Kulturbetriebsnudelsalat

Raddatz rockt

Von Jürgen Roth

Nachdem im September 2010 die Tagebücher des Fritz J. Raddatz aus den Jahren 1982–2001 erschienen waren, brach in den Feuilletons der Republik, wie abermals kaum zu erwarten gewesen war, jener Sturm der Begeisterung respektive Entrüstung los, der stets nichts anderem geschuldet ist als der unausrottbaren Selbstbezüglichkeit all der Damen und Herren, die sich unverdrossen einer merkwürdigen Sache widmen, die man „Kulturbetrieb“ nennt und doch lieber zu Wörtern wie „Kasperltheater“, „Kindergarten“ oder „Irrenanstalt“ in Beziehung setzt.

Der Spiegel (37/2010) beispielsweise huldigte unter der Überschrift „Nächtebücher“ seitenlang einem Konvolut teils schon sagenhaft vernagelter und vor Geckenhaftigkeit dampfender Notate, in dem wenigstens die taz vom 2. November nicht viel mehr zu erblicken vermochte als „umgekippten Kulturbetriebsnudelsalat“ und einen „schweren Fall von Doublebind“, ein Dokument schier titanisch-schizophrener „Angeberei“ also.

Da sich alles, was von der tiefen, tiefen Weisheit der Welt im Zeichen des Marktes zeugt, in elender Regelmäßigkeit wiederholt, hätte man getrost auf die Lektüre des 940seitigen Vanitas-Bombers verzichten können. Es hätte ausgereicht – und niemand hätte es gemerkt –, all die Rezensionen und Repliken zu und auf Raddatz’ Autobiographie Unruhestifter aus dem Jahr 2003 wiederabzudrucken und neuerlich zu senden, Heinz Ludwig Arnolds Annotationen im Deutschlandfunk etwa, in denen er Raddatz’ „larmoyante Überheblichkeit“ und dessen „zu monströser Selbstüberhebung aufgeblasenen Minderwertigkeitskomplex“ tadelte, oder Theo Sommers Klage über die „boshafte, nein: bösartige Darstellung“, die Raddatz dem Zeit -Verleger Gerd Bucerius, Marion Gräfin Dönhoff oder Helmut Schmidt hatte angedeihen lassen.

Den ganzen verrammelt-vergammelten Schmonzes konnte man nun gleichwohl noch einmal in streckenweise vollkommen identischen Formulierungen nachlesen, und einig waren sich zumindest der Spiegel und die taz darin, daß das „Zentrum“ des diarrhöischen Diariums ein Vorfall sei, der mit dem Frankfurter Hauptbahnhof und der seit Jahr und Tag offenbar ebenfalls grunzdummen Buchmesse zu tun hat.

Bekanntlich hatte Fritz J. Raddatz als Feuilletonchef der Zeit für die Ausgabe vom 11. Oktober 1985 anläßlich der Buchmesse eine Glosse zusammengepatzt, die den dämlichen, alliterations- und allusionsschwangeren Titel „Bücher-Babylon“ und die es in praktisch jedem Kleinabsatz sprachlich aus der Kurve trug. „Der Charme, der Witz, die Bosheiten und Banalitäten dieses Riesenbücherzirkus – das tobt um/für/gegen die Literatur“ – einen derart zerschredderten Satz zum Beispiel hätte man jedem Volontär um die Wascheln gehauen.

Der nichtige Unfug endete schließlich mit einem bildungshuberischen Verweis auf einen Dichter namens Goethe, der laut Raddatz „das Entstehen der Messestadt Frankfurt“ beobachtet und in diesem Zusammenhang angeblich zu Papier gebracht hatte: „Man begann damals das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern. Die alten Schreberhäuslein wurden niedergelegt. Verleger hielten mit ihren Bücherständen Einzug. Aber bald herrschte, wo vordem des Lebens Rankenwerk gewuchert, die neue Unübersichtlichkeit des Geistes. Modische Eitelkeit.“

Der große Fritz J. Raddatz war einer Parodie in der Neuen Zürcher Zeitung aufgesessen; er hatte die Passage abgepinselt, war nicht mal beim damals kurrenten Terminus „Neue Unübersichtlichkeit“, den Jürgen Habermas 1985 just ins Spiel gebracht hatte, stutzig geworden, und nun stand er vor einem Scherbenhaufen. Goethe und der Frankfurter Hauptbahnhof? Der 1832 verstorbene Dichterfürst hatte über den arschgenau sechsundfünfzig Jahre später fertiggestellten Bau räsoniert? Und über eine Frankfurter Buchmesse, die im 19. Jahrhundert halt doch eher in Leipzig stattfand?

