Der Einwurf zwischen dem ersten und zweiten Themenblock stammt, Zufall oder nicht, von Alexander Kluge, der sich Gedanken macht zum Status von Öffentlichkeit – und Sorgen um die kleinen Fische in diesem „Korallenriff“ (85) – in Zeiten von Web 2.0 sowie den Oligo- oder gar Monopolen namens Google, Facebook und Amazon.

Kulturraum Internet

Dann kommen die Praxisschaffenden und Experten zu Wort. In das längst zum Konsumkulturraum kommerzialisierten Internet ausgegriffen haben die Musikindustrie, die Filmwirtschaft und die Fernsehbranche – das allerdings unterschiedlich schnell und gründlich. Das Beitragstandem zur Musikbranche, Georg Bergheim (mit Meike kleine Brörmann) und Tim Renner zeigt dabei exemplarisch Chancen und Euphoriefelder, aber auch Grenzen und Hemmnisse auf. Der Mitbegründer und langjährige Vorstand des Musikstreamingdienstes simfy AG und heutige Geschäftsführer der Kölner Bleecker Street Entertainment, Bergheim, und der Professor für Music Business an der Popakademie Baden Württemberg, Renner, sinnieren in gegenseitiger Befruchtung über musikalische Live-Events, in denen Musik „sozial“ wird (93f.), und lassen sich über individuelle oder rechtssystemische Versuche aus, das going online des Musikgeschehens, das unter anderem früh zu Phänomenen wie Napster geführt hat, klein- und wegzuregulieren. Denn schließlich durfte hier eines nicht passieren, so Renner: die Entstehung einer „Umsonst-Kultur“ (98), die den ureigensten Anliegen des Musikbusiness diametral entgegenstand und daher von zahlreichen Labels rigoros abgelehnt wurde. Renner erinnert an den Übernahmeversuch von Napster durch Bertelsmann und legt damit den Finger in die Wunde.

„Die Idee war, mit dem Rest der Musikindustrie peu à peu den Laden zu übernehmen und zu einem Bezahldienst umzustellen. Die Labels stellten sich quer und wollten partout ihr altes Recht durchsetzen. Hätten sie das nicht getan, gäbe es heute wohl […] deutlich mehr Beschäftigte in der Musikwirtschaft und weit weniger über das Internet klagende Künstler“ (100f.).

Kritisch und durchaus besorgt klingen auch die Filmbranche-Beiträge. Nicht nur Crowdfunding, Pay-TV oder Youtube stehen hier für die neuen Wege, die sich das cinematische System erschließt. Auch Sehgewohnheiten ändern sich, werden verlernt und sind damit nicht mehr tradierbar; das Motto vom broadcast yourself und die Tendenz zur Vereinzelung der User vor ihren Bildschirmen trägt auf seiner Rückseite zudem den mutmaßlichen Abschied vom Film als Kollektivereignis (Bettina Brokemper, 107). Tom Spieß wird sogar mehr als einen Appell, nämlich einen Hilfeschrei an die Politik los: „Das Kino braucht jeden Komplizen angesichts der Digitalisierung, Raubkopierer und einem enormen Zuschauerverlust bei der jungen Generation“ (111). Radikal, wenngleich nicht nach dem mächtigen Komplizen mit der Legislative in der Hand brüllend, sind die Vorschläge, die danach zum Unterthema Fernsehbranche unterbreitet werden. Die Medienkonkurrenz TV-Internet setze die Fernsehmacher nicht nur deswegen vor ungeahnte Herausforderungen, weil sie – wie die Zeitungsverleger übrigens auch – „mit Netz nicht umgehen können“, so Hans Hoff spitz (119). Auch gebe es im Fernsehen anno 2013, was die Öffentlich-Rechtlichen betrifft, „ein deutliches Zuviel. […] Ich plädiere daher für eine umgehende Abschaffung aller Dritten“ (120). Die dabei eingesparten Ressourcen, so der provokante Gedankengang weiter, könne dann in Zeiten von schrumpfenden Angeboten auf dem Printsektor in qualitätsjournalistischen Content der Rundfunkanstalten „auf dem Second Screen“ (122) gehen. Kurz, tagesthemen.de statt Hessenschau und Frankfurter Rundschau.

Eine solche Provokation führt immerhin zweierlei zutage und in die Diskussion ein, nämlich das Thema Qualitätspublizistik und die Frage nach den Werten, die Netzkommunikation prägen und weiter prägen sollen. Auch hierzu finden sich prägnante Positionen und Denkanstöße, etwa den zu einer Neujustierung der Regeln zum geistigen Eigentum, die zu den Bedingungen des Kulturraums Internet zu „funktionierende[n] Verwertungsketten und Erlösmodelle“ (Tobias Schmid, 132) führen. In ähnlicher Weise streifen die Ausführungen zur Netzethik altbekannte Termini und legen sie an die Elle Internet an: Vertraulichkeit, Transparenz und das Verlagen, „anonym unterwegs“ sein zu dürfen (Thorsten Dirks 140), sowie der Schutz des „Kernbereichs des Privaten“ (Oliver Keymis, 135) zählen hier wesentlich mit dazu. Damit rufen sie Gesichtspunkte auf, die seit den Enthüllungen Edward Snowdens – welche wohlgemerkt erst nach Veröffentlichung des Bandes publik wurden, Kreise zogen und viele der hier postulierten Annahmen in ein neues Licht rücken – nochmal deutlich an Gewicht gewonnen haben dürften. Denn deutlich wurden mit der NSA-Affäre, der Entlarvung von „Prism“ und anderen inzwischen aufgedeckten Schweinereien, dass der „Freiraum Internet“, wie der dritte Themenblock überschrieben ist, leider alles andere frei ist von denjenigen, die seinen Nutzern über die Schulter lugen und gerne das eine oder andere absaugen.

Freiraum Internet

Im dritten Themenblock findet das auf unterschiedliche und bisweilen widersprüchliche Weise seinen Widerhall, oder anders formuliert: seine bessere oder schlechtere Antizipation. Netzneutralität, Urheberrechts- und vor allem Datenschutz, der unter dem Freiheitsobertitel nochmals beleuchtete Öffentlichkeitsbegriff sind lauter Marken, die mit den Ohren des ausgehenden Jahres 2013 gehört eine andere Klangfarbe haben als noch vor Monaten. Zu den Mahnern zählt Ibrahim Evsan („Ibo“), der zusammen mit Markus Brauck die Problematik über die Analyse der Wirkmacht der Big Four im Gehege des weltweiten Netzes (Google, Apple, Microsoft und Amazon) ansteuert. Neben einem engagierten Plädoyer für die aktive Aneignung und Mitgestaltung des Freiraums Internet durch seine Nutzer – darum geht es ihm eigentlich – klingt ein Szenario an, das inzwischen als bedauerliche Wirklichkeit gelten muss:

„Neue Technologien können z.B. anonyme Transaktionen über das Internet abfangen und Zugriff auf Informationen (und somit die Offenlegung der tatsächlichen Identität) gewähren. Auch Filtertechniken in der Architektur des Internets erlauben neuen Kommunikationsdiensten den Zugang zu Informationen, die sonst nicht zur Verfügungen standen (Big Data). Diese neu entstehenden Technologien haben erheblichen Einfluss auf die Zukunft der menschlichen Würde und auf das digitale Zeitalter“ (156).

So sehr „Ibo“ seine Antennen draußen hat, so sehr hat sie der „elektrische ZDF-Reporter“ Mario Sixtus im ausgesprochen polemisch geführten Tandemduell mit dem bisherigen Bundesdatenschutzbeauftragten Peter Schaar offensichtlich drinnen. Sixtus‘ Diatribe gegen die bisherigen so aufwandsintensiven wie ineffektiven Datenschutzbemühungen („antiaufklärerisch, hysterisch, boulevardesque“, 191) in allen Ehren. Doch die Idee eines online hinterlegten „Privatheitsdatenbündels“ (194), das jeder Nutzer von sich anlegt, freigibt und dadurch anderen zur Verfügung stellt, ist, spitz formuliert, doch enorm zuvorkommend – Payback würde überflüssig und auch diverse andere Dienste freuen sich über Profile, die ihn auf dem Silbertablett serviert werden. Und sie zeugt von üppigem Vertrauen in ein System, dem seit Mitte des Jahres niemand mehr Glauben schenkt. Kurz, die Idee von einem Verzeichnis mit Lieblingskneipe, Lieblingsdrink und der Auskunft darüber, ob man sich als Barbesucher gerne einer gastronomischen Identitätsfeststellungsprozedur unterziehen lässt oder nicht („Darf die Bar mich per Gesichtserkennung abspeichern?“) ist wahrscheinlich selbst in einer Bar entstanden. Jedenfalls ist sie blauäugig und wird durch sein permanentes Abledern gegen bisherige Datenschutzpraktiken und –institutionen in der postprismischen Gegenwart auch nicht besser.