Immerhin, der Spiegel 45/1985 konzedierte ein paar Wochen später halbherzig: „Wahr ist, daß der Geheimrat das neue Transportmittel in Briefen, in Tagebucheintragungen und nicht zuletzt gegenüber dem getreuen Eckermann erwähnt hat. Er fürchtete die Auswirkungen der ‚maschinellen Ensembles‘ (wie Züge seinerzeit auch genannt wurden) auf Mensch und Gesellschaft – sie galten ihm als Symbol für das ‚überhandnehmende Maschinenwesen‘: ‚Es wälzt sich heran wie ein Gewitter, langsam, langsam; aber es hat seine Richtung genommen, es wird kommen und treffen‘ (Wilhelm Meisters Wanderjahre).“ Doch Fritz J. Raddatz, der allzu distinguierte Protzer und dandyhafte Motzer, war von der FAZ zum „Oberscharlatan des deutschen Feuilletons“ ernannt und von seiner Gräfin, die ihre Sätze ebenfalls aus Katachresenkübeln zu schöpfen pflegte, öffentlich der „Schludrigkeit“ geziehen worden. Häme, Ächtung, Rausschmiß, Bumsfallera.

Könnte man Gebäuden etwas hoch anrechnen, man müßte dem Frankfurter Hauptbahnhof das Verdienst bescheinigen, diese bis heute ins affige Hochkulturleben abstrahlende Posse gewissermaßen ausgelöst zu haben. Zu schön, zu putzig, zu flamboyant faselt sich Raddatz auch in den Tagebüchern, die er ja durchaus hätte bearbeiten können, noch einmal um Kopf und Kragen:

„12. Oktober 1985 – Was ist es nun, was mich so furchtbar verhaßt macht? Es kann ja wohl nicht die ewig vorgehaltene Automarke, die Hemden aus England oder die Bilder an den Wänden eine Ursache sein?“ Kann es sein, daß in diesem Satz der Numerus falsch ist? Und daß er gar kein Fragesatz ist? „Homosexuell, jüdisch-schnell, zu sehr und zu oft Überlegenheit vorführend?“

„Die schlimmste Erfahrung dabei allerdings“, fährt Raddatz fort: „die absolute Dis-Loyalität; in der Zeit und, mit ganz wenigen Ausnahmen, außerhalb.“ Disloyalität? Zwei Absätze weiter: „Immerhin kam Enzensberger gestern extra für 2 Stunden angeflogen, haben Hochhuth, Habermas, Rühmkorf Briefe geschrieben und wollen Anders und Hrdlicka und noch ein paar … aber in toto: nix.“

Nein, er merkt’s nicht mal fünfundzwanzig Jahre danach. Seiten über Seiten schlägt der angeblich Ramponierte und Demolierte seine häßlichen Pfauenräder, unterrichtet uns über Austernessen mit seinem Chef Theo Sommer, Kungeleien mit Wolf Biermann, tituliert Rudolf Augstein als „Verräter“ und verbreitet, er sei ein Opfer des „alltäglichen Faschismus“, der folgende Gestalt angenommen hat, und zwar auf einer Geburtstagsfeier der ehrenhaften Eheleute Henkel am 25. Oktober 1985: „Manchmal habe ich wirklich den Eindruck, daß man IN der Zeitung einfach nicht weiß, wer und was ich bin. Von Scheel zu Hamm-Brücher, von Höfer bis Ehmke, von Liebermann bis Ledig: Was wollen die überhaupt, wieso verteidigen die Sie nicht, das alles wegen eines läppischen Fehlers? Man kann NIRGENDS begreifen, daß eine solche Lappalie überhaupt ernst genommen wird.“

Doch, doch: Disloyalität und alltäglicher Faschismus. Beziehungsweise: „Es ist wirklich alles wie im Osten …“ (3. November 1985) – „Nicht mal der sich so links gebende Reemtsma antwortet mehr auf meinen Brief.“ (Ebenda)

Am 25. März 1986 notiert Fritz J. Raddatz: „Manchmal komme ich mir vor wie Brandt nach seinem Rücktritt, als 2 Minuten danach keine Kamera mehr auf ihn gerichtet war.“ Damit ist zu dieser Causa alles gesagt, beinahe. Denn tatsächlich alles zu ihr gesagt hatte Robert Gernhardt bereits im Spiegel 43/1985.