Zum Schluss wird’s gestaltungspolitisch: Media Governance und Co-Regulierung, eine Prise SPD-Eitelkeit und dann Europa

Schließlich wird es programmatisch, und die Politikerdichte unter den Edelfedern nimmt beträchtlich zu. Das Wichtigste zum Schluss, wird das Herausgeber/innen-Quartett beschlossen haben, wenn sie sich selbst und andere namhafte Politiker in den Themenböcken IV („Medienpolitik in Zeiten des Internets“) und V („Europäische und globale Regulierungsansätze“) zu Wort kommen lassen. Gleichzeitig, die Schlagworte in den Überschriften deuten es an, stehen Arbeitsbegriffe aus der politischen Praxis (und Theorie) im Vordergrund. Zwei bedeutungsverwandte Termini fallen dabei ins Auge: Co-Regulierung und Media Governance.

Der zweite Zwischenruf von Otfried Jarren, „Verantwortungskultur durch Co-Regulierung“ (243ff) fungiert dabei, wäre der Band eine Konferenz oder ein Symposium, wie eine Key Note Address, wenn er hervorhebt, was zahlreiche der folgenden Beiträge genauer ausbuchstabieren: „dass heute auch in der medienpolitischen Debatte nicht mehr von Government, allenfalls noch von Governance gesprochen wird“ (247). Olaf Scholz spezifiziert (und propagiert) den Begriff in seinem präzisen Plädoyer für die Bildung einer „Medienkommission“, die an die Stelle der etablierten Rundfunkkommission treten soll und nebenbei den föderalen Wildwuchs in Sachen Mediengremien lichten helfen soll:

„Die Governance-Perspektive denkt nicht mehr in steuernden Zentren, sondern modelliert ein politisches Feld, das durch viele Akteure, viele Interessen und viele Auseinandersetzungsebenen geprägt ist. Das passt zu einer Medienwelt, in der ebenfalls mehrere Rechtsbereiche und sehr heterogene Akteure aufeinandertreffen. Staatliche Akteure sind auf diesem Feld keineswegs die Spielmacher. Sie haben bestenfalls das Regelwerk geschrieben und agieren jetzt als Schiedsrichter mit eingeschränkten Durchgriffsrechten und erheblichen Begründungszwängen“ (323).

Frauke Gerlach, die den Begriff der „Multilevel Governance“ anführt und die politinstitutionelle Herausforderung erweitert, indem sie zusätzlich zu den nationalen Akteuren erstmals die für den Fall Deutschland gegebene die supranationale Rahmung anspricht – sie spricht von einer „‘Überlappung‘ der Regierungsmaterien zwischen den Bundesländern, dem Bund und der europäischen Ebene“ –, plädiert ebenso wie Scholz, Jarren und andere dafür, der „komplexen Problemlage“ mit „Co-Regulierungsmodellen oder regulierter Selbstregulierung“ zu begegnen (317). Regulierte Selbstregulierung wird so zum dritten Buzzword, das in einigen der weiteren Ausführungen sinnvoll vertieft und etwa von Wolfgang Schulz auf die Angebote internationaler Plattformen (Social Media und andere) herunterkalibriert wird (395f.). Auch Vinzenz Wyss bezieht sich ganz am Ende des Bandes bei seinem Blick auf die netz- und medienpolitischen Verhältnisse in der Schweiz auf Co-Regulierung: dort findet sie u.a. durch Leistungsaufträge ihre Form der Umsetzung, die den „öffentlichen Rundfunkveranstalter“ und „regionale Programmveranstalter“ verbindlich „dazu verpflichtet, besondere Leistungen für ihre Region zu erbringen“ (419).

Die nicht-eidgenössische europäische Ebene wird schon früher ausführlich angesprochen; auch ihr widmen sich ein halbes Dutzend Beiträge. Dass die nationalen Besonderheiten und netz- wie medienpolitischen Gemengelagen nicht zu kurz kommen sondern im Gegenteil das eigentliche Kernstück des Bandes ausmachen, dafür sorgen – neben einer so wichtigen wie bestechenden Tandemerörterung des Themas Jungendschutz, bei der Thomas Krüger im Übrigen ebenfalls auf die „durchaus erfolgreichen Instrumente der regulierten Selbstregulierung“ setzt (309) – die beiden Mitherausgeber Marc Jan Eumann und Martin Stadelmaier in einer Skizze, die ihren Ausgang in der These hat, Netzpolitik und Medienpolitik nicht isoliert voneinander zu konzipieren und implementieren, sondern „zusammen und in ihren Bezügen“ zu denken. Selbstbewusst gerät dabei nicht nur der Verweis auf die eigenen Schriften von vier Jahren, sondern auch die parteipolitische Bilanz in diesem Feld: „Wir meinen ohne falsche Bescheidenheit, die SPD-Medienkommission hat richtig gehandelt, weil sie seit einiger Zeit Presse-, Rundfunk-, Netz- und Infrastrukturfragen gemeinsam diskutiert“ (341).

Parteipolitisches Eigenlob muss dabei gar nicht mal stinken, um sich im Rahmen dieses Bandes zu relativieren. Der Dreiseiter von Kurt Beck – eine offenkundig zum Aufsatz umgeschriebene Sonntagsrede – erledigt das zuverlässig, denn er liefert kaum mehr als Plattitüden aus dem bundeslandgewordenen Bermudadreieck zwischen Koblenz, Mainz und Trier. Egal, ob es um die Medienkompetenz für Kinder, E-Governement-Gesetze oder Open-Data-Plattformen geht, „Rheinland-Pfalz hat sich hier schon vor Jahren engagiert auf den Weg gemacht“ (328). Den Genossen aus dem Nachbarbundesland hätten das Herausgeber/innen-Team aus Nordrhein-Westfalen vielleicht besser nicht zu Wort kommen lassen; so zieht er das Niveau der Publikation unnötig – wenn auch aufs Ganze gesehen unwesentlich – herunter.

Dass und wie es auch anders geht, zeigt neben Olaf Scholz der Bundesvorsitzende der GRÜNEN/BÜNDNIS 90, Cem Özdemir, in seinem zwar ebenso kurzen, aber informierten Versuch, „die Tragweite des Internets für eine substanziellere europäische Öffentlichkeit“ (364) auszuloten. Mit Özdemir und den Ausführungen des EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz macht der Europathemenblock auf; erwartungsgemäß stehen hier medien- und netzpolitische Desiderate im Vordergrund, die noch weiter von der Umsetzbarkeit entfernt sind als die Agenden auf nationaler Ebene: schlicht weil bei 27 Mitgliedsstaaten bei der Gestaltung von digitalen (Binnen-)Märkten und der Entwicklung gemeinsamer legislativer Positionen nochmal viel dickere Bretter zu bohren sind. Immerhin, „die Einführung von Preisobergrenzen beim Roaming“ (374) sollte da ein wenig ermutigen.