„Die letzte Frankfurter Buchmesse hatte zwar kein Motto, doch der Literaturprofessor und Feuilletonchef verhalf ihr wenigstens zu einem Thema: Fritz ‚Joethe‘ Raddatz“, begann Gernhardt und merkte an: „Wenn die Herausgeberin der Zeit ihren Feuilletonchef erst jetzt in die Tiefe stürzen sieht, dann unterstellt sie die Tatsache, er sei jemals oben gewesen, sei es auf der Höhe der Zeit oder im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte – was weiß ich. Und das wiederum wirft die Frage auf, ob die Herausgeberin der Zeit ihren Raddatz jemals gründlich gelesen hat.“

Das hatte Gernhardt getan. Er führte aus: „Seit 1977 steht FJR an der Spitze des Zeit -Feuilletons, 1979 wurde ich erstmals auf ihn aufmerksam. Da erschien ein vier Seiten langes Zeit -Dossier aus seiner Feder in der Nummer 42 der Zeit. Sein Thema: ‚Die deutsche Nachkriegsliteratur‘, sein Inhalt, laut Marcel Reich-Ranicki, ‚fahrlässig und böswillig‘, seine mutmaßlichen Folgen, laut Walter Boehlich: Natürlich müsse Raddatz jetzt seinen Hut nehmen. Nahm der natürlich nicht, ich aber nahm mir die Zeit, den ganzen Schamott durchzulesen, las mich immer häufiger fest und beschloß schließlich, meine Lesefrüchte zu sammeln und vor Lesern auszubreiten. Das geschah in der gerade erst aus dem Ei geschlüpften Titanic und las sich beispielsweise so:

Raddatz: In einem langen Gespräch kommt Böll zu dem Schluß, daß allenfalls das Materialangebot der Kriegs- und Nachkriegsliteratur sich unterschiede … Ich: Zwar heißt das Verb ‚unterscheiden‘, der Konjunktiv Präsens also ‚unterscheide‘, aber Unterschiede müssen sein, einigen wir uns also auf ‚sich unterschieden würde‘. Ein schlichtes Beispiel für schlampigen Umgang mit der Sprache, gewiß, aber doch nicht mehr als die Spitze eines Eisbergs von weiteren, sehr viel vertrackteren Unbeholfenheiten und Fahrlässigkeiten, von einem insgesamt wirren Sprachgebilde, das ich, so gut es ging, vermaß.“

Gernhardt stieß auf ein „Dickicht von schiefen, unsinnigen und falschen Behauptungen“. Ein Beispiel noch an dieser Stelle: „‚Das Buch Kopfgeburten von Günter Grass setzt diese Prosastruktur fort … Es ist gearbeitet wie das, was man in der Malerei eine Gouache nennt, es wirbelt Techniken und Methoden durcheinander …‘ Hier spricht der Raddatz, ich aber rieb mir erst mal lediglich verwundert die Augen. War denn die ‚Gouache‘ nicht gleichfalls eine Maltechnik, der Ölmalerei verwandt, nur wasserlöslich? Wie aber konnte dann diese Technik andere Techniken durcheinanderwirbeln? So grübelte ich, bis plötzlich des Rätsels Lösung mir grell vor Augen sprang: Raddatz hatte natürlich die ‚Collage‘ gemeint, und ich, sein Leser, konnte noch von Glück reden, daß er nicht ‚Gulasch‘ gedacht und geschrieben hatte.“

„Unter Raddatz’ Füßen wurde das Zeit -Feuilleton zu einer ganzjährigen Scherzausgabe, so hemmungslos trampelte er auf den tradierten Fakten herum“, urteilte Gernhardt und schloß: „Was für ein Kultur-König, dieser Fritz J. R.! Im Hamburger Abendblatt wedelte er am 15. Oktober nun noch einmal huldvoll mit dem Zepter: ‚Der Fehler stimmt, ich habe mich verlesen. Der Schlenker ist mißglückt … Der Herr Literaturprofessor kennt nicht mal seinen Goethe auswendig – wer kann das schon.‘ Genau! Wer kennt dem seinen Goethe schon auswendig! Sein Goethe, der doch immer mit dem Intercity von Frankfurt nach Weimar gedüst ist, weil die unselige Zonengrenze ja erst 1850 gebaut wurde – jawoll, dieser Raddatz und dieser Goethe sollen uns bitte schön noch so lange wie möglich erhalten bleiben“, mindestens so lange, bis im Frankfurter Hauptbahnhof eine ungekürzte Lesung der Tagebücher von Fritz J. Raddatz runtergerockt und anschließend von den Feuilletons der Republik abgefackelt, Pardon: abgefeiert wird.

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erstellt am 20.11.2010