Blicke über den Tellerrand: Auf dem Weg zu einer Medien- und Netzbürgermeisterei für das globale Dorf

Konsequent weiter aufgespreizt wird der Betrachtungsrahmen in den letzten Beiträgen. Last but not least ist das Internet das globale Medium; die Einrichtung einer medien- und netzpolitischen Bürgermeisterei vorzubereiten und anzudenken, ist entsprechend naheliegend. Marc J. Cole unternimmt als erster den Take-off von der nationalen und europäisch-supranationalen Ebene, präsentiert „Leitlinien und Antwortversuche für internationale Ansätze“ (401) und plädiert maßvoll für (auch) „Ansätze, die nur einzelne Aspekte durch geringe Veränderungen und auch auf unterschiedlichen Ebenen einschließlich der nationalstaatlichen angehen, ohne dass gleich der ‚große Wurf‘ gesucht wird“ (406). Drei Blicke zu den Nachbarn schließen sich an: Österreich, die Schweiz und Großbritannien, wobei die letzten beiden – interessanterweise ein Nicht-EU-Mitglied und ein notorisch EU-skeptisches Staatswesen – am besten wegkommen. Zum Schluss fällt mit betont medienethisch-pastoraler Note der „Blick in den Spiegel der zehn Regeln für die Freiheit, volkstümlich ‚zehn Gebote‘, genannt, die bis heute die Grundlagen der abendländischen Kultur vermessen (Johanna Haberer 439). Das Durchdeklinieren der Zehn Gebote aus medienethisch-philosophisch-theologischer Sicht und damit die Seelsorge für das globale Dorf ist ein ungewöhnlicher Ausklang für einen Sammelband, dem bis dahin nichts Weltliches fremd und alles Sakrale eher suspekt zu sein scheint.

Fazit

Medien, Netz und Öffentlichkeit präsentiert (und empfiehlt) sich als legitimer Nachfolger von dickleibigen Kompendien, die mit geballter Expertise die gesellschaftlichen und medialen Realitäten zu den Bedingungen der jeweiligen Veröffentlichungsgegenwart ausloten. Nicht zuletzt durch seinen besonderen rot-grünen Anstrich, seine medien- und netzpolitische Agenda sowie den medienemanzipatorischen Impetus und das netzaktivistische Potential seiner Herausgeber/innen und der Beiträger/innen lassen sich Verwandtschaftsbeziehungen herstellen zu politisch-engagierten Arbeiten aus den frühen 1970er Jahren oder zu den Kursbuch Neue Medien-Versionen von 1995 und 2000. Wenn man so will, dann hat man es hier zu tun mit einem Kursbuch Neue Medien 2.0 – oder eben 2.013. Wobei einschränkend gilt: der Redaktionsschluss lag unglücklicherweise in der ersten Hälfte des Jahres 2013. Denn sonst wären sicher zahlreichen Beiträge anders ausgefallen und hätten den Fall Snowden, die NSA- und Prism-Affäre mit in die Überlegungen einbezogen. Stattdessen stehen netz- und medienpolitische Themen und Agenden und die Frage nach Wegen zu einer erwünschten „Konvergierbarkeit“ beider zu den gegebenen national-, landes- und EU-rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen im Vordergrund. Empfehlenswert sind neben diesen „dicken Brettern“ vor allem die Ausführungen zum Kommunikations-, Kultur- und zum Freiraum Internet, dort insbesondere die knappen, aber profunden Brancheneinblicke.

Aktuelles Addendum: Angesichts der Tiefenschärfe und Gründlichkeit dieses Bandes bleibt unergründlich, was die medien- und netzpolitischen Expert/innen in der SPD in den letzten Tagen und Wochen bewogen hat, bei den Koalitionsverhandlungen auf Bundesebene ihr Plazet für einen Ressortzuschnitt zu geben, der das das Feld digitaler Infrastrukturen dem Verkehrsministerium (dazu noch unter neuer und medien- oder netzpolitisch komplett einschlägigkeitsfreier Leitung) zuschlägt. Die Datenautobahn nachgeordnet zur Autobahn zu betrachten, spricht vielem Hohn, was der Band mit beachtlicher Ausdauer und einiger – bei der Anzahl der Beiträge allerdings nachvollziehbarer – Redundanz propagiert.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 29.12.2013

Marc Jan Eumann (Hrsg.), Frauke Gerlach (Hrsg.), Tabea Rößner (Hrsg.), Martin Stadelmaier (Hrsg.)
Medien, Netz und Öffentlichkeit
Impulse für die digitale Gesellschaft
474 Seiten
ISBN: 978-3-8375-0931-1
Klartext Verlag, Essen 2013

Buch bestellen